11.04.2015

Rassismus„Es geschieht überall“

Die Soziologin Alice Goffman hat anderthalb Jahre in einem Viertel gelebt, das von Schwarzen bewohnt wird. Übergriffe der Polizei seien fester Bestandteil des Lebens dort, sagt sie.
Acht Schüsse waren es, die der weiße Polizist Michael Slager am ersten Samstag im April in North Charleston auf den Schwarzen Walter Scott abgab - in schneller Folge, von hinten und ganz ohne Not. Vier Kugeln trafen den Unbewaffneten in den Rücken, er starb am Tatort, zuvor legte ihm sein Mörder sicherheitshalber noch Handschellen an. Weil es ein Handy-Video von der Tat und damit eindeutige Beweise gibt, wird der Polizist nun wegen Mordes angeklagt. Das ist die Ausnahme. 50 Jahre nach den Erfolgen der Bürgerrechtsbewegung fühlen sich Schwarze in den USA noch immer bedroht von Polizeigewalt, belästigt von permanenten Kontrollen.
Goffman, 33, hat in einer schwarzen Community in Philadelphia gelebt. Sie gab sich als Adoptivschwester ihres schwarzen Mitbewohners aus und wurde so Zeugin und auch Opfer der fast täglichen Polizeirazzien und Diskriminierungen. In einem Buch, das jetzt in Deutschland erschienen ist, hat sie die ernüchternde Bilanz dieser Zeit gezogen.
SPIEGEL: Frau Goffman, ist der Fall von Walter Scott typisch für das, was Schwarzen in den USA zustoßen kann?
Goffman: Typisch ist, dass er davonrennen wollte, weil er offenbar den Unterhalt für sein Kind nicht gezahlt hatte. Viele Arme, vor allem Schwarze, tragen Strafbefehle mit sich herum, meist wegen Kleinigkeiten: nicht pünktlich gezahlte Strafen, nicht eingehaltene Gerichtstermine, Verstoß gegen die Bewährungsauflagen, Verkehrsdelikte. Die meisten haben gar keine Straftat begangen, sondern nur gegen irgendwelche Auflagen verstoßen. Aber sie wissen, dass sie dafür ins Gefängnis kommen können, oft für lange Zeit. Gegen 2,3 Millionen Amerikaner ist gegenwärtig ein Haftbefehl ausgestellt, und meist gegen afroamerikanische Männer. Für Schwarze wie Walter Scott hat es eine ganz andere Bedeutung als für Weiße, wenn sie von der Polizei angehalten werden. Deshalb ist er vermutlich davongerannt, aus Angst, im Gefängnis zu landen.
SPIEGEL: Selbst nach amerikanischen Regeln ist es nicht erlaubt, jemanden zu erschießen, nur weil er davonrennt.
Goffman: Das stimmt. Trotzdem schießen Polizisten in solchen Situationen. Wenn Leute rennen, sehen sie dies als Zeichen von mangelndem Respekt. In den seltensten Fällen fühlen sich Polizisten, die schießen, körperlich bedroht. Sie sehen ihre Autorität bedroht. Das genügt offenbar.
SPIEGEL: Officer Michael Slager, der Scott erschoss, hatte argumentiert, er sei körperlich bedroht worden, bevor ein Video auftauchte und ihn der Lüge überführte.
Goffman: Das Schlimme ist, dass viele Amerikaner solchen Anschuldigungen sofort glauben. Es gibt die weit verbreitete Annahme, dass Schwarze per se gefährlich sind, dass man Angst haben muss vor schwarzen Männern. Die Polizei von Philadelphia schoss in acht Jahren 390-mal auf Bürger der Stadt. Zum allergrößten Teil auf schwarze Bürger.
SPIEGEL: Wie behandelten die Polizisten die überwiegend schwarzen Bewohner des Viertels, in dem Sie anderthalb Jahre gelebt haben?
Goffman: Es gab keinen Tag, an dem nicht irgendein Bewohner des Viertels von Polizisten durchsucht wurde. 14-mal sah ich, wie Polizisten schlugen, traten, würgten, Handschellen anlegten. So etwas geschieht nicht nur in Ferguson, North Charleston oder Philadelphia, es geschieht überall dort, wo ärmere Schwarze leben.
SPIEGEL: Haben Sie erlebt, dass Schwarze von der Polizei erschossen wurden?
Goffman: Ich sah, wie Polizisten einen unbewaffneten Mann jagten, ihm Handschellen anlegten und ihn dann zu Tode würgten. Niemand wurde später zur Rechenschaft gezogen. Das war vor den Schüssen von Ferguson, bevor es ein Bewusstsein für diese Vorgänge gab, bevor die Menschen auf die Straße gingen, um gegen Polizeigewalt gegen Schwarze zu protestieren. Es war auch, bevor Smartphones eine Videofunktion bekamen. Diese Erfindung macht einen großen Unterschied aus. Schwarze sind inzwischen dazu übergegangen, sofort diese Videofunktion anzuschalten, wenn ein Polizist aufkreuzt.
SPIEGEL: Die Polizei soll nun zudem verstärkt mit Body-Kameras ausgestattet werden. Ist das tatsächlich eine Lösung?
Goffman: Nein, solange Polizeiarbeit danach bewertet wird, wie viele Leute inhaftiert werden, wird sich nichts grundsätzlich ändern. Festnahmen sollten nur eine von vielen Möglichkeiten sein, die Polizisten zur Verfügung stehen. Wir brauchen ein anderes Verständnis von Polizeiarbeit. Wir hätten eine völlig andere Situation, wenn Schwarze wüssten, dass sie wegen ausstehender Zahlungen nicht gleich ins Gefängnis müssen, sobald sie von einem Polizisten angehalten werden. Wie wäre es, wenn die Polizei es mit einem Mindestmaß an Fürsorge versuchen würde, einem Angebot, wie man die Schulden in den Griff bekommen kann? Dann würde niemand mehr davonrennen.
SPIEGEL: Was löst das Gefühl, ständig auf der Flucht zu sein, bei den Schwarzen aus?
Goffman: Sie werden andere Menschen. 60 Prozent der Leute in meinem Viertel hatten irgendeine Kleinigkeit, die gegen sie vorlag. Alle hatten Angst, dass sie gleich in den Knast kommen, wenn sie von Polizisten angesprochen werden. Die Folge ist, dass sie ihr ganzes Leben so organisieren, nicht mit Polizisten in Berührung zu kommen. Ältere Geschwister trainieren die jüngeren, wie sie frühzeitig von Razzien erfahren, wie sie sich vor der Polizei unter Autos verstecken. Sie lernen, ständig auf der Hut zu sein, um nicht ins Gefängnis zu kommen.
SPIEGEL: Haben Sie das miterlebt?
Goffman: Ich bekam mit, wie Chuck, ein Junge aus dem Viertel, angehalten und inhaftiert wurde, weil die Beamten behaupteten, er sei in einem geraubten Wagen unterwegs. Der Wagen war tatsächlich viele Jahre zuvor in Kalifornien gestohlen worden, Chucks Mutter hatte ihn aber ohne jede Kenntnis davon bei einem Gebrauchtwagenhändler gekauft. Das Perfideste war jedoch, dass sogar Chucks elfjähriger Bruder eine dreijährige Bewährungsstrafe wegen Mittäterschaft erhielt. Wenn du mit einer solchen Bewährungsstrafe lebst, kommst du meist nicht mehr heraus aus den Fängen der Justiz. Es gibt immer eine Auflage, gegen die du verstoßen kannst, was dann weitere Strafen nach sich zieht. Also lernte schon der kleine Junge, der Polizei aus dem Weg zu gehen.
SPIEGEL: Was hat das für Folgen?
Goffman: Mit der Zeit verlieren diese Menschen jedes Vertrauen. Sie gehen nicht mehr in öffentliche Krankenhäuser, obwohl sie schwer krank oder verletzt sind. Weil die Polizei oft in und vor den Krankenhäusern herumsteht, um Leute ausfindig zu machen, gegen die etwas vorliegt. Ich habe erlebt, wie Schusswunden oder Armbrüche zu Hause am Küchen-tisch von Verwandten behandelt wurden. Viele gehen nicht mehr zu Ärzten, weil sie Angst haben, verhaftet zu werden. Sie vertrauen sich nicht mal mehr ihrer Familie, ihren Freunden oder Partnern an, weil diese von der Polizei in die Mangel genommen werden könnten. Das System hat eine zersetzende Wirkung auf das gesamte soziale Umfeld.
SPIEGEL: Was treibt die Polizei zu einem solchen Vorgehen - Rassismus?
Goffman: Sie sollen ja möglichst viele Menschen verhaften. Das Fatale ist, wie wir auf den Anstieg von Kriminalität in den Siebzigerjahren reagiert haben: mit den Zero-Tolerance- und Tough-on-Crime-Strategien. Immer mehr Polizisten wurden losgeschickt mit dem Auftrag, Kriminelle von der Straße zu holen, sie wegzusperren, selbst Kleinstkriminelle. So wurden ganze Viertel zu verdächtigen Gegenden erklärt, vor allem die Viertel der Schwarzen.
SPIEGEL: Andererseits belegen Statistiken, dass vielen Afroamerikanern in den vergangenen Jahrzehnten der soziale Aufstieg in die Mittelklasse geglückt ist. Sie sind Teil der Eliten des Landes, selbst der Präsident ist jetzt ein Schwarzer.
Goffman: Das ist richtig, aber der ärmeren Hälfte der schwarzen Bevölkerung geht es schlechter als vor 20, 30 Jahren. Sie sind zu Verfolgten geworden, sie haben das Gefühl, sich vor dem Staat verstecken zu müssen. Die Schwarzen in Amerika sind heute zweigeteilt: in eine Mittelschicht, der es relativ gut geht, und eine Unterschicht, für die sich vieles verschlechtert hat. Letztere sind noch immer Bürger zweiter Klasse, wie die Schwarzen vor der Bürgerrechtsbewegung in den Sechzigerjahren. Unser Justiz-, Polizei- und Gefängnissystem hat sie wieder dazu gemacht. Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten ein Gefängniswesen errichtet, das so viele Leute hinter Gitter gebracht hat wie zuletzt unter Josef Stalin in der Sowjetunion. Von 100 000 Amerikanern befinden sich statistisch gesehen derzeit 716 in Haft. In der Europäischen Union sind es gerade mal 126. Und dieses System richtet sich in erster Linie gegen arme Afroamerikaner.
SPIEGEL: Viele Amerikaner argumentieren, die Statistik besage, dass Schwarze nun mal mehr Verbrechen begehen als Weiße.
Goffman: Aber Statistiken geben oft einen falschen Eindruck. Nehmen Sie die Drogendelikte: Weiße nehmen mehr Drogen als Schwarze. Trotzdem werden Schwarze überproportional oft verhaftet. Wenn Sie in einem Schwarzenviertel leben, ist es zigfach wahrscheinlicher, dass Sie wegen einer Kleinigkeit überführt werden, als in einem Weißenviertel.
Interview: Markus Feldenkirchen
Verlag Antje Kunstmann, München; 368 Seiten; 22,95 Euro.
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 16/2015
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