11.04.2015

Spanien„Zu führen heißt zu dienen“

Felipe VI. hat nach der Abdankung seines Vaters Juan Carlos in Rekordzeit die Bürger mit der Monarchie versöhnt. Mit den schlechten Gewohnheiten des Vorgängers hat er gebrochen.
In dem rot gestrichenen Speiseraum heben die Gäste erstaunt den Kopf. Gegen 22 Uhr kommt ein Mann mit angegrautem Vollbart in Jeans und Pulli herein, neben ihm eine sportlich gekleidete Frau, das lange blonde Haar trägt sie offen. Jeder kennt dieses Paar: König Felipe VI. und Königin Letizia, Herrscher über 47 Millionen Spanier. In der kleinen Taverne nahe dem Retiro-Park in Madrid bestellen die beiden die Spezialitäten des Hauses: Krokettenwürfel, Pfefferschoten und Oktopus. Ihre vier Leibwächter halten sich im Hintergrund. Niemand stört das Staatsoberhaupt an diesem Abend.
Die Königin trinkt Bier, mit ihrem Mann und einem Freund unterhält sie sich über Fußball und die neuesten Filme. Nach dem Essen will das Königspaar ins Kino gehen, wie oft freitags. Dann reicht Letizia ihr Handy zum Nachbartisch hinüber und bittet die Gäste, ein Erinnerungsfoto der drei zu machen, so erzählen diese es später.
Er wolle eine "erneuerte Monarchie für eine neue Zeit", das hatte Felipe VI. dem spanischen Volk versprochen, als er am 19. Juni vergangenen Jahres von beiden Kammern des Parlaments zum König proklamiert wurde. Es war eine einfache, zivile Feier, ohne Krönung, ohne Hermelin und ohne Kreuze. Zuvor hatte sein Vater Juan Carlos I. abgedankt, Auftakt für einen überfälligen Generationswechsel im Land.
Und der war dringend nötig. Denn die Monarchie hat in den Jahren der Wirtschaftskrise rasant an Rückhalt verloren. Vor allem seit Juan Carlos sich im April 2012 auf Elefantenjagd in Botswana die Hüfte brach, in Begleitung einer geschiedenen deutschen Adeligen. Gattin Sofia, der ständigen Seitensprünge überdrüssig, distanzierte sich danach erstmals deutlich sichtbar von ihrem Mann. Inzwischen drohen zwei angebliche uneheliche Kinder damit, den 77-Jährigen vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu zerren.
Noch belastender für die Monarchie war der Skandal um den Ehemann der Königstochter Cristina. Der muss sich seit Herbst 2010 vor Gericht verantworten, weil er über sechs Millionen Euro an öffentlichen Geldern auf private Konten umgelenkt haben soll. Infantin Cristina, auf Platz sechs in der Thronfolge, ist als "Unterstützerin" mitangeklagt. Wenn sie nicht 2,5 Millionen Euro Kaution zahlt, droht ihr jetzt die Pfändung von Konten und Vermögen.
Linke Politiker forderten ein Referendum über die Monarchie, Jugendliche sprachen sich in Umfragen mehrheitlich für eine Republik aus. Das alles ist noch nicht lange her - und doch beinahe vergessen. Aktuell liegt der 47-jährige Felipe in der Beliebtheitsskala der Spanier gleich hinter Papst Franziskus; 70 Prozent der Befragten sind mit ihm zufrieden. Kein Politiker des Landes kommt auch nur annähernd auf ein solches Ergebnis. Selbst die Anhänger der Protestpartei Podemos äußerten sich mehrheitlich königstreu. Königin Letizia, 42, die als Journalistin gearbeitet hatte und Enkelin eines Taxifahrers ist, erhielt 67 Prozent Zustimmung. Viele junge Frauen verehren sie als Stilikone.
Wie hat das dieser Mann geschafft, den die meisten lange Zeit für viel farbloser hielten als Juan Carlos? Dieser wurde zwar König durch Francos Gnaden nach dessen Tod 1975 - ermöglichte dann jedoch nach fast vier Jahrzehnten Diktatur den Übergang zur Demokratie und vereitelte 1981 einen Putsch der Ewiggestrigen.
Spaniens Gesellschaft hat sich nach dem abrupten Ende des Immobilienbooms und in den Jahren der Krise stark verändert: Sie akzeptiert nicht mehr ohne Weiteres Privilegien, fordert Transparenz im Umgang mit öffentlichen Geldern und beispielhaftes Verhalten ihrer Eliten.
Und dem entspricht der junge König. Er hat öffentlich gemacht, wie er die 7,7 Millionen Euro aufteilen will, die das Königshaus 2015 vom Staat erhält. Im Vergleich zu dem Gehalt seines Vaters hat Felipe seine Jahreseinkünfte um ein Fünftel auf 234 204 Euro gesenkt, auf die er 41,9 Prozent Steuern zahlt. Das sind fast bürgerliche Verhältnisse, Bundespräsident Joachim Gauck etwa erhält 225 000 Euro. Auch bei den Ausgaben für Personal, Reisen und Repräsentation hat Felipe gespart. Die Bücher prüfen künftig Staatsbeamte.
Außerdem hat Felipe die Zahl der Empfänger von Privilegien reduziert. Gleich nach der Thronbesteigung hat er seine beiden älteren Schwestern aus dem engsten Kreis der königlichen Familie entfernt und ihnen Repräsentationsaufgaben und Aufwandsentschädigungen entzogen. Von der unter Korruptionsverdacht geratenen Cristina hält er sich fern. Zur "Familia Real" gehören nur noch Ehefrau Letizia, die beiden Töchter, Leonor, 9, und Sofia, 7, sowie seine Eltern. Verwandten verbot Felipe, Geschäfte zu machen, Sonderbehandlungen oder Geschenke anzunehmen.
Zu seinem Sommerfest lud Felipe auch Vertreter der Homosexuellen ein und schaffte es so auf den Titel einer Schwulenzeitschrift. Das Königspaar twittert und hat landesweit die höchsten Zuwächse an Followern. Die beiden tragen schon mal bunte Armbänder, um auf gesellschaftliche Anliegen aufmerksam zu machen.
Als der König, auf Staatsbesuch in Frankreich vom Absturz der Germanwings-Maschine und den vielen spanischen Opfern erfuhr, fand er Worte des Beileids, die nicht schal, sondern anteilnehmend klangen. Und als er am vergangenen Mittwoch im Libanon stationierte spanische Blauhelme besuchte, trat er in tarnfarbener Uniform vor die Soldaten, seine Ansprache war einfühlsam und glaubwürdig. Ende Januar war einer ihrer Kameraden durch israelischen Artilleriebeschuss getötet worden.
"Die Spanier fühlen sich durch ihn international gut repräsentiert", sagt Miguel Angel Aguilar, politischer Kolumnist und Präsident der Europäischen Journalistenvereinigung in Madrid. Die offiziellen Reisen des Königs koordiniert jetzt das Außenministerium, stets begleitet ihn ein Kabinettsmitglied.
Leute, die Felipe gut kennen, betonen seinen ausgeglichenen Charakter. Arroganz sei ihm fremd, im kleinen Kreis zeige er Mitgefühl und Humor. Auch in Krisensituationen bleibe er gelassen und verliere nicht die Nerven, berichtet ein früherer enger Mitarbeiter des Königshauses. Anders als der auf seinen Instinkt vertrauende Vater improvisiere Felipe nicht, sondern höre sich die Meinung seiner Berater an. Er überlege lange, bevor er Entscheidungen treffe, darin ähnele er seiner deutschstämmigen Mutter. Manche kritisieren aber auch seine Steifheit, denn anders als sein Vater wage er nie, das Protokoll zu sprengen.
Felipe geht mit seiner von der Verfassung definierten Rolle vorsichtig um. Das Grundgesetz, auf das sich alle Parteien 1978 einigten, sieht das Oberhaupt des spanischen Staats als Symbol für dessen Einheit und Bestand. Der König soll Schiedsrichter und Moderator sein. "Er kann alle Seiten anhören und die Politiker dringlich auffordern, Lösungen zu finden", sagt der Jurist Luis de Carlos. Aber er dürfe nicht die Initiative ergreifen, etwa im Streit zwischen den nach Unabhängigkeit strebenden Katalanen und der Regierung.
Seit Königin Letizia, die ehemalige Moderatorin der Hauptnachrichten im staatlichen Fernsehen, ihren Mann coacht, sind auch dessen öffentliche Auftritte geschmeidiger geworden. Nur noch selten liest der König mit rauer Stimme vom Blatt wie früher, er schaut seine Zuhörer jetzt an und lächelt sogar manchmal.
"Es geht um die drei großen K", sagt Javier Ayuso, stellvertretender Chefredakteur der Tageszeitung "El País" und bis Juli Pressechef des Königshauses: "Korruption, Krise und Katalonien." In seinen wichtigsten Reden hat Felipe diese Themen immer wieder direkt angesprochen. "Wir brauchen moralische Referenzen, die wir bewundern, ethische Prinzipien, die wir anerkennen, und bürgerliche Werte, die wir bewahren", sagte der König. "Wir müssen die Korruption an der Wurzel und ohne Rücksicht ausrotten."
In der Katalonien-Frage verhält sich der König diplomatisch, schlägt aber im Gegensatz zur Regierung versöhnliche Töne an. Das klingt dann so: "Wir brauchen einander, wir sind Teile eines gemeinsamen Baumstamms." Und Spanien könne nur gedeihen, wenn alle einander ergänzten. Als der konservative Ministerpräsident Mariano Rajoy im Dezember das Ende der Wirtschaftskrise verkündete, betonte Felipe in seiner von allen öffentlichen Sendern übertragenen Weihnachtsansprache, die Arbeitslosigkeit sei immer noch "inakzeptabel hoch" und nehme der Jugend die Zukunftsperspektive. Es sind kleine, aber unüberhörbare Versuche, eigene Positionen zu beziehen.
Für die meisten Auftritte entwerfen Ministerialbeamte die Grußworte. Felipe arbeitet die Vorlagen durch und ergänzt sie. Nur zu Weihnachten und bei der Verleihung der Premios Príncipe de Asturias, einer Art spanischem Nobelpreis, schrieb der König die Rede selbst. Dank seiner Frau, die Felipe mit dem Alltag der normalen Spanier vertraut machte, habe sich der König verändert, sagt der ehemalige Pressechef Ayuso. Felipe sei ein Familienmensch, der versuche, sein Privatleben und das seiner Töchter zu schützen. Bei aller Nähe zum Volk müsse ein Geheimnis bleiben, dürfe "die Magie nicht verloren gehen".
Das Überleben der spanischen Monarchie hängt vor allem davon ab, ob Felipe es künftig vermag, die Jugend zu überzeugen. Nach 1985 geborene Spanier haben weder Diktatur noch Bedrohung durch Putschversuche erlebt - ihnen fehlt deshalb das tiefere Verständnis für das, was Juan Carlos für die Demokratie geleistet hat.
Felipe weiß ganz genau, dass er den Nutzen der Monarchie immer wieder von Neuem beweisen muss. "Zu führen heißt zu dienen", sagte er unlängst bei einem Empfang für militärische und zivile Würdenträger. "Es wird keinen Tag geben, an dem ich mich daran nicht erinnere."
Von Helene Zuber

DER SPIEGEL 16/2015
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