11.04.2015

Berliner Stadtschloss„Eine Menschheitsidee“

Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp, 67, über seine Berufung in die Intendanz des Humboldt-Forums und über den Briten Neil MacGregor als Leiter des neuen Gremiums
SPIEGEL: Herr Professor Bredekamp, Sie gelten als Miterfinder der Personalie MacGregor. Warum muss ein Schotte das Berliner Schloss retten?
Bredekamp: Wie eine Reihe anderer Beteiligter halte ich ihn für die herausragende Gestalt im Museumswesen weltweit. Als Chef des British Museum hat er London zu einem führenden Ort der Museologie gemacht, mit gewaltigem Publikumserfolg. Seine Ausstellung über die Geschichte Deutschlands war von einem Wagemut, den im deutschen Sprachraum niemand aufgebracht hätte.
SPIEGEL: Die Begeisterung für den Schlossbau ist flau, Spenden fließen langsam. Die Architektur ist ein fragwürdiger Mix aus Alt und Neu.
Bredekamp: Die Begeisterung war riesig in den Neunzigern und noch bis in unser Jahrhundert hinein. Dann gab es eine Gegenentwicklung, die ein Desaster war. Aber im Moment ist überdeutlich zu spüren, dass eine neue Empathie entsteht. Ich selbst war ursprünglich für einen modernen Bau, aber es gibt Gründe für die Rekonstruktion. Der Ort gewinnt durch das Schloss an Proportion. Allein die Idee, durch die beiden Höfe einen Weg zu legen, der Tag und Nacht geöffnet sein wird, ist eine großartige Brechung.
SPIEGEL: Ist es nicht die falsche Reihenfolge, zuerst den Wiederaufbau zu beschließen und danach die Nutzung?
Bredekamp: Die echte Form des Schlosses, seine Aufteilung, wurde erst festgelegt, nachdem 2001 die Akteure feststanden.
SPIEGEL: Einziehen werden das Ethnologische Museum, das Museum für Asiatische Kunst und die wissenschaftlichen Sammlungen der Humboldt-Universität. Der Regierende Bürgermeister möchte Berlin als Weltstadt darstellen lassen. Wie soll Ihr Gremium dieses Mehrspartenhaus noch sinnvoll prägen?
Bredekamp: Es wird genügend Spielraum geben. Im Grundsatz wurde vor Jahren entschieden, etwas zu tun, was es so noch nicht gibt: die außereuropäischen Sammlungen auf den kostbarsten Platz einer europäischen Hauptstadt zu bringen. Diese Idee, die Wiederbelebung der Kunstkammer, ist logisch und mitreißend. Eine Menschheitsidee!
SPIEGEL: Das alles ist gut gemeint. Wird das Haus aber auch gut besucht sein?
Bredekamp: Wir werden die Werke in höchster Verehrung präsentieren und das Schloss zum Denklabor für die Zukunft machen. Schon die Gebrüder Humboldt standen für Witz, auch für Wertschätzung gegenüber anderen Kulturen.
SPIEGEL: Die Intendanten - Neil MacGregor, Sie und Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz - sind nur für zwei Jahre berufen.
Bredekamp: Das ist sinnvoll, die Konstruktion muss sich beweisen. Verlängerungen sind aber beim Einverständnis aller nicht ausgeschlossen.
Von Uk

DER SPIEGEL 16/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 16/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Berliner Stadtschloss:
„Eine Menschheitsidee“

  • Dokumentarfilm "Warsaw - A City Divided": Bisher unbekannte Filmaufnahmen aus dem Warschauer Ghetto
  • Weltraumschrott: Aufräumen in der Umlaufbahn
  • Digitale Forensik: Wie der SPIEGEL das Strache-Video überprüft hat
  • Webvideos der Woche: Einfach umgedreht