11.04.2015

EssayAllianz der Ignoranten

Solange die ärmsten Länder nicht das Bevölkerungswachstum begrenzen, haben sie kaum eine Entwicklungschance. Von Reiner Klingholz
Das Ziel klang utopisch: Mal eben die Armut auf der Welt halbieren, binnen 25 Jahren! Das Ergebnis ist eine Sensation. Die Mission scheint tatsächlich erfüllt worden zu sein.
Das Erreichen der Millenniumsentwicklungsziele ist deshalb ein Anlass zu feiern - aber auch zu verzweifeln. Denn einerseits handelt es sich um den größten Erfolg, den die Vereinten Nationen je präsentieren konnten. Doch andererseits ist er im Wesentlichen auf die Anstrengungen lateinamerikanischer und ostasiatischer Länder zurückzuführen, vor allem Chinas. In anderen Weltregionen sieht es weitaus schlechter aus, besonders in den am wenigsten entwickelten Ländern, die sich hauptsächlich in Westasien und in Afrika ballen. Sie haben so gut wie keines der Ziele erreicht. Auf den ersten Blick lässt sich dies leicht erklären, handelt es sich doch bei Ländern wie Somalia, Afghanistan oder Eritrea um notorische Krisenherde, wo Bürgerkrieg und Terror herrschen und dysfunktionale Regierungen an der Macht sind.
Doch diese Erklärung greift zu kurz. Einer der größten Feinde des Fortschritts ist das sehr hohe Bevölkerungswachstum in all diesen Ländern. Es macht einzelne Entwicklungserfolge schnell wieder zunichte. So haben es diese Länder extrem schwer, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern. Selbst wenn Schulen gebaut und Lehrer ausgebildet werden, kommen mancherorts mehr Kinder auf die Welt, als unterrichtet werden können. Die Zahl der Menschen wächst schneller als die der Krankenschwestern oder Ärzte. Neue Arbeitsplätze entstehen nicht annähernd in dem Tempo des Bevölkerungswachstums, sodass Abertausende junge Erwachsene von einer sicheren Existenz nur träumen können. In Mali, Uganda oder dem Senegal hat sich zwar der Anteil der Armen halbiert. Doch weil so viele neue Arme hinzugekommen sind, ist die absolute Zahl derer, die von der Hand in den Mund leben, nahezu gleich geblieben. In Niger, dem Land mit dem schnellsten Zuwachs an Menschen weltweit, gibt es heute rund 700 000 mehr extrem Arme als 1990. In dem Land bekommen Frauen im Schnitt mehr als sieben Kinder. Die Lage wird sich weiter verschärfen, denn die nigrische Bevölkerung dürfte sich bis 2050 noch einmal fast vervierfachen. Menschlicher Fortschritt sieht anders aus.
Am stärksten hat sich das Leben der Menschen hingegen überall dort verbessert, wo die Bevölkerung seit der Jahrtausendwende nur noch mäßig gewachsen ist, etwa in China und in Malaysia, in Kirgisien oder Bangladesch, in Mexiko und Brasilien. Seit Langem wissen wir, dass sich ein Land erst dann zu entwickeln beginnt, wenn die hohen Kinderzahlen sinken und weniger Nachwuchs versorgt werden muss; und wenn es gelingt, die letzten geburten-
starken Jahrgänge besser auszubilden, die vielen Menschen in Lohn und Brot zu bringen und so die Wirtschaft anzukurbeln. Nirgendwo auf der Welt gab es je eine Entwicklung, ohne dass sich gleichzeitig das Bevölkerungswachstum verlangsamt hat.

Angesichts dieses klaren Zusammenhangs stellt sich die Frage, warum eine Reduzierung des Bevölkerungswachstums auf ein Niveau, das den Menschen der armen Länder eine faire Entwicklungschance gibt, nie eines der Millenniumsziele war. Alle Probleme der armen Länder ließen sich leichter lösen, wenn der Bevölkerungsdruck abnähme. Doch eine solche Zielsetzung ist bei den Vereinten Nationen nicht durchsetzbar. In der Frage, ob Bevölkerungswachstum gut oder schlecht für die einzelnen Länder oder für den ganzen Planeten ist, lässt sich kein Konsens erzielen. Warum ist das so?
Weil einzelne Staatschefs wie der ugandische Präsident Yoweri Museveni, dessen Zahl der Untertanen sich während seiner Amtszeit bereits verzweieinhalbfacht hat, im Bevölkerungswachstum ein Zeichen von Macht und Stärke sehen. Weil der Vatikan auf Uno-Bevölkerungskonferenzen sogar gegen die Sexualaufklärung Jugendlicher intervenierte, denn diese bahne nur den Weg zu Abtreibungen. Weil die lobbystarken evangelikalen Christen aus Amerika behaupteten, Pille und Kondom gefährdeten das Weiterbestehen der Menschheit. Ihr Einfluss auf die US-Regierung des Republikaners George W. Bush reichte aus, um die Mittel für den Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen jahrelang zu blockieren. Gemeinsam mit den Vertretern konservativer islamischer Länder wie Iran oder Libyen schmiedeten diese Gruppen ebenso überraschende wie unheilige Allianzen, die auf Uno-Gipfeln immer wieder die Thematisierung des Bevölkerungswachstums verhinderten. Unfreiwillig unterstützt wurden sie dabei ausgerechnet von Frauen- und Menschenrechtsgruppen, die argumentierten, Geburtenkontrolle führe zwangsläufig zu unvertretbaren Methoden wie der chinesischen Ein-Kind-Politik oder zu Zwangssterilisationen wie zu Zeiten von Indira Gandhi. Am Ende setzten sich die Gegner jeglicher Geburtenkontrolle stets durch: Im Schlussdokument des Uno-Nachhaltigkeitsgipfels von Johannesburg aus dem Jahr 2002 beispielsweise, in dem es darum geht, wie sich die Menschen künftig den Planeten teilen können, ohne sich dabei selbst zu gefährden, kommt das Wort Bevölkerung nicht ein einziges Mal vor.
Doch längst sind die Ignoranten durch die Wirklichkeit widerlegt worden. Die ärmsten Länder sind stärker von der Entwicklung abgehängt als je zuvor. Andererseits konnten Dutzende Länder ihr Bevölkerungswachstum erheblich verringern, ohne dabei die Menschenrechte zu verletzen. Sie haben die Gesundheitsdienste verbessert und die Kindersterblichkeit gesenkt - die wichtigsten Voraussetzungen dafür, dass sich die Menschen aus freien Stücken für weniger Nachwuchs entscheiden. Die fortschrittlichen Staaten haben auch in Bildung investiert, vor allem in die der Mädchen, sie haben die Gleichberechtigung der Geschlechter vorangetrieben und für ihre junge Bevölkerung Arbeitsplätze geschaffen. Sie haben die aus dem gesellschaftlichen Wandel resultierende Nachfrage nach Mitteln zur Familienplanung befriedigt. Sie haben das Leben ihrer Bürgerinnen und Bürger verbessert - und sind dadurch weniger konfliktanfällig geworden.
Dies ist die beste Nachricht für die betroffenen Länder und für die ganze Welt. Doch in 34 Staaten liegt das Wachstum noch immer so hoch, dass sich die Bevölkerung in den kommenden 35 Jahren mindestens verdoppeln dürfte. Wie sollen diese Länder sich unter solchen Umständen entwickeln? Auch in den Verhandlungen um die "Nachhaltigen Entwicklungsziele", mit denen eine bessere Welt bis zum Jahr 2030 angestrebt werden soll, ist von der Notwendigkeit einer Bevölkerungsbremse keine Rede. Und was nicht auf der Agenda steht, wird keine politische Priorität erfahren. Daher können die ärmsten Länder nicht damit rechnen, dass sie die dafür notwendige finanzielle und technische Unterstützung erhalten. Stattdessen müssen alle Entwicklungsländer zusammengenommen damit rechnen, dass sie über eine Milliarde mehr Menschen zu versorgen haben.
Die Weltgemeinschaft muss endlich begreifen, dass dieses Wachstum kein Segen ist, sondern ein riesiges Problem, weil es vielen Menschen die Möglichkeit auf ein würdiges Leben verbaut. Sie muss die armen Länder dabei unterstützen, das Bevölkerungswachstum gezielt anzugehen. Es ist unerlässlich, in Gesundheit, Bildung und Jobs zu investieren, wie es die Entwicklungsagenda fordert; denn erst wenn diese Ziele erreicht sind, beginnen die Menschen aus eigenem Antrieb, die Größe ihrer Familie zu planen. Aber es muss auch ein Ziel dieser Bemühungen sein, das Bevölkerungswachstum zu verlangsamen, sonst gerät dieses zentrale Entwicklungshemmnis erneut in den Hintergrund.

Gelingt dies alles nicht, wächst die Zahl der Frustrierten, die aus Verzweiflung offen sind für radikale Lösungen selbst ernannter religiöser Führer - die ihrerseits den Zugang zu Bildung und Gleichberechtigung blockieren, weil sie wissen, dass selbstbewusste Frauen und Männer ihren Machtanspruch infrage stellen. Ein ungebremstes Bevölkerungswachstum hält den Horrorkreislauf aus Armut und Gewalt am Laufen. Die aktuellen Nachrichten aus Nigeria, Somalia, Syrien oder dem Jemen zeigen, dass die Gewalt speziell dort außer Kontrolle gerät, wo das Wachstum der jungen Bevölkerung mit schwindenden Chancen einhergeht.
Die Nachrichten bezeugen zudem auf fatal-ironische Weise den Irrsinn der amerikanischen Außen- und Entwicklungspolitik während der Bush-Ära - wie auch die Hilflosigkeit der heutigen Drohnen- und Bombeninterventionen gegen die Terrormilizen IS und Al Schabab. Militärgewalt gegen Terror ist kurzfristig zu rechtfertigen, um Schlimmeres zu verhindern. Aber eine dauerhafte Lösung lässt sich nicht herbeibomben. Die Lösung kann nur Entwicklung heißen, die stets mit einer Verlangsamung des Bevölkerungswachstums einhergeht. Doch das setzt Geduld voraus, mit der Interventionsmächte selten gesegnet sind. Investitionen in Bildung und Gesundheit zahlen sich frühestens in ein, zwei Jahrzehnten aus. Die Vereinten Nationen haben einen langen Atem. Vieles ist innerhalb von 15 Jahren zu schaffen, wenn man es nur will. Die Millenniumsagenda hat dies bewiesen. ■

Klingholz, 61, leitet das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Zusammen mit weiteren Autoren hat er das ambitionierteste Großprojekt der Vereinten Nationen bewertet: die Uno-Entwicklungsagenda. Das Programm umfasst 8 Millenniumsentwicklungsziele sowie 21 Unterziele. Bis zum Jahr 2015 sollten diese erreicht werden - und den Weg in eine bessere Welt weisen, von der Garantie einer Grundschulbildung für alle Kinder bis zu einer "Vollbeschäftigung in ehrbarer Arbeit für alle". Die Studie, die am Montag in Washington vorgestellt wird, hat insbesondere untersucht, welchen Einfluss die demografische Entwicklung auf das Erreichen der Millenniumsziele hat(*).

Dutzende Staaten verringerten ihr Bevölkerungswachstum und wurden so weniger konfliktanfällig.
Von Reiner Klingholz

DER SPIEGEL 16/2015
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