31.05.1999

Spiegel des 20. JahrhundertsReformruine

Contra Gesamtschule / Von Josef Kraus
Es soll Politiker in Staatsämtern gegeben haben, die sich vehement für die Gesamtschule einsetzten, aber ihren eigenen Kindern die Segnungen dieser Schulform vorenthielten und sie in ein Gymnasium, bevorzugt ein kirchliches, schickten.
Seit rund 30 Jahren wird dennoch der ultimative Groß- versuch mit der Integrierten Gesamtschule (IGS) veranstaltet. Diese Schulform, heute eine Reformruine, war Ende der sechziger Jahre mit dem Ziel konzipiert, die Anteile der Schüler mit formal höheren Bildungsabschlüssen quer durch alle Schichten zu erhöhen, das soziale Lernen zu fördern sowie das schulische Klima zu verbessern.
Doch diese Ansprüche wurden nie eingelöst. Vielmehr erwies sich die IGS in vielerlei Systemvergleichen gegenüber dem gegliederten Schulsystem bei den fachlichen Leistungen der Schüler als weit unterlegen und in den übrigen Erziehungswirkungen als nicht gleichrangig. Dabei kostet Gesamtschule um 30 bis 40 Prozent mehr.
Doch das Hätschelkind "progressiver" Politik wurde für immun gegen Kritik erklärt. Dabei ist die IGS kaum über den Status einer Luxus-Hauptschule hinausgekommen. Sie wollte zu je einem Drittel Hauptschüler, Realschüler und Gymnasiasten haben; in den meisten Städten mit Gesamtschulen aber stieg der Anteil der hauptschulempfohlenen Gesamtschüler an allen Gesamtschülern auf zum Teil über 90 Prozent.
Zugleich fiel die Zahl der gymnasialempfohlenen Gesamtschüler auf rund fünf Prozent. Eine Abstimmung mit den Füßen. Doch nicht einmal den Schwächeren ist mit Gesamtschule geholfen. Hierzu hatte bereits 1973 eine Studie festgehalten, daß die Lage der Gesamtschüler in niedrigeren Leistungskursen sogar hinsichtlich Selbsteinschätzung ungünstiger sei als die Lage der Hauptschüler. Ein sogenannter kompensatorischer Chancenausgleich durch die Gesamtschule finde nur auf dem Wege der "Verschiebung von Maßstäben" statt. Im Klartext heißt das: durch Senkung des Niveaus.
Besonders schmerzlich ist die Studie "Bildungsverläufe und psychosoziale Entwicklung im Jugendalter" des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Für Nordrhein-Westfalen wird festgehalten: Am Ende der zehnten Klasse liegen Gesamtschüler etwa in Mathematik im Vergleich mit Realschülern um zwei Jahre zurück - und das trotz einer Schülerklientel der Gesamtschule, die sich von der Schülerklientel der Realschulen in nichts unterscheidet. Zugleich wird festgestellt, daß die Gesamtschüler hinsichtlich des sozialen Lernens nicht mit den Schülern der anderen Schulformen mithalten können.
Solche Erkenntnisse werden von den Gesamtschulpropheten weggewischt. Weggewischt wird auch, daß Einheitsschule in den USA, in Großbritannien, in Frankreich, in Japan oder in den Staaten des ehemaligen Ostblocks nicht einmal Mittelmaß produziert und daß sich als Folge der Einheitsschule ein sozial hochselektives Privatschulsystem etablierte.
Die Diskussion um Gesamtschule seitens ihrer Befürworter ist damit zu einer gigantischen Ablenkungsmaschinerie verkommen: Nicht die Idee Gesamtschule, sondern ihre reale Existenz sei gescheitert, weil Gesamtschule nur halbherzig gewollt worden sei. Auf die Idee aber, daß die Idee nichts taugt, kommt keiner.
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Kraus, 49, Oberstudiendirektor an einem Gymnasium in Vilsburg (Bayern), ist Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.
DIE THEMENBLÖCKE IN DER ÜBERSICHT: I. DAS JAHRHUNDERT DER IMPERIEN; II. ... DER ENTDECKUNGEN; III. ... DER KRIEGE; IV. ... DER BEFREIUNG; V. ... DER MEDIZIN; VI. ... DER ELEKTRONIK UND DER KOMMUNIKATION; VII. ... DES GETEILTEN DEUTSCHLAND: 50 JAHRE BUNDESREPUBLIK; VIII. DAS JAHRHUNDERT DES SOZIALEN WANDELS; IX. ... DES KAPITALISMUS; X. ... DES KOMMUNISMUS; XI. ... DES FASCHISMUS; XII. ...DES GETEILTEN DEUTSCHLAND: 40 JAHRE DDR; XIII. ... DER MASSENKULTUR
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Von Josef Kraus

DER SPIEGEL 22/1999
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