11.04.2015

KomikerShoppen, Sex, Revolution

Der britische Entertainer Russell Brand hat mit Talent und Skandalen Karriere gemacht und schlitterte von einer Sucht zur nächsten. Nun kämpft er für den politischen Umsturz. Von Thomas Hüetlin
Das Hotelzimmer, in dem Russell Brand verkündet, dass die Weltrevolution schnell und ohne Kompromisse stattfinden müsse, kostet 410 Pfund pro Nacht. Das sind rund 560 Euro. Vor dem Hotel wartet sein Chauffeur, ein Mann aus Zypern, der auf den Namen Mick hört, in einem schwarzen Mercedes.
Sein Chauffeur, sein Haus, sein Vermögen, von dem Brand behauptet, es sei so umfangreich, dass ihn niemand mehr in seinem Leben dazu zwingen könne, einer Arbeit nachzugehen, das alles könnte verschwinden, wenn der Aufstand endlich käme.
"Ich hänge nicht an irgendwelchen Dingen", sagt Brand. Er blickt auf seine maßgefertigte schwarze Lederhose und seine gelben Converse-Turnschuhe. Nein, auch solche Errungenschaften dürfen einer besseren Welt nicht im Weg stehen. Also weg damit, wenn es nur endlich knallt.
Brand, 39, ist einer der bekanntesten Comedians in Großbritannien und Amerika, aber das mit dem Umsturz meint er todernst. Er sei bereit, für sein Anliegen zu sterben, sagt Brand. Wahrscheinlich geht das nur in England, dass aus einem Comedian plötzlich ein radikaler Weltveränderer werden darf. Am 12. September 2001 kam Brand als Osama Bin Laden verkleidet in seinen Fernsehsender und wurde gefeuert. Später zog er nach Los Angeles, wo er in ein paar Komödien mitspielte und die Popsängerin Katy Perry heiratete, sich allerdings nach 14 Monaten schon wieder scheiden ließ. Nun also hat er ein Buch geschrieben, das "Revolution. Anleitung für eine neue Weltordnung" heißt(*).
Natürlich ist Brand eine Nervensäge und auch von einer kaum erträglichen Selbstverliebtheit, aber er hat Talent. Er ist schnell, schlagfertig und von einer höflichen Distinguiertheit, die seinen Spott
zusätzlich vergiftet. Brands Sätze klingen oft so, als hätte er seinen Tee nachmittags im Salon von Jane Austen getrunken. Seine kajalgerahmten Augen und seine Locken erinnern an die verstorbene Amy Winehouse.
Mit diesem Mann ist zu spaßen, aber zu seinen Bedingungen. Im Oktober 2013 war er zu Gast in der Sendung "Newsnight" von Jeremy Paxman, einem der bekanntesten Fernsehjournalisten Großbritanniens. Brand erklärte ihm, warum er demokratische Wahlen für sinnlos halte und er noch nie gewählt habe. Der Anchorman entgegnete ihm, dass man die Möglichkeiten der Demokratie als Bürger zu nutzen habe. Brands Konter: "Langweilt Sie das nicht? Langweilt es Sie nicht mehr als jeden anderen? Sprechen Sie nicht ständig mit den gewählten Politikern, hören ihre Lügen, ihren Nonsense? Und immer wieder geht es nur darum, dass ein Politiker weg ist und ein neuer kommt, sich aber nichts ändert. Warum helfen wir dabei, diese Fassade aufrechtzuerhalten?"
Fast elf Millionen Mal wurde das Interview auf YouTube geklickt. Auf Twitter folgen Brand inzwischen rund zehnmal so viele Menschen wie Premierminister David Cameron. In seiner Internetsendung "The Trews" verhöhnt er täglich die Medien dieser Welt, aufgenommen wird sie zu Hause in seinem Bett. Die Redaktion besteht aus einem Producer, einem Kameramann und Brand selbst. In einem zum stoischen Pragmatismus neigenden Land ist Brand eine Art Wutkomiker, eine Symbolfigur der Unzufriedenheit.
Die Folgen der Finanzkrise, dramatische Einsparungen der Gemeinden, die Erhöhung der Studiengebühren auf bis zu 9000 Pfund pro Jahr und die Explosion der Immobilienpreise, die junge Menschen in Scharen aus London vertreibt, weil eine kleine Wohnung mehr als eine Million Pfund kostet: Es gibt nicht wenige Briten, die sich fragen, was das alles soll. Brand ist der Mann, der sagt: Schluss damit. Umsturz. Etwas Besseres als den Status quo finden wir allemal.
Zündet NikeTown an! Killt Konzerne wie Monsanto oder Philip Morris! Befreit euch von Apple, dem vielleicht trickreichsten Unterdrücker unserer Zeit, und dessen digitalen Spiegeln des Cyber-Narzissmus. "Spürst du diese Leere in dir, wenn du durch die Straßen läufst? ... Wenn du dein Handy checkst, wenn du die Mailbox checkst, wenn du sicherstellen willst, dass du nicht ganz allein bist, dass du nicht ganz allein stirbst?"
Er prahlt damit, Berühmtheiten der neuen Linken wie David Graeber oder Thomas Piketty in seiner Wohnung zu empfangen. Seht her: Die beiden großen Meister waren bei mir zu Hause, und wir sind einer Meinung. Revolution, jetzt.
Tatsächlich aber ist Brands Buch eher eine Art holpriger Bildungsroman als ein neues "Kommunistisches Manifest". Es erzählt von der Heilssuche eines dicklichen Jungen aus der Vorstadt, eines Außenseiters, der glaubte, der Weg zum Glück sei mit den Verheißungen des Kapitalismus gepflastert: Geld, Sex, Drogen, Applaus, Ruhm, Scheinwerferlicht, enge Lederhosen und Stiefel von Dior. Nicht froh wurde er damit, nur abhängig. Die Geschichte eines Junkies, der von einer Sucht zur nächsten schlitterte.
Auch das ist England 2015: In kaum einem Land Europas sind die Kreditkartenschulden so hoch. Es ist ein Land, in dem der superprivilegiert aufgewachsene Premierminister einen Hotdog mit Messer und Gabel isst. Ein Land, in dem die Medien sich vor allem damit beschäftigen, die Angehörigen jener Klasse, die sie selbst zu Berühmtheiten gemacht haben, auszuleuchten und abzuhören. "Ich habe", sagt Brand, "die Mythen unserer Zeit gelebt: dass das Individuum wichtig ist, dass Macht und Ruhm wichtig sind, dass Berühmtsein wichtig ist, dass Selbstverherrlichung die Antwort ist. Ich bin dieser Doktrin gefolgt, ich habe ihre Ethik erfüllt, ich wurde nicht glücklich damit. Es hat nicht funktioniert."
Brand wuchs mit einem Fernseher und seiner Großmutter in Essex auf. Der Vater suchte das Weite, die Mutter erkrankte dreimal an Krebs. Brands erste Sucht war Schokolade, seine zweite hieß Lakeside, ein Shoppingcenter vor der Stadt. Dort verbrachte er seine Nachmittage, er hatte Bulimie, war Fan von The Smiths und wollte irgendwie dazugehören.
Die Tagträumereien von CDs, Schuhen oder Gürteln gaben ihm ein warmes Gefühl. Das hielt nie lange, aber das Lakeside gefiel ihm immer noch besser als sein Zuhause oder die Schule. Bald nahm er weiche Drogen, gleichzeitig träumte er davon, als Schauspieler berühmt zu werden.
Er war 17, als sich sein Vater wieder meldete. Die beiden fuhren in den Urlaub nach Thailand, der Vater bestellte Prostituierte aufs gemeinsame Zimmer. "Hast du ein Kondom benutzt?", fragte der Vater am nächsten Morgen. "Nein, Dad, habe ich nicht", antwortete der Sohn. "Hättest du tun sollen", sagte der Vater. Es waren die ersten sexuellen Erfahrungen des Sohns. Brand wurde süchtig nach käuflichem Sex.
Als Moderator bei MTV verdiente Brand im Jahr 2000 zum ersten Mal ansehnliche Beträge, die er in Heroin investierte. Heroin war im Londoner Stadtteil Camden die Droge der Zeit, wieder einmal. Amy Winehouse und Pete Doherty wurden Junkies, und Brand glaubte dazuzugehören. Die Wärme und Behaglichkeit des Shoppingcenters war wieder da. Nur besser, voller, knalliger. Er war auf Crack, als er sich am 12. September 2001, einen Tag nach den Anschlägen in New York, als Osama Bin Laden verkleidete. Für jeden Job, den er verlor, fand sich schnell ein neuer.
Es folgten Therapien. Gruppensitzungen bei den Anonymen Alkoholikern, bei den Anonymen Narkotikern, ein Aufenthalt in einer Entzugsklinik und in einem Therapiezentrum für Sexsüchtige in Philadelphia, USA.
Er begann, Listen anzulegen, wie er sein Leben ändern will: "Eine bemerkenswerte, schöne, intellektuell gleichwertige, mächtige, sexy Frau finden. Kinder haben", notiert er als einen Punkt auf seiner To-do-Liste. Auf einer anderen notierte er unter dem Titel "Arbeit, Karriere": "So erfolgreich wie möglich werden ... Mein Ego kontrollieren und meine Lust nach mehr Macht."
Mit Yoga und Meditation versuchte er, sein Leben in den Griff zu bekommen, aber mit dem Geld kamen immer neue Versuchungen. Statt bei Prostituierten konnte er nun bei Glamourgirls wie Kate Moss oder Sadie Frost landen. In seiner BBC-Radiosendung rief er zusammen mit Co-Moderator Jonathan Ross beim Schauspieler Andrew Sachs an und sprach ihm auf den Anrufbeantworter. Ross brüllte dazwischen, dass Brand mit dessen Enkelin geschlafen habe. Ross und Brand beratschlagten live in der Sendung, ob es ein Fehler sei, auf den Anrufbeantworter gesprochen zu haben. Sie klingelten noch dreimal durch. Ein Riesenskandal, Brand kündigte ein paar Tage später.
Brand landete nicht in der Gosse, sondern in Hollywood. Der Schauspieler Adam Sandler, ein Freund, besorgte ihm eine Rolle, bei den MTV Video Music Awards nannte Brand den damals amtierenden US-Präsidenten George W. Bush einen "schwachsinnigen Cowboy", schließlich heiratete er nach hinduistischem Ritual am Rande eines indischen Nationalparks und unter Ausschluss der Öffentlichkeit die Popsängerin Katy Perry. Als George Clooney nach dem Erdbeben in Haiti die Stars von Hollywood zu einer opulenten Spendengala versammelte, gehörte auch Russell Brand zu den Eingeladenen. In Brands Weltordnung von Glamour, Geld und Ruhm war er ganz oben angekommen.
"Ich habe mitgemacht, weil so viele berühmte Leute dort waren", sagt Brand. "Armes Haiti, aber wow, wie cool, sich mit Prominenten zeigen zu können. Der Glamour war der einzige Grund, warum ich dort war."
Je länger die Veranstaltung dauerte, desto gespenstischer kam sie ihm vor. Er hielt sie für verlogen und sich selbst für einen Heuchler. "Philanthropie und Wohltätigkeit sind die PR-Abteilung des Kapitalismus", sagt Brand. Auch mit seiner Ehe ging es schnell bergab. 14 Monate. Sogar für Los Angeles war das ziemlich kurz.
Brand muss jetzt los. Er hat heute Abend noch einen Auftritt in einem Gemeindezentrum im Osten der Hauptstadt. Zehn Pfund Eintritt nur. Die Erlöse seines Buchs hat er für ein Café-Projekt mit Ex-Junkies gespendet. Er lässt sich den Umsturz etwas kosten.
Brand steigt die Treppe zur Schlafetage der Suite hinauf, betrachtet das Bett und sagt: "Hier sollte man eigentlich Sexpartys feiern." Das Boulevardblatt "The Sun" hat ihm drei Jahre hintereinander den "Shagger of the Year Award" als Frauenheld des Jahres verliehen. Vorbei, sagt er. Meditieren und Yoga und gute Gespräche, daraus bestünden jetzt seine Abende. Das Ausgehen mit seinen Versuchungen ist für einen Suchtgefährdeten wie ihn kein Spaß mehr. Er muss aufpassen.
Bleibt also der letzte Thrill - die Revolution. Aber bitte ohne dicke Bücher, wie sie David Graeber und Thomas Piketty geschrieben haben, Bücher, die er, wie er sagt, "nicht gelesen hat". Und auch lieber ohne diese Veranstaltungen, wo sich Menschen so lange und kompliziert zu Wort melden, dass er sie " gern töten würde".
Brand ist niemand, der es bei den Grünen auch nur eine halbe Stunde aushalten würde. Er sieht sich eher in der Tradition französischer Situationisten oder Punks wie Malcolm McLaren oder Vivienne Westwood. Wer sagt denn, dass alles, was wir für normal und unveränderlich halten, nicht nur eine Möglichkeit ist, die Welt zu sehen?
Für einen Menschen wie Russell Brand ist die Revolution perfekt: Es ist eine Bühne zur Selbstdarstellung, zur Angeberei, aber immerhin im Dienste der Gemeinschaft. Revolution ist für ihn Therapie und Chance, im Karussell des Ruhms auch weiterhin einen der besseren Plätze zu besetzen. Brand hat als Comedian einen Sinn für verwegene Pointen, aber die nationale Krankenversicherung sollte man ihn möglicherweise nicht organisieren lassen.
Abends im Gemeindezentrum ist der Laden schnell voll. Brand trägt ein schwarzes T-Shirt, das einzige Requisit auf der Bühne ist ein Mikrofon, es ist seine Waffe, mit der er 90 Minuten lang rumballert.
Ein begnadeter und gnadenloser Populist. Wenn die Menge johlt, macht er kurzen Prozess. Londons neoliberal-konservativer Bürgermeister Boris Johnson? Peng. Nigel Farage, Anführer der Anti-Europa-Partei Ukip? Am besten eine Herzattacke.
Am Ende dürfen Fragen gestellt werden. Eine junge Frau mit blauen Haaren erhebt sich. Ihr Vermieter habe die Miete auf 1000 Pfund pro Woche verdoppelt. Sie könne nicht zahlen. Nun sei die Räumungsklage da. Was solle sie tun?
Brand überlegt keine Sekunde. Lange Pausen sind schlecht für die Revolution. Er rät der Frau, die Adresse des Vermieters ausfindig zu machen, ihre Sachen zu packen und in den Garten ihres Peinigers zu ziehen. Irgendwo müsse sie ja wohnen. Die Frau mit den blauen Haaren bedankt sich. Die einen campen im Garten des Klassenfeinds. Die anderen mieten Hotelzimmer für 560 Euro am Tag. Es ist ein langer Weg.
* Russell Brand: "Revolution. Anleitung für eine neue Weltordnung". Verlag Heyne Hardcore, München; 480 Seiten; 22,99 Euro. Erscheint am 14. April.
Von Thomas Hüetlin

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