31.05.1999

VERBRECHENTräume süß

Ermittlungsakten bringen Licht in einen legendenumwobenen Mordfall: Die Edelhure Rosemarie Nitribitt hatte tatsächlich beste Kontakte zu Prominenten.
Nichts schien unmöglich, damals, als Konrad Adenauer 81jährig das Land regierte und die Russen ihre ersten "Sputniks" in den Himmel schossen. "Wurde Rosemarie Nitribitt telefonisch hypnotisiert?" rätselte die konservative "Welt". Und die "Abendpost" aus Frankfurt am Main spekulierte in dicken Lettern: "War die ,blonde Rosemarie' eine Agentin des Ostens?"
Sie war die bekannteste Prostituierte der deutschen Nachkriegsgeschichte. Der Mord an der 24jährigen Edelhure, die am 1. November 1957 mit einer Kopfverletzung und Würgemalen tot in ihrer Frankfurter Wohnung entdeckt wurde, ist nicht nur bis heute unaufgeklärt; er entfachte auch einen Sittenskandal, der die junge Republik bewegte.
Bis heute halten sich Gerüchte, daß Rosemarie Nitribitt sterben mußte, weil sie zuviel über Spitzenpolitiker und Wirtschaftsbosse gewußt habe, denen sie zu Diensten gewesen sei. Doch mit wem genau sie Kontakte hatte, war bislang unbekannt. Zwei Verfilmungen und einen Roman später ist es nun erstmals möglich, ein bißchen Klarheit in den Fall zu bringen.
Das Hessische Hauptstaatsarchiv, das die Nitribitt-Akten der Frankfurter Staatsanwaltschaft seit mehr als zehn Jahren unter Verschluß hält, um Beteiligte des Verfahrens zu schützen, erteilte Journalisten des Hessischen Rundfunks (HR) eine Sondergenehmigung. Die HR-Autoren Helga Dierichs und Hans Sarkovicz durften Zeugenaussagen, Tonbandabschriften und Originaldokumente auswerten; ihr Radio-Feature läuft am Donnerstag dieser Woche im Programm HR 1.
Was manche ahnten, läßt sich nun präzise dokumentieren: Die Nitribitt verkehrte tatsächlich mit Männern aus der ersten Garde der deutschen Industrie. Vier klangvolle Namen geben die Akten preis. Dagegen findet sich kein handfester Beleg für eine Polit-Connection nach Bonn oder gar zu östlichen Geheimdiensten.
Aber: Das in mausgrauen Kartons verstaute Konvolut mit der Registriernummer 33233, Abteilung 461, wirft auch neue Fragen auf. Die Bände 3 bis 6 der Ermittlungsakte fehlen, ohne daß ein Vermerk darüber vorliegt, wer die Dokumente wann an wen abgegeben hat. Verschwunden sind zudem zwei Tonbänder, zwei Ordner mit Bildmaterial sowie ein Notizbuch der Nitribitt.
Von den Tonbändern blieben immerhin stenographische Abschriften erhalten. Die erste dokumentiert eine Art akustischen Brief, den ein stark romantisierter Kunde der Nitribitt aufgezeichnet hatte. Sein Name: Harald von Bohlen und Halbach, Sproß der Essener Krupp-Dynastie.
Seiner "lieben Rebekka", wie er die Nitribitt nannte, flüsterte der damals 41jährige Industriebaron neben Liebeleien ("Also gute Nacht, träume süß") vor allem gute Ratschläge ins Ohr: Eine Christophorus-Plakette für ihr Mercedes-Cabrio möge sie "immer daran erinnern, daß du beim Fahren ein bißchen vorsichtig bist und nicht so ganz plötzlich in die Kurve gehst oder frech überholst".
Nach dem Mord wurde - der inzwischen verstorbene - von Bohlen und Halbach diskret ins Frankfurter Polizeipräsidium zitiert. Im März desselben Jahres habe er die Edeldirne kennengelernt, so seine Aussage; in einer Pension habe er sie beide "unter einem anderen Namen als Ehepaar" eingetragen. Die Nitribitt sei ihm einfach "sympathisch" gewesen, gab er zu Protokoll: "Bei weitem nicht bei jedem Besuch kam es zum Geschlechtsverkehr."
Bohlen und Halbach nannte sich bei Mitteilungen an seine Profi-Geliebte "Harald der Zweite", denn Nitribitts erster Harald hieß mit Nachnamen Quandt und wohnte in Bad Homburg. Die Taunusstadt ist noch immer Stammsitz der Milliardärsfamilie.
Solch wohlhabende Klientel war so recht nach dem Geschmack der Nitribitt, die aus ärmlichen Verhältnissen stammte und viele Jahre in Erziehungsheime gesteckt worden war. Ihr Traum war es, wie eine Kollegin aus dem Milieu der Polizei sagte, als reiche, gesellschaftlich anerkannte Ehefrau "einen großen Salon führen zu können".
Partys bei Harald Quandt erschienen da als formidables Jagdrevier. Auch die millionenschweren Brüder Ernst und Gunter Sachs aus Schweinfurt waren schon mal mit von der Partie - vor allem der ältere "Ernstl", der die Familiengeschäfte führte, machte großen Eindruck auf die Nitribitt. Einer Bekannten erzählte sie, "daß sie sehr verliebt in ihn gewesen sei und ihn auch schon in Schweinfurt besucht habe".
So gerieten die Sachs-Brüder nach dem Tod der blonden Dame ins Visier der Strafverfolger. Gunter, der später als Playboy berühmt wurde, mußte unter der Registriernummer 251 c seine Zeugenaussage über die Ermordete zu Protokoll geben. Vorhanden sind davon nur noch Querverweise, die Protokolle der Sachs-Aussagen fehlen.
Zur Aufklärung konnten die Prominenten offenbar kaum etwas beitragen. Ohnehin waren die Ermittler rasch überzeugt, den Richtigen zu haben: Heinz Pohlmann, einen guten Bekannten der Nitribitt aus dem Frankfurter Schwulenmilieu. Im Prozeß wurde Pohlmann jedoch mangels Beweise freigesprochen.
Für den unwahrscheinlichen Fall, daß eines Tages ein neuer Tatverdächtiger auftaucht, bewahrten die Strafverfolger sicherheitshalber ein makabres Beweismittel auf: den Schädel der Nitribitt. Bis heute lagert das Asservat hinter Milchglas in einer Vitrine des Frankfurter Polizeipräsidiums. DIETMAR PIEPER
Von Dietmar Pieper

DER SPIEGEL 22/1999
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