25.04.2015

Hans-Georg von FriedeburgDer Mann, der dreimal kapituliert

Jedes Land, das kapituliert, braucht eine Regierung und jemanden, der die Kapitulation unterschreibt. Und so sitzt an diesem 8. Mai 1945 Hans-Georg von Friedeburg im Auftrag von Hitlers Nachfolger Karl Dönitz in einer britischen Transportmaschine auf dem Flug nach Berlin. Seit sieben Tagen ist er Generaladmiral, das ist der zweithöchste Rang in der Marine, nach dem Großadmiral. Friedeburg, 49 Jahre alt, kommt aus einer badischen Offiziersfamilie, sein Vater Karl war Generalmajor. Den Sohn zog es in die Marine. Seemänner geben sich und ihrer Crew ein Lebensmotto, seines lautet: "Wir wissen, wer wir sind. Wir bleiben, was wir waren".
Er ist wirklich geblieben, was er von Jugend an war, ein Mann der deutschen Seefahrt. 1914 Seekadett, 1918 Leutnant, 1933 Korvettenkapitän, 1939 Stabsoffizier bei Karl Dönitz, dem Kommandeur der U-Boot-Flotte, 1945 Nachfolger von Dönitz als Oberbefehlshaber der Kriegsmarine. Da ist der Krieg auf den Meeren schon verloren. 27 000 der 41 000 deutschen U-Boot-Fahrer sind tot.
Friedeburgs Welt ist untergegangen. Nichts kann so bleiben, wie es war. Und Friedeburg ist nun der Protokollant des Untergangs. Heute soll er wieder seine Unterschrift unter eine Kapitulationsurkunde setzen.
Am Flughafen Tempelhof stehen Autos der Roten Armee bereit. Der deutschen Delegation gehören neben Friedeburg Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel (Chef des Oberkommandos der Wehrmacht) und Luftwaffen-Generaloberst Hans-Jürgen Stumpff an. Sie fahren hinaus nach Karlshorst, sie sollen sich im Offizierskasino der Pionierschule einfinden. Am Reichstag weht die rote Fahne, die Reichskanzlei ist eine Trümmerhalde, kaum ein Mensch ist auf den Straßen zu sehen. Keitel staunt, Keitel erkennt sein Berlin nicht mehr. Er sagt hinterher: "Ich musste erschüttert feststellen, wie stark zerstört diese Stadt ist."
Friedeburg hat sie gekannt und geschätzt, die Herren des "Dritten Reiches", Goebbels und Hitler und Göring, anders wäre er nicht Generaladmiral geworden. Er hat auch schon darüber nachgedacht, welche Konsequenzen er ziehen sollte. Mit seiner Frau hat er darüber geredet, was für ihn persönlich Niederlage und Kapitulation bedeuten.
In der Mittagszeit kommen sie in Karlshorst an. Die drei Deutschen werden in ein Nebengebäude gebracht. In den nächsten Stunden fehlt es ihnen an nichts. Aber man hält sie hin. Im russischen Text fehlen einige Zeilen, Briten und Amerikaner haben kleinere Änderungswünsche, die Übersetzungen müssen immer wieder einander angeglichen werden.
Um Mitternacht endlich werden die Deutschen durch eine Seitentür in den Speisesaal des Offizierskasinos geführt. Die alliierten Offiziere, in der Mitte Marschall Georgij Schukow, sitzen an einem langen Tisch. Für die Deutschen sind drei Plätze an einem kleinen Extratisch vorgesehen. Keitel, das Monokel im linken Auge, schmettert seinen Marschallstab auf den Tisch. Friedeburg schaut niedergeschlagen vor sich hin. Schukow fragt, ob sie den Kapitulationsvertrag gelesen hätten.
Fotografen springen vor, drängen das Gefolge um die Generäle weg und knipsen wie wild, als die Deutschen und die Alliierten unterschreiben. Um 0.16 Uhr am 9. Mai ist es geschafft. Die Urkunde wird vordatiert auf den 8. Mai. General Schukow sagt: "Die deutsche Delegation kann den Saal verlassen."
Friedeburg fährt zurück nach Flensburg, um dem Reichspräsidenten Dönitz Bericht zu erstatten. Dort sitzt die Regierung im Stadtteil Mürwik in der Marineschule, einem mächtigen Backsteinhaus, dort tagt das Kabinett. Es geht um wichtige Dinge in dieser Regierung, zum Beispiel darum, ob es jetzt noch angemessen sei, Heil Hitler zu sagen. Abgeschafft.
Im Hafen und auf dem Bahnhof von Flensburg stauen sich Schiffe und Züge, mit denen Hunderte Häftlinge aus Sachsenhausen und Neuengamme angekommen sind. Aus den Viehwaggons schreien sie nach Wasser. Einige Flensburger bringen Wasserkrüge. Das Geschrei klingt so unmenschlich, dass man es mit der Angst zu tun bekommt.
Von Hitler hat Dönitz den Befehl empfangen, den totalen Krieg bis zur totalen Niederlage weiterzuführen. Ein sinnloser Auftrag, das weiß bald auch Dönitz und macht Friedeburg zum Handlungsreisenden für die Kapitulation.
Zur ersten ist Hans-Georg von Friedeburg in einem leicht lädierten Mercedes am 3. Mai frühmorgens in die Lüneburger Heide aufgebrochen, vorbei an Menschenzügen auf Fahrrädern oder Pferden, das wenige Gepäck auf dem Rücken oder in Handwagen gestapelt. Frauen, Kinder, Greise, kaum jüngere Männer. Bei Quickborn passierte der Mercedes die britischen Linien. Der Hamburger Osten war ein einziges Feuermal, die alliierten Bomber haben die Arbeiterviertel in Asche verwandelt.
Auf dem Timeloberg bei Wendisch Evern ließ der britische General Bernard Montgomery schnell noch den Union Jack in der Nähe seines Wohnwagens hochziehen. Als Friedeburg um 11.30 Uhr aus dem Mercedes stieg und militärisch grüßte, fragte ihn Montgomery behaglich, was sein Begehr sei.
Friedeburg bot an, dass drei deutsche Armeen zwischen Berlin und Rostock kapitulieren. Montgomery verlangte, dass alle deutschen Truppen in Nordwestdeutschland, Schleswig-Holstein, Dänemark und Holland aufgeben müssten. Die Verhandlungen fanden unter freiem Himmel statt, auch ein Zeichen der Verachtung.
Friedeburg antwortete, er müsse sich zuerst mit Dönitz über die Bedingungen der Briten beraten. Daraufhin fuhr der Mercedes zurück, Montgomery ließ alle Straßen Richtung Rendsburg für Luftangriffe sperren. Am 4. Mai nachmittags kam der deutsche Unterhändler wieder in die Heide. Montgomery lud die Presse für 17 Uhr ein.
Um 18.30 Uhr las Montgomery das Schriftstück über die bedingungslose Teilkapitulation der deutschen Wehrmacht über zwei Mikrofone der BBC vor.
Sofort machte sich Friedeburg auf den Weg nach Reims zur zweiten Kapitulation. Wieder begannen die Verhandlungen schleppend. Amerikanische Offiziere legten Friedeburg einen Bericht über Bergen-Belsen vor, über die furchtbaren Leichenberge, die ausgemergelten Überlebenden. Er geriet in Zorn. Er wollte nicht glauben, was er zu hören bekam, und fühlte sich in seiner deutschen Offiziersehre beschmutzt.
Friedeburg wollte erneut auf eine Teilkapitulation dringen, damit möglichst viele Soldaten und Zivilisten aus dem Osten nach Westen fliehen können. Aber auch die Amerikaner ließen sich nicht auf Verhandlungen ein. Die Deutschen unterschrieben die Gesamtkapitulation der Wehrmacht. Der Zeitpunkt wurde handschriftlich auf 23.01 Uhr am 8. Mai festgesetzt.
Mit der letzten Unterschrift in den ersten Minuten des 9. Mai hat die geschäftsführende Reichsregierung in Flensburg ihre Aufgabe erfüllt. Sie wird noch bis zum 23. Mai amtieren, dann übernimmt eine britische Einheit die Marineschule Mürwik. Dönitz und Friedeburg sind nunmehr Kriegsgefangene. Sie dürfen ein paar persönliche Sachen packen, bevor sie ins Lager gebracht werden. Keine Eile. Friedeburg bittet darum, den Waschraum aufsuchen zu dürfen.
Die Zeit vergeht, die Soldaten rauchen vor der Marineschule und werden unruhig. Sie finden den sterbenden Hans-Georg von Friedeburg in einer Toilettenkabine, die Augen weit aufgerissen. Er hat auf eine Zyankali-Kapsel gebissen.

DER SPIEGEL 18/2015
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