25.04.2015

Hermann GöringZwölf Jahre lang anständig gelebt

Die Nacht zum 8. Mai hat er auf Schloss Fischhorn in der Nähe von Zell am See verbracht. Hermann Göring, ehemaliger Präsident des Preußischen Staatsrats, ehemaliger Präsident des Reichstags, ehemaliger Reichsforstmeister und Reichsjägermeister, ehemaliger designierter Nachfolger des Führers, ehemaliger Vorsitzender des Ministerrats für Reichsverteidigung, ehemaliger Präsident des Reichsforschungsrats, ehemaliger Reichsluftfahrtminister, ehemaliger Oberbefehlshaber der Luftwaffe und ehemaliger Vorsitzender des Zentralen Planungsamts - dieser gerade noch so mächtige Mann ist in der Obhut des amerikanischen Brigadegenerals Robert Stack, der ihn höflich behandelt. Seine Frau Emmy und seine Tochter Edda sind bei ihm.
Göring ist an diesem Tag noch ein Mann, der daran glaubt, dass er Frieden schließen kann. Er hat einen Brief an Dwight Eisenhower geschrieben, den Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Nordwesteuropa, und erwartet die Antwort. Er ist ein Mensch, der sich viel einredet und auch jetzt noch davon überzeugt ist, dass es für ihn gut ausgehen wird. Sind seine Nerven zerrüttet, was in letzter Zeit häufig vorkommt, dann wirft er Tabletten ein, bis die Illusionen wieder strahlen. "Fragen Sie General Stack, ob ich meine Pistole oder meinen Ehrendolch tragen soll, wenn ich mit Eisenhower zusammentreffe", sagt er zu dem Dolmetscher. "Das ist mir wurscht", antwortet der General auf Deutsch.
Reichsmarschall und General trafen sich am Tag zuvor bei Radstadt, 80 Kilometer südlich von Salzburg. Göring kam im gepanzerten Zwölf-Zylinder-Maybach wie bei einem Familienausflug mit Frau Emmy und Tochter Edda. Er trug seine silbergraue Uniform, darüber einen zeltartigen Übermantel. Stack stieg aus seinem Sedan und begrüßte ihn mit Handschlag, wofür er sich später rechtfertigen muss. Göring entschuldigte sich bei dem weißhaarigen Texaner für seinen schmucklosen Aufzug, seine Prachtuniformen und Orden seien auf dem Obersalzberg in den Flammen aufgegangen. Stack staunte und fragte: "Sprechen Sie Englisch?" Göring zwängte sich in den Sedan und murmelte: "Wenigstens zwölf Jahre anständig gelebt."
Viel Pracht und Pomp ist nicht mehr um den Mann, der auf Carinhall Löwen hielt und Elche ansiedelte, der Raubkunst in die riesige Eingangshalle hängte und mit abnehmendem Kriegsglück lieber in Ostpreußen auf die Jagd ging, als die Front zu besichtigen.
Carinhall verließ er an Hitlers Geburtstag, am 20. April, noch einmal hatte er im Mausoleum, das er für seine erste Frau Carin gebaut hatte, auf den Knien gelegen und gebetet. Mittags dann Berlin, kleiner Lageraum im Führerbunker. Hitler verkündete, dass er das Oberkommando der Wehrmacht in Nord und Süd teilen werde, falls die Alliierten das Reich in der Mitte besetzen sollten. Im Norden würde Karl Dönitz den Oberbefehl übernehmen, im Süden General Albert Kesselring. Als Hitler den Führerbefehl unterschrieb, zitterte seine rechte Hand so stark, dass er sie mit der linken festhalten musste. Dann bat Göring darum, Berlin verlassen zu dürfen: "Mein Führer, Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich jetzt nach Berchtesgaden abreise?"
Das hat er schon mal geschafft, er muss nicht mit Hitler und Goebbels Selbstmord begehen oder den Untergang in Berlin abwarten. Stattdessen schlägt er sich durch bis nach Österreich, nach Mauterndorf, einer Burg, die ihm gehört, sie ist das Erbe seines Patenonkels Hermann von Epenstein. Der hat ihm den Vornamen gegeben, aber auch ein Problem beschert: Der Hausarzt und Gönner der Familie Göring ist jüdischer Abstammung.
Aus Mauterndorf hat Göring seinen Adjutanten Bernd von Brauchitsch losgeschickt, der mit weißen Fahnen so lange durch die Gegend fahren sollte, bis er auf amerikanische Einheiten stoßen würde, um ihnen den Brief an Eisenhower zu übergeben. Darin ersucht der Reichsmarschall um ein Gespräch von gleich zu gleich: "Ich bitte Sie, mir zu dieser Aussprache freies Geleit zu gewähren und meine engste Umgebung und Familie unter amerikanische Bewachung zu stellen. Aus technischen Gründen schlage ich hierfür Berchtesgaden vor. Wenn auch mein dortiges Haus völlig zerstört ist, so befinden sich in meiner Adjutantur doch noch die notwendigsten Räume hierfür."
Unter Bewachung steht er, auf Antwort wartet er. Es passt jetzt ganz gut, dass Hitler mit ihm in seinen letzten Tagen gebrochen hat, nicht weil Göring die Flucht aus Berlin antrat, sondern weil er einen letzten Versuch unternommen hat, das zu werden, was er immer werden wollte: Hitlers Nachfolger. Es passt jetzt auch ganz gut, dass Hitler ihn deshalb der vielen Ämter enthoben und aus der Partei ausgestoßen hat. General Stack behandelt ihn vornehm, das muss ein gutes Zeichen sein.
In Görings Fantasiewelt wäre es auch nur angemessen, wenn sich zwei Kriegsherren wie er und Eisenhower zusammensetzten und vernünftig darüber redeten, was nun werden soll. Ob der Brief aber je den Adressaten erreicht hat, lässt sich nicht aufklären.
Noch eine Nacht bleiben die Görings auf Schloss Fischhorn, noch eine Nacht lang kann er darauf hoffen, dass doch noch alles gut ausgeht. Dann bringt ihn General Stack nach Kitzbühel ins Grandhotel. Dort ist das Quartier der 36. Infanteriedivision, die zur 7. US-Armee gehört. Göring ist jetzt nicht mehr in amerikanischer Obhut, sondern ein Kriegsgefangener. Er verabschiedet sich von Emmy und Edda.
Am Nachmittag des 9. Mai wird der Kriegsgefangene Hermann Göring in Kitzbühel amerikanischen Soldaten vorgezeigt, die Erinnerungsfotos von ihm schießen. Der Presse wird er am 11. Mai in einer Villa in Augsburg vorgeführt, im Hauptquartier der 7. US-Armee. Klaus Mann ist dabei, er schreibt, Göring wirke nicht einmal besonders unsympathisch, angenehme Stimme, keine monströsen Züge, allerdings liege ein "recht böses Glitzern" in seinem Blick, er strahle Brutalität aus.
1946 wird Göring im Nürnberger Prozess zum Tod durch den Strang verurteilt. Am Abend des 15. Oktober 1946 begeht er Selbstmord. Wie Generaladmiral Friedeburg beißt er auf eine Zyankali-Kapsel.

DER SPIEGEL 18/2015
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