18.04.2015

Medizin„Eine verrückte Situation“

Michael von Wolff, 48, Leiter der Abteilung für gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin am Inselspital Bern, über eine Altersbegrenzung bei künstlicher Befruchtung
SPIEGEL: Die 65-jährige Lehrerin Annegret Raunigk aus Berlin erwartet nach einer Eizellspende Vierlinge. Ukrainische Ärzte haben an ihr eine künstliche Befruchtung vorgenommen. Deutsche Gynäkologen halten das für verantwortungslos. Zeigt der Fall, wie richtig es ist, dass in Deutschland Eizellspenden verboten sind, die auch Frauen nach der Menopause noch zu einer Schwangerschaft verhelfen können?
Wolff: Nein, im Gegenteil - das deutsche Verbot fördert möglicherweise sogar eher einen solchen Missbrauch. Das Verbot führt nämlich dazu, dass die Frauen allein gelassen werden mit fragwürdigen Angeboten von teilweise unseriösen Kliniken.
SPIEGEL: Stimmt es, dass sich Gynäkologen in Deutschland sogar strafbar machen, wenn sie ihren Patientinnen eine gute Klinik im Ausland für eine Eizellspende empfehlen?
Wolff: Ja, das ist wirklich eine verrückte Situation. Denn natürlich wissen alle Reproduktionsmediziner genau, welche Kliniken, etwa in Spanien, wirklich gut sind. Wir kennen die Kollegen ja von Kongressen. Wäre dagegen die Eizellspende in Deutschland in engen Grenzen erlaubt, wären in der Regel deutsche Reproduktionsmediziner die ersten Ansprechpartner. In der Schweiz übrigens wird die Eizellspende in Zukunft wahrscheinlich erlaubt werden, in Österreich ist dies schon der Fall. Deutschland stünde dann ziemlich isoliert da.
SPIEGEL: Welche Bedingungen für eine Eizellspende müssten eingehalten werden?
Wolff: Das Wichtigste wäre eine Altersbegrenzung nach oben. Ich halte 45 bis 50 Jahre, je nach Gesundheitszustand der Frau, für angemessen. Das Beste wäre natürlich eine weltweit einheitliche Regelung, zum Beispiel eine Empfehlung der WHO oder eine gemeinsame Erklärung der internationalen Ärzteverbände. Eine nationale Regelung wird wegen des Medizintourismus kaum greifen.
Von Vh

DER SPIEGEL 17/2015
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