11.04.2015

ÖkologieZu sauber zum Fischen

Der Bodensee ist mittlerweile so klar, dass Tiere kaum Plankton finden. Fischer fordern, mehr Nährstoffe einzuleiten.
Der Fang des Morgens ist überschaubar. Sieben Felchen, zwei Saiblinge und einen Wels zählt Martin Meichle, während er die Fische einzeln aus einer Blechkiste hebt und vorzeigt. Über den Wels ist der Fischer aus Hagnau am Bodensee besonders froh. Er wird ihn für rund 30 Euro an ein nahes Restaurant verkaufen und so seinen Tagesverdienst auf 50 Euro anheben.
Um diese Jahreszeit zieht Meichle üblicherweise jeden Tag nur den Gegenwert von einigen Euro aus seinen Stellnetzen. Dafür steht er sechs Tage die Woche um fünf Uhr auf und fährt mit einem flachen Boot für zwei Stunden auf den See hinaus.
Meichle hat eine weiße Schürze um den Bauch gebunden, noch in Gummistiefeln und mit einer Wollmütze auf dem Kopf befeuert er den Räucherofen in einem Nebengebäude seines Elternhauses. Fischer in der 13. Generation sei er, erzählt der 35-Jährige, doch ob es eine weitere Generation geben werde, sei ungewiss. "Unser Beruf rechnet sich nicht mehr."
Für die Leere in den Netzen macht Meichle, Vorstand des Verbands Badischer Berufsfischer, die Politik verantwortlich. Der Vorwurf der Fischer: Der See ist zu sauber.
In früheren Jahrzehnten ließen Abwässer und der großzügige Gebrauch von Düngemitteln in der Landwirtschaft Algen und Plankton wuchern. Kleinstlebewesen und damit auch Fische fanden reichlich Nahrung - so reichlich, dass der See sogar umzukippen drohte. Dank strenger Umweltgesetze und des Baus von Kläranlagen ist das Wasser inzwischen glasklar.
Der Bodensee komme, so berichtete die grün-rote Landesregierung von Baden-Württemberg kürzlich stolz, "seinem natürlichen Zustand schon sehr nahe": dem eines "nährstoffarmen Voralpensees".
Was Umweltschützer und Schwimmer erfreut, bedrückt die rund hundert verbliebenen Fischer am Bodensee. Lediglich 624 Tonnen Fisch zogen sie im Jahr 2013 aus dem See, nur halb so viel wie zehn Jahre zuvor.
"Der Bodensee. Ein Juwel hungert", so haben die Fischer eine Kampagne überschrieben, mit der sie auf ihre Situation aufmerksam machen wollen. Ihr Vorschlag zur Lösung der Krise: Die Leistung der Kläranlagen soll gedrosselt werden, sodass mehr Nährstoffe in den See fließen.
Genauer geht es ihnen um Phosphat. Es befördert das Wachstum von Plankton und Kleinstlebewesen. Der Phosphatgehalt des Bodensees ist in den vergangenen Jahren gesunken, weil Kläranlagen den Stoff fast vollständig chemisch abscheiden. Lag er vor 30 Jahren noch bei 80 Milligramm pro Kubikmeter Seewasser, liegt der Wert inzwischen bei 6 Milligramm. Parallel ging auch die Kurve mit den Fangerträgen der Fischer nach unten.
Die Landesregierung in Stuttgart weist das Anliegen der Fischer zurück: Ziel sei es, den Bodensee "in einem langfristig stabilen ökologischen Zustand zu erhalten", "Seedüngungsmaßnahmen" würden diesem "Ziel zuwiderlaufen". Zur Zukunft der Fischer heißt es in der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage von Grünen-Abgeordneten lapidar: "Der rückläufige Fangertrag wird dazu führen, dass deutlich weniger Berufsfischer am See langfristig eine Existenzgrundlage haben."
Wolfgang Reimer, Amtschef im Stuttgarter Verbraucherschutzministerium, argumentiert: "Bauern in Wasserschutzgebieten wie etwa auf der Schwäbischen Alb werden auch seit vielen Jahren strenge Auflagen zugemutet." Der Bodensee sei Trinkwasserreservoir für Millionen Menschen, das überwiege die Interessen einer Einzelgruppe. "Es wurde sehr viel in die Reinhaltung investiert, wir können nicht einfach künstlich den Bodensee düngen", sagt auch ein Sprecher des Umweltministeriums.
Die Beamten verweisen auf das sogenannte Verschlechterungsverbot in der EU-Wasserrahmenrichtlinie. Demnach sind Gewässer so zu bewirtschaften, dass eine nachteilige Veränderung ihres ökologischen und chemischen Zustands vermieden wird.
Aber von Phosphaten als Nährstoff steht in der Richtlinie nichts, darauf hinzuweisen werden die Fischer nicht müde. Der lokale Grünen-Landtagsabgeordnete unterstützt sie, ebenso haben sie Teile der örtlichen Gastronomie und Hotellerie auf ihrer Seite.
"Der heutige Zustand ist künstlich, der See wird künstlich nährstoffarm gehalten", sagt Elke Dilger. Die 46-Jährige sitzt am Küchentisch ihres Hauses in Meersburg, sie ist 20 Jahre lang als Fischerin auf den See gefahren, inzwischen hat sie einen Job als Pflegerin in einer Seniorenresidenz angenommen. Sie spricht für die Fischer und verhandelt mit den Ministerien.
Es ärgere sie, dass die Fischer von den Landespolitikern als Fortschrittsverweigerer und Umweltfeinde hingestellt würden, sagt Dilger - schließlich seien es die Fischer gewesen, die vor Jahrzehnten für Kläranlagen gekämpft hätten. "Wir haben nichts gegen Umweltschutz", sagt Dilger. "Doch inzwischen wird er übertrieben."
Der Streit um das rechte Maß an Ökologie am Bodensee führt zu ungewöhnlichen Bekundungen. Die Fischer werben für den "Erhalt der Artenvielfalt" und ein "hochwertiges und regionales Lebensmittel". Die Landesregierung, die auf Tierrechte und natürliche Produkte setzt, empfiehlt den Fischern, die Tiere lieber in Becken zu züchten - am besten mit Fördergeldern aus Brüssel.
Die Restaurants am See greifen längst zu einem Kniff. Um die Nachfrage der Touristen nach Felchen zu decken, dem klassischen Bodenseefisch mit dem weißen, festen Fleisch, importieren die Wirte Tiere aus Aquakulturen. Manchmal kommen sie aus Finnland oder Kanada.
Auf den Speisekarten steht dann: "Fisch nach Bodenseeart".
Von Jan Friedmann

DER SPIEGEL 16/2015
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