11.04.2015

BuchkritikKarriereknick zu zweit

Kristine Bilkau schickt in ihrem Debütroman „Die Glücklichen“ eine hippe Kleinfamilie in den sozialen Abstieg.
Als sie das Kinderzimmer neu streicht, entdeckt die Heldin dieses Buchs in ihrer Wohnung, die irgendwo in einem bei jungen Menschen beliebten Altbauviertel liegt, einen vergessenen Tresor, der hinter der Tapete verborgen war. Die Tresortür lässt sich nicht öffnen, weil nirgends ein Schlüssel zu finden ist. Rund um das Schlüsselloch sieht man deshalb "viele zerschrammte Löcher, dicht nebeneinander, wie von einer Bohrmaschine", Spuren von gescheiterten Tresorknackern, "die es offenbar nur halb durch die Metallschicht geschafft haben". Die Heldin staunt und "spürt eine leise Aufregung".
Kristine Bilkaus Roman "Die Glücklichen" erzählt die Geschichte eines nicht mehr ganz jungen Paares, das sich scheinbar wohlig in einer Kleinfamilienexistenz eingerichtet hat. Isabell und Georg, sie Mitte dreißig, er ein paar Jahre älter, wohnen mit ihrem bald zweijährigen Sohn Matti zur Miete. Die Eltern verdienen ordentlich Geld in halbwegs anerkannten Berufen, sie als Musikerin, er als Zeitungsredakteur. Und sie leben so gesund und verantwortungsvoll, dass sie sogar eine Probe ihres Leitungswassers ans Wasserwerk schicken, damit sich bloß keiner aus dem Familien-Kleeblatt an einer möglichen Bleifracht aus dem Küchenwasserhahn vergiftet. Aus dem Wasserwerk heißt es: kein Grund zur Sorge.
Dann aber verlieren Isabell und Georg praktisch zeitgleich ihren Job. Isabell, die in einem alternativen Musical-Theater das Cello schrummt, obwohl sie ihrer Meinung nach "eigentlich längst in einem Sinfonieorchester spielen" sollte, muss wegen eines nervösen Zitterns in den Fingern eine Auszeit nehmen. Georg, der "eigentlich in der Welt unterwegs sein und wichtige Reportagen schreiben" wollte, muss den Schreibtisch räumen, an dem er vor allem öde Lokalberichte freier Mitarbeiter redigiert hat. Die Medienkrise. "Wie gut hatten die alten Kollegen es noch", klagt der Held, als er entlassen wird. "Sie strahlten diese Sicherheit aus, den richtigen Job gewählt zu haben."
Das allmähliche Hinabgleiten eines einst wohlhabenden Familienverbands in den Ruin ist spätestens seit den "Buddenbrooks" ein hochbeliebtes Motiv der deutschen Romanliteratur. Die Autorin Bilkau bringt es in schöner Anschaulichkeit auf den neuesten Stand. In nüchternen, manchmal vorsichtig elegischen Sätzen schildert sie, wie die Kleinfamilie klarzukommen versucht mit dem Absturz ins kreative Prekariat; wobei es zu den Kunststücken des Romans gehört, wie beiläufig Bilkau hin- und herwechselt zwischen Isabells Sicht auf die Dinge und der Perspektive des tapferen Georg.
Gerade noch war das Leben eine "Rallye" um die Kinderbetreuung, in der sich die arbeitenden Eltern die Klinke und ihr Einzelkind in die Hand drückten. Nun hat man plötzlich jede Menge Zeit, kocht aus Sparsamkeitsgründen viel zu oft das gleiche Gemüsegericht und lässt sich in Vorstellungsgesprächen für eigentlich indiskutabel schlecht bezahlte Jobs irgendwo in der scheußlichsten Provinz demütigen. Und natürlich gibt es Streit: Nie und nimmer wolle sie in die Kleinstadtödnis zurück, in der sie aufgewachsen sei, wütet Isabell.
"Dumm sein und Arbeit haben: Das ist das Glück", hat der große deutsche Dichter und noch größere Zyniker Gottfried Benn einmal geschrieben. Isabell und Georg aber sind zu klug und zu empfindsam, um sich einzufinden in eine Armutsexistenz im Nirgendwo, sie klammern sich fest an dem Großstadtleben, in dem sie einst zwei glückliche Figuren abgegeben haben. Daraus entstehen die Komik und der sanfte Grusel dieses Buchs. Es hat in jüngster Zeit ein paar Romane gegeben, die amüsant und traurig vom Scheitern im Milieu des kreativen und publizistischen Prekariats erzählten, Rafael Horzons "Das weiße Buch" aus dem Jahr 2010 zum Beispiel, aber auch "Möbelhaus", das vor ein paar Monaten unter dem Pseudonym Robert Kisch erschienen ist.
Was diese Bücher mit den "Glücklichen" gemein haben, ist die sonderbare Melancholie einer Generation von angeblich oder tatsächlich zu spät Geborenen: Er sei nicht bloß ein chancenloser Spätling in seinem Beruf, bedauert sich Georg, sondern auch ein schrecklich alter Vater und ein ökonomischer Verlierer, zu spät angetreten, "um etwas Bleibendes aufzubauen. Eine Immobilie anzuschaffen. Wohnen, Mieten, Kaufen. Die Zeiten der vernünftigen Preise sind vorbei und werden nicht wiederkommen".
Es gibt einige verblüffende Wendungen im Roman von Kristine Bilkau, 40, die selbst mal als Printjournalistin gearbeitet hat, unter anderem für das Wirtschaftsmagazin "Capital": eine Schlägerei unter Musikern, Georgs Flirt mit einer süßen Land-Ökoschlampe namens Maud. Am verblüffendsten aber ist das Schicksal des Tresors in Mattis Kinderzimmer. Auf den geht Papa Georg irgendwann mit schwerem Bohrgerät los. "Er spürt, wie Wut ihn ihm hochkommt. Auf das harte Metall, auf dieses Zimmer, auf alle Träume unter diesen Dächern. Er brüllt mit aller Kraft in das Heulen der Maschine." Und am Ende stellt Georg fest: Er ist "keinen Millimeter weitergekommen".
Luchterhand Literaturverlag, München; 304 Seiten; 19,99 Euro.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 16/2015
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