02.05.2015

Charlie Hebdo„Sehr merkwürdig“

Der P.E.N.-Club, ein Zusammenschluss internationaler Autoren, zeichnet Schriftsteller und Journalisten aus, die das freie Wort verteidigen. Bei seiner Gala am 5. Mai in New York sollen Autoren des Satiremagazins "Charlie Hebdo" posthum geehrt werden. Acht Mitarbeiter des Hefts waren bei einem Anschlag in Paris am 7. Januar dieses Jahres erschossen worden. Mindestens sechs Schriftsteller wollen der Feierstunde fernbleiben: der Australier Peter Carey, der Kanadier Michael Ondaatje und vier weitere Autoren, darunter auch die Amerikanerin Rachel Kushner. Der britisch-indische Autor Salman Rushdie, der 1989 durch eine Fatwa Khomeinis zum Tode verurteilt wurde, nannte diese Haltung "furchtbar falsch". Die bereits zweimal für den National Book Award nominierte Kushner, 46, hatte in einem Schreiben an den P.E.N.-Club "Charlie Hebdo" "kulturelle Intoleranz" und "zwanghaften Säkularismus" vorgeworfen.
SPIEGEL: Mrs Kushner, meinen Sie, dass die muslimische Bevölkerung Frankreichs besonderer Behandlung in Fragen der Kritik, des Humors und der öffentlichen Debatte bedarf?
Kushner: Diese Frage finde ich sehr merkwürdig. Ich als Privatperson verzichte darauf, als Gast an einer Feier zu Ehren von "Charlie Hebdo" teilzunehmen. Mir persönlich erschien es nicht richtig, Teil eines Komitees zu sein, das ihre Arbeit auszeichnet. Das bedeutet nicht, sie sollten ihre Karikaturen nicht veröffentlichen, niemand von uns hat so etwas gesagt. Schließlich sind wir Teil eines Zusammenschlusses namens P.E.N., der die Freiheit des Wortes verteidigt. Aber für diesen Preis wäre eine ganze Reihe von Personen oder Gruppen besser geeignet.
SPIEGEL: Glauben Sie, dass alle französischen Muslime sich durch "Charlie Hebdo" beleidigt fühlen?
Kushner: Selbstverständlich nicht. Niemand von uns hat Derartiges unterstellt.
SPIEGEL: Sehen Sie Unterschiede in der publizistischen Kultur zwischen den USA und Westeuropa?
Kushner: Ich sehe keinen Zusammenhang, wir reden hier allein über die Ehrung eines speziellen Magazins.
SPIEGEL: Ist ein satirisches Magazin wie "Charlie Hebdo" für Sie ein produktiver Beitrag zur politischen Diskussion?
Kushner: Für mich persönlich nicht. Aber selbstverständlich soll es publiziert werden dürfen.
SPIEGEL: Hat Rushdies Reaktion Sie überrascht, oder können Sie seine Haltung verstehen?
Kushner: Die Stellungnahmen von Salman Rushdie habe ich nicht verfolgt.
Von Es

DER SPIEGEL 19/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 19/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Charlie Hebdo:
„Sehr merkwürdig“

  • Kokain: Lieblingsdroge der Leistungsgesellschaft
  • Texas: Polizeiauto wird von Frachtzug erfasst
  • Rätsel um Venedig-Stand: War Banksy unbemerkt bei der Biennale?
  • Nach tödlichem Verkehrsunfall: Polizist knöpft sich Gaffer vor