25.04.2015

Interview„Die Mode schweigt“

Li Edelkoort, 64, ist eine der wichtigsten Trendforscherinnen der Textilindustrie. Nun hat sie ein Manifest veröffentlicht: „Anti_Fashion“.
SPIEGEL: Frau Edelkoort, warum erklären Sie die Mode für tot?
Edelkoort: Nicht die Mode, sondern das System, das dahintersteckt. Viele Modeunternehmen sind mittlerweile Aktiengesellschaften, weshalb sie laufend gute Zahlen abliefern müssen. Aber die Mode ist von Innovationen getrieben, und das heißt, sie muss ständig ausprobieren. Aber es gibt keine wasserdichten Voraussagen, was sich gut verkauft und was nicht. Es ist eine Frage des Timings. Die Mode ist ein riskantes Geschäft, aber die Finanzverantwortlichen erlauben keine Risiken. Deshalb redet überall das Marketing rein.
SPIEGEL: Was heißt "reinreden"?
Edelkoort: Zunächst machen die Designteams im Jahr nicht nur 2 Kollektionen, sondern zwischen 10 und 20. Das macht die Designer körperlich und psychisch kaputt. Und dann können sie nicht einfach ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Eine Kollektion hat feste Bestandteile: Erst mal müssen die Stücke neu interpretiert werden, die die DNA der Marke festigen.
SPIEGEL: Sie meinen so etwas wie die berühmte Chanel-Jacke, die es seit Jahren in immer neuen Varianten gibt.
Edelkoort: Dann müssen die Teile wieder aufgelegt werden, die sich in der letzten Saison am Besten verkauft haben. Dann die, die das Thema der Kollektion widerspiegeln sollen, die It-Pieces. Die Innovation kommt zuletzt. Daran ist das Marketing schuld. Ebenfalls an den frühen Lieferzeiten. Wer braucht Bademode im Oktober und Kaschmir im März? Lächerlich.
SPIEGEL: Sie arbeiten seit 35 Jahren als Trendforscherin und haben gut von der Modeindustrie gelebt. Wie haben Ihre Kunden auf Ihr Manifest reagiert?
Edelkoort: Es gab zahlreiche positive Reaktionen und eine Hass-Mail. Ich solle aufhören rumzuschwafeln.
SPIEGEL: Dazu passt Ihr Image als Guru.
Edelkoort: Na ja, es tut mir leid, aber ich kann nichts dagegen tun, dass ich in die Zukunft schauen kann.
SPIEGEL: Wieso äußern Sie Ihre Zweifel jetzt?
Edelkoort: Es hat sich einiges angestaut, und die Leute aus der Modebranche reden schon seit Jahren hinter vorgehaltener Hand über diese Themen: über die Schauen, die nur 14 Minuten dauern, nachdem man anderthalb Stunden gewartet hat, über die Werbekampagnen, die alle gleich aussehen, über die riesigen Taschen, die die Mode verdecken und mit denen das eigentliche Geld verdient wird, und über die schrecklichen Produktionsbedingungen.
SPIEGEL: Große Unternehmen von H & M bis Louis Vuitton steigern jährlich ihre Umsätze.
Edelkoort: Aber die Risse werden sichtbar. Haben Sie die Schauen in Paris verfolgt? Das Einzige, was nachrichtlich relevant war, war der Auftritt zweier alternder Schauspieler, die sich als Models ausgaben, um Werbung für ihren nächsten Film zu machen.
SPIEGEL: Ben Stiller und Owen Wilson traten bei Valentino auf, als Charaktere aus ihrem Film "Zoolander".
Edelkoort: Ich kann mich an eine Zeit erinnern, in der die Mode selbst die Nachricht war. Als Yves Saint Laurent 1968 eine durchsichtige Bluse ohne BH präsentierte, war das am nächsten Tag auf allen Titelseiten. Da war die Mode das Gesprächsthema, nicht die It-People.
SPIEGEL: In Ihrem Manifest sprechen Sie von Mode und von Kleidung. Wo liegt der Unterschied?
Edelkoort: Mode kann gesellschaftliche Veränderungen reflektieren und manchmal sogar einleiten. Der New Look von Christian Dior gab den Menschen nach dem Krieg neue Hoffnung. Mit seinen taillierten Kleidern eroberten die Frauen ihren Körper zurück. Die Schulterpolster der Achtziger- und Neunzigerjahre standen für die Emanzipation der Frau. Mode war immer ein Spiegel der Zeit.
SPIEGEL: Ist sie das nicht mehr?
Edelkoort: Erinnern Sie sich an die tief sitzenden Hosen? Sie rutschten Jahr für Jahr tiefer, bis sie den Jungs vom Hintern fielen. Das war um 2008. Interessanterweise brach zur selben Zeit die Wirtschaftskrise aus. Auch in den Zwanzigerjahren kündigte die auf die Hüfte rutschende Taille eine Wirtschaftskrise an.
SPIEGEL: Was sagt uns die aktuelle Mode?
Edelkoort: Gar nichts. Sie schweigt. Ich sehe auf den Straßen keine Mode mehr. Ich sehe gut gekleidete Menschen, tolle Haare, gepflegte Gesichter, straffe Körper, aber keine Mode.
SPIEGEL: Ist Mark Zuckerbergs Hoody kein Symbol einer neuen Unternehmergeneration?
Edelkoort: Das ist die Überführung eines Kleidungsstücks von einer gesellschaftlichen Sphäre in die andere. Da liegt der Unterschied zwischen Mode und Kleidung. Bei Kleidung geht es darum, sich selbst darzustellen, nicht ein Vertreter seiner Zeit zu sein. Hosen, Pullover und Kleider werden wieder wichtig, weil sie von keinem Trend abhängig sind. Darin liegt die Zukunft der Branche. Sie sollte alle Energie in die einzelnen Produkte stecken, sie so perfekt machen wie möglich. Designerinnen wie Phoebe Philo von Céline tun das bereits. Auch die Haute Couture wird wieder wichtig werden. Sie dreht sich allein um Stoffe, Silhouetten, darum, was das sein kann: ein Kleid.
SPIEGEL: Kaum jemand kann es sich leisten.
Edelkoort: Vor welchen Geschäften stehen die Menschen Schlange?
SPIEGEL: Apple Stores.
Edelkoort: Und warum? Weil viele Menschen viel Kraft, Energie und Gedanken aufwenden, um diese Smartphone-Dinger besser zu machen.
SPIEGEL: Ob die jungen Konsumenten, die auf YouTube stolz ihre vollen Tüten von Billigherstellern präsentieren, da mitmachen?
Edelkoort: Wenn die Sachen so billig bleiben, werden sie nicht widerstehen können. Deshalb sollte die Mode politisch reguliert werden: Es sollte europäische - und im besten Fall weltweite - Mindestpreise geben. Wo ist der Unterschied zwischen einer Tomate und einer Baumwollfaser? In der Luxusindustrie werden Kleider für 10 bis 50 Euro produziert und für 1000 bis 5000 Euro verkauft. Da wird einem doch schlecht. Das bisschen Geld, das die Marken auf jedes Kleid für Mindestlohn, Brandschutz, Toiletten und Klimaanlagen in den Nähereien aufschlagen müssten, ist für diese Unternehmen doch Peanuts.
SPIEGEL: Die Konsumenten kaufen trotzdem weiter. Wie halten Sie es selbst mit der Wegwerfkultur?
Edelkoort: Ich werfe nichts weg. Ich kleide mehrere meiner Freunde ein.
SPIEGEL: Sie haben mal gesagt, dass ein einziges Stück Stoff der Sprecher einer ganzen Zeit sein kann. Was steht für das Jetzt?
Edelkoort: Eine bestickte weiße Baumwolle. Sie steht für die Sehnsucht nach Romantik, die zurzeit besteht.
SPIEGEL: Woher kommt diese Sehnsucht?
Edelkoort: In Syrien und im Irak werden Menschen bei lebendigem Leib verbrannt. Muss ich noch mehr sagen?
Interview: Mareike Nieberding
Von Mareike Nieberding

DER SPIEGEL 18/2015
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