31.05.1999

Spiegel des 20. JahrhundertsZukunftsprojekt

Pro Gesamtschule / Von Marianne Demmer
Mit dem scheidenden Bundespräsidenten an der Spitze klammert sich das derzeit tonangebende Bildungs-Deutschland in der Frage nach der richtigen Schulstruktur so vollmundig wie kleinmütig ans Alte und Nichtbewährte.
Statt leistungsgemischte Lerngruppen endlich als normal zu akzeptieren, pflegt man lieber die innovationshemmende unstillbare Sehnsucht nach Homogenität, sucht das Heil für den Wirtschaftsstandort Deutschland in einer immer ausdifferenzierteren Elitebildung ("Turbo-Gymnasien"), kurz: perfektioniert das gegliederte Schulsystem für den Konkurrenzkampf in der Ellenbogengesellschaft.
Dabei bescheinigt eine internationale Vergleichsstudie unserem gegliederten Schulsystem, bestehend aus Gymnasien, Realschulen, Haupt- und Sonderschulen, daß es entgegen landläufiger Meinung nicht "das beste Schulsystem der Welt" ist, sondern im Durchschnitt nur mittelmäßige Leistungen hervorbringt. Danach produziert das gegliederte System nicht einmal bei Spitzenschülern bessere Ergebnisse als in Ländern mit langjährigen Gesamtschulsystemen wie zum Beispiel Schweden oder den USA.
Im gegliederten System, das sich nur Deutschland, Teile der Schweiz und Österreich noch "leisten", stehen Gewinner und Verlierer bereits früh fest, und viele Kinder erhalten in viel zu jungen Jahren eine pessimistische Zukunftsprognose. Wer es mit zehn Jahren nicht auf das Gymnasium schafft, hat von vornherein keine guten Aussichten. Nach wie vor werden Arbeiter- und Ausländerkinder kraß benachteiligt.
Gesamtschulen hingegen basieren auf dem Prinzip des pädagogischen Optimismus: Sie sollen sich für Kinder eignen - nicht umgekehrt. Sie sortieren deshalb nicht bereits Zehnjährige in unterschiedliche Schulformen und produzieren dementsprechend auch nicht Jahr für Jahr junge Menschen, die als sogenannte Schulversager vom Gymnasium nach unten durchgereicht werden (rund 50 000 jährlich bundesweit).
Die Gesamtschulidee beruht auf dem Prinzip der Chancengleichheit: Schichtübergreifend lernen junge Menschen mit und ohne Benachteiligungen und aus allen ethnischen Gruppen gemeinsam. Das ermöglicht die Entwicklung sozialer Eigenschaften: Teamfähigkeit, Toleranz und Solidarität - angesichts von Internationalisierung und Globalisierung zunehmend wichtige Fähigkeiten. Das gegliederte Schulsystem hingegen vertieft die (soziale) Spaltung bereits im Kindes- und Jugendalter, es erzeugt Bildungsdünkel bei den einen und Bildungsfrust bei den anderen.
Natürlich gibt es Gesamtschulen, welche die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllen (können). Sie sind keinesfalls bereits perfekt und müssen sich weiterentwickeln. Dazu gehört vor allem, das gegliederte Schulsystem im Streben nach homogenen Lerngruppen durch äußere Leistungsdifferenzierung nicht noch übertreffen zu wollen, sondern praktikable Konzepte zum effektiven und nachhaltigen Lernen in heterogenen Lerngruppen zu entwickeln.
Dann jedoch kann das Gesamtschulsystem eine zukunfts- und international wettbewerbsfähige Alternative zum gegliederten Schulwesen werden; eine Alternative, die gesellschaftlichen Zerfallsprozessen zumindest keinen Vorschub leistet.
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Demmer, 52, Lehrerin für Grund- und Hauptschulen, ist im Geschäftsführenden Vorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft für den Bereich Schule zuständig.
Von Marianne Demmer

DER SPIEGEL 22/1999
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