02.05.2015

SPIEGEL-Gespräch„Einsam ist man sowieso“

Der Schriftsteller Martin Walser über den 8. Mai 1945, seinen literarischen Umgang mit dem Erbe von Auschwitz und die Erkenntnis, dass er die Paulskirchenrede so besser nicht gehalten hätte
Der Dichter kommt zu Fuß. Schon eine Viertelstunde vor dem vereinbarten Termin erscheint Martin Walser, er trägt eine leichte, etwas knittrige Jacke, das Hemd über der Hose, auf dem Kopf einen schwarzen Schlapphut. Der 88-Jährige geht langsam, aber sicheren Schrittes auf den Hof des Biergartens im Münchner Süden, einen knallgrünen Stoffbeutel in der Hand. Mit einem Lächeln begrüßt er die SPIEGEL-Redakteure, man tauscht Erinnerungen an die letzten Treffen aus, dann wird Walser an den Rand eines Wäldchens geführt und fotografiert, das Angebot, den Beutel abzulegen, nimmt er allerdings nicht an, der Beutel ist ihm wichtig.
Es ist kalt, noch kein Biergartenwetter, also geht man in den alten Gasthof hinein. Walser sagt, er sei hier so etwas wie ein Stammgast, seit er in München wohne. Sein nächster Roman spiele in der Stadt, deswegen lebe er nun hier und nicht, wie seit bald 50 Jahren, am Bodensee.
Das Interview soll beginnen, aber Walser holt erst mal ein schweres Buch aus dem Beutel: die amerikanische Ausgabe seines Romans "Ein springender Brunnen". "Das ist die erste amerikanische Übersetzung seit der Paulskirchenrede 1998", sagt er stolz. Das Buch soll etwas beweisen. Walser will sich rehabilitieren, nach all den Kränkungen der vergangenen Jahre. Mit der Paulskirchenrede, aus Anlass der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an ihn, hatte er sich das Image des geschichtsvergessenen bösen alten Mannes eingehandelt, eines Intellektuellen, der von den NS-Verbrechen angeblich nichts mehr hören und sehen wollte. Vollends ruiniert schien sein Ruf dann mit dem Roman "Tod eines Kritikers", 2002. Viele Leser verstanden das Buch als antisemitischen Rachefeldzug gegen Marcel Reich-Ranicki. Walser sah sich erneut missverstanden und litt.
Schließlich seine Hymne auf den jiddischen Dichter Sholem Abramovitsh, erst im vergangenen Jahr erschienen, auch sie wurde von der Kritik eher misstrauisch zur Kenntnis genommen, als Versuch einer Wiedergutmachung, einer Kompensation vergangener Ärgernisse.
Walser zieht nun noch ein zweites Buch aus dem grünen Beutel, auf dem Cover steht: "Martin Walser: Unser Auschwitz. Auseinandersetzung mit der deutschen Schuld". Der Rowohlt Verlag hat diesen Sammelband mit Essays und Auszügen aus seinen literarischen Werken im Frühjahr veröffentlicht.
Auch dieses Werk soll offensichtlich zu seiner Rehabilitation beitragen. Der Literaturwissenschaftler Andreas Meier hat die Auswahl besorgt und mit einem eher apologetischen Nachwort versehen. "Das hat er gut gemacht", sagt Walser, "wirklich sehr gut."
SPIEGEL: Herr Walser, wie haben Sie das Kriegsende erlebt? Wo befanden Sie sich am 8. Mai 1945?
Walser: Das war eine unfreiwillige Abenteuerzeit. Ich war eingezogen worden bei den Gebirgsjägern im Inntal. Im April kamen die Amerikaner, und wir mit unserem lächerlichen Truppenteilchen sollten sie aufhalten! Wir hatten einen Major, der uns befahl, mit unseren einfachen Gewehren auf die Tiefflieger zu schießen, die doppelrümpfigen Lightnings. Eine vollkommen verrückte Idee.
SPIEGEL: Und nicht ungefährlich.
Walser: Dann hieß es plötzlich, die Amerikaner wollten mit uns verhandeln. "Wer kann Englisch?", fragte der Major. Ich meldete mich, ging hin. Und der amerikanische Offizier sagte irgendetwas, aber ich habe so gut wie nichts verstanden, nur dass wir uns ergeben sollten. Doch unser Major brüllte: "Das kommt nicht infrage, ein deutscher Soldat ergibt sich nicht."
SPIEGEL: Wie sind Sie da rausgekommen?
Walser: Ein Leutnant hat schließlich zu einer kleinen Gruppe von uns gesagt: "Wir müssen hier abhauen. Das hat keinen Sinn mehr." Und dann sind wir zu viert oder fünft aus dem Inntal raus in die Berge, haben bei Bauern unsere Uniformen gegen Tiroler Jacken getauscht. Wir kannten uns alle gut aus im Gebirge. Irgendwann haben wir uns dann getrennt und waren nur noch zu zweit, ein Kamerad namens Richard und ich. Und wir sind dann oben in den Wäldern geblieben.
SPIEGEL: Wie haben Sie vom Kriegsende erfahren?
Walser: Den genauen Tag, den 8. Mai, haben wir gar nicht mitbekommen da oben. Wir wussten aber, dass im Tal die Kapitulation vor sich ging. Bisweilen haben wir uns nah an die Häuser gewagt und mitbekommen, dass dort schon die Amerikaner auf den Balkons saßen und Jazzplatten hörten. Irgendwann hat uns ein amerikanischer Trupp erwischt und gefangen genommen.
SPIEGEL: Wie lange wurden Sie festgehalten?
Walser: Ich hatte unglaubliches Glück. Im Gefangenenlager, das war das Eisstadion in Garmisch, bin ich einem Offizier aufgefallen, weil ich immer Bücher las. Ich war für die Bibliothek zuständig, die Bücher kamen vom Reichssender München. Das gefiel mir besser, als Panzer zu waschen, was die anderen Gefangenen machen mussten. Ich habe mich abseits gehalten und war der Einzige, der keine Läuse hatte. Ich hatte am Ende einen ganzen Rucksack voller Bücher! Und der Offizier fuhr mich dann an einem Sonntag Ende Mai mit seinem Jeep an den Bodensee, nach Wasserburg. Mein Gott, so viel Glück darf man gar nicht haben. Weil ich ein Leser war! Das hat ihm imponiert.
SPIEGEL: Können Sie sich noch erinnern, wie es war, als Sie zu Hause ankamen?
Walser: Allerdings. Meine Mutter hatte unsere Gastwirtschaft verpachtet, an meinen zukünftigen Schwiegervater. Nachdem mein Bruder Josef mit 19 im Oktober 1944 gefallen war, hatte sie keine Kraft mehr, die Wirtschaft weiterzuführen. Als ich mit meinem Rucksack heimkam, ging ich auf die Terrasse des Hauses, und die war voller französischer Soldaten, und ich denke: "Heilandsack! Lassen die mich da überhaupt durch?" Aber sie ließen mich, und dann stand, vielleicht bilde ich es mir ein, aber es muss so gewesen sein, dann stand da in der Küchentür Käthe.
SPIEGEL: Da sahen Sie zum ersten Mal Ihre spätere Frau?
Walser: Ja. Und dann habe ich dort erfahren, dass sie immer die sangesfreudigen Franzosen am Klavier begleiten musste. Ich war gleich ein bisschen eifersüchtig.
SPIEGEL: Und wie stellten Sie sich damals Ihre Zukunft vor?
Walser: Ich wollte lesen. In einem Antiquariat in Lindau hatte ich zwei Bände Heinrich Heine entdeckt.
SPIEGEL: Den gab es da schon wieder, obgleich er bei den Nazis verboten war?
Walser: Ja, die Buchhändlerin hat schnell geschaltet. Und dann habe ich den Sommer mit Heinrich Heine verbracht. Das ist mein Erlebnis 45 gewesen! Die trommelnden Trochäen des "Atta Troll" haben mir diesen Sommer in die Höhe gejagt.
SPIEGEL: Haben sich alle Deutschen in Ihrer Umgebung so schnell auf die neue Zeit eingestellt?
Walser: Man hat das nicht jedem angesehen. Man war ja ganz normal bedrückt von allen möglichen Vorschriften, die die Franzosen gemacht haben. Zum Beispiel mussten eines Tages alle männlichen Personen für den 14. Juli die Gartenzäune blau-weiß-rot anmalen, weil sich der General de Lattre de Tassigny angekündigt hatte. Gut, haben wir gemacht.
SPIEGEL: Was wussten Sie damals über die deutschen Verbrechen?
Walser: Als wir noch zu zweit durch die Wälder streiften, in unseren Tiroler Jacken, aber jeder mit seiner Pistole, kamen uns zwei Männer in gestreiften Anzügen entgegen. Wir wussten, was das bedeutete: KZ. Als ich Flakhelfer in Friedrichshafen war, wurden KZ-Gefangene in Kolonne durch die Straßen zu ihrem Arbeitsplatz geführt. Ich erinnere mich, das muss 1944 gewesen sein, ich war jedenfalls dabei, als ein Bauer meiner Mutter erzählte: Wenn herauskommt, was in Dachau geschehen ist, dann sind wir alle tot. Es gab nicht das Wort Auschwitz, aber Dachau war bekannt. Man wusste, dass es dort ganz schrecklich zuging und dass man nichts davon erzählen durfte.
SPIEGEL: Und wie ist die Begegnung mit den beiden Häftlingen ausgegangen?
Walser: Die beiden haben uns die Pistolen abgenommen, und wir protestierten nicht. Die waren mutiger und entschlossener als wir. Sonst haben sie uns nichts getan.
SPIEGEL: Haben Sie mit ihnen gesprochen?
Walser: Das weiß ich nicht mehr so genau. Aber es gab keine Feindseligkeit. Wir waren 17 oder 18 Jahre alt. Die haben schon gemerkt, was wir für komische Figuren waren.
SPIEGEL: Und wann haben Sie erstmals von Auschwitz gehört?
Walser: Davon war dann später in den Zeitungen zu lesen, aber noch nie so konkret wie in Frankfurt beim Auschwitz-Prozess 1964. Deswegen bin ich dort dann auch hingefahren.
SPIEGEL: Aber da liegen fast 20 Jahre dazwischen.
Walser: Entschuldigung, da war noch sehr viel dazwischen. 1946, im November, las ich in einer literarischen Zeitschrift den jüdischen Autor Franz Kafka, "Die Verwandlung". Das war's, danach waren alle literarischen Lektüren entwertet, André Gide zum Beispiel. Das konnte ich gar nicht mehr in die Hand nehmen. Ich habe mich fünf Jahre lang bis zu meiner Dissertation mit Kafka beschäftigt.
SPIEGEL: Aber wann haben Sie sich erstmals mit dem Holocaust auseinandergesetzt?
Walser: (überlegt lange) Ach ja, natürlich, das war im Sommer 1958, ich fuhr nach Amerika, an die Harvard-Universität, und dort gab Henry Kissinger ein "International Seminar". Kissinger hatte damals die besten Leute zu Referaten geholt.
SPIEGEL: Und dort wurde über Auschwitz gesprochen?
Walser: Natürlich. Und im Oktober 1958, gleich nach meiner Rückkehr, habe ich angefangen, "Halbzeit" zu schreiben. Da taucht Auschwitz schon auf. Und wie in unserer Gesellschaft versucht wird, sich um die Schuld herumzulügen. Außerdem habe ich zwei Theaterstücke geschrieben, die mit dem Thema zu tun haben: 1962 "Eiche und Angora" und 1964 "Der Schwarze Schwan", da geht es um die Tötung von Kranken.
SPIEGEL: Um Euthanasie?
Walser: Genau.
SPIEGEL: Warum sind Sie 1964 zum Auschwitz-Prozess nach Frankfurt gefahren?
Walser: Die Verlautbarungen des Generalstaatsanwalts Fritz Bauer im Vorfeld haben mich stark beeindruckt. Der hatte einen zwingenden Einfluss, da musste ich hin. SPIEGEL: Sie haben für die Frankfurter "Abendpost" über den Prozess berichtet.
Walser: Ja, da habe ich erlebt, wie die Angeklagten, diese Herren Kaduk, Boger und Konsorten, ruhig Auskunft geben konnten. Und die ehemaligen Häftlinge waren fassungslos, haben geweint, sind zusammengebrochen.
SPIEGEL: Was war die zentrale Botschaft Ihres Artikels?
Walser: In der Presse damals wurden die Scheußlichkeiten berichtet, es war von "Teufeln" und "Bestien" die Rede. Ich wollte dagegenhalten: Entschuldigung, das waren Deutsche, keine, wie es hieß, "abnormen" Teufel. Das konnte man ja schon an ihren Biografien ablesen. Dort war nichts zu finden, was die Brutalität dieser Leute erklären könnte.
SPIEGEL: Sie schreiben in dem Artikel, was sich die Menschen vom Frankfurter Auschwitz-Prozess wünschen: "Wir wollen heraus sein aus dieser Geschichte. Und die Justiz soll uns dazu verhelfen."
Walser: Ja, und deswegen auch dieses Wort von der "Kollektivschuld". Das ist eine ganz unglaubliche Prägung! Wenn alle Schuld haben, hat der Einzelne nichts mehr damit zu tun. Das ist doch absurd.
SPIEGEL: Gemeint war es anders, niemand sollte sich unschuldig fühlen.
Walser: Ich habe auch später für mich immer das Wort "Schuld" gemieden und lieber von "Schande" gesprochen, weil die Schande konkret ist. Was ist "Schuld"?
SPIEGEL: Interessanterweise lautet nun aber der Untertitel zu Ihrem Band "Unser Auschwitz": "Auseinandersetzung mit der deutschen Schuld".
Walser: Ja, stimmt. Ich habe mich in dem Fall überzeugen lassen, dass es hier nicht in erster Linie um das persönliche Erlebnis geht. Schuld ist allgemeiner.
SPIEGEL: Wie kam dieser Band zustande?
Walser: Das war eine Idee von Alexander Fest vom Rowohlt Verlag. Und zwar als Reaktion auf die Presse, auf die Rezensionen zu meinem Abramovitsh-Büchlein.
SPIEGEL: Auf Ihr Buch "Shmekendike blumen" über die Prosa des zu seinen Lebzeiten hochgeschätzten jiddisch schreibenden Schriftstellers Sholem Yankev Abramovitsh, der 1917 in Odessa gestorben ist.
Walser: Da hieß es, nun sei ich endlich aus meiner Verblendung zurückgekehrt. Es war von Bekehrung die Rede, von meiner angeblichen früheren Blindheit gegenüber
dem jüdischen Schicksal. Und da hat Fest gesagt: Lass uns das Buch machen, das die jahrzehntelange Auseinandersetzung mit
dem Holocaust dokumentiert, wenn die Kritiker so ahnungslos sind.
SPIEGEL: Das Buch ist Ihre Antwort auf die Vorwürfe, die Ihnen gemacht wurden?
Walser: Auf die Unterstellung, dass ich es nötig hatte, Abramovitsh zu lesen, um endlich zu begreifen, was den Juden passiert war.
SPIEGEL: Und doch war die Lektüre der Werke von Abramovitsh für Sie eine Entdeckung, die Ihnen eine neue Perspektive auf das Thema eröffnet hat, das Sie seit den Sechzigerjahren umtreibt?
Walser: Der Sammelband zeigt, wie das Thema bei mir in Romanen, Theaterstücken und Essays da und da und da vorkommt - und dennoch bedurfte es Abramovitsh. Die Auseinandersetzung mit der deutschen Schuld in Diskussionen und Reden, die habe ich gehabt. Selbst meine Beschäftigung mit Heine, mit den Tagebüchern von Victor Klemperer hat mich nicht so heftig betroffen wie die Romane von Abramovitsh. Klemperer führte mich zu der Frage von Schande und Schuld, auf einer intellektuellen Ebene. Als ich Abramovitsh gelesen hatte, wusste ich: Ich könnte die Paulskirchenrede so nicht mehr halten.
SPIEGEL: Was würden Sie nicht mehr sagen?
Walser: Augenblick! Ich korrigiere keinen Satz von damals, darum geht es nicht.
SPIEGEL: Sondern?
Walser: Ich lese Ihnen vor, was ich über meine Beschäftigung mit Abramovitsh geschrieben habe: "Ich erlebe ein Nicht-mehr-infrage-Kommen für das sogenannte Hier und Heute. Eine vollkommene Eingenommenheit. Von ihm. Ich kann nichts dagegen tun, in mir dominiert die Mitteilung, dass wir dieses Volk umbringen wollten und zu Millionen umgebracht haben. Und dieses Volk ist mir jetzt, erst jetzt, wirklich bekannt geworden." Die Fakten und Zahlen kenne ich auch. Aber mir zu zeigen, wie diese Leute waren, wie sie gefühlt, gedacht und geträumt haben - das kann nur Literatur.
SPIEGEL: Wieso haben diese Leute anders geträumt und gefühlt?
Walser: Sie, meine Herren, haben Abramovitsh offenbar nicht gelesen. Das ist mein Zugang, meine Beschränktheit, wenn Sie wollen. Die Russen kenne ich durch Dostojewski, die Franzosen durch Flaubert und Proust, die Schweden durch Strindberg, China durch Mo Yan. Das ist meine Auskunftsart.
SPIEGEL: Warum diese Distanz? Träumen Juden nicht genauso wie Nichtjuden?
Walser: Sie wollen mir eine Distanz einreden, wo ich von Nähe spreche. Nähe durch Literatur. Sie sind begriffsbefangen. Weil Sie Abramovitsh nicht kennen. Jede Romanfigur von ihm zeigt mir diese andauernde Offenheit nach oben. Der kann vespern oder Steuern zahlen, immer ist da dieser Blick nach oben, das Göttliche.
SPIEGEL: Die osteuropäischen Juden hatten sicherlich eine eigene Kultur, eine eigene Tradition. Aber warum sollte zum Beispiel der deutsche Professor Victor Klemperer andere Träume gehabt haben als wir alle?
Walser: Klemperer hat sein Tagebuch unter dem Druck der deutschen Tyrannei geschrieben. Er hat genau festgehalten, wie die Juden gelitten haben. Sie durften erst das nicht mehr, dann das, dann das nicht mehr! Alles hat er genau notiert. Vielleicht darf man diese Unterscheidung nicht machen, aber es ist eben etwas anderes, wenn man das Leid einer Familie in den Siedlungsgebieten der Juden in Russland darstellt. Literatur als Auskunft: Das ist meine Art der Aneignung. Das können Sie natürlich ablehnen. Ich finde es anmaßend von Ihnen, sich einzubilden, Sie in Ihrer gloriosen Ungefährdetheit hätten Träume wie die ihrer Menschenrechte beraubten Juden.
SPIEGEL: Dann noch einmal die Frage: Warum könnten Sie Ihre Rede in der Paulskirche heute nicht mehr so halten?
Walser: In dieser Rede lasse ich mich auf den Diskurs ein, der damals herrschte. Ich habe versucht, meine Frequenz in diesem Diskurs zu finden, zu entdecken. Das wäre mir heute unmöglich! Ich könnte mich nicht mehr damit beschäftigen, was da so oder so gedeutet werden muss - weil mir das Ganze lächerlich und unangemessen vorkommt angesichts dessen, was passiert ist.
SPIEGEL: Sie meinen den Holocaust. Sie fühlten sich damals missverstanden.
Walser: Es war vielleicht leichtsinnig von mir, von der Instrumentalisierung des Holocaust zu sprechen, ohne Namen zu nennen. Ich habe an Günter Grass, Joschka Fischer und Walter Jens gedacht. Ignatz Bubis hat geglaubt, ich würde ihn damit meinen. Das war natürlich fatal. Heute kommt es mir absurd vor, solche Lächerlichkeiten überhaupt auseinanderpflücken zu wollen. Das würde ich nie mehr tun.
SPIEGEL: Sie meinen das Grass-Argument, wegen Auschwitz dürfe es keine Wiedervereinigung geben?
Walser: Ja. Später sagte sogar Joschka Fischer: Serbien bombardieren als Lehre von Auschwitz. So etwas meinte ich mit Instrumentalisierung.
SPIEGEL: Sie haben auch gesagt, dass Sie wegschauen, wenn die Bilder der in den KZ Ermordeten gezeigt werden.
Walser: Dabei kann ich bleiben. Das betrifft eben nicht nur Auschwitz. Wenn eine Mutter in Syrien ihr totes Kind in die Kamera hält, schaue ich weg. Ich kann das auf dem Bildschirm nicht ertragen. Aber das ist mir inzwischen auch klar: Das hätte ich nie anwenden dürfen auf Auschwitz. Es wurde mir von jüdischen Intellektuellen mit Recht übel genommen, weil sie glaubten, ich wollte speziell von Auschwitz wegschauen. Und in solche Zusammenhänge darf man sich angesichts dessen, was geschichtlich passiert ist, einfach nicht begeben. Heute würde ich das nicht mehr sagen. Ich will dieses Hickhack nicht.
SPIEGEL: In Ihrem Abramovitsh-Aufsatz ist zu lesen, dass Sie "das Hin und Her von Meinungen jeder Art" in diesem Zusammenhang unangemessen finden.
Walser: Und es heißt dort auch, warten Sie, hier: "Mir ist im Lauf der Jahrzehnte vom Auschwitz-Prozess bis heute immer deutlicher geworden, dass wir, die Deutschen, die Schuldner der Juden bleiben. Bedingungslos." Es gibt da keine Verharmlosung oder Erklärung mildernder Art.
SPIEGEL: Vor drei Jahren schrieben Sie in einem Buch, "Über Rechtfertigung", dass
Sie rausmöchten aus dem "Reizklima des Rechthabenmüssens".
Walser: Das ist ja nichts Neues. Den Wunsch habe ich seit zehn Jahren und mehr. Es ist keine bewusstseinswürdige Haltung, recht zu haben.
SPIEGEL: Nach dem Tod von Günter Grass sind Sie nun fast der Letzte aus dieser Schriftsteller-Generation.
Walser: Ja, ich bin übrig geblieben.
SPIEGEL: Ein Gefühl der Einsamkeit?
Walser: Einsam ist man sowieso. Aber übrig geblieben fühlt man sich von Mal zu Mal mehr. Man macht sich das nicht klar, solange der andere lebt, dass es da eine unlösbare Jahrgangs-, Schicksals- und auch Empfindungsgemeinschaft gibt. Und plötzlich ist der andere weg.
SPIEGEL: Auch Sie waren schwer erkrankt, wir mussten dieses Gespräch mehrmals verschieben.
Walser: Ich hatte eine Grippe mit einer Lungenentzündung, ich war in drei Krankenhäusern. Ich bin ja nur pseudolebendig.
SPIEGEL: Es ist noch einmal gut gegangen.
Walser: Das würde ich nicht sagen. Und dann höre ich, dass Günter an einer Infektion gestorben ist.
SPIEGEL: Das Verhältnis zu ihm war großen Schwankungen ausgesetzt.
Walser: Ich habe mich mit ihm jenseits der Begriffe gefühlsmäßig verstanden. Das mag an unserer gemeinsamen Herkunft liegen, nicht von den Landschaften her, die verschieden waren, sondern an einer Herkunft, die durch Abhängigkeiten geprägt war, aus denen man sich befreien musste. Diese gefühlsmäßige Verbindung habe ich immer gespürt, wenn wir uns persönlich gesehen haben. Nachher, öffentlich, lagen wir dann wieder völlig auseinander. Das habe ich nie ganz begriffen.
SPIEGEL: Sie haben sich ja gegenseitig in Debatten nichts geschenkt.
Walser: Jaja, das ist eben der Streit um politische Begriffe. Aber sobald wir allein waren, war er einfach liebenswürdig. Und auch wenn ich noch nicht so weit war, habe ich gespürt, dass er mir in seiner Liebenswürdigkeit ein Stück voraus war.
SPIEGEL: Wenn Sie auf Ihre politischen Aktivitäten, den Streit, die Debatten zurückblicken - wie denken Sie heute darüber?
Walser: Natürlich kann ich nachträglich, das ist dann aber wirklich sehr nachträglich, sagen: Das hätte alles nicht sein müssen. Aber man macht nicht nur das, was unter allen Umständen richtig ist, sondern was man jeweils für nötig hält.
SPIEGEL: Gilt das für Ihr gesamtes Werk?
Walser: Der Grad der Unfreiwilligkeit von alldem enthebt mich der Mühe, darüber nachzudenken, ob es notwendig war.
SPIEGEL: Herr Walser, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Martin Doerry und Volker Hage in München.
* Mit dem Architekten Salomon Korn (M.) und dem damaligen "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher (von hinten).
Von Martin Doerry und Volker Hage

DER SPIEGEL 19/2015
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