17.05.1999

Spiegel des 20. JahrhundertsPropheten im eigenen Land

Die Bundesrepublik und ihre Schriftsteller / Von Volker Hage
Thomas Mann, amerikanischer Staatsbürger und seit 1933 fernab von Deutschland, wurde im Mai 1949 von der Frage gequält, ob er im Goethejahr erstmals wieder einen Fuß auf deutschen Boden setzen sollte. Zugleich marterte ihn die Nachricht vom Freitod seines Sohnes Klaus Mann am 21. Mai in Frankreich. War es nicht überhaupt besser, die gerade begonnene Europareise, die zweite nach dem Krieg, gleich wieder abzubrechen und umzukehren?
Noch saß ihm der anmaßende, von keinerlei Schuldbewußtsein getrübte Ton im
* Sitzend: Heinrich Böll, Hans Werner Richter, Wolfgang Hildesheimer, Martin Walser, Milo Dor; stehend: Ingeborg Bachmann, Ilse Aichinger, Christopher Holme, Christopher Sykes.
Nacken, mit dem ihn Kollegen, die im Nazi-Deutschland geblieben waren, scheinheilig bedrängt hatten, aus Amerika zurückzukommen, da wurde er schon in die wachsenden Spannungen zwischen West und Ost hineingezerrt - bevor er wieder ein Verhältnis zur alten Heimat finden konnte. Allein der Verdacht, Thomas Mann erwäge, außer nach Frankfurt am Main auch nach Weimar zu reisen, genügte, um die selbstgefälligen Vorbehalte gegen ihn in den Westzonen neu zu mobilisieren.
Die im Entstehen begriffene Bundesrepublik ging nicht gerade zimperlich mit den eben noch von den Nazis bedrohten deutschen Schriftstellern um, einladend gab sie sich gleich gar nicht - da verstand die sowjetische Zone, die spätere DDR, es weitaus besser, sich von der besten Seite zu zeigen: Dort wurde die Chance erkannt, sich mit den berühmten Namen der deutschen Literatur zu schmücken.
Und so siedelte in jenem Mai 1949 Bertolt Brecht - gelockt mit einem eigenen Theater - endgültig nach Ost-Berlin um, wo andere Exilgrößen schon warteten: Johannes R. Becher etwa oder Anna Seghers. Thomas Manns Bruder Heinrich hatte sein Kommen angekündigt (er starb vorher im Exil). Auch Arnold Zweig war nach einigem Zögern eingetroffen, nachdem er nicht zuletzt vom Leiter des neuen Aufbau-Verlags inständig gebeten worden war, der ihm und den anderen großzügige Möglichkeiten zur Publikation in Aussicht stellte: "In Deutschland hat ein großes Ringen um die Seele des Volkes begonnen, und in diesem Kampfe sind die Werke der fortschrittlichen und antifaschistischen Dichter und Schriftsteller von größter Bedeutung."
Thomas Mann, der es am Ende für seine Pflicht gehalten hatte, in Deutschland 1949 über Goethe zu reden und sowohl der Einladung nach Frankfurt als auch der nach Weimar zu folgen, machte die Konflikte in gleichlautenden Reden zum Thema. Er interpretierte den Streit "um mein Werk und meine Person" hellsichtig als "Zwist zwischen zwei Ideen von Deutschland, eine Auseinandersetzung, nur anläßlich meiner, über die geistige und moralische Zukunft dieses Landes".
Die junge Bundesrepublik wurde von Anfang an kritisch betrachtet. Die neue Regierung in Bonn hatte nichts Eiligeres zu tun gehabt, als noch 1949 ein "Schmutz- und Schundgesetz" auf den Weg zu geben, das die Jugend vor unzüchtigen Schriften schützen sollte. "Wir hatten von dem neuen Deutschland Förderung erwartet, nicht Knebelung", empörte sich Hans Henny Jahnn. Wolfgang Koeppen protestierte mit den Worten: "Nicht die Freiheit des künstlerischen Schaffens, die Freiheit selbst ist in Gefahr." Die Regierung überraschte der Protest, was aber die Verabschiedung des Gesetzes nur verzögerte: 1953 trat es als "Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften" in Kraft.
Hans Erich Nossack kam grimmig zu der Überzeugung, "daß unser wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Rahmen nicht mehr intakt ist". Thomas Mann fand nur Worte des Spotts für das "kleindeutsche Bonner Staatsgebilde", für die "amerikanische Lieblingskolonie ''Westdeutschland''" und das "freche und unmoralische Wohlsein nach Schandtaten, die mit der Höllenfahrt von 1945 schlossen". Das "deutsche Wirtschaftswunder", das er seit 1949 wachsen sah, gab nach seiner Ansicht in der Bundesrepublik Kräften Aufschwung, die mit dem Hitler-Regime eigentlich "abgewirtschaftet" haben mußten.
Daß der Staat, in dem der Antinazi Adenauer Kanzler geworden war, mit den alten Nazis paktiere, war unter Intellektuellen ein gängiges, seitens der DDR gern befördertes Urteil. Im Schriftstellerprotest der fünfziger Jahre fanden Ost und West, Alt und Jung zeitweise zusammen: gegen die Wiederbewaffnung, später gegen die "Atomrüstung". Brecht und Thomas Mann zogen 1954 unabhängig voneinander, aber mit gleicher Empörung gegen die Bonner Pläne für eine Bundeswehr zu Felde.
Den Autoren des Exils ist die Bundesrepublik nie Heimat geworden. Thomas Mann hatte sich 1952 in der Schweiz niedergelassen, Alfred Döblin war 1953 mit dem Gefühl nach Paris zurückgekehrt, in Deutschland "überflüssig" zu sein. Doch nicht nur Bonn zeigte den aus dem Exil Zurückgekehrten die kalte Schulter, auch die jungen Schriftsteller der Bundesrepublik taten es - allen voran die in jener Autorenvereinigung Versammelten, die sich nach dem Gründungsjahr "Gruppe 47" nannten und in den fünfziger Jahren rasch an Einfluß gewannen.
Wer durfte in der Republik intellektuell den Ton angeben? Neue Autoren, die bei der Gruppe ihren Auftritt hatten, nahmen bald schon die Kritik an der verachteten "Kanzlerdemokratie" fest in ihre Hand - etwa Martin Walser, der 1960 behauptete: "Mehr noch als die Verführbarkeit der Massen durch sogenannten Wohlstand ist es die Angst vor dem Kommunismus, die diesen Staat zusammenhält."
Günter Grass, der seit 1955 bei der Gruppe 47 dabei war, bestätigte später im Gespräch Versäumnisse gegenüber den Emigranten: Es habe damals im Kreis der jungen Autoren das Bedürfnis gegeben, "unter sich zu bleiben und sich nicht von großen Namen Maßstäbe diktieren zu lassen". Die neuen Stars, neben Grass und Walser vor allem Alfred Andersch, Heinrich Böll, Günter Eich, Hans Magnus Enzensberger und Siegfried Lenz, bestimmten schon bald das Bild der deutschen Nachkriegsliteratur.
Wer selbst so alt wie die Bundesrepublik ist, also Mitte der sechziger Jahre ins Alter gekommen war, sich für die zeitgenössische Literatur zu interessieren und den Autoren auf Lesungen zu begegnen, für den war die Präsenz der Gruppe 47 ebenso ein Faktum wie die Bereitschaft der Schriftsteller, sich zu politischen Fragen zu äußern. Wie selbstverständlich hielt man als Schüler dem damals 39jährigen Grass ein Mikrofon vor die Nase und fragte ihn für die Schülerzeitung über seine Meinung zu Bundeskanzler Kiesinger, Bundespräsident Lübke und die Demonstrationen gegen den Schah-Besuch in Berlin aus.
Es war eine nervöse Atmosphäre. Selbst ein besonnenes Gemüt wie Böll giftete: "Dort, wo der Staat gewesen sein könnte oder sein sollte, erblicke ich nur einige verfaulende Reste von Macht, und diese offenbar kostbaren Rudimente von Fäulnis werden mit rattenhafter Wut verteidigt." Die Enttäuschung über politischen Stillstand war groß. Manche Autoren hatten sich 1965 in einem "Wahlkontor deutscher Schriftsteller" für die SPD zusammengefunden - und bekommen hatten sie im Jahr darauf die verhaßte Große Koalition.
Die Hoffnungen hätten getrogen, stellte Enzensberger Anfang 1968 fest, "mit denen ein großer Teil der westdeutschen Intelligenz den Versuch der Alliierten begrüßt hat, in diesem Teil Deutschlands eine funktionsfähige parlamentarische Demokratie zu errichten". Sein - in jenen Tagen nicht einmal besonders radikal klingendes - Fazit: Das "politische System der Bundesrepublik" sei nicht mehr reparabel.
Damals mußte es recht deplaziert wirken, wenn sich plötzlich ein junger Autor aus Österreich selbstbewußt als "Bewohner des Elfenbeinturms" zu erkennen gab, die Literatur "romantisch" nannte und rundheraus erklärte: Es gebe engagierte Menschen, "aber keine engagierten Schriftsteller". Peter Handke, damals 23 Jahre alt, trat 1966 bei einer Tagung der Gruppe 47 auf und provozierte die Versammlung mit dem flotten Pauschalurteil, die Form der neuen deutschen Prosa sei "fürchterlich konventionell", es handle sich um eine "völlig läppische und idiotische Literatur".
Schon wieder ein Generationskonflikt. Grass, nun selbst arrivierter Autor (sein Welterfolg "Die Blechtrommel" war sieben Jahre alt), schrieb einen offenen Brief an Handke, in dem er um "bessere Feinde" bat. Dazu war es längst zu spät: Die Tage der Gruppe 47 waren gezählt, sie hatte sich überlebt - und als Pointe bleibt, daß ihr romantischer Gegner der letzte junge Autor sein sollte, der durch sie indirekt Berühmtheit erlangte. Wenige Jahre später, 1973, erhielt Handke als jüngster Autor den Büchner-Preis, die wichtigste literarische Auszeichnung in der Bundesrepublik.
Das Ende der Gruppe war ausgerechnet durch jene beschleunigt worden, die die Dichter anfangs als kritische Kraft begrüßt hatten: die Studenten. "Dichter", riefen die Protestler gar nicht freundlich bei der letzten Tagung 1967. Das sollte heißen: harmlos, versponnen, weltfremd! Zwar hatte Böll nicht ohne Grund darauf hingewiesen, daß es "keinen einzigen Nachkriegsroman gibt, in dem sich die Bundesrepublik als blühendes, fröhliches Land dargestellt findet", doch das reichte dem Protest gegen die angebliche Wirkungslosigkeit von Literatur nicht.
Nur oberflächlich traf sich das mit Handkes literarischer Revolte: Ihm schien - im Gegenteil - die deutsche Literatur zu fixiert auf Gesellschaftskritik zu sein, alles Feierliche und Hymnische auszusparen. Ein späterer Titel zeigt, worauf es ihm zunehmend ankam: auf die "Stunde der wahren Empfindung" (1975).
Der Groll gegen Handke war bei Grass noch im Frühjahr 1989 in einem Gespräch zu spüren. Wir redeten über die Unfähigkeit oder Unlust jüngerer Autoren, sich bei kulturpolitischen Themen zu Wort zu melden. Er sehe das mit Entsetzen, sagte Grass, weil eine in diesem Jahrhundert schon mehrfach unterbrochene Tradition wieder einen Bruch erleide: "Ihre Generation, die sich so leichtfertig abgekoppelt hat, sollte sich überlegen, ob sie sich das leisten kann." Ein wenig melancholisch beklagte er, daß wir Journalisten immer gern zu ihm kämen, wenn es politische Probleme zu erörtern gebe: "Da werden dann die alten Namen quasi als Feuerwehr noch einmal bemüht, aber ansonsten möchte man damit nichts mehr am Hut haben." Handke, sein "älter werdender Kollege", sei sogar froh darüber, so Grass, "daß meine Meinung in politischen Dingen nicht mehr so gefragt ist".
War sie tatsächlich nicht mehr aktuell, die "lästige Assistenz der Intellektuellen", von der der Schweizer Max Frisch noch 1977 - als Gastredner auf einem Parteitag der SPD - behauptet hatte, daß die Politik ohne sie keine geschichtliche Chance habe?
Es mehrten sich in den achtziger Jahren die Zeichen, daß jüngere Autoren das "Scheinwerferlicht des Tagesgeschehens" (Handke) fliehen wollten und den öffentlichen Auftritt scheuten. Weder Patrick Süskind ("Das Parfum") noch Botho Strauß ("Paare, Passanten") zeigten sich gern vor der Kamera oder schätzten Interviews. Der engagierte Autor schien sich in einer neuen Bescheidenheit verflüchtigt zu haben. Wie Hanns-Josef Ortheil ("Schwerenöter") waren viele der Meinung, "daß die Stimme des Schriftstellers nur noch eine unter den vielen des gesellschaftlichen Dialoges ist". Oder mit den Worten von Bodo Kirchhoff: "Das Schicksal meiner Eltern hieß Krieg, mein ''Schicksal'' heißt Banalität."
Zwar war, Arm in Arm mit der Friedensbewegung, die alte Garde der deutschen Nachkriegsliteratur zu Beginn des Jahrzehnts noch einmal wacker aufmarschiert und hatte sich 1983 in Blockadeabsicht dekorativ vor den Toren des Atomwaffendepots in Mutlangen niedergelassen: darunter Böll, Grass, Rolf Hochhuth und Walter Jens - doch bald mochten sich viele Autoren nicht länger als Propheten im eigenen Land verschleißen lassen, als "Fachleute auf dem Gebiet der politischen oder der Endzeitdiskussion" (Brigitte Kronauer) ausgeben. Schon gar nicht wollte man als "Fachmann für Gemeinplätze" (Sten Nadolny) dastehen.
Aber auch bedeutende Exponenten der literarisch-liberalen Protestkultur waren von Zweifeln an der halb ihnen zugesprochenen, halb angemaßten Rolle als "Gewissen der Nation" niemals ganz frei. Kaum läßt sich das besser zeigen als bei Martin Walser, der seit den Tagen der Adenauer-Regierung beim Meinungszirkus munter in der Manege stand und bei der intellektuellen Begleitmusik zur Bonner Politik den Ton angab. Walser, Jahrgang 1927, hat wie kaum ein anderer deutscher Schriftsteller in den letzten vier Jahrzehnten die Kurven des politischen Engagements voll ausgefahren und später bisweilen erstaunt auf seine frühen "rechthaberischen Jahre" zurückgeschaut.
Er war es, der 1961 jenes Taschenbuch herausgab, das schon im Titel den Überdruß an der seit 1949 von der CDU geprägten Republik zum Ausdruck brachte: "Die Alternative oder Brauchen wir eine neue Regierung?" Er höhnte über das offizielle Postulat der Wiedervereinigung ("Ich habe keine Güter in Mecklenburg") und zählte zu den ersten, die sich 1962 zur SPIEGEL-Affäre äußerten; er verfolgte intensiv die großen Frankfurter KZ-Prozesse und schrieb 1965 in der ersten Ausgabe der Zeitschrift "Kursbuch" den fulminanten, betont subjektiven Essay "Unser Auschwitz"; im Jahr 1967 formulierte und unterzeichnete er zusammen mit anderen den Autorenboykott gegen das Zeitungshaus Axel Springer; von 1965 an geißelte er in Reden und Beiträgen beharrlich den amerikanischen Vietnam-Krieg sowie das zustimmende Schweigen und Nicken der deutschen Politik.
Gleichzeitig jedoch sah Walser die "Gesten des Engagierten" in Gefahr, "in die Nähe der Zeremonie zu geraten", und bedauerte, "daß man das Politische eines Schriftstellers weniger nach seinen literarischen Hervorbringungen beurteilt als nach seinem aktuellen Auftritt". Diese innere Zerrissenheit sollte ihn fortan begleiten: Er galt als linker Intellektueller und wollte doch in erster Linie Schriftsteller sein. Er suchte den Kontakt zu seinen Lesern und blickte in Kameras, die den Kritiker des Vietnam-Kriegs meinten.
Aus diesem Ritual - das erwartbar Kritische zum Tagesgeschehen abzuliefern, in die Rolle des Protestlers gegen "die Herrschenden" zu schlüpfen - befreite sich Walser 1977 mit einem Schlag. Während andere Kollegen, allen voran Böll, im deutschen Herbst als angebliche "Sympathisanten" die RAF-Hysterie zu spüren bekamen, überraschte er mit einem Hinweis auf die "offene Wunde" der deutschen Teilung: "Wir dürfen, sage ich vor Kühnheit zitternd, die BRD sowenig anerkennen wie die DDR."
Es war aufschlußreich zu beobachten, wie rasch Walser aus dem Kreis seiner linken und linksliberalen Weggenossen ausgeschlossen wurde - zumal, als er nicht nachließ, seine ketzerischen Überlegungen in den achtziger Jahren zunehmend trotzig zu wiederholen. Seine Überzeugung, "daß eine Gesellschaft eine Nation sein muß, um ihre Mitglieder mit einer gewissen Selbstverständlichkeit ausstatten zu können", fand unter seinesgleichen wenig Freunde. Und als sein "Geschichtsgefühl" auch noch 1989/90 gegen alle, die ihn wegen seiner gesamtdeutschen Träume verhöhnt hatten, recht bekam ("Die sanfte Revolution in der DDR: für mich das liebste Politische, seit ich lebe"), da wurde er erst recht angefeindet.
"Jetzt kommen Intellektuelle und sagen, die drüben sollen noch eine Runde Sozialismus dranhängen", notierte Walser. Ob das nicht eine "erstaunliche Forderung" sei? Er, der noch vor kurzem selbst als Inbegriff des linken Intellektuellen gegolten und 1982 wie andere übellaunig den Beginn der Kanzlerschaft Kohls kommentiert hatte, schrieb nun in einem SPIEGEL-Beitrag ("Deutsche Sorgen"), Kohl habe sich lernfähiger gezeigt als alle seine Kritiker.
Die alten Gewißheiten der "zutiefst ironischen Intelligenz" (Botho Strauß) galten plötzlich nicht mehr. Sie waren lange vor der Wende brüchig geworden. Walser hatte die Bundesrepublik schon Jahre zuvor dem links-kritischen Pauschalverdikt entzogen und als lernfähig hingestellt, auch jüngere Autoren ließen Sympathie durchblicken. Lebte man nicht "in einer am Ende doch glücklichen Periode deutscher Geschichte"? In dem Roman "Der junge Mann" (1984) von Strauß wird dieser Gesellschaft ein "Gefühl von Genugtuung und Zugehörigkeit" entgegengebracht.
Hatten die achtziger Jahre außer Walsers Sololauf an schriftstellerischer Erregung wenig zu bieten (am Historikerstreit beteiligten sich die deutschen Autoren kaum), so änderte sich das schon zu Beginn des nächsten Jahrzehnts grundsätzlich: In der Nachwendezeit jagte plötzlich eine Grundsatzdebatte die andere - Autoren aus Ost und West, in der neuen Bundesrepublik nun vereint, standen im Mittelpunkt und mischten kräftig mit.
Die zum Teil erbitterten Diskussionen über Christa Wolfs Erzählung "Was bleibt" (1990), über die Berechtigung des Golfkriegs oder über die Stasi-Verwicklungen von Teilen der ehemaligen DDR-Intelligenz, über Botho Strauß'' SPIEGEL-Essay "Anschwellender Bocksgesang" (1993) und den Grass-Roman "Ein weites Feld" (1995) zeigten vor allem eins: Die Schablonen von links und rechts reichten nicht mehr aus, die klaren ideologischen Fronten waren nicht länger zu halten.
Handkes provokanter Reisebericht "Gerechtigkeit für Serbien", der 1996 Reizthema war, ließ ahnen, daß es schon bald um andere als rein deutsche Querelen gehen könnte. Und als im Jahr darauf Grass eine Laudatio in der Frankfurter Paulskirche nutzte, um (so Peter Rühmkorf) "noch einmal unsere alten sozialistischen und demokratischen Kirchenglocken" zu läuten, und in Hinblick auf die deutsche Asylpolitik von einer "abermaligen, diesmal demokratisch abgesicherten Barbarei" sprach, da waren das für manch jüngeren Kollegen nur noch "Zuckungen einer längst untergegangenen Welt" (Maxim Biller).
Der Kollaps des kommunistischen Machtbereichs, der auch die DDR jäh aus ihrer unglaubwürdigen Rolle als sozialistische Alternative zur Bundesrepublik entließ und am Ende überflüssig machte, war total. Heute wird leicht vergessen, wie kräftig die linken Utopien vom besseren Leben bis zuletzt auch bei manchem deutschen Schriftsteller verwurzelt waren - vor allem im Osten Deutschlands (oft gegen bessere Einsicht und nicht selten auch im Kampf gegen die mitunter pragmatische SED-Bürokratie).
Christa Wolf etwa zählte zu jenen aus ihrer Generation, die, wie sie heute schreibt, "in stolzer Unerfahrenheit so sicher waren, jene freundliche Menschengemeinschaft noch zu erleben, für die wir uns ja einsetzen wollten". Erst spät hat sie erkannt, "daß auch wir bestimmt waren, in den Untergang jenes Experiments mit hineingerissen zu werden, an dessen Verwirklichung wir schon lange nicht mehr glaubten" (so schildert sie es selbstkritisch in dem Buch "Hierzulande Andernorts").
Im übrigen läßt sich bei nahezu allen schriftstellerischen Debatten in der Bundesrepublik, bis in die neunziger Jahre hinein, als Bezug und Hintergrund die lähmende und erdrückende Tatsache vom einstigen deutschen Angriffskrieg und Völkermord ausmachen - und das nicht nur, wo Nazi-Deutschland und Holocaust ausdrücklich thematisiert werden wie in Martin Walsers heftig beklatschter und befehdeter Dankrede zur Verleihung des Friedenspreises im Oktober 1998.
"Jeder kennt unsere geschichtliche Last", sagte Walser, "die unvergängliche Schande, kein Tag, an dem sie uns nicht vorgehalten wird." Und er beeilte sich hinzuzufügen: Er habe es nie für möglich gehalten, "die Seite der Beschuldigten zu verlassen" - anders als jene Intellektuellen, die, wie er vermutete, sich Entlastung durch die mediale "Dauerpräsentation unserer Schande" erhoffen oder, schlimmer noch, die "Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken" betrieben. Wieder zittere er vor Kühnheit, fügte Walser (in Anspielung auf seine Rede zur deutschen Frage) hinzu, "wenn ich sage: Auschwitz eignet sich nicht dafür, Drohroutine zu werden".
* Vor einer von Nato-Bomben zerstörten Autofabrik südlich von Belgrad, im April.
In dieser Ansprache - gehalten in der Frankfurter Paulskirche, live übertragen vom Fernsehen - unterlief Walser die Erwartung repräsentativer Rhetorik und den politisch-moralischen Anspruch, indem er betont subjektiv von eigenen Erfahrungen mit "Wegschauen und Wegdenken" berichtete, "wenn mir der Bildschirm die Welt als eine unerträgliche vorführt" - zunächst ganz allgemein gesprochen, dann konkret bezogen auf Bilder vom Holocaust.
Es dürfte vor allem an der Diskrepanz zwischen dem offiziellen Charakter der Feierstunde und der in sich kreisenden, erzählerischen und vieldeutigen Sprechweise gelegen haben, daß das Echo auf diese Veranstaltung noch einmal gewaltig war - und fast wie ein Resümee zu den großen Debatten der Nachkriegszeit wirkte.
Denn Walsers Gedanken waren nicht neu. Von der "ungeheuren Schande" hatte schon Thomas Mann gesprochen, vor der Verwendung Hitlers "zur Denunziation irgendeiner mißliebigen Politik von heute" bereits Botho Strauß gewarnt. Und von Adorno war der mitleidende Zeitgenosse lange vorher ermutigt worden, sich die "objektiv ihm aufgenötigten Grenzen" einer Identifikation einzugestehen, "die mit seinem Anspruch auf Selbsterhaltung und Glück kollidiert": Das sei Selbstschutz vor der "Imagination des Schlimmsten".
Immer wieder hat Walser sich vorgenommen, Meinungen überhaupt zu meiden ("Eine Meinung ist für einen Erzähler ein Kurzschluß"), immer wieder ist er schwach geworden. "Wenn die Provokation zu stark wird, kann man sich nicht beherrschen", sagte er 1995 in einem SPIEGEL-Gespräch.
Da Manifeste und Unterschriftensammlungen aus der Mode gekommen sind, warten die meisten Schriftsteller heute ab - wie zuletzt bei der Frage nach der Bewertung des Kosovo-Kriegs. Vom Österreicher Handke abgesehen, der entschlossen nach Belgrad zog, als die Nato-Flugzeuge mit der Bombardierung begonnen hatten, und - aus Protest gegen die deutsche Beteiligung an den Einsätzen - den 1973 erhaltenen Büchnerpreis zurückgab, waren die meisten Autoren deutscher Sprache mit ihrer Meinung eher zögerlich.
Mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zeigte sich, daß die Lehren aus der Katastrophe von damals nicht einfach zu ziehen sind. Nie wieder Krieg, nie wieder Völkermord? Gut, was aber, wenn der Krieg Völkermord verhindern soll? Vor dieser Aporie stehen die meisten Schriftsteller ebenso verloren wie andere Zeitgenossen: "Krieg im Namen der Menschenrechte ist ein Paradox, das wenige aushalten" (Durs Grünbein).
Besonders jenen, die noch Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg haben, vermischten sich die Bilder und Empfindungen. Christa Wolf etwa fühlte sich bei der Nachricht von der Bombardierung Jugoslawiens an frühe Erlebnisse im Luftschutzkeller erinnert, aber gleichzeitig kamen angesichts der Bilder von den Grenzen des Kosovo auch eigene Flüchtlingserfahrungen wieder hoch ("Die Trecks der Vertriebenen, ihre Heimatlosigkeit, ihre Entbehrungen, ihre Angst"). Sie wollte am liebsten "auf seiten der Opfer auf beiden Seiten" sein und sah sich, das Dilemma erkennend, "in eine Zwangslage gebracht, aus der ich keinen Ausweg weiß".
Manche Schriftsteller - etwa Enzensberger und Herta Müller - stellten sich aber auch voll hinter die Entscheidung der rot-grünen Koalition, deutsche Soldaten erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg an Kriegshandlungen teilnehmen zu lassen: gewissermaßen in den letzten Tagen der Bonner Republik.
Thomas Mann sah 1949 auf seiten der Amerikaner die "bedenkenlose - man sollte sagen: ruchlose Einbeziehung des deutschen Militarismus" gegen den Kommunismus walten und fürchtete, daß der "nationalsozialistische Wiederaufmarsch in vollem Gange" sei.
Der Prophet sollte unrecht behalten. Doch ist es nicht auszuschließen, daß die unbequemen Mahner der Literatur, daß selbst die Schwarzmaler von 1968, die die Bundesrepublik schon halb im Faschismus wähnten, das Bild dieser Republik insgesamt freundlicher, selbstkritischer und verläßlicher haben erscheinen lassen, als es ohne die bisweilen "lästige Assistenz der Intellektuellen" der Fall gewesen wäre. Am Ende haben auch sie die Republik geprägt.
Volker Hage, 49, ist SPIEGEL-Redakteur.
* Sitzend: Heinrich Böll, Hans Werner Richter, Wolfgang Hildesheimer, Martin Walser, Milo Dor; stehend: Ingeborg Bachmann, Ilse Aichinger, Christopher Holme, Christopher Sykes. * Vor einer von Nato-Bomben zerstörten Autofabrik südlich von Belgrad, im April.
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 20/1999
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