11.04.2015

Eine Meldung und ihre GeschichteDer Unsichtbare

Warum ein Obdachloser erst eingesperrt werden musste, um Beachtung zu finden
Wenn er geht, geht er langsam. Er macht immer wieder Pausen, setzt die Tragetasche ab mit seinem Besitz: Hosen, Pullover, weitere Plastiktüten, Brötchen, Schnapsflaschen. Seinen Schlafsack trocknet er irgendwo draußen, heimlich, auf einem Busch. Marek Biniek ist obdachlos, er lebt am Dortmunder Hauptbahnhof, wo ihn lange niemand wirklich bemerkt hatte, er war wie unsichtbar.
Warum jetzt jemand vor ihm sitzt und Fragen stellt, versteht er nicht recht. Er unterhält sich trotzdem, er ist ein lieber Kerl, friedfertig, ohne Vorstrafen, nur traurig. Sein Vollbart ist struppig, mit grauen Haaren durchzogen und gelb vom Nikotin. Über seinen Augenbrauen sitzt eine Wollmütze, zwei Jacken bedecken seinen dünnen Körper. Neun Mandarinen retteten ihm möglicherweise das Leben.
Angefangen hat dieses Leben vor 53 Jahren in Tomaszów Mazowiecki in Zentralpolen. Mit 23 wurde Biniek zum Wehrdienst eingezogen, Tauglichkeit A1, er strich monatelang Kasernenfassaden und arbeitete danach als Maler. Nur gab es kaum Aufträge und auch keine Frau, also beschloss er, nach Deutschland zu gehen.
Als er ankam, sprach er kein Wort Deutsch. Er arbeitete sich von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob, bald blieben die aus, er zog aus seiner Wohnung auf die Straße.
Er wollte zurück nach Polen, kaufte ein Busticket, das hat er noch heute: Eurolines, 30. Januar 2014, 17 Uhr, von Dortmund nach Piotrków Trybunalski, wo er zuletzt lebte, 30 Kilometer von seiner Heimatstadt entfernt. Aber als er einsteigen wollte, ließ ihn der Busfahrer nicht passieren. Biniek war obdachlos, er war zerzaust, er roch. Er blieb in Dortmund.
Er trank. Heute hangelt er sich von Flasche zu Flasche, als Trinker und als Flaschensammler. Von seinem Verdienst kauft er Brötchen, Zigaretten und neuen Alkohol. Zum Frühstücken und zum Mittagessen geht er zur Essensausgabe für wohnungslose Menschen. Er bettelt nicht. "Ich mache das einfach nicht", sagt er auf Polnisch. Er spricht noch immer kein Deutsch. Biniek schüttelt knapp seinen Kopf.
Seit etwa einem Jahr ist er nun in Dortmund, wie lange ganz genau, weiß er nicht. Zu wenig Struktur und Termine gab es seither in seinem Leben und zu viel Alkohol und Einsamkeit. Dass am 18. Februar eine Meldung über ihn in einer Zeitung stand, hat er gar nicht mitbekommen. Den Grund dafür schon.
Als es passierte, war Biniek mal wieder unsichtbar. Er hatte sich zum Schlafen in ein leer stehendes Bahnhofsgebäude zurückgezogen, "stark alkoholisiert", sagt die Bundespolizei, "leicht angetrunken", sagt er selbst. Das ehemalige Rangierwärterhäuschen, etwa 15 Meter lang, 4 Meter breit, liegt am westlichen Ende des Bahnsteigs von Gleis 2. Außen ist es mit Graffiti besprüht, innen liegen Müll und eine alte Matratze. Ratten wuseln. Die Polizei vertreibt Obdachlose und Junkies, die hier einen warmen Platz suchen. Biniek kam häufig. In der Nacht zum Freitag, dem 13. Februar, schlich er mal wieder langsam hinkend über die Schienen.
Es war dunkel, er war betrunken, aber er kannte den Weg ja. In seinem Schlafsack rollte er sich auf die Matratze, schlief.
Einige Stunden später weckte ihn ein Hämmern und Bohren. Biniek stellte sich Arbeiter vor, die Gleise reparieren. Er war Lärm gewohnt; auf Gleis 2 verkehrt der Regionalexpress. Erst als er aufstehen und die Baracke verlassen wollte, bemerkte er, dass die Arbeiter Fenster und Türen mit Brettern verschraubt hatten, damit sich keine Obdachlosen einnisteten. Ob schon einer drin war, hatten sie offenbar nicht geprüft.
Biniek stand in der Finsternis. Mit einem abgeflachten Rohr wollte er die Bretter herausbrechen, die Schrauben lockern. Er trommelte mit seinen dunklen Fäusten auf die Platten, er trat gegen sie. Doch die Bretter waren zu dick, die Schrauben zu lang, die Passanten zu weit weg. "Ich wusste nicht, ob Tag oder Nacht war", sagt er. Er setzte sich, wartete, döste, er fror.
Draußen hatte es nachts Minusgrade. Er zog seine Tragetasche heran. Darin lagen neun Mandarinen. Das war alles. Was, wenn keiner kommen würde? Als Biniek diesen Satz sagt, bricht er in Tränen aus. "Wenn die mich erst nach einem halben Jahr gefunden hätten, hätten die Ratten mich gefressen", sagt er. Er wusste, es würde ihn niemand vermissen.
Es dauerte drei Tage, bis zwei Jugendliche auf Gleis 2 ein Klopfen hörten und die Polizei riefen, am 15. Februar um 17.40 Uhr. Als zwei Polizisten eine Holzplatte von der Tür entfernten, taumelte Biniek ins Freie, ans Licht, unterkühlt, aber lebendig.
Die Beamten reichten ihm Wasser und Kaffee, essen wollte Biniek nicht und ins Krankenhaus auch nicht. Die Polizisten notierten seine Daten, sie machten einen Alkoholtest, drei Nullen zeigte das Gerät. Biniek hinkte leise zurück in seine Welt.
"Das war nicht richtig von den Arbeitern", sagt er, ohne Zorn. "Sie hätten prüfen sollen, ob jemand drin ist." Die Polizei ermittelt gegen die Handwerker, offenbar arbeiteten sie im Auftrag der Deutschen Bahn. Die will sich wegen der laufenden Ermittlungen nicht äußern. Bei "fahrlässiger Körperverletzung" kann den Arbeitern eine Geldstrafe oder gar Haft drohen.
Biniek sagt, es sei ihm nicht wichtig, dass jemand bestraft werde. Ihn sorgt etwas anderes. "Ich hätte mit ins Krankenhaus kommen sollen", sagt er. Er war gestolpert im Dunkeln, er hatte sich am Kopf gestoßen. Doch in diesem Moment wollte er eben nur raus aus der engen Wache, raus aus Gebäuden.
Im Krankenhaus hätten Ärzte Biniek untersucht. Er hätte duschen können, er hätte sich Ratschläge geben lassen können, wo er wieder duschen kann. Er hätte versuchen können zu sparen, dann hätte er zum Busbahnhof laufen können als gepflegter Mann. Er hätte endlich nach Hause fahren können.
Von Veronika Wulf

DER SPIEGEL 16/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 16/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Eine Meldung und ihre Geschichte:
Der Unsichtbare

Video 01:41

Virales Mountainbike-Video Ausritt mit "Onkel Danny"

  • Video "Skandal in der J-League: Schiedsrichter übersieht Tor" Video 00:58
    Skandal in der J-League: Schiedsrichter übersieht Tor
  • Video "Krise in Europa: Worunter Menschen am meisten leiden" Video 54:33
    Krise in Europa: Worunter Menschen am meisten leiden
  • Video "Cannes: Tarantino feiert Premiere" Video 01:16
    Cannes: Tarantino feiert Premiere
  • Video "Thailand: Auto rast durch Polizeiposten" Video 00:44
    Thailand: Auto rast durch Polizeiposten
  • Video "80-Jährige Mieterin in Berlin: Rauswurf wegen Eigenbedarf?" Video 03:51
    80-Jährige Mieterin in Berlin: Rauswurf wegen Eigenbedarf?
  • Video "Affen als Einbrecher: Poolparty" Video 00:57
    Affen als Einbrecher: Poolparty
  • Video "Naturphänomen: Der horizontalen Sandfälle von Broome" Video 01:00
    Naturphänomen: Der "horizontalen Sandfälle" von Broome
  • Video "Stimmen zur Strache-Affäre: Sowas war keine b'soffene G'schicht" Video 02:46
    Stimmen zur Strache-Affäre: "Sowas war keine b'soffene G'schicht"
  • Video "Zum Tod von Niki Lauda: Rennfahrer, Unternehmer und Legende" Video 02:49
    Zum Tod von Niki Lauda: Rennfahrer, Unternehmer und Legende
  • Video "Widerstand in Ungarn: Anna Donáths Kampf gegen Orbán" Video 04:32
    Widerstand in Ungarn: Anna Donáths Kampf gegen Orbán
  • Video "Riesige Sturmwolke: Gleich geht die Welt unter..." Video 00:42
    Riesige Sturmwolke: Gleich geht die Welt unter...
  • Video "Experiment: Was passiert mit Duschgel im Vakuum?" Video 01:19
    Experiment: Was passiert mit Duschgel im Vakuum?
  • Video "Ich hatte immer Ups und Downs im Leben: Niki Lauda im Interview (1993)" Video 37:02
    "Ich hatte immer Ups und Downs im Leben": Niki Lauda im Interview (1993)
  • Video "US-Amateurvideo: Flugzeug wird vom Blitz getroffen" Video 00:55
    US-Amateurvideo: Flugzeug wird vom Blitz getroffen
  • Video "Virales Mountainbike-Video: Ausritt mit Onkel Danny" Video 01:41
    Virales Mountainbike-Video: Ausritt mit "Onkel Danny"