11.04.2015

Altertümer„Jede Scherbe muss zurück“

Ägyptens Antikenminister Mamdouh Eldamaty über Zerstörungen durch den „Islamischen Staat“ und über Raubgrabungen in seinem Land
Der Archäologe Eldamaty, 53, ist seit 2014 Minister für Antiken und Kulturgut in Ägypten. Im Berliner Bode-Museum hat er gerade die Ausstellung "Ein Gott - Abrahams Erben am Nil" mit eröffnet. Sie zeigt religiöse und alltägliche Gegenstände aus Ägypten vor dem 13. Jahrhundert und soll später auch im British Museum in London zu sehen sein.
SPIEGEL: Herr Minister, warum sind Sie eigens zur Eröffnung der Schau angereist?
Eldamaty: Diese Ausstellung hat für uns eine große Bedeutung. Ägypten wird hier so dargestellt, wie wir es sehen: als ein Land, dessen Geschichte vorwiegend von Frieden geprägt ist. Diese Artefakte gehörten einst Juden, Christen oder Muslimen, und sie zeigen, dass es ein Miteinander gab. Menschen können zwar unterschiedliche Religionen praktizieren, aber im Alltag pflegen sie dennoch die gleichen Sitten. Völker bilden sich eben nicht durch Religionszugehörigkeiten, es ist etwas anderes, was Menschen verbindet. Konflikte entstehen erst, wenn der Glaube nicht mehr nur eine private Angelegenheit ist.
SPIEGEL: Der "Islamische Staat" walzt in Syrien und im Irak die wichtigsten Altertümer des Orients nieder. Die Bestände der Bibliothek und des Museums von Mossul, die antike Stadt Nimrud, die Ruinen von Hatra - alles scheint verloren.
Eldamaty: Ich glaube sogar, dass diese Zerstörungen viel weitreichender sind, als wir derzeit wissen.
SPIEGEL: Sie werden verübt im Namen einer Religion.
Eldamaty: Das alles hat mit Religion oder Glauben nichts zu tun, und diese Organisation repräsentiert ganz sicher nicht den Islam. Die gesamte Welt ist in der Pflicht, diese Terroristen aufzuhalten. Die Aufgabe von Leuten wie uns, die wir die Kultur vertreten, ist es, solche Ausstellungen zu ermöglichen wie die in Berlin.
SPIEGEL: Der Bildersturm ist nur das Begleitprogramm zu Mord und Folter. Doch wirkt gerade er auch wie eine Form von Selbsthass: Diese Leute löschen ihre eigene Geschichte aus.
Eldamaty: Im Orient entstand die Welt, so wie wir alle sie kennen. Dort ist unser Ursprung. Viele Monumente zeugen von der besonderen Bedeutung, vielleicht sind es sogar zu viele.
SPIEGEL: Wie meinen Sie das?
Eldamaty: Gebiete wie das, auf dem sich der heutige Irak befindet, wurden wegen der prachtvollen Stätten und Bauten schon früh zu einem bevorzugten Ziel. Schon als die Mongolen im 13. Jahrhundert in Bagdad einfielen, vernichteten sie dort die wichtigste Bibliothek der damaligen Welt. Nun wird der Menschheit wieder ein wichtiger Baustein ihrer Identität geraubt. Eines ist klar: Jede Scherbe muss gerettet werden und dorthin zurück, wo sie gestohlen wurde. Noch einmal: Es geht nicht um Religion. Es geht um Macht, auch um Geld.
SPIEGEL: Vieles, was geplündert wurde, landet im internationalen Handel.
Eldamaty: Und alle kassieren mit, denn es ist leider ein lohnendes Geschäft. Jeder weiß, was Geldwäsche ist, es gibt aber auch seit Langem eine Altertümerwäsche, und es sollte ein wichtiges Anliegen aller Staaten sein, sie zu verhindern. In den meisten Ländern, in denen mit alten Kulturgütern gehandelt wird, fehlen wirksame Gesetze. In diesen Zeiten brauchten wir eigentlich Ausnahmeregelungen, die schneller greifen.
SPIEGEL: Stimmt es, dass nach der ägyptischen Revolution 2011 besonders viele geraubte Objekte außer Landes gebracht wurden?
Eldamaty: Schon vorher wurden Altertümer geschmuggelt. Aber wir vermuten, dass sich die Menge anschließend verdoppelt hat. Es geht um Tausende Artefakte. Einiges wurde aus Museumsdepots gestohlen, vieles stammt aus Raubgrabungen. Dahinter stecken organisierte Banden, manchmal auch Privatleute. Manche graben einfach nur unter ihren Häusern.
SPIEGEL: Könnten Funde mit großem Wert für die Forschung darunter sein?
Eldamaty: Im Grunde ist jedes Stück unersetzlich. Wir hoffen, diese Raubgrabungen mehr und mehr eindämmen zu können. In den ersten Jahren nach der Revolution war das fast undenkbar, die Polizei hatte nicht genügend Leute, wir hatten in jeder Hinsicht Probleme mit der Sicherheit. Jetzt gibt es immerhin eine Sondereinheit, die auch illegale Grabungen aufspürt. In den vergangenen sechs Monaten sind 76 verbotene Grabungsstellen gefunden worden.
SPIEGEL: Auch in Deutschland tauchen regelmäßig Objekte auf. Wer sind generell die typischen Abnehmer?
Eldamaty: Das sind Verrückte, Menschen in den USA, in Europa, aber auch in Asien, eigentlich überall. Nicht alles aber, was sie erwerben, dürfte echt sein.
SPIEGEL: Viele Urlauber trauen sich noch nicht ins Land. Was bedeutet das für Ihre Behörde?
Eldamaty: Unser Ministerium finanziert sich zu weiten Teilen durch den Verkauf von Eintrittskarten. Bleiben die Besucher aus, habe ich kein Geld. Viele Projekte mussten gestoppt werden, darunter Sanierungsvorhaben, auch die wissenschaftliche und touristische Weiterentwicklung bestimmter Stätten. Aber wir tun unser Bestes, damit wir erst einmal die Restaurierungen wieder aufnehmen können. Und wir erwarten auch, dass sich der Kulturtourismus vom Herbst an erholt.
SPIEGEL: Zahi Hawass, der frühere Leiter der Antikenverwaltung, forderte vor einigen Jahren die Nofretete-Büste aus Berlin zurück. Wollen Sie das Begehren erneuern?
Eldamaty: Ich sehe das nicht als das für mich persönlich dringendste Problem an. Wir haben jetzt andere Probleme zu lösen.
SPIEGEL: Sie schließen eine spätere Rückforderung nicht aus?
Eldamaty: Zu diesem Zeitpunkt sollte das kein Thema sein.
Interview: Ulrike Knöfel
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 16/2015
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