24.05.1999

Ein Mensch namens Jesus

Rudolf Augstein über die scheinheiligen Legenden im „Heiligen Jahr“
Das Heilige Jahr, dessen sind wir schon heute sicher, wird ein scheinheiliges werden, und es lohnt einen Versuch, den Anfängen zu wehren.
Denn es wird vieles gefeiert, was sich nicht ereignet hat. Es werden viele Örtlichkeiten gezeigt, die mit Jesus sowenig zu tun haben wie die Aberhunderte von Kreuzessplitter-Reliquien, das "Turiner Grabtuch", der "Heilige Rock" von Trier und die Knochen der Heiligen Drei Könige im Kölner Dom. Es wird vieles verschwiegen werden, was man nicht wahrhaben will; und es wird vieles verbreitet werden, was nicht wahr ist.
Der Papst will uns weismachen, der 2000. Geburtstag seines Herrn Jesus Christus stelle "in Anbetracht der vorrangigen Rolle, die das Christentum in diesen zwei Jahrtausenden ausgeübt hat, indirekt für die ganze Menschheit ein außerordentlich großes Jubiläum dar".
Wie "vorrangig" wirkte das Christentum in der Geschichte, wie "außerordentlich groß" ist das Jubiläum, wie "außerordentlich groß" ist dieser Jesus Christus heute noch? Da wird man sich von vornherein den pathetischen Ansprüchen widersetzen und dann sehr genau unterscheiden müssen.
Nicht, was ein Mensch namens Jesus gedacht, gewollt, getan hat, sondern was nach seinem Tode in seinem und unter seinem Namen, aber oft nicht in seinem Sinne, sehr oft gegen seine Intentionen gedacht, gewollt, getan worden ist, hat die christliche Religion und mit ihr die Geschichte des sogenannten christlichen Abendlandes bestimmt. Was und wer immer Jesus war, ein Mann des Abendlandes war er nicht.
Neben den vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes und denen, die vor ihnen Jesus-Geschichten gesammelt und weitergegeben, radikal verändert und erfunden haben - neben denen also, die aus dem Menschen Jesus die Kunstfigur Christus gemacht haben, waren es zwei Männer, die bestimmt haben, was als christliche Religion die Geschichte beeinflußt hat: der Apostel Paulus, ehemals "Schaul" oder "Saulus", ein Diaspora-Jude aus der römischen Provinzhauptstadt Tarsus (heute südliche Türkei), und der Nichtchrist Konstantin, Kaiser des Römischen Reiches von 306 bis 337, der sich erst auf dem Sterbebett taufen ließ.
Paulus war, daran gibt es keinen Zweifel, einer der ganz großen Neuentwerfer der Geschichte. Nicht Jesus, sondern er war der eigentliche Religionsstifter, an Bedeutung Mohammed gleich.
Für das Leben, die Worte und die Taten seines Herrn Jesus hat er sich wenig interessiert, dessen Lebensthema vom nahen "Reich Gottes" war ihm in seinen zwischen 50 und 61 nach Christus verfaßten Briefen nur ein paar Sätze wert. Über die Zukunft irrte sich, dessen sind sich bibelkritische Exegeten sicher, erst Jesus, der das Hereinbrechen des "Reiches Gottes" noch zu seinen Lebzeiten erwartet hatte; über die Zukunft irrte dann auch der Apostel. Nur glaubte er, daß der auferstandene Christus alsbald mit Macht und Herrlichkeit wiederkommen würde.
Wenn einer, dann hat Paulus die Kirche geprägt und nicht die Lichtgestalt Jesus Christus; und dies bis heute, bis ins tiefste Innere des Papstes Johannes Paul II., dessen Fleisches- und Frauenfeindlichkeit der Apostel vorwegnimmt. An eine Kirche, an ein Konzil, an einen unfehlbaren Papst aber hat auch Paulus gar nicht denken können.
Konstantin, der sich "Pontifex maximus" nannte - wie später und noch heute der Papst -, erkannte, welch integrierende Kräfte dem Christenglauben innewohnten, der auf der jüdischen Gehorsamsethik aufbaute.
Max Horkheimer nennt Konstantin einen "Skrupellosen", der "unter den vorhandenen Götterlehren das Christentum als Kitt für die gefährdete Weltmacht ausersah". Damals hat sich die Kirche grundsatzloser neu orientiert als irgendeine andere Gemeinschaft zuvor oder danach. Und Ernst Bloch befand: "Indem das Christentum unter und durch Konstantin des römischen Staates sich bediente, bediente sich der Staat des Christentums, und das Christentum ward verfehlt."
* Gemälde von Marco Palmezzano (circa 1458 bis 1539), Vatikanische Museen.
Kirche und Staat, Altar und Thron gaben so ihren Bund bekannt. In Deutschland hat ihn niemand je wieder auflösen können - kein Napoleon, kein Demokrat 1918, kein Hitler, kein Honecker.
Schon auf dem Konzil von Arles im Jahre 314 belegte die Kirche jeden Deserteur des kaiserlichen Heeres mit dem Bann. Vorbei war''s mit dem Pazifismus, mit der Verachtung der Dinge dieser Welt, mit der freiwilligen Armut der frühen Christen. Und 40 Jahre nach Konstantins Tod nannte die Kirche ein Zehntel vom Grund und Boden im römischen Westreich ihr eigen; im Mittelalter brachte sie es in Westeuropa sogar auf ein Drittel.
Die Kirche machte sich im Gegengeschäft nützlich und diente seither jedem Staat dazu, um "die Mühseligen und Beladenen bei der Stange zu halten", wie Ernst Bloch schreibt. Im Namen jenes Mannes, dem in den Mund gelegt wurde, sein Reich sei nicht von dieser Welt, errichtete die Kirche ihre durchaus weltliche Zwangsherrschaft.
Gegen Ende des vierten Jahrhunderts wurde in Trier der erste Ketzer hingerichtet, aus Verfolgten waren Verfolger geworden. "Die letzte Hexe wurde", wie der Philosoph Bloch notierte, "um 1770 in der Nähe Würzburgs verbrannt, und eine allerletzte wurde 1825 in St. Gallen vom Land der Eidgenossen dem Höllenfeuer nachgeliefert". Schon nach wenigen Jahrhunderten gab es weit mehr Opfer der Kirche als Märtyrer, die ihr Leben für sie geopfert hatten.
"Die Schrift lehrt nichts, was nicht mit der Vernunft in Einklang stünde", behauptet Walter Kasper, derzeit noch Bischof von Rottenburg-Stuttgart, demnächst im Vatikan tätig und vermutlich übers Jahr Kardinal, in seinem Jesus-Buch. Aber Millionen Unschuldiger sind verfolgt, bestraft und getötet worden, weil die Kirche den Einklang zwischen deren vernünftigem Denken und ihren eigenen Lehren bestritt, dem dogmatischen Verständnis der sogenannten Heiligen Schrift.
Erst der Bund mit Konstantin und der Verrat an den urchristlichen Lehren begründeten die geschichtliche Wirkung des Christentums. Eine religiöse Idee verwandelte sich in eine andere, fast gegenteilige. Erst mit der Konstantinischen Wende ging überdies die antijudaistische Saat auf, die in den Evangelien gesät worden war.
"Solange die Christen eine unterprivilegierte Randgruppe waren", so der amerikanische Exeget John Dominic Crossan in seinem vor kurzem erschienenen Buch "Wer tötete Jesus?", "schadeten ihre Passionserzählungen, welche die Juden als schuldig am Tode Jesu hinstellten, die Römer aber von jeder Schuld daran entlasteten, im Grunde niemandem. Doch als dann das Römische Reich christlich wurde, wurde die Fabel mörderisch."
Aber wie ist diese unerhört expansive, die Welt umgestaltende Kraft der christlichen Zivilisation zu erklären? Wohl vor allem aus der enormen Spannung zwischen polar entgegengesetzten Prinzipien: zwischen Übernatur und Realität, Heiligem und Profanem, Geistlichem und Weltlichem, Kirche und Staat; oder auch aus der Spannung zwischen Geschlechtsfeindlichkeit und Sexualgier, zwischen Seele und Körper. Kultur bildet sich nach Sigmund Freud nur im ständigen Kampf zwischen Triebunterdrückung und Auflehnung dagegen.
Es war und ist das Geschäft der Religion, Gott und den Menschen gegeneinander auszuspielen. Niemand verstand und versteht es so wie die christlichen Kirchen, den Menschen mit Schuldgefühlen unter Spannung zu bringen. Ist der Druck auf einen kaum noch erträglichen Höhepunkt getrieben, konnten und können die Kirchen mit dem Gnadenmittel der Sündenvergebung zur Stelle sein. Vor allem die Kirche selbst fand so einen Weg, die christliche Lehre nicht zu befolgen und dennoch von den Folgen dieses Nichtbefolgens freigestellt, "erlöst" zu werden.
Sind nun diese Antriebskräfte, die eine Symbolfigur von der Größenordnung des Jesus Christus geschaffen haben, erschöpft, laufen sie jetzt leer? Was liegt brach, wenn keine mythische Phantasie einen mehr beflügelt, wenn Mythos, Magie und alles Heilige total aus dem Leben verschwinden; wenn es keine "letzten", keine absoluten sittlichen Werte mehr gibt?
Das Verlangen des Menschen, sich selbst und in seinem Dasein einen Sinn zu finden, ist ja geblieben. Es gibt ein Bedürfnis, das man nicht vorschnell "religiös" nennen sollte, das aber nach Sinn, Gerechtigkeit und Wahrheit, nach einem erfüllten Leben verlangt. Die moderne Theologie versucht zwar, dieses Bedürfnis zu befriedigen, aber es gelingt ihr nicht, sowenig wie es der sterilen Rückwärts-Theologie des Papstes und der anderen Bewahrer des Vergangenen gelingt.
In immer neuen Anläufen und mit immer neuen Abwandlungen verficht beispielsweise die Hamburger Theologin Dorothee Sölle über Jahrzehnte den Gedanken, Jesus sei der Stellvertreter des abwesenden oder toten Gottes. Weder sie noch ihre Mitstreiter bemühen sich, diese Stellvertreter-Figur von dem antiken Jesus von Nazaret abzuleiten. Sie nehmen ganz bewußt das von Paulus entdeckte Vorrecht in Anspruch, eine abstrakte Figur nach den Bedürfnissen der Menschen zu entwerfen. Der einstige Jesus/Jeschua bleibt wiederum unwichtig.
Natürlich ist es nur ein Gag, wenn Theologen Gott für tot erklären. Damit ist immer der alte Gott gemeint. Sie kneten sich ihren Christus zurecht und basteln sich ihren Gott, wie er nach ihrer Meinung beschaffen sein muß, damit er noch irgendwie in die heutige Welt paßt und damit sie ihn, wie lädiert auch immer, ins dritte Jahrtausend hinüberretten können. Jede, nicht nur die christliche, Theologie sieht sich mit der Tatsache konfrontiert, daß Religion, wie sie von Kirchentreuen und -untreuen verstanden wird, keine Zukunft mehr hat - mit welchem Gott auch immer.
Es wird zum Beispiel darüber gestritten, ob Gott nun Mann oder Frau, ob er Mann und Frau oder ob er weder Mann noch Frau ist. Irgendein Sinn läßt sich in diesen Auseinandersetzungen nicht finden. Die Nöte in dieser Welt betrachtend, wird gesagt, man könne Gott nur noch eine von zwei Eigenschaften zuerkennen: entweder Allmacht oder Güte. Denn besäße er beide, würde er soviel Leid nicht dulden.
"Abschied vom allmächtigen Gott" war denn auch 1995 der Titel eines der Bücher, in denen diese Erkenntnis ausgebreitet wurde.
Es gibt keinen Gott, den wir erkennen oder über den wir reden könnten, auch keinen allmächtigen. Daß ein Gott vor 2000 Jahren ein für allemal gehandelt hat, ist Mythos und Magie aus den Kindertagen der Menschheit.
Die Frage, ob man Jesus braucht, um an Christus glauben zu können, ist heute unter Fachleuten wieder aktuell geworden, sie ist "in". Die naheliegende Frage aber, ob er denn wirklich gelebt hat, ist "out". In keinem der einschlägigen zwei Dutzend Jesus-Bücher, die derzeit auf dem deutschen Markt sind, ist sie dem Autor mehr wert als einen Satz, oft nicht einmal den.
Aber es muß nicht unbedingt ein "Narr" sein, wie der Philosoph Paul Deussen 1913 kühn behauptete, wer an der Geschichtlichkeit der Person Jesu zweifelt. Solche "Narren" waren immerhin Napoleon und Friedrich der Große. Auch beim jungen Goethe finden sich Sätze starken Zweifels. Der erste Theologe, der Jesus aus der Geschichte strich, war Bruno Bauer (1809 bis 1882), der daraufhin seine Lehrbefugnis verlor und einen Gemüseladen eröffnete.
Immerhin neun Prozent der erwachsenen Deutschen, gleich sechs Millionen Leute also, nehmen an, daß Jesus nie gelebt hat, so eine Umfrage in diesem Jahr (siehe Seite 222). Alles Narren?
Vieles spricht dagegen, daß es Jesus gegeben hat. Der ganze Jesus kann eine aus mehreren Figuren und Strömungen synthetisch geformte Erscheinung sein, von phantasievollen, hellenistisch gebildeten Juden bewußt oder unbewußt als eine personifizierte Heilserwartung des jüdischen Volkes erfunden. Die meisten seiner Züge, die in den Evangelien beschrieben werden, sind überindividueller Natur und auch vor ihm schon nachweisbar; die ihm zugedachten Eigenschaften entsprachen offenbar intensiven Bedürfnissen seiner Zeit- und Nachzeitgenossen.
Manches spricht aber auch dafür, daß es ihn wirklich gegeben hat. Es ist zum Beispiel schwer vor-
* Oben: Tafelbild von Albrecht Dürer (1526); Mitte: Gemälde aus der Rembrandt-Schule (um 1630); unten: Die Konstantinische Schenkung, Fresko, Rom (1246).
stellbar, daß die Evangelien ganz ohne personalen Anlaß hätten entstehen können, ohne Inspiration durch den gewaltsamen Tod eines Menschen. So kann wohl doch ein personaler Kern angenommen werden, sonst wäre die ungeheure Motorik der frühchristlichen Bewegung kaum verständlich, obwohl die nun allerdings ohne Paulus nicht zu denken ist. Es kann also durchaus einen Mann gegeben haben, den etliche seiner Mitjuden - einfache Leute wohl - mit Fähigkeiten ausgestattet glaubten, über die sie selbst nicht verfügten, dem sie einen Wechsel der Verhältnisse zutrauten.
Interessanteres als das Entstehen der christlichen Religion läßt sich in der Geistesgeschichte schwerlich finden. Der Prozeß, wie sich eine Religion aus einer anderen entwickelt und dann fast in ihr Gegenteil verkehrt, läßt sich wie in einem Fixierbad Schicht um Schicht sichtbar machen. Ob in der christlichen Religion am Anfang Jesus stand oder nicht, ist dabei nur einer von vielen Aspekten, wenn auch einer der wichtigsten. Es gilt aber zu verhindern, und dies aktuell im kommenden Christus-Jahr, daß die Frühgeschichte des Christentums geklittert, um nicht zu sagen verfälscht wird.
Würde man die frommen Gedanken des Papstes zum "Großen Jubeljahr", wie er es selbst bezeichnet, wiedergeben, so könnte man mit seinen eigenen Worten, die schon Hunderte Seiten füllen, allerhand Spott treiben. Leseprobe: "Nur mit Christus" gebe es "eine gerechtere und brüderliche Gesellschaft"; oder: Die "Solidarität unter den arbeitenden Menschen" habe "ihren Grund in der christlichen Botschaft"; und: "Die ganze menschliche Geschichte ist ein einziges großes Suchen nach Jesus."
Menschheit, Welt und Kosmos, drunter tut es Johannes Paul II. nicht, wenn er die Bedeutung Jesu preist. Anhand solcher Texte zu erörtern, ob und gegebenenfalls wie dieser Jesus die Weltgeschichte beeinflußt hat, dazu fehlt ihnen die Substanz.
Und doch hakt man an dem einen oder anderen Papstwort fest: Welch Geist steckt beispielsweise hinter dem Spruch, Christus sei "die Erfüllung der Sehnsucht aller Religionen der Welt"? Ob die Buddhisten oder die Muslime das wohl wissen? Glaubt es irgend jemand außer dem Papst, kann er es selbst überhaupt glauben?
Schwierig wird es, wenn man sich dem Papst als Religionshistoriker und als Exegeten zuwendet:
"Flüchtige, wenn auch bedeutsame Andeutungen" und "Hinweise auf Christus" gebe es in der "nichtchristlichen Geschichtsschreibung", behauptet er in einem seiner Rundbriefe. Aber er informiert nicht, er desinformiert: Den Juden Flavius Josephus (37/38 bis circa 100) nennt er, allerdings ohne ihn zu zitieren - aus gutem Grund. Denn ein längerer Passus bei Josephus, das "Testimonium Flavianum", wurde früher für bedeutsam gehalten, weil dieser jüdische Historiker angeblich lobende Worte für "Christus" fand. Aber es gilt schon seit etlichen Jahrzehnten nach Meinung fast aller Experten als christliche Fälschung. Allenfalls erwähnt Josephus den "Christus" an dieser und an einer anderen Stelle so beiläufig und wertfrei wie Johannes den Täufer.
Die Römer Tacitus, Sueton und Plinius den Jüngeren hingegen nennt der Papst in seinem Rundbrief nicht nur, sondern er zitiert sie auch. Aber sie gaben in der Zeit von 105 bis 122 nur wieder, was damals - etwa 75 bis 90 Jahre nach dem Tode Jesu - Christen über ihren Herrn erzählten.
Ehrlicher als der Papst ist da der katholische Bielefelder Theologe Willibald Bösen: "Die große Weltgeschichte nimmt von Jesus kaum Notiz", und "kaum" dürfte auch noch übertrieben sein. Sie nahm ihn nämlich gar nicht wahr.
Die Evangelien, so liest man nun wieder beim Papst, seien zwar "Glaubensdokumente", aber "auch als historische Zeugnisse nicht weniger zuverlässig". So einen kryptischen Satz würden deutsche Exegeten nicht einmal ihren Studenten durchgehen lassen. "Daß es sich bei den Evangelien um Lebensbeschreibungen Jesu handelt" und "das Adjektivum ,biographisch'' mit Recht auf sie angewendet" werde, verbreitet weltweit mit einer "Handreichung" die für das "Heilige Jahr" zuständige Vatikan-Kommission.
Da sind die Hof-Theologen des Papstes um 90 bis 100 Jahre zurück. Daß die Evangelisten keine Biographen sind, hat schon 1906 Albert Schweitzer in seiner "Geschichte der Leben-Jesu-Forschung" ein für allemal festgestellt. Die Exegeten ziehen daraus seit Jahrzehnten die Konsequenz, so kann man im Jesus-Buch des katholischen Neutestamentlers Herbert Leroy (Augsburg) lesen: "Heute wird auf den aussichtslosen und unsachgemäßen Versuch verzichtet, eine Biographie Jesu zu schreiben."
Wenn es um Details geht, läßt sich vielleicht streiten, ob der Papst und seine engsten Berater jeweils 20, 100 oder 200 Jahre hinter der Zeit zurückgeblieben sind. Darin unterscheiden sich ihre Texte nicht vom 1993 erschienenen "Weltkatechismus", den eine Kommission unter Kardinal Joseph Ratzinger erarbeitete - offenbar spürbar vom Heiligen Geist erleuchtet (Kardinal Ratzinger: "Wir glaubten oft förmlich die höhere Hand zu spüren, die uns führte") - und den Johannes Paul II. eine "sichere Norm für die Lehre des Glaubens" nennt.
Jesus Christus sei der "Herr über den Tod", steht im "Weltkatechismus", und der Papst erklärt, was das heißt: "Dreimal gab er Toten das Leben zurück." Dazu Exeget Leroy: "Daß es sich nicht um historisch verifizierbare Ereignisse handelt, ist unbestreitbar."
* Altarbild von Michael Pacher (um 1435 bis 1498) in St. Wolfgang, Österreich.
Sogar als Herr über sein eigenes Leben und seinen eigenen Tod stellt sich laut Johannes-Evangelium Jesus selbst vor:
"Darum liebt mich mein Vater, weil ich mein Leben lasse, daß ich''s wiedernehme. Niemand nimmt es von mir, sondern ich selber lasse es. Ich habe Macht, es zu lassen, und habe Macht, es wiederzunehmen."
Aber daß es Jesus ist, der hier spricht, glauben nur noch stockkonservative Exegeten. Für ziemlich alle anderen ist es der Evangelist Johannes, der Jesus diesen Satz in den Mund legt - wie alle anderen Jesus-Worte, die in seinem Evangelium stehen. Kein einziges stammt wirklich von Jesus.
Jesus Christus sei auch der "Herr über die Natur", heißt es im "Weltkatechismus" weiter, er stillt also Stürme, macht bei der Hochzeit zu Kana aus Wasser Wein - eine "Tatsache" nennt dies der Papst -, braucht nur fünf Brote für 5000 Leute oder schafft dem Petrus "eine große Menge Fische" ins Netz. Dazu Bischof Kasper in seinem Jesus-Buch: "Sogenannte Naturwunder braucht man mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht als historisch anzusehen."
Mit dem Wojtyla-Papst als Bibelforscher ist keine ernsthafte Auseinandersetzung möglich. Als Exeget ist Johannes Paul II. so isoliert wie als Moralist. Für ihn stammen noch immer alle Menschen vom Urvater Adam ab, und sogar von der Himmelfahrt spricht er als einem "Ereignis", läßt aber offen, wie er es sich vorstellt.
Daß niemand weiß, wann Jesus geboren ist, deutet der Papst nur an: "Man sieht von einer zeitlich exakten Berechnung ab." Sicher ist lediglich, daß der 2000. Jahrestag der Geburt im falschen Jahr gefeiert wird. Ein Jahr null hat es nicht gegeben, und im Jahre eins ist Jesus nicht geboren, wie im sechsten Jahrhundert der Mönch Dionysius Exiguus annahm, als er den Kalender umstellte, wobei er sich auch noch verrechnete.
Auf die vagen Angaben in den Evangelien ist kein Verlaß. Jesus muß nicht "zur Zeit des Königs Herodes" geboren sein, weil es bei Matthäus so steht, und auch nicht "zu der Zeit, als ein Gebot vom Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt sich schätzen ließe", weil es bei Lukas so steht.
Herodes regierte von 37 bis 4 vor Christus. Eine "Schätzung", also eine reichsweite Steuererhebung, gab es erst 74/75 nach Christus. "Wahrscheinlich übertrug der Evangelist diese Erfahrung auf einen lokalen Zensus", so Gerd Theißen und Annette Merz in ihrem Lehrbuch "Der historische Jesus".
Und war Jesus wohl 30 Jahre alt, als er anfing, durch Galiläa zu ziehen? Das steht so im Lukas-Evangelium; wahrscheinlich aber nur deshalb, weil laut Altem Testament David mit 30 Jahren König wurde und man den angeblichen David-Nachfahren Jesus im selben Alter als Messias auftreten lassen wollte.
Daß Jesus nur ein Jahr umherzog, legen die drei älteren, die sogenannten synoptischen Evangelien Markus, Matthäus und Lukas nahe, mindestens zwei Jahre läßt das Johannes-Evangelium vermuten.
Auch das Todesjahr ist ungewiß. Gestorben ist Jesus spätestens 36 nach Christus, denn da endet die zehnjährige Amtszeit des römischen Prokurators Pontius Pilatus. Die Mehrheit der Exegeten hat sich für das Jahr 30 nach Christus entschieden, ohne daß für dieses Jahr wesentlich triftigere Gründe sprechen als für einige andere. Angemessener wäre es, die Amtszeit des Pilatus als den Zeitraum zu nennen, in dem Jesus irgendwann gestorben sein könnte.
"Als im wesentlichen unhistorische, rein theologische Darstellungen" betrachten die meisten deutschen Theologen - mittlerweile auch die katholischen - die Geburtsgeschichten, bedauert der konservative Neutestamentler Rainer Riesner. Denn historisch sind weder die Stammbäume, die Jesus als Nachfahren des Königs David ausweisen sollen, noch wurde er von einer Jungfrau geboren. Weder war Bethlehem der Geburtsort, noch gab es einen Stern von Bethlehem. Weder gab es den Kindermord des Herodes noch die Flucht nach Ägypten; und der superkluge Zwölfjährige ist auch nicht im Tempel aufgetreten. Nur die Beschneidung, ein nicht gerade häufiges Motiv der sonst so fleißigen Jesus-Maler, dürfte wirklich erfolgt sein - nicht weil sie von Lukas erwähnt wird, sondern weil sie damals bei keinem jüdischen Knaben unterblieb.
Daß Jesus in Bethlehem geboren wurde, nehmen wie Johannes Paul II. auch 77 Prozent der Bundesbürger an. Es ist, soweit wir sehen, einer der wenigen Punkte, bei dem die meisten Deutschen mit diesem hinterwäldlerischen Papst übereinstimmen. Dabei ist für fast alle evangelischen Theologen schon seit vielen Jahrzehnten, für die meisten katholischen seit etwa 15 bis 20 Jahren klar, daß Nazaret die Geburtsstadt Jesu ist.
Der Papst glaubt an Bethlehem, weil es bei Matthäus und Lukas so steht, die Deutschen wissen es nicht besser. In ihren Kirchen haben sie es nie anders gehört, in vielen Büchern nicht anders gelesen. Denn noch immer gilt, was der Göttinger Neutestamentler Hans Conzelmann 1959 schrieb: "Die Kirche lebt praktisch davon, daß die Ergebnisse der wissenschaftlichen Leben-Jesu-Forschung in ihr nicht publik sind."
Dabei ist Bethlehem nur bei Matthäus und Lukas als Geburtsort genannt, die beiden anderen Evangelisten gehen offenkundig von Nazaret aus. Und daß zwei Evangelisten Bethlehem nennen, hat keinen historischen, sondern einen theologischen Grund: Es ist die Stadt Davids. Im Alten Testament verheißt der Prophet Micha der Stadt Bethlehem: "Die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll der kommen, der in Israel Herr sei."
Über den Stern von Bethlehem ist eine Menge geschrieben worden, obwohl es, wie der Kieler Neutestamentler Jürgen Becker in seinem Jesus-Buch schreibt, "keinen Stern gibt, der im Osten aufgeht, von Norden nach Süden, konkret: von Jerusalem nach Bethlehem, sich menschlichem Tempo anpassend, einen Weg zeigt, um dann über einem Haus stillzustehen". Gelegentlich wird diese Stern-Legende auf eine Planetenkonstellation im Jahre 7 vor Christus zurückgeführt, wie sie sich nur alle 800 Jahre ereignet.
An der Greuelstory vom Kindermord des Herodes ("alle, die zweijährig und darunter waren, in Bethlehem und in der ganzen Gegend") ist auch kein wahres Wort. Aber der Kölner Kardinal Joachim Meisner hält an dem Nicht-Ereignis fest, nutzt es sogar für die Agitation gegen die Abtreibung. Im Januar dieses Jahres predigte Meisner im Kölner Dom: "Zuerst Herodes, der die Kinder von Bethlehem umbringen ließ, heute unsere Gesellschaft, in der jährlich circa 300 000 unschuldige ungeborene Kinder getötet werden." Und alljährlich begeht die katholische Kirche am 28. Dezember das "Fest der Unschuldigen Kinder". In einem 1982 erschienenen "Lexikon der Namen und Heiligen" werden diese Kinder als "Erstlingsmärtyrer" gefeiert und gleich noch durchgezählt: "vielleicht gegen 20".
Die ganze Legende vom Kindermord und von der Rettung Jesu wurde und wird vermutlich nur erzählt, weil im Alten Testament Mose, der jüdische Religionsstifter, als Kind wundersam gerettet wird und weil Jesus zum christlichen Religionsstifter und zum zweiten Mose stilisiert werden sollte.
Damit stoßen wir auf die Quelle, aus der viele Berichte in den Evangelien stammen, die deshalb nicht historisch sein können. "Nach Ansicht der Christen", schildert der amerikanische Exeget E. P. Sanders in seinem 1996 auf deutsch erschienenen Jesus-Buch das Verfahren der Urchristen, Elemente aus dem Alten Testament herauszulösen, "hatten die jüdischen Propheten von Jesus geredet, der gekommen war, die prophetischen Verheißungen zu erfüllen. Die Christen konnten deshalb die Propheten lesen und dort Dinge finden, die Jesus getan haben mußte."
"Ein Possenspiel" nannte Friedrich Nietzsche diesen Versuch, "das Alte Testament den Juden unter dem Leibe wegzuziehen mit der Behauptung, es enthalte nichts als christliche Lehren". Und Nietzsche fragte: "Hat dies jemals jemand geglaubt, der es behauptete?"
Die Schriftauslegung ging "natürlich nicht ohne Gewaltsamkeiten gegenüber dem Text vor sich", schreibt der Mainzer Neutestamentler Ludger Schenke: "Man war überzeugt, daß der Text vom ,Christus'' sprach, auch wenn der Wortsinn dem nicht entsprach."
Anders klingt es, wenn der Exeget auf dem Stuhl Petri sich hierzu äußert. Das Alte Testament hat dann seinen Wert nur oder fast nur als eine Art Christus-Prolog. Johannes Paul II.: "Der Heilsplan des Alten Testaments ist im wesentlichen darauf ausgerichtet, das Kommen Christi, des Erlösers des Heils, und seines messianischen Reiches vorzubereiten und anzukündigen."
Wie will man sich mit den Juden verständigen, wenn man ihre hebräische Bibel, die nur von den Christen "Altes Testament" genannt wird, derart zweckentfremdet und vereinnahmt?
Das Alte Testament ist die wichtigste, aber nicht die einzige Quelle für die Geburtsgeschichte. Die Vorstellung, Jesus sei als Gottes Sohn durch wunderbare Zeugung zur Welt gekommen, ist für Juden absurd. "Sie stammt aus dem Polytheismus und ist im Alten Orient und im Hellenismus weit verbreitet", so der "Grundriß der Theologie des Neuen Testaments" von Hans Conzelmann und Andreas Lindemann. Da gab es beispielsweise den Glauben, daß die ägyptischen Pharaonen, der makedonische König Alexander der Große, der römische Kaiser Augustus und die griechischen Philosophen Pythagoras und Plato von Gott gezeugt seien.
Mangels jedweden Hinweises in den Evangelien wird auch über andere Dinge gerätselt:
Sechs Kilometer von Nazaret, in Sephoris, gab es zum Beispiel ein griechisches Theater. Hat Jesus es je besucht? Sprach er also neben Aramäisch, seiner Muttersprache, auch Griechisch und/oder Hebräisch, wie damals die gebildeten Juden in Palästina?
Und wie sah Jesus überhaupt aus? Kein Wort steht darüber im Neuen Testament. Die ersten Kirchenväter bezogen eine Passage über einen leidenden Gottesknecht im Alten Testament auf ihn und übernahmen auch die Beschreibung, daß "seine Gestalt häßlicher war als die anderer Leute". Aber lange mochte man dabei nicht bleiben. Schon vom dritten Jahrhundert an war Christus nur noch schön.
Eine andere Frage: War Jesus verheiratet? Seine Ehefrau könnte, wenn wir uns an die Bibel halten, nur Maria Magdalena gewesen sein. Auf keine andere Spur setzen uns die Evangelien, wenn überhaupt auf eine. Darüber ist sehr viel geschrieben und spekuliert worden; es gibt alle Varianten der Zuordnung, vom Groupie im Musical "Jesus Christ Superstar" bis zur verlassenen Ehefrau. Maria Magdalena scheint eine treue Gefolgsfrau gewesen zu sein, ob sie mehr war oder sein wollte, wissen wir nicht. Wir hätten auch nichts davon, selbst wenn wir es wüßten.
Wie lebte Jesus? "Ohne festen Wohnsitz, ohne geregelten Broterwerb und ohne familiäre Bindung", schreibt der Kieler Exeget Becker. Mit seinen Jüngern bildete
* Fresko in Padua von Giotto di Bondone (um 1266 bis 1337).
er "eine Gruppe mit sozial abweichendem Verhalten", meint der Heidelberger Gerd Theißen. Christoph Burchard, ein anderer Neutestamentler, nimmt an, daß sich die Gruppe "durch Einladungen und Spenden unterhalten" habe; "daß sie gebettelt haben, ist nicht überliefert". Folgt man dem Evangelisten Lukas, ließ Jesus sich von vermögenden Frauen aushalten: "... und viele andere dienten ihm mit ihrer Habe".
Zum kargen Leben des "Herrn" will nicht so recht passen, daß Jesus angeblich als "Fresser und Weinsäufer" galt; seine Gegner sollen ihn so beschimpft haben. Heute ist das ein Lieblingszitat der Theologen, weil sie ihn damit volksnäher - nicht als Exorzisten und Wundertäter - präsentieren können.
Kann entwirrt werden, was die Anhänger des gestorbenen und nach ihrer Ansicht auferweckten oder auferstandenen Jesus sich zurechtgeglaubt haben, entwirrt werden von dem, was er war und von sich selber hielt? Genau das scheint unmöglich.
Wenn dieser Jesus nicht nur ein Mixtum compositum vieler Wünsche und Sehnsüchte seiner Zeit oder ein mehr zufällig Hingerichteter, wenn er also eine historische Figur war, dann müßte er ein ungestümer, von wilden Gedanken ergriffener Mensch gewesen sein. Einer, der sich über die ihm gesetzten Lebensregeln ärgerte; ein Provokateur, der sich einbildete, an ihm und an niemandem sonst entscheide sich die Herabkunft des Gottesreiches. Er müßte ein Mensch gewesen sein, der den Himmel auf die Erde ziehen wollte, der sich als Werkzeug eines höheren Willens verstand.
Dieser Jesus, über dessen Alter wir ja im Ernst nichts wissen, konnte nicht alt werden, soviel läßt sich nachfühlen.
Vorstellbar ist wohl, daß ein solcher Mann aus Nazaret wider die Reichen wetterte und sie zugleich bemitleidete, weil sie den anderen ins künftige Paradies nicht folgen konnten - sie hatten zuviel an den Füßen. Der Dichter Heinrich Heine nannte Jesus wegen dessen Einstellung zu den Reichen einen "göttlichen Kommunisten".
Die Liste, was Jesus vielleicht oder wahrscheinlich getan hat, ist kurz; die Liste, was er sicher nicht oder ziemlich sicher nicht getan hat, ist lang:
Er hat nicht getauft und kein Abendmahl gestiftet, er hat weder seinen Tod noch seine Auferstehung vorausgesagt. Weder hat er selbst Sünden vergeben, noch hat er eine Vollmacht erteilt, dies zu tun. Paulus jedenfalls weiß von dieser mächtigsten Waffe der jungen christlichen Kirche noch nichts.
Und Jesus hat seinen Jüngern auch nicht das Kommen und den Beistand des Heiligen Geistes versprochen. Er wußte von ihm nichts und auch nicht, daß er selbst und dieser Geist zu Bestandteilen einer Dreiergottheit erklärt würden.
Jubel und Trubel des "Heiligen Jahres" gelten also dem Christus des Glaubens - einem in den vier Evangelien dargestellten Unikum, das es so nicht gab: halb Mensch, halb Gott.
Mit diesem Jesus Christus des Glaubens hat der Mensch Jesus nur den Namen gemeinsam, über ihn weiß man so gut wie nichts. Trotzdem behauptet der katholische Neutestamentler und Jesus-Buch-Autor Joachim Gnilka (München), das Vertrauen der Forschung in die Zuverlässigkeit der Jesus-Überlieferungen sei gewachsen, und wie Gnilka denken auch andere Exegeten. Das muß Wunschdenken sein. Selbst wenn es keine 2000-Jahr-Feiern gäbe, lohnte allein diese Behauptung, geprüft zu werden, denn sie stimmt nicht, wie immer man sie dreht und wendet.
Doch wieviel oder wie wenig man über den historischen Jesus weiß - der evangelische Theologe Heinz Zahrnt jedenfalls
* Ob en: Gemälde von José de Ribera, Museo del Prado, Madrid (um 1635); unten: Römisches Mosaik (2. Jh. vor Christus); Statue aus dem Aton-Tempel in Karnak.
braucht ihn nicht, um Christ zu sein. Das bliebe er auch, wenn man "den Nachweis brächte, daß Jesus von Nazaret nicht gelebt hätte". Und auch Paul Tillich, der wie Rudolf Bultmann, Karl Barth und Karl Rahner zu den großen Theologen dieses Jahrhunderts gezählt wird, scheint an Jesus nicht zu hängen: "Wenn er es nicht war, dann war es eben ein anderer."
Sogar zum "Verzicht auf Jesus" fordert der Berliner Theologe Walter Schmithals auf und steigert sich zu dem Satz: "Mag die Frage nach dem historischen Jesus auch hi-
storisch möglich und erlaubt sein, so ist sie theologisch doch verboten."
Wieso verboten? Das soll wohl heißen: Was immer über den Jesus erforscht wird, es ist für den Christus ohne Bedeutung.
Einen erstaunlichen Satz veröffentlichte auch Andreas Lindemann, Professor an der Kirchlichen Hochschule in Bethel: "Ob sich die Verkündigung und Theologie des Neuen Testaments in ,Anknüpfung'' oder im ,Widerspruch'' zu Jesus entwickelte, ist zwar historisch interessant, aber theologisch letztlich ohne Bedeutung." Grenzt das nicht an Schizophrenie, wenn der Historiker Lindemann, der er als kritischer Exeget ist, Widersprüche zwischen Jesus und Christus feststellt, der Theologe Lindemann sie aber für belanglos erklärt?
Was die Titel Jesu angeht, die in den Evangelien erwähnt werden, so gibt es nur einen einzigen, den nach Meinung der meisten Exegeten Jesus tatsächlich gebraucht haben soll: den mehrdeutigen Titel "Menschensohn". Im übrigen aber gilt als Ausweis moderner Gesinnung, mit traumwandlerischer Sicherheit zu behaupten, Jesus habe sich weder für den Messias - also den "Christus" - gehalten noch für den Sohn Gottes, noch für einen Nachkommen des Königs David. Daß Jesus keinen dieser ihm später beigelegten Hoheitstitel selbst gebraucht hat, "ist ziemlich übereinstimmende Meinung der protestantischen und katholischen Bibeltheologen". So steht es im Jesus-Buch des katholischen Exegeten Herbert Leroy (Augsburg).
Doch woher rührt diese divinatorische Gewißheit? Wir wissen doch gar nicht, für was Jesus sich gehalten hat, wir können und werden es auch nicht wissen.
Der "Weltkatechismus" macht es sich wie immer leicht und verlangt kategorisch: "Um Christ zu sein, muß man glauben, daß Jesus Christus der Sohn Gottes ist."
Bischof Kasper löst den Widerspruch mit dem denkwürdigen Doppelsatz auf: "Nach den synoptischen Evangelien bezeichnet sich Jesus selbst nie als Sohn Gottes. Damit ist die Gottessohnaussage eindeutig als Glaubensbekenntnis der Kirche ausgewiesen."
Also: Was Jesus nicht gesagt hat, sagt die Kirche. Es ist mithin gleichgültig, was Jesus gesagt und was er nicht gesagt hat.
Kasper hat noch eine andere Sorge: "Hätte die Deutung des Todes Jesu als sühnende Hingabe an Gott und für die Menschen keinerlei Anhalt im Leben und Sterben Jesu selbst, dann rückte das Zentrum des christlichen Lebens in gefährliche Nähe von Mythologie und Ideologie."
Für eine wachsende Zahl von Exegeten steht fest, daß der Jude Jesus nicht im Traum und nicht am Kreuz daran gedacht hat und nicht daran gedacht haben kann, für die Menschheit zu sterben, mit seinem Tod alle zu erlösen, die an ihn glauben.
Es würde zu weit führen, näher darauf einzugehen, welchen Sinn Jesus in seinem
* Gemälde, Lucas Cranach dem Älteren zugeschrieben (um 1546).
Tod gesehen haben mag, denn wie man es dreht und wendet, jeder Gedanke darüber zerbröselt: warum Jesus nach Jerusalem ging, was er dort wollte, wie er dort auftrat, was ihm vor und bei der Kreuzigung widerfuhr - wir wissen es nicht.
"Von keiner jüdischen Gruppe und von keiner römischen Behörde gibt es dazu ein Sterbenswörtchen", bestätigt Exeget Becker. Es gibt nur die Berichte in den Evangelien, und deren Überlieferung sei
zwar ausführlich, aber literarisch stilisiert und theologisch überformt, so der Neutestamentler Burchard.
Fast alles, was an Konkretem in den Passionsberichten der Evangelisten vorliegt, scheint aus den Weissagungen und Psalmen des Alten Testaments herausgesponnen zu sein. Ob Jesus beigesetzt, also bestattet, oder ob er verscharrt wurde mit anderen zusammen, oder ob die Römer die Juden daran hinderten, ihn vom Kreuz zu nehmen und ihn "den wilden Tieren als Nahrung ließen", wie der schriftstellernde Bischof Eusebius (circa 260 bis 339) das schreckliche Ende von Hingerichteten beschrieb - auch das weiß man nicht. Gleiches gilt für nahezu jedes Detail der Passionsgeschichte in den Evangelien.
Seit 2000 Jahren müssen es die Theologen für einen Irrtum erklären, daß Jesus als "König der Juden" angeklagt und hingerichtet wurde. Ob es einen Prozeß oder nur ein Verhör vor einer jüdischen Instanz oder weder das eine noch das andere gegeben hat - mit Recht ist dies alles strittig, weil es nicht zu klären ist.
"Mag er beiläufig hingerichtet worden sein; das ist das Wahrscheinlichste", meinte 1965 der Marburger Neutestamentler Ernst Fuchs. Kein anderer Exeget hat Fuchs seither beigepflichtet; auch die kritischsten halten daran fest, daß Pilatus gegen Jesus tätig wurde und seinen Tod beschloß, wenn auch vielleicht nicht in einem regulären Prozeß, und sicher anders, als es in den Evangelien steht. Jesus vor seinem Richter Pilatus - eine der großen Szenen der Weltliteratur im Johannes-Evangelium, aber eben nicht der Weltgeschichte.
Doch das eine - eine beiläufige Hinrichtung - und das andere - Pilatus entschied Jesu Tod am Kreuz - schließen sich nicht aus. Der Delinquent Jesus braucht dem Statthalter gar nicht vorgeführt worden zu sein; Jesus braucht nicht einmal Delinquent gewesen zu sein.
Es ist gut möglich, daß Pilatus, der als römischer Prokurator die üblichen Unruhen fürchtete, ein Exempel statuiert hat, indem er vor den Toren der Stadt einige Juden zur Abschreckung kreuzigen ließ, nachdem Jerusalem sich mit Passah-Pilgern zu füllen begann. Juden am Kreuz könnten als Vorsorge effektiver gewesen sein als Soldaten in der Stadt.
Doch wenn Pilatus einige jüdische Männer ans Kreuz hängen ließ, dann war es für ihn und seinen Zweck ziemlich belanglos, ob seine Soldaten wahllos oder gezielt zugriffen.
Was bleibt nun nach 2000 Jahren von der Botschaft des Jesus oder des Christus?
Das "Reich Gottes" steht nach einhelliger Meinung der Theologen im Zentrum. Bischof Kasper spricht vom "Grundmotiv". Um so erstaunlicher ist es, daß nur in den drei älteren Evangelien von diesem "Reich Gottes", der "Königsherrschaft", dem "Himmelreich" häufig die Rede ist, vorher bei Paulus kaum, später im letzten, dem Johannes-Evangelium, nur ein einziges Mal.
Die Evangelien könnte man gleich wegwerfen, wenn man nicht für möglich hielte, daß Jesus das Hereinbrechen des Gottesreiches verkündet hat. Aber schon wer liest, was in den synoptischen Evangelien über das "Reich Gottes" steht, wird verwirrt angesichts der diffusen und widersprüchlichen Sätze. Noch schlimmer wird es, wenn Jesus-Buch-Autoren uns darüber aufklären wollen, was jeweils gemeint ist.
Der Papst, als Exeget einsame Spitze, spricht vom "Reich Gottes" so, wie es ihm gerade paßt. Mal ist es "vor allem eine Person" - natürlich Jesus Christus -, mal wächst es "Tag für Tag in den Herzen der Glaubenden".
Jesus wollte das "Reich Gottes", gekommen ist die Kirche; mit diesem oft zitierten Wort beschrieb der französische Freigeist Alfred Loisy (1857 bis 1940) einen unauflöslichen Widerspruch.
Woher bezieht die Kirche ihre Autorität, wenn Jesus sie nicht gründen wollte, ja, ihm allein der Gedanke an eine Kirche fremd sein mußte? Wider alle Logik, überdies gegen den Sinn und den Wortlaut aller einschlägigen Stellen in den Evangelien brachte das Zweite Vatikanische Konzil im Jahre 1964 zusammen, was sich ausschließt: "Der Herr Jesus machte den Anfang seiner Kirche, indem er die Frohe Botschaft verkündete, nämlich die Ankunft des Reiches Gottes."
Ein großes Stück Literatur ist sicherlich die Bergpredigt im Matthäus-Evangelium. Aber fast alle Exegeten sind sich darüber einig, daß Jesus sie nie gehalten hat. Sie ist "eine vom Evangelisten Matthäus gestaltete Komposition", so der Berner Neutestamentler Ulrich Luz in seinem Matthäus-Kommentar, dem mit Abstand besten, den es derzeit gibt. Bei Lukas findet man eine "Feldrede", sie ist kürzer, und einiges liest sich anders.
Einige Passagen stimmen in der "Bergpredigt" und in der "Feldrede" in etwa überein. Aber während die meisten Exegeten meinen, hier "echte Jesusworte" entdecken zu können, muß auch bei diesen Texten bezweifelt werden, daß sie wirklich von Jesus stammen - schon weil Markus, der das älteste Evangelium schrieb, und Paulus, dessen Briefe älter sind als alle Evangelien, nichts von der Bergpredigt, der Feldrede und all ihren Teilen wußten.
Neben vielen Sprüchen, die gern zitiert werden, obwohl viele ihren Ursprung nicht kennen - beispielsweise, daß man nicht zwei Herren und auch nicht Gott und dem Mammon dienen kann, oder daß man Perlen nicht vor die Säue werfen soll -, steht auch mancher Unsinn in der Bergpredigt, wie der Rat, was zu tun sei, wenn einen die rechte Hand ärgert: "Hau sie ab, und wirf sie von dir."
Doch selbst wenn die Texte überwiegend Original-Ton Jesu wären, so wären sie größtenteils nicht originär. Am deutlichsten bezieht der Saarbrücker Theologe Karl-Heinz Ohlig Stellung: "Kein Thema der Predigt Jesu ist schlechthin singulär: Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Sünderliebe Gottes, all diese Motive finden sich schon im Alten Testament und der Sache nach zum Teil auch in außerchristlichen Religionen." Und: "Was es an Humanem bei Jesus und im Christentum gibt, findet sich auch sonstwo in der Welt."
Die Bergpredigt ist von der Kirche stets mißbraucht worden. Denn wer immer deren Autoren sind, ob Jesus und/oder Matthäus und/oder andere Urchristen, sie ist kein "Normenkatalog". Sie würde "mißverstanden, wäre sie damals oder würde sie heute in direkter Weise verwendet, um Jesu Normenverständnis für alle möglichen einzelnen Handlungsfelder daran abzulesen", so Theologe Becker.
Eben deshalb ist die Bergpredigt nicht, wie es im "Weltkatechismus" steht, "die Magna Charta der Moral des Evangeliums", und eben deshalb ist Jesus nicht, wie Johannes Paul II. erklärt, "der Lehrer für das moralische Handeln der ganzen Menschheit".
Die Kirche hat kein Recht, unter Berufung auf Jesus Christus zu behaupten, ihr komme es zu, wie sie es in ihr Gesetzbuch, den Codex iuris canonici (Buch III, Canon 747, Paragraph 2), schrieb: "immer und überall die sittlichen Grundsätze auch über die soziale Ordnung zu verkündigen wie auch über menschliche Dinge jedweder Art zu urteilen".
Seit den Tagen des Jesus und des Paulus ist die Welt nicht vorangekommen; die Menschen haben durch die 2000jährige Wirkungsgeschichte der Christus-Legende, vor allem aber durch das segensreiche Wirken der Kirche, keine höhere Ethik oder Moral erlangt.
Die simple Ethik der alten Griechen oder einzelner Denker wie etwa des Gelehrten aus Jerusalem Rabbi Hillel (circa 30 vor bis 10 nach Christus) könnte für einen Wertekanon ausreichen - wollte man sich an einem solchen heute noch orientieren. Es bedürfte keiner "Christlichen Ethik", wie immer sie zustande gekommen sein mag - zumal sie, wie man sieht, ursprünglich nicht so neu und anders war, wie man vorzugaukeln versucht.
Daß allenthalben Ersatz für verlorengegangene Religion wie mit der Wünschelrute gesucht wird und daß der Religionsbegriff ungeahnte Ausweitung erfährt, weil jeder auf Sinnsuche ist - auch wenn er gar nicht weiß, nach welchem Sinn er suchen soll, kann jeder miterleben.
Da die Religion das Bedürfnis nach äußerlichem Pomp, den der Papst ja noch vorlebt, selten erfüllt, machen die Menschen aus der Jagd nach platten Erfolgen eine Religion.
Für Außenstehende ist schwer auszumachen, ob in der Zuwendung zu fernöstlichen, namentlich buddhistischen Vorstellungen mehr steckt als ein modischer Trend. Und wenn die Kirchen vor jenen "Sekten" warnen, die den nahen Weltuntergang ankündigen und von den apokalyptischen Ängsten leben, die sie selbst schüren, dann sollten sie sich daran erinnern, daß ihre eigene Geschichte vor 2000 Jahren mit einem Irrtum und der düsteren Prophezeiung begann, mit der Welt sei es alsbald zu Ende.
Dahin könnte es ja sehr wohl kommen, aber die Kirchen hätten dann als Initiatoren nach Kräften mitgewirkt.
* Gemälde von Marco Palmezzano (circa 1458 bis 1539), Vatikanische Museen. * Oben: Tafelbild von Albrecht Dürer (1526); Mitte: Gemälde aus der Rembrandt-Schule (um 1630); unten: Die Konstantinische Schenkung, Fresko, Rom (1246). * Altarbild von Michael Pacher (um 1435 bis 1498) in St. Wolfgang, Österreich. * Fresko in Padua von Giotto di Bondone (um 1266 bis 1337). * Oben: Gemälde von José de Ribera, Museo del Prado, Madrid (um 1635); unten: Römisches Mosaik (2. Jh. vor Christus); Statue aus dem Aton-Tempel in Karnak. * Gemälde, Lucas Cranach dem Älteren zugeschrieben (um 1546).
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 21/1999
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