18.04.2015

KinoDie Kunst des Geschäfts

Vier Oscars bekam der in Babelsberg produzierte Film „Grand Budapest Hotel“. Dennoch kämpft das traditionsreiche Studio ums Überleben.
Vor der Lackierstraße des Studios Babelsberg steht eine Herde Wisente, europäische Bisons, gegossen aus Kunststoff, in Lebensgröße, strahlend weiß. Robert Krüger zeigt auf ein leuchtendes Aquamarinblau und sagt: "Der Kunde will sie gern in dieser Farbe." Krüger ist im Studio für Farben und Oberflächen von Dekors und Requisiten verantwortlich. "Na ja", sagt er, "die Wisente sollen auch auffallen."
Die Spritzarbeiten an den weißen Rindviechern sind der Auftrag eines Freizeitparks vor den Toren Berlins. Krüger arbeitet seit fast 30 Jahren in Babelsberg und hat mit seinem Team unter anderem die Guy-Fawkes-Maske für den Film "V wie Vendetta" entwickelt, die zum Symbol der Occupy-Bewegung wurde. Nun also Plastikrinder statt Hollywood-Masken. Das Studio braucht gerade jeden Auftrag.
Die Hallen des ältesten und größten Studios Europas stehen weitgehend leer, derzeit wird hier kein Film gedreht. Für 2014 rechnet Babelsberg mit Verlusten von zweieinhalb Millionen Euro, im kommenden Jahr zieht sich das Unternehmen von der Börse zurück. Die Aktie ist zurzeit 63 Cent wert, ein Drittel ihrer Erstnotierung. "Die Lage ist dramatisch", sagt der Vorstandsvorsitzende Carl Woebcken.
Vor rund zwei Monaten erhielt die in Babelsberg und Görlitz entstandene Komödie "Grand Budapest Hotel" bei den Oscars vier Auszeichnungen, unter anderem für die Dekors, die in den Babelsberger Werkstätten hergestellt worden waren. Krüger zeigt stolz auf die rosa Farbmuster für das Interieur des Hotels.
Das 1912 eröffnete Studio, in dem Fritz Lang 1926 seinen Science-Fiction-Klassiker "Metropolis" drehte und Marlene Dietrich 1930 im "Blauen Engel" spielte, konnte in den vergangenen 13 Jahren 40 Oscar-Nominierungen verzeichnen. In der sogenannten Berliner Straße, einer 7000 Quadratmeter großen Außenkulisse, drehte Roman Polanski für seinen Film "Der Pianist" (2002) Szenen, die im Warschauer Getto spielen.
Weil die einheimische deutsche Produktion zu kümmerlich ist, um das Studio auszulasten, hat sich Babelsberg auf internationale Filme spezialisiert. Der Regisseur Quentin Tarantino brachte seine "Inglourious Basterds" hierher, die "Matrix"-Macher Andy und Lana Wachowski arbeiteten gleich mehrfach in Babelsberg. "Wir haben einen guten Ruf", sagt Woebckens Partner Christoph Fisser. "Doch es ist ein extrem aggressives Geschäft geworden, es herrscht ein brutaler Wettbewerb."
In den vergangenen Jahren sind weltweit viele Filmstudios gebaut oder erweitert worden, in Island, Marokko oder Malaysia. Für personalintensive Arbeiten wie den Kulissenbau gehen Produzenten gern in Billiglohnländer. Und über 80 Länder haben Förderprogramme aufgelegt, sie locken internationale Produktionen mit großzügigen Steuererleichterungen. Tradition wie in Babelsberg spielt da kaum eine Rolle.
Woebcken und Fisser übernahmen Babelsberg 2004 von dem französischen Konzern Vivendi für den symbolischen Kaufpreis von einem Euro und verpflichteten sich, das verlustreiche Unternehmen weiterzubetreiben. Sie reduzierten das Personal von 250 auf unter 100 Festangestellte und brachten das Studio 2005 an die Börse.
Der Zeitpunkt war ungünstig. Ende 2005 schränkte das Finanzministerium die Möglichkeiten von Investoren stark ein, über Beteiligungen an Medienfonds Steuern zu sparen. Bis zu 14 Milliarden Euro waren zwischen 1997 und 2005 aus Deutschland über diese Fonds in Film- und Fernsehproduktionen geflossen. Hollywood nannte dieses Geld "stupid german money".
Babelsberg bekam zu spüren, dass nun deutlich weniger Kapital in Filme investiert wurde. Einige in den Studios entstandene Großproduktionen wie der Kriegsfilm "Duell - Enemy at the Gates" (2001) waren über Medienfonds finanziert worden. Um die Branche zu stützen, schuf Kulturstaatsminister Bernd Neumann 2007 den Deutschen Filmförderfonds (DFFF), einen staatlichen Subventionstopf mit einem Jahresbudget zwischen 50 und 70 Millionen Euro.
Die Babelsberger zählten zu den größten Nutznießern des DFFF. "Ohne dieses Geld hätten wir Tarantino nicht nach Babelsberg holen können", sagt Fisser. "Er war schon auf dem Weg nach Frankreich, wo ,Inglourious Basterds' ja auch spielt. Und George Clooney wollte seinen Film ,Monuments Men' ursprünglich in Budapest drehen, bevor wir ihn überzeugen konnten, nach Berlin zu kommen."
Tarantino erhielt aus dem DFFF-Topf 6,8 Millionen Euro, Clooney 8,5 Millionen, "Grand Budapest Hotel" von Wes Anderson 3,2 Millionen. Man kann sich fragen, warum diese drei Hollywood-Filme, die zusammen über 650 Millionen Dollar eingespielt haben, mit deutschen Steuergeldern bezuschusst werden mussten.
"Weil sonst der gesamte Filmproduktionsstandort Deutschland international aus dem Rennen wäre und wir das Studio dichtmachen könnten", sagt Woebcken. "Seit Jahren findet ein weltweiter Subventionswettstreit statt, alle buhlen um die großen Filme." Hollywood-Produzenten wissen, dass sie gern gesehen sind, weil sie viel Geld mitbringen und zum Imagegewinn jedes Drehorts beitragen. "Sie verlangen einen Obolus", sagt Fisser.
Tatsächlich dreht Hollywood schon lange nicht mehr dort, wo die Geschichten der Filme spielen, sondern dort, wo es die meisten Subventionen gibt. Kanada rief bereits Mitte der Neunzigerjahre ein Förderprogramm ins Leben, mit der Folge, dass viele Filme, die in New York spielen, heute in Toronto entstehen.
Der US-Bundesstaat Louisiana lockt mit über 200 Millionen Dollar Subventionen pro Jahr Filmproduktionen an. Wer dort dreht, bekommt eine Steuergutschrift in Höhe von 30 Prozent der Kosten. Kalifornien sah sich unlängst gezwungen, sein Fördermodell massiv auszuweiten, damit wenigstens noch ein paar Hollywood-Filme in Hollywood entstehen.
Der mexikanische Staat soll den Produzenten der James-Bond-Serie 20 Millionen Dollar gezahlt haben, um sie dazu zu bewegen, einige Szenen des neuen 007-Films "Spectre" in Mexico City zu drehen. Dafür sei das Drehbuch beträchtlich umgeschrieben worden, berichtete die Website Tax Analysts im vergangenen Monat.
Es ist zweifelhaft, ob es Filmen guttut, wenn die Schauplätze austauschbar sind und die Bilder nachträglich per Computer mit Lokalkolorit versehen werden. Doch der Wettbewerb der Länder und Regionen um die Akquise von Filmproduktionen wird sich eher noch verschärfen. Denn es geht um Geld und Arbeitsplätze.
Die Produktion der TV-Serie "Game of Thrones" soll Island rund 3000 Hotelübernachtungen eingebracht haben. Großbritannien gewährt pro Jahr Filmsubventionen von bis zu 250 Millionen Euro - rund anderthalb Milliarden Euro gaben die Produzenten dieser Filme jedes Jahr im Land aus. Die britische Regierung kündigte an, das Förderprogramm auszubauen.
Deutsche Produzenten, darunter auch die Babelsberger, ließen von der Unternehmensberatung Roland Berger eine Studie erstellen, die belegen soll, wie effizient Förderung ist. Dennoch wurde der DFFF von Kulturstaatsministerin Monika Grütters um zehn Millionen Euro gekürzt. Daraufhin, so Fisser, seien dem Studio zwei Großproduktionen weggebrochen.
Man merkt Woebcken und Fisser an, wie unwohl sie sich fühlen, Subventionen zu fordern. Als sie das Studio übernahmen, wollten sie Geschäfte machen, nicht Kunst. Von vielen deutschen Produzenten wurden sie angefeindet, weil sie Filmemachen so klar merkantil definierten. Es gehe den beiden nur um die Immobilie Babelsberg, hieß es oft.
Nun haben sie für sieben Millionen Euro ein Grundstück am Rand des Studiogeländes erworben, um darauf eine Außenkulisse zu bauen, für die Fernsehserie "Babylon Berlin", die in den Zwanzigerjahren spielt und im kommenden Jahr gedreht werden soll. "Wenn es übel kommt, gehen die Produzenten nach Budapest", sagt Fisser.
Die Produzenten der amerikanischen TV-Serie "Homeland" wollten die fünfte Staffel in Zagreb drehen, obwohl sie in Berlin spielt. Kroatien bot ihnen besonders günstige Konditionen. Erst nach einem langen, harten Feilschen konnten Woebcken und Fisser sie überzeugen, nach Berlin und Babelsberg zu kommen. Demnächst sollen die Dreharbeiten beginnen.
Auch der neue Film der Marvel Studios, "Captain America: Civil War", spielt in Berlin. Der deutsche Schauspieler Daniel Brühl wird darin den Bösewicht Baron Zemo verkörpern. Die Innenaufnahmen aber entstehen in der Nähe von Atlanta, wo der britische Pinewood-Konzern gerade ein neues Studio gebaut hat, ermutigt durch die üppige Filmförderung des US-Bundesstaats Georgia.
Woebcken und Fisser wirken in dieser globalisierten Welt wie zwei brave, mittelständische Unternehmer. Sie haben den Fundus der Studios entstaubt und archiviert und Hallen umbauen lassen, um einige der Requisiten zeigen zu können. Auch das ausgemusterte Mobiliar des neuen Adlon-Hotels steht hier, man kann ein Sofa mieten für 40 Euro am Tag.
Natürlich könnten sie die Hallen auch vermieten, sagt Woebcken. Zum Beispiel als Lager für den Paketdienst DHL. Er lächelt gequält. Möglicherweise das bessere Geschäftsmodell.
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 17/2015
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