11.04.2015

Global VillageDie Stimme der Chlorhühner

Warum ein Fleischlobbyist in Washington an den Deutschen verzweifelt
Tom Super, der wirklich so heißt, hatte eigentlich ein positives Bild von Europa, insbesondere von Deutschland. Bevor sie Kinder bekamen, haben seine Frau und er eine große Rundreise gemacht, auf amerikanische Art - eine ganze Woche lang also. Drei Tage München, dann Heidelberg, Rüdesheim, das Rheintal, Amsterdam. "Tolle Würste, tolles Bier, tolle Brezeln, tolles Wiener Schnitzel", sagt Super.
Seit einiger Zeit aber ist er sich nicht mehr ganz sicher, was er von den Europäern halten soll. Insbesondere von den Deutschen. "Ich habe im Fernsehen gesehen, dass sie sich Hühnerkostüme überstreifen und damit in Swimmingpools hüpfen", sagt er. Super, der Sprecher des "National Chicken Council", (das auch wirklich so heißt), findet das nicht sehr witzig.
Er sitzt vor einer betttuchgroßen US-Flagge in einem Konferenzsaal an der 15. Straße, dem Lobbyisten-Getto in Downtown Washington. Wenn es einen Balkon gäbe, könnte er von hier das Weiße Haus sehen. Super ist 37 Jahre alt und arbeitet schon länger als Fleisch-Lobbyist. Zunächst hat er für die Interessen der "Roten" gekämpft, wie er die Rinder- und Schweineindustrie wegen der Farbe des Fleisches nennt. Seit ein paar Jahren ist er nun für "die Weißen" in Washington unterwegs, für die Geflügelindustrie also. Auf seiner Visitenkarte steht "Vizepräsident Kommunikation, National Chicken Council". Super ist die Stimme der amerikanischen Chlorhühnchen.
Wenn Deutsche in Hühnerkostümen in Pools springen, tun sie dies, damit Supers Hühnchen in Amerika bleiben. Die meisten US-Hühner werden in den Fabriken in chlorhaltiges Wasser getunkt, damit Keime wie Salmonellen abgetötet werden. In Deutschland sind sie deshalb als "Chlorhühnchen" verschrien, sie stehen unter Verdacht, die Gesundheit zu gefährden. So wurden sie auch zum Symbol der Proteste gegen das transatlantische Freihandelsabkommen (TTIP), um das die USA und die EU seit Jahren ringen. Sie sind das Maskottchen der TTIP-Gegner, sie stehen für fast alles, was schlecht sein könnte an Amerika. Tom Super findet, dass seinen Hühnern unrecht getan wird. Natürlich sagt er das, weil sein Verband ihn gut dafür bezahlt. Aber sie schmecken ihm auch einfach sehr gut.
Meistens bereitet Super die Hühnchen selbst zu, eine seiner Spezialitäten ist das "Bierdosen-Huhn", ein sehr amerikanisches Rezept, bei dem das Huhn mit dem Hinterteil über eine offene Bierdose gestülpt und so sechs, sieben Stunden im Backofen geröstet wird. "Sehr aromatisch", sagt Super.
Seine größte Liebe aber sind Chickenwings. Vor dem Super Bowl, dem Endspiel im American Football, ließ Super eigens eine Pressemeldung zu diesem Thema verschicken. "Laut dem ,Wing Report' des National Chicken Council werden während des Super Bowl 1,25 Milliarden Chickenwings gegessen", heißt es da. Und um diese beeindruckende Zahl anschaulicher zu machen, lieferte Super noch einen Vergleich: "Das sind genügend Chickenwings, um 572 Wings auf jeden Sitz in allen 32 Stadien der National Football League zu legen."
An den Wänden von Supers Konferenzraum hängen Schwarz-Weiß-Aufnahmen der großen amerikanischen Hühnerbarone, in Szene gesetzt, als handelte es sich um nationale Berühmtheiten. In den USA werden heute knapp neun Milliarden Hühner pro Jahr zum Verzehr produziert, das entspricht rund 17,5 Millionen Tonnen. Nach einer Krise vor ein paar Jahren zieht die Produktion wieder an. Amerikanische Hühnchen werden in 150 Länder der Welt geliefert. Es könnten noch viel mehr sein, sagt Tom Super, wenn nur die Europäer endlich zur Vernunft kämen. So aber entgingen der amerikanischen Geflügelbranche jedes Jahr rund 600 Millionen Dollar.
Super möchte aufklären, er erzählt deshalb, was wirklich mit den Hühnern geschieht. Seine Hand fährt dafür die einzelnen Stationen des Fließbands auf der Tischplatte ab. Das Huhn hängt also am Haken, Kopf nach unten, Elektroschock, Huhn bewusstlos, Schnitt in die Kehle, Tier blutet aus, heißes Bad, Feder-Rupfmaschine, Kopf und Füße abschneiden, dann die Eingeweide raus. Alles maschinell. Erst jetzt wird das Huhn in gechlortes Wasser getaucht, um die Bakterien zu entfernen. "Und wissen Sie, wie viel Chlor in diesem Wasser ist?"
Super lässt den Zeigefinger vom Daumen schnippen. "So viel wie ein Tropfen in zwei Badewannen." Ein ähnlicher Chlorgehalt befinde sich im Leitungswasser der USA, jenem Wasser, das man in jedem Restaurant ungefragt serviert bekommt.
"Schauen Sie!", sagt Super. Er hat ein paar Dokumente dabei und schiebt das erste über die gewienerte Tischplatte. Ein Bericht der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit aus dem Jahr 2005, Thema: Chlorhühner. "Die schreiben ganz klar: Es gibt keine Bedenken." Super tippt auf die Passage.
Er legt noch mehr Dokumente auf den Tisch, lauter Unbedenklichkeitserklärungen. "In den EU-Staaten wird das alles komplett ignoriert", sagt Super. Die Hoffnung, dass seine Hühner mithilfe von TTIP doch noch nach Europa dürfen, sei nun ebenfalls geschwunden. Er faltet die Hände und zuckt mit den Schultern. Er wirkt jetzt traurig. "Wir sind sehr frustriert."
Den Regierungen in Europa gehe es nicht um die Gesundheit, sondern darum, ihre Märkte zu schützen. Und die Menschen ließen sich leider viel zu leicht verunsichern. Er habe neulich eine Umfrage gesehen, sagt Super. Darin seien die Leute gefragt worden, ob sie Lebensmittel essen würden, die mit "Dihydrogenmonoxid" behandelt wurden. Alle hätten abgelehnt. Dabei verberge sich hinter dem furchteinflößenden Begriff etwas sehr Harmloses: Wasser.
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 16/2015
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