11.04.2015

RusslandEinsamer Sieg

Am 9. Mai feiert Moskau mit einer großen Militärparade das Ende des Krieges vor 70 Jahren. Die Vorbereitungen zum Jubiläum zeigen die Entfremdung von den Europäern. Nur ganz wenige EU-Spitzenpolitiker werden nach Russland reisen.
Am Montag dieser Woche begab sich Wladimir Putin auf den Friedhof des Dorfs Marfino unweit der alten westrussischen Stadt Staraja Russa. Er legte dort einen Strauß roter Rosen nieder, dann traf er sich mit Veteranen des "Großen Vaterländischen Krieges", wie die Russen ihren Kampf gegen Hitler nennen.
Die Erde um Staraja Russa ist wie kaum eine andere Gegend Russlands mit dem Blut dieses Krieges durchtränkt. Offiziell sind dort in den zweieinhalb Jahren der deutschen Besatzung 850 000 Soldaten gefallen. Vermutlich waren es mehr, denn die Rote Armee versuchte lange vergebens, mit immer neuen Attacken den Gegner an der Nordwestfront zurückzudrängen.
Die Begegnung bei Marfino war eines jener Treffen, mit denen Russlands Präsident sein Land auf den 9. Mai vorbereitet. An diesem Tag jährt sich das Ende des Krieges mit Hitler-Deutschland. Es sei der "wichtigste, der ehrlichste Feiertag unseres Landes", sagte Putin in Staraja Russa: "Es ist der Tag des Großen Sieges."
Zum 70. Mal wird in Russland des Kriegsendes gedacht. Der 9. Mai mit den spontanen Veteranentreffen auf den Straßen, den Volksfesten und den Salutschüssen am Abend ist, seitdem er 1965 für arbeitsfrei erklärt wurde, tatsächlich stets der bewegendste Feiertag im Land gewesen - der einzige vielleicht, der das Volk wirklich einte. Dabei liegt der Sieg gegen Hitler nunmehr drei Generationen zurück. Doch bei Putins Besuch in Staraja Russa erinnerten die Veteranen an die Worte des Heerführers Alexander Suworow, wonach ein Krieg erst dann beendet sei, "wenn der letzte Soldat beerdigt ist". Und Suchtrupps haben vergangenes Jahr noch 12 900 Gefallene aus den Sümpfen bei Nowgorod, den Wäldern von Smolensk und der Gegend um St. Petersburg geborgen.
Der 9. Mai 2015 zeigt, dass Russland mit dem Krieg auch aus anderen Gründen noch nicht abgeschlossen hat. Dass seine Führung mehr denn je die Erinnerung an ihn braucht, obwohl nur noch wenige Soldaten aus jener Zeit am Leben sind. Und dass dieses Jubiläum anders als alle vorausgegangenen Siegesfeiern zu einem europäischen Politikum geworden ist, weil die alten Gräben auf dem Kontinent wieder aufgebrochen sind. Die Feiern zum 9. Mai, so heißt es in Russland, müssten diesmal zu einer Demonstration gegen die "Rehabilitierung des Faschismus in Europa" und gegen die "Revision der Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs" werden.
Schon die Moskauer Parade am Vormittag des 9. Mai soll ein Zeichen setzen, sie wird die bislang größte Militärschau aller Zeiten. 15 000 Soldaten werden über den Roten Platz marschieren, 4000 mehr als beim letzten runden Jubiläum. 200 Panzer, Geschütze und Raketen werden am Kreml vorbeirollen, 140 Kampfflugzeuge den Himmel füllen. Waffen würden gezeigt, "die die ganze Welt in Erstaunen versetzen werden", schrieb das Millionenblatt "Komsomolskaja prawda" voller Vorfreude - etwa "der ,Armata', unser neuer Wunder-Panzer".
Vom "Armata" gibt es bislang nur wenige Bilder, aber die kremlnahe Presse feiert ihn bereits. Er habe eine 125-Millimeter-Glattrohrkanone, mit der man auch Lenkraketen abfeuern könne. Dazu eine elektronisch gesteuerte Feuerleitanlage, die 40 Boden- und 25 Luftziele im Umkreis von 100 Kilometern erfasse und die den Feind selbstständig vernichte, kaum habe er die Kampfzone erreicht. Als "Sahnehäubchen" besitze er ein noch nie dagewesenes Radar, das anfliegende Raketen oder Granaten registriere und rechtzeitig den Befehl zu deren Vernichtung erteile.
Den "Armata" und all die andere Technik hätte man gern jenen Ausländern vorgeführt, die am 9. Mai auf der Ehrentribüne sitzen sollten. 68 Staatsführer hatte der Kreml zum Siegesjubiläum geladen, darunter die wichtigsten Politiker der westlichen Welt. Zugesagt haben bisher nur 25 von ihnen. Weder Barack Obama ist dabei noch David Cameron oder François Hollande. Angela Merkel, die deutsche Bundeskanzlerin, kommt erst am 10. Mai, wenn die Parade vorüber ist. Die Fernsehbilder aus Moskau werden zeigen, in welche Isolation Russland mit seiner Ukraine-Politik und der Annexion der Krim geraten ist.
Dem Volk wurde diese bittere Nachricht lange verschwiegen. Jeden Abend vermeldete das Fernsehen, weitere Staats- und Regierungschefs hätten nun ihre Teilnahme an der Parade zugesagt - und dann verlasen die Sprecher Ländernamen wie Nordkorea, Kuba, Mongolei oder Vietnam.
Von den EU-Staaten werden wohl nur Tschechien, Griechenland und Zypern hochrangige Vertreter zu den Feiern schicken, aber das wurde vielen Russen erst mit dem Skandal um Tschechiens Präsident Miloš Zeman klar. Der hatte am Sonntag dem US-Botschafter den Zugang zu seinem Amtssitz auf der Prager Burg untersagt, nachdem der Amerikaner die geplante Moskau-Reise des tschechischen Präsidenten als "heikel" bezeichnet hatte.
"Ich fahre nach Moskau als Zeichen des Dankes dafür, dass wir in diesem Land nicht ,Heil Hitler' rufen müssen", hatte Zeman im tschechischen Radio gesagt. Ein Satz, der Balsam war für die Seele der Russen. Zeman zeichne eine unter europäischen Politikern seltene Eigenschaft aus, hieß es in Moskau daraufhin: Er sehe die Welt so, wie sie sei.
Auch Griechenlands Premier Alexis Tsipras erntete bei seinem Besuch Mitte der Woche in Moskau russisches Lob, als er den gemeinsamen Kampf beider Länder gegen den Nazismus würdigte und versprach, in einem Monat zurückzukommen, zur Parade am 9. Mai. Tsipras bekannte sich in Moskau zwar zu Europa. Für den Kreml war sein Besuch trotzdem ein Erfolg: Er konnte zeigen, dass die Europäer im Umgang mit Russland gespalten sind. Geschenke gab es für den Griechen nicht, aber Putin hofft nun, den griechischen Premier langfristig als seinen Verbündeten in Europa aufzubauen.
Der Pole Donald Tusk dagegen, Präsident des Europäischen Rates und damit Sprecher der europäischen Staats- und Regierungschefs, hatte schon vor Wochen erklärt, warum er am 9. Mai nicht nach Moskau fährt. "Bei der Militärparade neben den derzeitigen Aggressoren und jenen zu stehen, die im Osten der Ukraine Waffen gegen Zivilisten einsetzen - das wäre für mich, gelinde gesagt, doppelbödig."
Die Debatte darüber, warum Ost und West den Sieg gegen Hitler nicht mehr gemeinsam feiern, ist eine schwierige. Denn in ihrem Mittelpunkt steht ein Land, das nach eigenen Hochrechnungen in den vier Kriegsjahren 27 Millionen Menschen verlor. "Vom formalen Standpunkt her kann man die westlichen Führer verstehen. Vom menschlichen her fällt das schwer", sagt Andrej Jaschlawski, Kommentator der Zeitung "Moskowski komsomolez": "Man muss entweder ein Ignorant oder ein Lügner sein, um zu bestreiten, dass unser Land im Zweiten Weltkrieg den entscheidenden Schlag auf sich nahm. Und dass es Russland war, das den grundlegenden Beitrag zur Zerschlagung des Nazismus leistete."
Angela Merkel hat angekündigt, trotz des europäischen Boykotts einen Tag nach der Militärparade nach Moskau zu kommen, um gemeinsam mit Putin einen Kranz am Grabmal des Unbekannten Soldaten niederzulegen - ein kluger Schritt. Auch wenn Russlands Staatsfernsehen ihre Entscheidung zu einer Geste gegen den Rest Westeuropas umdeutete. Selbst Putins Außenminister Sergej Lawrow behauptete, Merkels Moskau-Reise habe eine besondere Bedeutung "für die Durchkreuzung der antirussischen Kampagne" des Westens.
Absichtlich und bösartig sei die Entscheidung Amerikas und Europas, den Feiern am 9. Mai fernzubleiben. Mit der Ukraine habe sie wenig zu tun, vielmehr sei sie Teil einer langfristigen Strategie, Russland als Großmacht auszuschalten und Putin zu Fall zu bringen - das ist die Lesart Moskaus.
Man hätte die Verweigerer unter den westlichen Staats- und Regierungschefs nie nach Moskau einladen dürfen, kritisierte Rechtspopulist Wladimir Schirinowski, Chef der Liberaldemokratischen Partei im russischen Parlament. "Denn die Nato-Länder, die von einem einheitlichen Zentrum aus gesteuert werden, bereiten einen Krieg gegen Russland vor."
Der Streit um die Moskauer Siegesfeier am 9. Mai offenbart exemplarisch, wie sehr sich Russland von den Europäern entfernt hat, wie viel beide Seiten mittlerweile voneinander trennt. Denn Russland unterstellt dem Westen noch viel mehr: Er wolle die Geschichte des Krieges umschreiben, so glaubt man in Moskau, und den russischen Anteil am Sieg kleinreden.
Deswegen reagierte der Kreml auch gereizt, als Polen zu einer Siegesfeier auf die Danziger Westerplatte lud - dorthin, wo mit den Schüssen des deutschen Kadettenschulschiffs "Schleswig-Holstein" am 1. September 1939 der Krieg begann. Was habe Danzig mit dem Sieg zu tun, erregte sich der Chef der russischen Präsidialverwaltung. Tatsächlich abwegig war eine Äußerung des polnischen Außenministers. Der hatte im Januar behauptet, das Konzentrationslager Auschwitz hätten "Ukrainer" befreit. Die Empörung, die daraufhin in Moskau ausbrach, war nachvollziehbar: Die 1. Ukrainische Front, die das KZ zuerst erreichte, bestand nicht vorwiegend aus Ukrainern.
Der Kreml revanchierte sich prompt. Ende Februar ließ er Archivdokumente veröffentlichen, die beweisen sollen, dass Polen der Roten Armee bei der Befreiung Europas in den Rücken gefallen sei - die polnische Untergrundarmee habe von Ende 1944 bis Mai 1945 auf polnischem Territorium mindestens 700 sowjetische Militärangehörige umgebracht.
Allerdings nimmt es mancher Russe mit historischen Details ebenfalls nicht so genau. Als sich die Regierungszeitung "Rossiiskaja gaseta" Anfang April mit der Befreiung der Tschechoslowakei durch die Rote Armee beschäftigte, stellte sie auf geradezu absurde Weise zwei Bilder gegeneinander. Das eine zeigte den Einmarsch der deutschen Wehrmacht im März 1939 in Prag; das andere, unter der Überschrift "Einmarsch der Amerikaner in Tschechien 2015", das Foto eines einzelnen amerikanischen Panzerwagens. Das Militärfahrzeug steht dabei vor neutralem Hintergrund - behauptet wurde trotzdem, der Wagen befinde sich in Tschechien und gehöre zur Nato, die Osteuropa jetzt vor Moskau schützen wolle.
70 Jahre nach Kriegsende sind Panzer, Raketen und Soldaten in russischen Medien wieder omnipräsent. Zu Sowjetzeiten wurde in den Zeitungen über Produktionserfolge berichtet, unter Putin über die Aufrüstung der Armee. Auf einer ganzen Seite feierte die "Komsomolskaja prawda" jüngst die für 2015 zu erwartenden Waffenlieferungen an die russische Armee: "Zwei Brigaden mit ,Iskander'-Kurzstreckenraketen werden wir erhalten. Die Panzerbrigaden bekommen mehr als 700 Panzer und Panzerwagen. 126 neue Flugzeuge wird es geben, 15 modernisierte strategische Bomber, zwei Raketen-U-Boote. Und 50 Interkontinentalraketen wird die Industrie den Truppen liefern. Ein Rekord!"
Die ebenso naive wie plumpe Begeisterung darüber steht im Kontrast zu zahlreichen kritischen, ja sarkastischen Kommentaren, die es zum 70. Siegesjubiläum in Russland ebenfalls gibt.
Im Gebiet von Wolgograd, dem früheren Stalingrad, durch die blutige Schlacht von 1942/43 weltbekannt, leben noch 4579 Kriegsveteranen. Viele von ihnen hausten nach wie vor unter menschenunwürdigen Bedingungen, die Behörden kümmerten sich nicht um sie, schrieb die "Nesawissimaja gaseta" und führte zahlreiche Belege an. Die schärfste Kritik aber betrifft den Umgang mit dem 9. Mai. Wladimir Putin, sagen viele Russen, habe ihn zu einem Tag umfunktioniert, mit dem der Krieg selbst und vor allem Russlands Stärke gefeiert würden. Es sei kein Tag der Tränen und des Gedenkens mehr.
"Seit 70 Jahren ist der Krieg zu Ende", schrieb ein Leser im Forum von Radio Echo Moskwy. "Er ist Geschichte. Alle Länder, die auf verschiedenen Seiten der Front kämpften, haben diese Seite im Buch der Geschichte umgeblättert, sie leben im Heute. Wir aber stapfen durch die Vergangenheit, berauschen uns am Sieg und suchen neue Feinde. Je weiter der Sieg zurückliegt, um so pompöser wird er begangen."
Von Christian Neef

DER SPIEGEL 16/2015
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