01.04.1991

AffärenDas Genick gebrochen

Die Grünen fordern eine neue Untersuchung der Flugtag-Katastrophe von Ramstein. Anlaß ist eine abenteuerliche Komplott-Theorie.
Die rheinland-pfälzischen Grünen haben schon jetzt eine Aufgabe für den am 21. April neu zu wählenden Landtag. Letzte Woche verlangten sie, die Parlamentarier müßten sich erneut mit dem Flugtag-Inferno vom August 1988 in Ramstein befassen, bei dem 70 Menschen starben und 450 zum Teil schwer verletzt wurden.
Eric Neumayer vom Landesvorstand der Grünen schließt nicht aus, daß amerikanische und italienische Militärs die Öffentlichkeit "bewußt über die wahren Ursachen" der Katastrophe "belogen" haben.
Die Grünen wollen geklärt wissen, ob möglicherweise "Sabotage oder etwas Ähnliches der wahre Grund für das Flugunglück ist". Neumayer: "Der Fall Ramstein ist noch lange nicht abgeschlossen."
Anlaß der spektakulären Forderung der Grünen sind Berichte der linken Berliner Tageszeitung (taz). Die präsentierte ihren Lesern mehrfach in den letzten Wochen Spekulationen über vermeintliche Hintergründe der Katastrophe von Ramstein. In großer Aufmachung fragte das Blatt: "Ramstein - wirklich nur ein Unfall?"
Die bei dem Crash ums Leben gekommenen Piloten Ivo Nutarelli und Mario Naldini von der italienischen Flugstaffel "Frecce tricolori", so die waghalsige Theorie der taz, seien möglicherweise Opfer eines Mordanschlags geworden. Damit habe verhindert werden sollen, daß sie als Zeugen in einem der größten Polit- und Militärskandale der italienischen Nachkriegsgeschichte auspacken, dem Fall Ustica.
Wenige Tage nach ihrer Kunstflug-Vorführung in der Pfalz hätten sie - das jedenfalls behauptet der Italien-Korrespondent der alternativen Gazette, Werner Raith - vor dem römischen Ermittler Vittorio Bucarelli über den Fall Ustica aussagen sollen.
Die "peinliche Staatsaffäre" (Süddeutsche Zeitung) beschäftigt seit über zehn Jahren die italienische Republik und ist bis heute nicht aufgeklärt.
Am 27. Juni 1980 flog eine DC-9 der Fluggesellschaft "Itavia" von Bologna nach Palermo. "Alles klar, Flug verläuft normal", meldete Pilot Domenico Gatti um 20.56 Uhr dem Tower in Palermo-Punta Raisi, "wir werden um 21.12 Uhr landen."
Kurz darauf riß der Funkverkehr ab. Aus 7500 Meter Höhe stürzte die Linienmaschine nördlich der Insel Ustica ins Tyrrhenische Meer, 77 Passagiere und 4 Besatzungsmitglieder starben.
Nur sechs Monate später schockte Itavia-Präsident Aldo Davanzali mit einer sensationellen Theorie die Öffentlichkeit. Der Absturz sei nicht auf Altersschwäche der Maschine oder schlechte Wartung zurückzuführen. Davanzali: "Die DC-9 wurde vielmehr von einem Kriegsgeschoß getroffen, das von einem Abfangjäger stammt."
Auch Rino Formica, damaliger Verkehrsminister, hielt die Raketen-Hypothese für "die wahrscheinlichste von allen". Dafür sprach zweierlei: *___Mediziner fanden im Bein eines Katastrophenopfers einen ____großen Splitter vom Fahrgestell der DC-9. Solch ein ____Splitter, so die Experten, konnte nur in den Körper ____eines Passagiers gelangen, wenn ein gewaltiger Stoß ____Metallstücke von außen in die Kabine katapultiert ____hatte; *___der Splitter enthielt Phosphor, eine Substanz, die ____nicht beim Flugzeug-, wohl aber beim Raketenbau ____verwendet wird.
Eine englische Spezialfirma lieferte im Mai 1989 die Expertise ab, die DC-9 sei mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, möglicherweise während einer Übung, durch eine Kampfmaschine abgeschossen worden.
Valerio Zanone, der damalige Verteidigungsminister, schwor, seine Flieger hätten mit dem Abschuß nichts zu tun. Auch Nato-Generalsekretär Manfred Wörner beteuerte die Unschuld der Nato-Piloten.
Ende März wurde die Darstellung der Politiker von der italienischen Presse angezweifelt. Die Tageszeitung Il Manifesto berichtete von einem militärinternen Dokument. Daraus gehe hervor, daß am Abschußtag über dem Luftraum Siziliens "intensive militärische Aktivitäten" durchgeführt wurden - allerdings rund 140 Kilometer vom Ort des Ereignisses entfernt.
Aber wer sonst hätte die Rakete abschießen können? Etwa libysche Piloten, die in dieser Gegend schon häufiger den Luftraum verletzt hatten?
Wertvolle Aufschlüsse hätten die militärischen Radarstationen in Licola nahe Neapel und in Marsala im Südwesten Siziliens bringen können. Doch in Italien begann ein gigantisches Vertuschungsmanöver. Die Radarstation Licola, so die erstaunliche Erklärung der Militärs, sei technisch veraltet und das Personal arbeite nicht besonders effizient. Deshalb sei die DC-9 dort wohl nicht erfaßt worden.
Auch in Marsala trugen die militärischen Radarlotsen nichts zur Aufklärung bei. Ihre Ausrede: Ausgerechnet zur fraglichen Zeit seien die Radargeräte wegen einer internen Übung abgeschaltet gewesen. Luftwaffenstabschef Franco Pisano legte als angeblichen Beweis die Liste der beteiligten Offiziere vor.
Radar-Aufzeichnungen widerlegten diese Version. Entgegen der Pisano-Aussage waren die Geräte nicht um 20.45 Uhr, sondern erst um 21.04 Uhr ausgeschaltet worden. Da aber war das Flugzeug bereits abgeschossen worden. Fulvio Martini, Chef des militärischen Geheimdienstes in Italien, räumte vor einer parlamentarischen Untersuchungskommission später ein, Luftwaffe und Geheimdienst hätten es mit der Wahrheitsfindung nicht so genau genommen.
Als Untersuchungsrichter Bucarelli fünf Offiziere wegen des Vorwurfs der Falschaussage anklagte, packte ein Radarlotse aus. Auf der Flugroute der DC-9, in entgegengesetzter Richtung, enthüllte der Offizier, sei eine libysche Linienmaschine unterwegs gewesen. Die habe jedoch plötzlich abgedreht und sei in Malta zwischengelandet.
Bis heute hält sich hartnäckig das Gerücht, der libysche Staatschef Muammar el-Gaddafi sei an Bord des Jets gewesen. Die Rakete, behauptete der libysche Botschafter in Rom, habe wohl die Maschine des Revolutionsführers vom Himmel holen sollen.
Die Amerikaner, die in Sizilien einen großen Luftwaffenstützpunkt unterhalten, kommentierte der Diplomat den unglaublichen Zwischenfall, seien schon häufiger für fehlgeschlagene Attentate auf Gaddafi verantwortlich gewesen. Der Präsident der für Terroranschläge zuständigen parlamentarischen Kommission, Libero Gualtieri, erklärte besorgt: "Wir erleben eine der schwersten Krisen unserer Institutionen und ihrer Glaubwürdigkeit."
Offenbar beflügelt durch diesen realen Polit-Thriller, setzte die taz im Fall Ramstein noch eins drauf. Die in der Pfalz umgekommenen Frecce-Flieger Nutarelli und Naldini, suggerierte die taz in einem Konglomerat von Spekulationen, seien möglicherweise "zum Schweigen gebracht" worden, weil sie sich unmittelbar vor dem Absturz im Luftraum der DC-9 befunden hätten.
"Im Umfeld" der Ustica-Affäre würden "mittlerweile auch mehrere Todesfälle wertvoller Zeugen untersucht". Und "nicht mehr auszuschließen" sei, so das Blatt, "daß der Frecce-Zusammenstoß die Folge eines Attentats war - möglicherweise eine Manipulation, deren Wirkung auf den Überführungsflug von oder nach Italien berechnet war".
Durch ihre vermeintliche Ramstein-Enthüllung, machte die taz ihren Lesern weis, habe in Deutschland und Italien "eine intensive Neubewertung des Ramsteiner Desasters begonnen". So habe der Zweibrücker Oberstaatsanwalt Norbert Dexheimer aufgrund der Artikel den Schlußbericht der italienischen Strafverfolgungsbehörden "dringend angemahnt".
Dexheimer zum SPIEGEL: "Nichts davon ist wahr, alles Hirngespinste." Der Jurist denkt "gar nicht daran", sich mit dem Tod der Frecce-Tricolori-Piloten neu zu befassen.
Auch die Mitglieder des Bonner Verteidigungsausschusses, die monatelang die Ramstein-Katastrophe untersuchten, halten nichts von einer Neuauflage. Der Wormser SPD-Bundestagsabgeordnete Florian Gerster, der die Geheimniskrämerei der Militärs immer wieder scharf kritisiert hat, hält die taz-Version für eine "absolute Räuberpistole".
Immerhin waren deutsche, italienische und amerikanische Militärs, die das Ramstein-Desaster prüften, eindeutig zu dem Ergebnis gekommen, das Unglück sei durch einen Fehler Nutarellis ausgelöst worden.
Zudem gibt es keinerlei Belege für die Behauptung, Nutarelli und Naldini hätten "unmittelbar nach ihrer Rückkehr aus Ramstein vernommen werden" sollen, weil sie sich "unmittelbar vor dem Absturz in der Luft" in der Nähe der DC-9 befunden hätten.
Die angeblichen Zeugen, die für die römische Justiz laut taz von "enormer Wichtigkeit" waren, konnten von dem Abschuß unmöglich etwas mitbekommen haben. Kommissionspräsident Gualtieri: "Una cosa assurda", alles Blödsinn.
Unter den Namen von möglichen Mitwissern des Ustica-Skandals sind die Namen der beiden Piloten "niemals vorgekommen" (Gualtieri). Auch nach Ansicht des mit dem Fall befaßten Staatsanwalts Rosario Priore spielen die verunglückten Kunstflieger keine Rolle.
Aus den Unterlagen, die den Ermittlern vorliegen, geht hervor, daß Nutarelli und Naldini um 19.30 Uhr in Grosseto gestartet und um 20.45 Uhr bereits wieder am Boden waren. Sie können demnach zum Zeitpunkt des Crashs nicht in der Nähe von Ustica gewesen sein.
Fragwürdig ist auch die Mordtheorie bei zwei weiteren Zeugen. Der Radarlotse Mario Alberto Dettori wurde am 30. März 1987 an einem Baum erhängt gefunden - laut taz "angeblich Selbstmord". Man habe jedoch "keinerlei Motiv für den Suizid" finden können. Was das Blatt unterschlug: Seit Jahren befand sich Dettori in therapeutischer Behandlung. Er litt an Depressionen.
Zweifelhaft ist auch die Version über den Tod des Unteroffiziers Ugo Zammarelli, der Radaraufzeichnungen über die Flugbewegungen im Luftraum Ustica prüfen sollte. Er starb bei einem Motorradunfall. Dem Soldaten, der mit einer Begleiterin zu Fuß unterwegs war, sei, so die taz, merkwürdigerweise "das Genick gebrochen" worden, es habe aber "keinerlei äußere Verletzungen durch das Motorrad gegeben".
In diesem Fall hat die taz ganz offensichtlich entscheidende Fakten über den Hergang des Unfalls weggelassen: Auch die beiden Motorradfahrer, die nach der taz-These logischerweise die Attentäter gewesen sein müßten, starben bei dem Zusammenprall, und die Begleiterin Zammarellis wurde schwer verletzt. o

DER SPIEGEL 14/1991
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