01.04.1991

Schäuble will Dregger ablösen

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble will zum Jahresende aus der Bundesregierung ausscheiden und sich um den Vorsitz der CDU/CSU-Bundestagsfraktion bewerben. Schäuble am vorigen Montag: "Ich trete an."
Obwohl er als Folge des Attentats im vorigen Herbst unverändert querschnittsgelähmt ist, fühlt sich Schäuble den Anforderungen des Fraktionsjobs gewachsen. Sein Zustand, so der Minister, "entwickelt sich so, daß ich sagen kann, ich mach's".
Schäuble ist überzeugt, die Terminbelastung werde nicht viel größer werden. Als Innenminister sei er schon bei vielen Zusammenkünften dabei, die auch der Fraktionschef wahrnehmen müsse.
Auftrieb hat Schäuble ein Erlebnis zum Schluß der Tarifverhandlungen im Öffentlichen Dienst gegeben. "Da habe ich gemerkt, ich habe wieder Stimmkraft." Ohne Mikrofon habe er zu etwa hundert Leuten reden müssen - "und, siehe da, es ging". Wegen Ausfalls der Zwerchfell-Atmung war ihm lautes Sprechen nach dem Anschlag schwergefallen.
Vor kurzem noch hatte er mit der Ankündigung, erst im Spätsommer über seinen Verbleib in der Politik entscheiden zu wollen, Spekulationen ausgelöst, er halte dem Bonner Dauer-Streß doch nicht stand. Andere Kandidaten - Volker Rühe, Rudolf Seiters, Heiner Geißler - kamen ins Gespräch, doch gilt Schäubles Wahl nun als gesichert. Kohl hat es Schäuble überlassen, im Innenministerium zu bleiben oder den Fraktionsvorsitz zu übernehmen. Der bisherige Vorsitzende Alfred Dregger war im Dezember nur noch für ein Jahr gewählt worden. Unter den Abgeordneten mehren sich die Klagen über Führungslosigkeit und über mangelndes Profil der Fraktion gegenüber der Regierung. Auch Dregger-Helfer Friedrich Bohl, der sogar seine Pressemitteilungen im Kanzleramt absegnen läßt, ist als Anpasser verrufen.
Kohl will sich bei der Kabinettsumbildung erkenntlich zeigen: Bohl soll entweder ins Kanzleramt nachrücken, falls Kanzleramtsminister Seiters Nachfolger Schäubles wird, oder Innenminister werden, wenn Seiters im Kanzleramt bleibt.
Der Fraktionsvorsitz muß kein Endpunkt der Schäuble-Karriere sein. Kohl schließt weiter nicht aus, daß Schäuble nach ihm Kanzler wird. Kohl: Auch ein US-Präsident - Franklin D. Roosevelt - habe schon sein Land vom Rollstuhl aus regiert.

DER SPIEGEL 14/1991
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