11.04.2015

Elke Schmitter Besser weiß ich es nichtEdle Wilde

In seiner unterhaltsamen Ethnologenpistole "Das glücklichste Volk" berichtet Daniel Everett, 63, von seinen Jahren bei den Pirahã allerlei Wundersames. Ursprünglich war der Missionar und Linguist mit seiner Frau und drei kleinen Kindern 1978 in den brasilianischen Urwald gereist, um den Indianern am Amazonas die christliche Heilslehre nahezubringen.
Da nur wenige dieses Völkchens von einigen Hundert ein rudimentäres Portugiesisch sprachen, stand vor der Rettung verlorener Seelen der Spracherwerb; zur Vertrauensgewinnung war es zudem erforderlich, sich, soweit einem Amerikaner möglich, der archaischen Lebensweise anzupassen. Dazu gehörten die Jagd mit Pfeil und Bogen, die Toleranz gegenüber Moskitos und die unerwartete Frustration, hier auf eine Gruppe von Menschen zu treffen, die eine Erleichterung ihres harten Lebens nur dann willkommen heißt, wenn sie sich gratis vollzieht.
Hilfe zur Selbsthilfe lehnen die Pirahã, Everetts Darstellung nach, mit Entschiedenheit und Würde ab. Sie lernen trotz geduldiger Unterrichtung partout nicht zu zählen - die Unterscheidung zwischen wenig und mehr scheint ihnen zu genügen - , und sie weigern sich, ein schnelleres und stabileres Kanu zu bauen, selbst wenn sie darin erfolgreich unterwiesen wurden. Ihr Argument: Pirahã "bauen keine Kanus". Sie leihen sie sich allerdings, wenn sie dazu Gelegenheit haben. Sie lassen sich auch mit Medikamenten behandeln, aber sie wollen nicht wissen, wie und warum sie wirken. Sie hören gern Geschichten von fremden Ländern und Sitten, doch sie nehmen sie als folgenlose Unterhaltung. Kurz: Sie wollen bleiben, wer sie sind.
Mit seiner Exklusiv-Expedition - niemand kam den Pirahã bisher näher - steht Everett in würdiger Nachfolge der legendären Ethnologinnen Margaret Mead und Jean Liedloff, die, gleich ihm, selbstgenügsame und darin höchst attraktive Kulturen in Samoa, Neuguinea und Venezuela für sich entdeckt und beschrieben hatten und dafür gefeiert wurden. Die westliche Begeisterung für alternative Lebensformen traf hier zusammen mit der Faszination unberührter Gesellschaften, die offenbar ganz ungequält von der Frage sind, ob ihre sozialen und technischen Standards verbesserungswürdig sein könnten.
Auch ich habe eine unwillkürliche Zärtlichkeit für archaische Kulturen; der Topos des edlen Wilden, dessen traditionelle Lebensweise nur um den Preis moralischer Nichtswürdigkeit gestört werden kann, leuchtet mir unmittelbar ein. Alle Spielarten des Menschlichen sollen bewahrt werden - aus Respekt, aber auch, weil sie Ressourcenspeicher des menschlichen Lebens sind, eine Art soziale Genbank. Aber wehe, ein bayerisches Dorf oder eine sorbische Volkstanzgruppe verweigert sich der Modernisierung, wehe, es gibt Einwände gegen den Bau einer Moschee: Da bin ich gleich auf den republikanischen Barrikaden. Warum eigentlich?
An dieser Stelle schreiben Elke Schmitter und Claudia Voigt im Wechsel.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 16/2015
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