25.04.2015

MoralSind wir scheinheilig, Herr Bude?

Heinz Bude, 60, Professor für Soziologie an der Universität Kassel, über den Umgang der Menschen mit fernen Katastrophen
SPIEGEL: Herr Bude, wir schauen "Tagesthemen", sehen, wie mal wieder ein Flüchtlingsboot kentert, und widmen uns anschließend den Fußballergebnissen. Wie geht das zusammen?
Bude: Ich glaube, die Mehrheit unserer Gesellschaft will nicht kaltherzig erscheinen. Weder vor anderen noch vor sich selbst. Aber wir leben in einer Bildergesellschaft, und die Wirkung dieser Bilder ist sofort weg, sobald man sie nicht mehr sieht.
SPIEGEL: Lässt sich das verhindern?
Bude: Wir brauchen Rituale der Sympathie, irgendeine Figur, die stellvertretend mein Mitleid ausdrückt. Der Papst hat etwas sehr Interessantes gemacht. Er war auf Lampedusa und hat nicht gesagt, was wir jetzt alles tun müssen und wie ungerecht und furchtbar die Welt ist, sondern er war in der Lage zu sagen: Hier sind Menschen gestorben, und wir werden für sie Blumen ins Meer werfen. Weil wir fühlen und wissen, das sind Menschen wie wir.
SPIEGEL: Das hilft dem Zuschauer vor dem Fernseher bei der Anteilnahme?
Bude: Genau. Solche Gesten sind viel wichtiger als ein punktuelles Bild des Elends. Sie entlasten mich, und gleichzeitig sagen sie mir: Das Problem ist nicht aus der Welt.
SPIEGEL: Es gibt noch andere Rituale. Die Schweigeminute bei Günther Jauch beispielsweise. Wem hilft so was?
Bude: Zunächst einmal dem Schweigenden selbst, weil er die Möglichkeit hat, ein Zeichen zu geben. Aber die Schweigeminute ist relativ schnell wieder weg. Anders als Papst und Blumen.
SPIEGEL: Was halten Sie davon, Schock und Empörung auf Facebook zu posten?
Bude: Der moralische Klickismus im Netz bleibt als Ausdruck von Betroffenheit absolut folgenlos. Dann lieber mit anderen darüber reden und sagen: Hör mal, was machen wir denn jetzt mit diesen ganzen Leuten, die nur ihr Glück woanders suchen, wir können die doch nicht vor unseren Augen ertrinken lassen.
SPIEGEL: Ist es nicht eine Illusion, dass der Einzelne etwas tun kann?
Bude: Klar, moderne Gesellschaften haben immer mehr mit unlösbaren Problemen zu tun. Es gibt Fragen, die wir nicht beantworten können. Und trotzdem: Wenn wir 10 000 Menschen retten, ist das besser, als wenn wir niemanden retten.
SPIEGEL: Wie schafft man es, angesichts der Vielzahl an Krisen, nicht abzustumpfen?
Bude: Ich glaube, es gibt nur einen einzigen Weg, nicht abzustumpfen: die Idee nicht zu verlieren, dass die Welt weitergeht. Dass es Zukunft gibt. Und dass wir, was immer wir tun oder lassen, die Welt verändern.
Von Dia

DER SPIEGEL 18/2015
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