17.05.1999

Spiegel des 20. JahrhundertsDer brave Bürger als Revolutionär

AUS DEM SPIEGEL VOM 11. DEZEMBER 1967
Die bleiche Stirn vom nachtschwarzen Schopf überflattert, das Kinn von Stoppeln verschattet, die dunklen Augen unter buschigen Brauen ekstatisch entflammt, den tief in die hageren Wangen eingekerbten Mund aufgerissen zu angestrengter Artikulation: Rudi Dutschke, redend. Die Revolution trägt Pullover, grob die Masche, grell das Muster. Farbige Streifen über Brust und Bizeps künden vom Querliegen des Rebellen. Die Ärmel sind hochgekrempelt in Pack-an-Manier. Der Oberkörper pendelt, die Rede skandierend, vor und zurück. Die Faust liegt, Daumen emporgereckt, geballt auf dem Tisch. Die Unterarme sind raumgreifend abgewinkelt, wie es die Choreographie einer Arbeiterkantate verlangt. Da ist nichts an Rudi Dutschke, was nicht dem Bild des braven Bürgers vom Revolutionär entspräche. Und wenn er von Revolution spricht, ist sein Antlitz düster-schreiender Protest. Doch der 27jährige Soziologiestudent an der Berliner Freien Universität schreit nicht, brüllt nicht. Er spricht eher angestrengt einförmig - eine narkotisierende Litanei, wären die herausfordernden Gedanken nicht. Seine Sprechweise ist künstlich und verrät mühselige Arbeit an der Zunge, Arbeit an sich selbst. Überscharf betont er die Konsonanten, übermäßig dehnt er die Vokale: "Iiich deeenkee." Was Dutschke denkt, ist "Revolution", "Konterrevolution", "Obstruktion", "Produktion", "Reproduktion", "Subsumtion", "Integration", "Transformation", "Abstraktion", "Repression", "Manifestation", "Manipulation". Seine Auftritte, eine Mischung aus erdigem Proletentum und hochgestochenem Soziologenseminar, locken Tausende von Studenten in die Hörsäle. Auch der geistig regere Teil der Gesellschaft, die Dutschke umkrempeln möchte, eilt herbei, das Phänomen mit dem Opernglas zu beäugen. Ebenso fasziniert wie irritiert verspüren die Zuschauer den Anhauch eines demagogischen Talents.

DER SPIEGEL 20/1999
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