11.04.2015

HeldenDer Auftrag des Lebens

Noah Klieger war Boxer in Auschwitz, er hat drei Konzentrationslager überlebt. Er wurde zu einer Ikone Israels, diente dem Land als Soldat, als Agent, als Sportreporter. Seine Erfahrungen haben ihn nicht weich gemacht. Sondern sehr hart. Von Jonathan Stock
Am Hafen von Tel Aviv richtet Noah Klieger seine Hände in die Nacht. Lange weiße Haare hängen um sein Gesicht, es trägt die Male alter Kämpfe, die Nase ist gebrochen, und wenn er ein paar Schritte geht, sieht man, dass er hinkt. Er ballt die Fäuste, hält sie als Deckung vor sein Kinn, dann boxt er nach vorn, in die Dunkelheit. Es ist seine Antwort auf die Frage nach der Angst. "Ich bin vielleicht ein alter Mann", sagt Noah Klieger, 88 Jahre alt, "aber auch heute noch kann ich mich wehren. Ich habe keine Angst, vor niemandem, vor nichts."
Klieger hatte einen guten Abend. Er hat koscheren Wein getrunken, er hat Fisch gegessen, er hat mit einem alten Freund geplaudert. Er hat auf den Gazastreifen geschimpft, auf die Araber, auf die Zeitungen in Europa. Fremde kamen an seinen Tisch, die ihm die Hand küssten, die sich vor ihm verneigten. Jetzt ist er auf dem Heimweg, und es geht um seine vielen Leben. Um Noah, den Schmuggler, und Noah, den Überlebenden. Um Noah, den Flüchtling, und Noah, den Reporter. Um Noah, den Kämpfer. Manchmal fragen ihn Kinder, ob er der Noah von der Arche sei. Fast, sagt er dann, fast.
Noah Klieger hat drei Konzentrationslager überlebt. Er hat versucht, mit einer Holzlatte 4500 Flüchtlinge gegen die britische Marine zu verteidigen. Er half dabei, den Staat Israel zu gründen. Er berichtete für seine Zeitung von 29 Europameisterschaften, 7 Weltmeisterschaften und 9 Olympischen Spielen. Er durfte Rita Hayworth in Brüssel küssen. Er kämpfte mit der Uzi in der Negev-Wüste. Er arbeitete für den Mossad. Er ist der letzte Überlebende der Boxstaffel von Auschwitz. Der gefürchtete Lagerarzt Mengele persönlich rettete gelangweilt Kliegers Leben.
Noah Kliegers unfassbares Leben. Es ist die Aufgabe jedes Reporters, eine Geschichte zu erzählen. Bei Porträts gilt es, das Leben des Beschriebenen zu ordnen. Bei den meisten Menschen ist das am Ende gar nicht so schwer, es kommt fast immer der eine Satz, der Augenblick, der wesentlich ist. Und von jeder Stunde Gespräch bleiben nur ein paar Sätze übrig, die wichtig sind. Noah Klieger erzählt, fünf, sechs, sieben Stunden, und es ist alles wichtig.
Jeder Satz ist wesentlich. Jeder Augenblick ist der eine Augenblick, den es zu erzählen gilt. Sein Leben ist keine Wiese, in der vereinzelt ein paar Blumen stehen. Sein Leben ist ein großer, dichter Wald, in dem man sich verirrt.
Fragt man Klieger nach den Wegweisern seiner Biografie, dann sagt er, er habe sein ganzes Leben für einen Traum riskiert, einen Traum, der im Lager entstand und auf dem Meer wahr wurde. Ein Zug habe ihn nach Auschwitz gebracht, sagt er, und ein Schiff nach Israel. Der Zug habe den Tod gebracht und das Schiff die Hoffnung. Ohne Zug kein Schiff. Ohne Tod kein Traum. Vom Zug und vom Schiff, von diesen beiden muss erzählt werden.
Am 18. Juli 1947, einem Freitag, fährt die "Exodus" um zwei Uhr morgens auf dem Mittelmeer Richtung Haifa, rund 20 Seemeilen westlich der Küste. Sämtliche Lichter sind gelöscht, der Kommandant will das Schiff an den britischen Zerstörern vorbeilenken und vor dem Strand Haifas auf Grund setzen.
Die "Exodus" ist ein alter, ausgedienter Flussdampfer, schäbig und rußgeschwärzt, der versucht, die britische Blockade Palästinas zu durchbrechen. Noah Klieger ist als Mannschaftsmitglied an Bord. Er sagt, es sei das hässlichste Schiff, das er in seinem Leben gesehen habe. Aber an Deck weht ein weiß-blaues Tuch mit Stern, die Flagge eines Landes, das es noch nicht gibt.
Seit sieben Tagen ist Klieger auf der "Exodus" unterwegs, zusammen mit 4553 Flüchtlingen, darunter Frauen, Säuglinge, Greise. Die meisten Passagiere haben den Holocaust überlebt, nach dem Krieg hausten sie als Displaced Persons in ehemals deutschen Lagern. Jetzt wollen sie nach Palästina auswandern und ein eigenes Land gründen, Israel, sie wollen in Sicherheit leben.
Um zwei Uhr morgens hört Klieger eine englische Stimme aus der Dunkelheit: "Stoppt die Fahrt!" Scheinwerfer flammen auf, eine Enterbrücke wird ausgeschwenkt, Sirenen beginnen zu heulen. Großbritannien betrachtet die Einwanderung in sein Mandatsgebiet als illegal. Zwei Zerstörer greifen in den frühen Morgenstunden an.
Aus den Bordlautsprechern der "Exodus" ertönt die Stimme des jüdischen Kommandanten: "Ohne Widerstand werden wir uns nicht ergeben. Der Ewige möge uns schützen." Der Kapitän ist ein 23-jähriger Junge mit Turnschuhen, einer der Ältesten der Mannschaft. Noah Klieger ist 21 Jahre alt, bereit, alles zu opfern, auch sein Leben. Mit 14 Jahren hat er unter deutscher Besatzung in Brüssel gelebt, mit 16 kam er ins Lager. Als Überlebender schloss er sich nach dem Krieg der zionistischen Organisation Hagana an, sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, Flüchtlinge ins britische Mandatsgebiet zu bringen, Tausende sind unterwegs.
An jenem Freitag im Juli 1947 organisiert Noah Klieger mit anderen aus der Mannschaft die Verteidigung des Schiffes. Sie verbarrikadieren sich, werfen Fässer und Kartoffeln auf die Soldaten, bewaffnen sich mit Holzlatten und Eisenstangen. Als das Schiff gerammt wird und Soldaten beginnen, auf die Flüchtlinge zu schießen, gibt der Kapitän auf.
Die Briten schleppen die "Exodus" in den Hafen von Haifa. Drei Tote und 28 Schwerverletzte werden vom Schiff getragen. Aber Klieger sieht zum ersten Mal grünes, weites Land mit weißen Häusern unter einem blauen Himmel. Das schönste Bild seines Lebens, sagt er. Im Hafen sind Zehntausende zusammengeströmt, die ganze Stadt hat ihre Arbeit niedergelegt, jeder hier weiß, was passiert ist. Der Bordfunker hat den Kampf mit den Briten übertragen, viereinhalb Stunden lang.
Als das Schiff an der Mole anlegt, beginnt die Geschichte von Israel als Nation. Denn die Menge im Hafen stimmt das zionistische Freiheitslied "Hatikva" an, aus dem später die Nationalhymne Israels wird: "Solange noch im Herzen eine jüdische Seele wohnt, so lange ist unsere Hoffnung nicht verloren, ins Land unserer Väter zurückzukehren." Wäre er damals noch kein Zionist gewesen, sagt Klieger, wäre er es am Nachmittag des 18. Juli 1947, auf einem schäbigen Flussdampfer im Hafen von Haifa, geworden.
68 Jahre später hält ein Taxi vor dem Hintereingang eines hellen dreistöckigen Steingebäudes im Westen Tel Avivs. Klieger steigt aus und hinkt zu dem Eingang, über dem in roten, hebräischen Lettern "Yedioth Ahronoth" steht, "Neueste Nachrichten", jahrzehntelang Israels größte Tageszeitung.
Er arbeitet hier seit 58 Jahren. Der Chefredakteur könnte sein Enkel sein, Klieger hat seit mehr als 20 Jahren das Rentenalter erreicht, aber Rente? Er hält nichts von der Idee. Sechs Tage die Woche fährt er in die Redaktion. Das war immer das, was er erreichen wollte, sagt er, schreiben, Journalist sein, also wolle er auch als Journalist sterben. Seit 79 Jahren schreibt Noah Klieger Artikel, den ersten 1936 für eine Schülerzeitung in Luxemburg, handgeschrieben, vier Seiten, ein Franc die Ausgabe.
Er steigt die Treppe zu seiner Redaktion hinauf. Seit einigen Monaten plagt ihn eine schwere Hüftarthrose, Knochen reibt an Knochen. Die Schmerzen müssen heftig sein, aber er sagt, es seien nicht die Schmerzen, die ihn störten - sondern die Langsamkeit, die er nicht gewohnt sei.
Auf seinem Schreibtisch im ersten Stock klingelt das Telefon, er muss als Sportreporter ein Interview zur Korruption in der Fifa geben, auf Französisch. Es ist seine Muttersprache; Deutsch lernte er in der Schule, Jiddisch, Polnisch und Niederländisch im Lager, Spanisch als Korrespondent, Hebräisch in Israel, Englisch auf der Flucht. Er gibt dem Interviewer am Telefon fünf Minuten, er hat zu tun.
Gestern ist ein Freund gestorben, Asher Ben-Natan, Israels erster Botschafter in Bonn. Klieger soll den Nachruf schreiben. Seine Chefs fragen ihn das oft, er ist ja der Einzige, der sie noch alle kannte. Asher hat er vor zwei Monaten im Altersheim besucht. Der große, schöne Mann kam gebückt mit Rollator auf ihn zu. "Was ist denn hier los?", rief Klieger. Er hat wenig Verständnis für Gebrechlichkeit. Nicht für seine eigene; nicht für die anderer.
Mit 76 Jahren spielte Klieger noch jeden Freitag in einer Fußballmannschaft mit den Söhnen der Männer, die die Mannschaft einst gegründet hatten. Er war der Kapitän. Nach einem Herzinfarkt rieten ihm die Ärzte, etwas kürzerzutreten. Er hält sich widerwillig daran. Gerade war er auf Vortragsreise in Griechenland, nächste Woche muss er zum Basketball nach Spanien, dann in Frankreich ein Buch vorstellen, bevor er wieder nach Auschwitz fährt. Er nimmt kein Geld für seine Vorträge, er betrachtet sie als seine Pflicht. Deutschland zahlt ihm 492 Euro Mindestrente im Monat, wegen Auschwitz, den Rest verdient er als Journalist.
Noah Klieger schreibt jetzt den Text, seinen Nachruf auf Ben-Natan, langsam, konzentriert, ohne ein Zeichen zu löschen oder einzufügen: "Im Sommer 1946 traf ich ihn zum ersten Mal - in Paris. Ich wurde zu einer Sitzung der Führungspersonen der ,Bricha' eingeladen, einer Untergrundorganisation, zuständig für den Transport Hunderttausender Juden, die Israel erreichen wollten ..." Er muss nichts nachlesen. Es ist alles da.
Klieger sagt über sich, das Einzige, was er habe, sei sein Gedächtnis. Es sei ihm manchmal unheimlich, und man kann das verstehen. Er erinnert sich an jede Zahl, jedes Detail, jedes Gesicht. Damals, 1941, als die Gestapo-Wagen vor der Brüsseler Wohnung seines Jugendfreundes Moise Yahish hielten, kurz bevor er übers Dach fliehen musste, was tat er da? Er hörte auf dem Grammofon Enrico Caruso in "Der Troubadour". Die Fußball-Weltmeisterschaft 1938, das Achtelfinale in Straßburg, Brasilien gegen Polen, wie ging das aus? 6:5 nach Verlängerung. Aber er erinnert sich noch genauer: an das Wetter am Tag des Spiels, an die Taktik des Trainers, und er erzählt, wie der brasilianische Stürmer Leônidas da Silva in der Verlängerung die Schuhe auszog und barfuß einen Treffer erzielte. Es ist alles noch da. Die Worte seines Vaters 1934 in Marseille, als das Attentat auf König Alexander I. von Jugoslawien verübt wurde. Die Lieder der britischen Soldaten, die während der Flucht über Dünkirchen 1940 bis zum Knie im Wasser standen und Dudelsack spielten. Die Geiselnahme von München 1972. Der Agentenaustausch auf der Glienicker Brücke in Berlin. Klieger war immer dabei.
Mit ihm zu sprechen ist so, als hätte man einen Hundertjährigen vor sich, der sich an alles erinnert, als wäre es eben erst gewesen. In einem Gespräch von sieben Stunden, das Details aus 80 Jahren abfragt, kann Klieger sich nur an eine einzige Sache nicht erinnern, in einem kleinen Nebensatz zum Thema Fußball, ihm fällt der Name eines unbekannten Stürmers nicht ein, der im Winter 2001 eine Saison lang beim 1. FC Köln spielte.
Die Lücke irritiert ihn so sehr, dass er sich wieder und wieder darüber beklagt. Etwa 30 Stunden später, bei einem Abendessen, blickt er unvermittelt auf und sagt: "Jetzt habe ich den Namen von gestern: Lilian Laslandes."
Kliegers Kollegen in der Redaktion sagen, sie würden den Altersunterschied nicht spüren. Der Alte macht gern Witze, er schaut den hübschen Kolleginnen hinterher, er kennt immer die Nachrichtenlage. Seine Kollegen sagen auch, es sei schwierig, mit ihm zu streiten. Vielleicht ist das der Grund, warum über Klieger noch kein großer Hollywood-Film gedreht wurde, es keinen Bestseller über ihn gibt.
Klieger lacht gern, aber er ist ein zorniger Mann. "Das sind Tatsachen", sagt er häufig, "daran ist nicht zu rütteln." Seine Artikel haben Überschriften wie: "Das Ganze ein für alle Mal beenden." In Diskussionen ist er unnachgiebig, manchmal verletzend. "Natürlich bin ich ein Rechter", sagt er. Er will, schreibt er in Kolumnen, den Raubtieren alle Zähne rausreißen; Abgeordnete, die Israel kritisieren, sollen aus dem Parlament geschmissen werden; und Araber verstehen nur die Sprache der Gewalt. Man spürt dann kein Mitleid, keine Barmherzigkeit, nur Härte.
Am 17. Januar 1943 kommen mit den Güterwagen des Reichssicherheitshauptamts, Transport XIX., 239 Männer und 51 Jungen, 270 Frauen und 52 Mädchen in Auschwitz an. Noah Klieger ist Nummer 286 auf der Transportliste. So steht es dort heute noch in säuberlicher Schreibmaschinenschrift. Er wird in das Innere eines Hangars ohne Dach getrieben. "Ausziehen", ruft ein Wachmann. Noah steht nackt unter freiem Himmel. Wächter schließen das Schiebetor.
Es ist acht Uhr morgens, im Januar, in Oberschlesien. Die Temperaturen fallen unter minus 20 Grad. Es fühlte sich an, sagt er, als ob das Blut in seinen Adern langsam gefriert. "Was nun?", fragen seine Nachbarn. 22 Studen lang bleibt das Schiebetor geschlossen. Irgendwann fangen sie an, Kniebeugen zu machen. Irgendwann fallen die Ersten um. Irgendwann wird es dunkel. Irgendwann wird der Himmel wieder heller. Nur die Hälfte erlebt den nächsten Morgen.
Als Klieger die Baracke verlässt, schert ihm ein Häftling die Haare, ein anderer besprüht ihn mit dem Insektenvernichtungsmittel DDT, ein dritter tätowiert ihm eine blaue, sechsstellige Nummer auf den linken Unterarm, er bekommt die gestreifte Häftlingskleidung übergestülpt, die alle im Lager nur den Pyjama nennen.
Ein eleganter Mann mit blank geputzten Stiefeln tritt vor, der Lagerälteste. "Bei uns herrschen Ordnung und Sauberkeit", ruft er. Er lässt sich einen Knüppel geben und schlägt den vor ihm stehenden Häftling tot. "Habt ihr mich verstanden?", fragt er. "Ja", ruft Noah mit den anderen. "Ja, wer?" fragt der Lagerälteste und schlägt den zweiten Häftling nieder. "Ja, Herr Lagerältester", ruft er. Das ist Noahs zweiter Tag in Auschwitz.
Auschwitz ist heute für jeden Menschen etwas anderes. Für die Bewohner von Krakau ist es eine Touristenattraktion. Für die Schulklassen aus Israel ist es Teil ihrer Identität oder, wie die Reiseleiterin sagt: "Es ist unsere Propaganda. Damit sie verstehen, warum sie Israel brauchen." Für einige ist es eine Art heiliger Ort, der nicht beschrieben werden kann. Für die meisten Menschen ist es ein Ort des Verbrechens. Für viele Überlebende bedeutet Auschwitz ein Gefühl der Schuld, weil ihre Mithäftlinge starben und sie nicht. Für Noah Klieger ist es so: Auschwitz ist sein Auftrag.
1946 berichtet er über die ersten Kriegsverbrecherprozesse. Später schreibt er über den Eichmann-Prozess in Jerusalem, über die Auschwitz-Prozesse in Frankfurt, über den Sobibor-Prozess in Hagen, über den Majdanek-Prozess in Düsseldorf, über den Prozess gegen Klaus Barbie, den "Schlächter von Lyon". Er sitzt auch beim Demjanjuk-Prozess in München 2011 in der letzten Reihe, als ältester der 250 anwesenden Journalisten. Sie formen ein Spalier für ihn, durch das er als Erster in den Gerichtssaal geht. Mittlerweile hat er die Täter fast alle überlebt.
Im November ist Klieger wieder in Krakau. Er kommt nach Auschwitz, zum 150. Mal, er hat das genau gezählt. Seine Enkelin hat ihn um den Besuch gebeten, sie ist mit ihrer Schulklasse hier. Auf der Bar im Hotel liegt ein Prospekt. "Auschwitz - must see!", ein Werbeprospekt. "Free pickup!" verspricht er, "Air-conditioned minibus! Professional guide!" Der Prospekt ist für Touristen, die Krakau besuchen. Auschwitz diene als Mittel der Selbstreflexion, erklärt der Prospekt. Klieger schaut lange darauf. Dann fragt er: "Selbstreflexion?"
Vor vielen Jahren wollte er seiner Tochter Auschwitz zeigen. Sie wollte verstehen, wieso ihr Vater so war, wie er war. Er fuhr mit ihr hin. Ein Wärter hielt sie am Tor auf und sagte: "Entschuldigung, aber Sie kommen hier nur mit einem Führer hinein." Noah Klieger blieb stehen und schaute dem Wärter in die Augen, er hat leuchtende, unvergessliche grüne Augen, dem Aufpasser muss angst geworden sein. Klieger krempelte seinen linken Ärmel hoch und zeigte seine Nummer. "Ich brauche keinen Führer", sagte er. Dann ging er mit seiner Tochter durch das Tor.
Seine Enkelin, ein 17-jähriges Mädchen, kommt in die Bar in Krakau gelaufen. "Opa", ruft sie und umarmt den alten Mann. Klieger ist stolz auf seine Enkelin. Sie ist stolz auf ihn. Sie hat ihn gebeten, sie morgen nach Auschwitz zu begleiten. Ein Mädchen mit ernsten dunklen Augen, eine Balletttänzerin, die nach der Schule in der israelischen Armee Panzerfahrerin werden möchte. Am Abend stellt sich ein Lehrer vor die Klasse. "Erst mal Schalom euch allen", sagt er, "morgen wird ein recht emotionaler Tag für euch." Es ist für viele das erste Mal in Auschwitz. Klieger hat seine Augen geschlossen. Er wartet auf die Frage der Schüler, die gleich kommen wird.
Es ist die Frage, die jeder Auschwitz-Überlebende Hunderte Male beantworten muss. Sie verfolgt ihn wie ein Fluch, ein Leben lang. Die Frage lautet: Wie hast du überlebt? Auschwitz ist kein Lager zum Überleben. Es gibt Häftlinge, die haben überlebt, weil sie etwas konnten, was kein anderer konnte: technische Zeichner, Ärzte, Geldfälscher. Es gibt Häftlinge, die brutaler waren als andere, die das System des Lagers verstanden und ihren Nachbarn das letzte Brot aus der Hand klauten: Mörder, Zuchthäusler, Diebe. Noah Klieger war keiner von ihnen. Er war ein Junge, 16 Jahre alt. Und wenn er gefragt wird, warum er überlebt hat, dann sagt er: "Weil Gott Wunder an mir tat."
Am Morgen, als sein zweiter Tag in Auschwitz graute und er noch nackt im Innenhof stand, unter einem sternenklaren Himmel, kamen drei SS-Offiziere in das Lager. "Wer von euch kann boxen?", fragte einer von ihnen. Drei Leute hoben die Hand, alles Boxer. Eine vierte Hand hob sich, die von Klieger, der höchstens ein kleiner Schulhofschläger war. Der SS-Offizier schreibt seinen Namen auf. Wochen später fahren ihn Männer in einem Kübelwagen vor einen großen Block. "Rein mit euch." Ein Boxring steht dort in der Mitte. Sandsäcke, Punching-Bälle, Hanteln. An der Wand Duschkabinen. 30 Männer trainieren, unter ihnen Victor Perez, jüngster Profi-Weltmeister der Geschichte. Es ist die Trainingshalle von Auschwitz.
Die Männer, die außer Klieger die Hand gehoben haben, sind Sally und Sam aus Holland und Jean aus Belgien. Ein großer, breitschultriger Mann empfängt sie, er trägt ein grünes Dreieck auf der linken Brust, im Lager das Zeichen für Kriminelle. Es ist Kurt Magatanz, deutscher Meister im Halbschwergewicht. Ein dreifacher Mörder, zu lebenslanger Haft verurteilt, aus dem Gefängnis ins KZ überstellt. "Zeigt mal, was ihr könnt", sagt er. "Wenn ihr gelogen habt, kommt ihr ins Gas."
Als Erster tritt Sally vor, vier Jahre Europameister im Weltergewicht. Ein paar Faustschläge, es reicht Magatanz. "Gut, du bist Boxer." Als Nächster tritt Sam Potts vor. Zwei Meter groß, knapp 115 Kilogramm schwer, 20 Jahre alt. Potts kommt durch, auch Jean. Als Letzter ist Klieger an der Reihe. Aber Magatanz winkt ab. "Ich sehe schon, ihr seid in Ordnung, zieht euch um und fangt an zu trainieren." Die vier Männer springen Seil.
Auschwitz ist ein Ort des Absurden. Es gibt die Gaskammern, und es gibt eine Kapelle. Es gibt die schwarze Mauer, an der Häftlinge erschossen werden, und es gibt ein Bordell. Es gibt Mengele, und es gibt einen Kräutergarten. Das Lager ist unterteilt in Birkenau, wo die Gaskammern stehen, und in Monowitz, ein riesiges Fabrikareal der I.G. Farben. Wer nicht sofort vergast wird, arbeitet sich hier zu Tode. Kommandant von Monowitz ist SS-Hauptsturmführer Heinrich Schwarz. Er mag Boxen.
Anfang 1943 hat Deutschland Stalingrad verloren. Auch im Lager sprechen die Wachmänner davon, dass der Krieg aus Russland näher rückt. Schwarz beschließt, seine Männer abzulenken. Jeden Sonntag kämpfen sie bei gutem Wetter auf dem Appellplatz, bei schlechtem in der Halle. Drei Runden à drei Minuten mit Handschuhen und einem SS-Mann als Ringrichter. Jeder Boxer bekommt in der Woche einen halben Tag frei und jeden Abend einen Extraliter Suppe, damit er bei Kräften bleibt. Die Suppe rettet Klieger das Leben.
Am Sonntag nach dem ersten Training soll Klieger gegen den kleineren Jacko Razon kämpfen, einen Juden aus Saloniki. "Bist du überhaupt Boxer?", fragt Jacko ihn. "Nein", sagt Klieger. "Das ist schlecht", sagt Jacko. Er überlegt. "Wir werden simulieren", sagt er, "Ich lasse dich ein paarmal durch meine Deckung. Am Ende siege ich nach Punkten. Schwarz wird merken, dass du kein großer Boxer bist. Aber er wird dich bei der Staffel lassen."
Beim ersten Kampf drosselt Jacko seine Schläge. Zwar ist Noah elf Kilogramm schwerer als sein Gegner, aber er hätte keine halbe Runde überstanden, glaubt er. Jacko gewinnt den Kampf, Klieger darf weiterboxen. Er kämpft etwa 20-mal, gewinnt nie, bei einem Fight bricht ihm ein tschechischer Boxer die Nase. Er mag Boxen nicht. Aber er boxt für das Einzige, das jeder Mensch am Ende hat: sein Leben.
Der Bus mit der Schulklasse seiner Enkelin fährt ab. Das Tor von Birkenau taucht bald aus dem Nebel auf. Züge fahren vorbei, die Bahnstrecken rund um Auschwitz sind immer noch in Betrieb. Die Schüler besichtigen die Ruinen der Gaskammern, das Birkenwäldchen. Der Lehrer erzählt, wie die ehemaligen Gefangenen zurückkamen und nur ein stilles Gebet sprachen, sie wollten keine Rache. Klieger ruht sich am Kaffeeautomaten aus und sagt, dass das mit der Vergebung Unsinn sei. Wenn er einen der SS-Männer nach dem Lager getroffen hätte, hätte er ihn umgebracht. Er hat zeit seines Lebens nie mit Deutschen seines Alters gesprochen.
Als er noch jung war, träumte Noah Klieger jeden Abend denselben Traum, monatelang. Er träumte von dampfendem Kaffee und einem Kännchen Milch, von Butter, Honig und von warmen Mohnbrötchen. Er aß im Traum zwei Brötchen, dann drei, sechs, neun, schließlich zwölf. Nach zwölf Brötchen wachte er auf, weil der Blockälteste rief. Es war kalt, es gab keine Brötchen. Es gab nur Auschwitz.
Noah arbeitet in Auschwitz-Monowitz, im Lager Buna, meist im Kommando 93. Er lädt Zementsäcke aus, mischt Beton und schüttet ihn in eine Eisenform, elf Stunden am Tag. Zwischendurch eine Viertelstunde Pause, es gibt eine stinkende Brühe aus Rüben und Wasser. Er isst sie mit Heißhunger, dann übergibt er sich. Noah erkrankt an der Ruhr, kann bald nicht mehr boxen, liegt im Krankenbau. Ein paar Wochen später wiegt er noch 42 Kilo.
Bevor er entlassen wird, hört er am Morgen das Wort "Selektion". Die Selektion entscheidet über Leben und Tod. Der Block ist von SS-Leuten umstellt. Klieger stellt sich mit den anderen Kranken in einer Reihe auf. Helfer stellen Bänke so, dass sie zwei Ausgänge markieren. Nur einer steht für das Leben. "Schalom Aleichem", sagt ein Jude hinter ihm, Friede sei mit euch. Es ist ein Freund aus seiner Geburtsstadt Straßburg.
Zwei SS-Offiziere und ein Häftling betreten den Block. Der Häftling ist Leiter des Krankenreviers, der jüdische Oberarzt Robert Waitz aus Straßburg, einer der SS-Offiziere ist der Leitende Lagerarzt Josef Mengele, ein Schwabe mit Zahnlücke. Ein Offizier ruft die Nummern auf, der Reihe nach gehen die Männer an Mengele vorbei, zu den zwei Ausgängen.
Mengele sagt mit gelangweilter Stimme "rechts" oder "links". Links bedeutet Gaskammer. Klieger ist an der Reihe. Mengele sagt "links". Klieger geht nach links, aber er dreht wieder um und bleibt vor Mengele stehen. Woher er den Mut nimmt, weiß er nicht mehr, er, mit seinem lückenlosen Gedächtnis. Er weiß nur, dass er nichts zu verlieren hat. Dass er noch einen Tag länger leben will, nur einen Tag.
"Herr Oberstabsarzt", sagt er, "ich bin noch sehr jung und stark genug und kann sicher vieles im Lager und im Werk leisten. Ich kann in eine Umschulung gehen und noch sehr nützlich sein." Klieger weiß, dass im Lager Elektriker und Schlosser gebraucht werden, er selbst ist aber keiner. Er sagt, dass er in Straßburg zur Welt kam und dass sein Vater ein berühmter Schriftsteller sei, Bernhard Klieger. Er weiß nicht, warum er ausgerechnet seinen Vater erwähnt, aber irgendwas klickt im Hirn von Mengele, der abends gern am Grammofon Opern hört, irgendetwas ist angesprungen, das sonst nicht anspringt.
Mengele lächelt. "Glaubst du wirklich, noch arbeiten zu können?", fragt er Klieger. "Ja", sagt der, "ich kann bestimmt ein guter Elektriker werden." Mengele richtet sich an den jüdischen Arzt an seiner Seite, Professor Waitz. "Willst du ihn haben?", fragt er. Der stammelt: "Wenn ... Herr Kommandant ihn mir geben will, sehr gern." Mengele zögert kurz, er blickt auf die Karteikarte in seiner Hand, reicht sie Waitz und sagt: "Dann nimm ihn dir." Die SS-Männer schicken ihn nach rechts. Mengele wirft nur einen kurzen Blick auf den Mann hinter Klieger und schickt ihn nach links, dann sagt er: "Links - links - rechts - links".
Die Schulklasse wartet auf ihn in Auschwitz. Klieger steht auf und hinkt durch das Tor, bei dem ehemaligen Hochspannungszaun vor den Baracken bleibt er stehen. Ob er einmal überlegt hat, an den Zaun zu gehen? "Jeden Tag", sagt Klieger. Dann geht er in die Baracke, um vor der Klasse zu reden, um den Schülern zu sagen, wie es war, so wie er es seit 70 Jahren versucht. Sie werden es nicht verstehen, sagt er, man versteht nur, was man selbst verloren hat. Hier, in einer dieser Baracken, hinter dem Zaun, entstand der Traum. Hier entstand die Wut. Die Wut auf alles, was ihn bedrohte, eine Wut, die nur versteht, wer es erlebt hat.
Klieger überlebt noch zwei Konzentrationslager: Dora-Mittelbau und Ravensbrück. Er überlebt drei Todesmärsche. Ende April 1945 wird Ravensbrück von der Roten Armee befreit. Nach der Flucht aus der sowjetischen Besatzungszone fährt er nach Brüssel, in seine alte Heimatstadt. Er fährt mit der Straßenbahn und sieht zwei fremde Menschen auf der Plattform stehen. Es ist ein warmer Sommerabend, er tritt hinaus auf die Plattform des letzten Waggons. Ein Herr und eine Dame stehen dort, sie kommen ihm bekannt vor, auf eine merkwürdige, vertraute Art. Die Dame dreht sich um zu dem dünnen, kahl geschorenen Menschen, zu Klieger, der die letzten Jahre gelebt hat wie ein Tier. Sie sieht ihn, und sie erkennt ihn und sagt zu ihrem Mann: "Das ist unser Noah". Es sind seine Eltern. Sie haben das Konzentrationslager überlebt.
Klieger hat nach dem Krieg noch ein gutes Leben. Er wird Präsident des größten Sportclubs Israels, er wird Journalist, wie er es sich erträumt hat. Er schaut sich Basketballspiele an und hört mit seiner Frau in der Oper Verdi. Er spricht vor den Vereinten Nationen, für die Bundeskanzlerin Angela Merkel regelt er, dass sie in der Knesset Deutsch reden darf. Barack Obama führt er durch Jad Vaschem, obwohl er den amerikanischen Präsidenten für einen Versager hält. Einmal will der neunfache Olympiasieger Mark Spitz ein Autogramm von ihm. "Aber du bist doch der Star", sagt Klieger. "Ich bin der Star", sagt Spitz, "aber du bist ein Held."
Noah Klieger ist Ritter der französischen Ehrenlegion, Ehrendoktor in Tel Aviv, sein Name hängt in Los Angeles, in der Hall of Fame, als Vertreter der Boxstaffel von Auschwitz. Er hat ein gutes Leben. Aber er denkt immer noch jeden Tag an das Lager, das er vor 70 Jahren verlassen hat. "Aber ich bin nicht befreit worden", sagt er, "aus Auschwitz kann mich nur der Tod befreien."
Am kommenden Donnerstag wird er wieder in Auschwitz sein, 70 Jahre nachdem die letzten Konzentrationslager befreit wurden. Zum jüdischen Gedenktag der Schoah werden Tausende den "Marsch der Lebenden" von Auschwitz nach Birkenau gehen. Klieger wird in der ersten Reihe stehen, obwohl er keinen Gedenktag brauche, sagt er. Er sieht sie jeden Tag wieder, hat sie im Gedächtnis, die Kameraden, die im Lager geblieben sind, die Freunde und all die anderen, die Namenlosen. Nachts, in seinen Gedanken, sagt er, ist er in dieser Baracke ohne Dach unter dem kalten Sternenhimmel Oberschlesiens und hört in seinem Inneren das Schma Jisrael, das uralte Gebet, das die zur Vernichtung Bestimmten als letzte Worte sprachen: "Schma Jisrael - Höre Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig." Und er denkt dann, dass es Kämpfe gibt, die man gewinnen kann. Aber sie gehen trotzdem nicht zu Ende. ■
Von Jonathan Stock

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