03.06.1991

Baden-WürttembergSo dockelig, so dackelig

Die Stuttgarter Landesregierung möchte das Etikett „Ländle“ ausmerzen. Die Koseform wird als provinziell und kränkend empfunden.
Im Betrugsprozeß gegen den Omnibus-Unternehmer Friedrich Wahl befand der Stuttgarter Staatsanwalt Gernot Mayer, die alteingesessene Heidenheimer Familie Wahl habe nicht zum Jet-set gehört - "eher zum Jet-setle".
Mit dieser Wortprägung unterlief der Jurist neueste Anstrengungen des christdemokratischen Ministerpräsidenten Erwin Teufel, 51, und seines Wirtschaftsministers Hermann Schaufler, 43, die Silbe "le" möglichst zu meiden. Die Landespolitiker wollen ihr Baden-Württemberg wenigstens sprachlich vom Image des Kleinkarierten befreien.
Nach dem Abtritt des früheren Ministerpräsidenten Lothar Späth, 53, der binnen Wochen im Volksmund vom "Cleverle" zum "Neverle" schrumpfte, soll die Endsilbe zumindest aus dem offiziellen Sprachgebrauch getilgt werden.
Minister Schaufler, der auch für den Fremdenverkehr zuständig ist, sieht das so: Ein Land, das sich dem internationalen Wettbewerb erfolgreich stellen und eine aggressive Industrie-Ansiedlungspolitik betreiben wolle, dürfe sich nicht als "Ländle" präsentieren.
In der jüngeren Landeswerbung, etwa in Wirtschaftsmagazinen und in Fachzeitschriften, taucht das Wort "Ländle" schon nicht mehr auf. In der Antrittsrede des neuen Regierungschefs Teufel, die als 40seitige Broschüre unters Volk gebracht wurde, fehlt das "Ländle" ebenfalls.
Die Stuttgarter Zeitung ("Abschied vom ,Ländle''") grämte sich sehr: Kein Synonym habe dem deutschen Südwesten "so sinnfällig" entsprochen wie "die anheimelnde Verkleinerungsformel". Im Kosenamen "Ländle" sei alles ausgedrückt worden, was Land und Leute liebenswert mache: "Bescheidenheit und Beschaulichkeit, Heimatverbundenheit und ein Hauch von Provinz". _(* Aus "Deutschland deine Schwaben" von ) _(Thaddäus Troll. )
Der Versuch, das Bundesland Baden-Württemberg per Sprachreinigung vom Provinz-Image zu befreien, dürfte sich als schier unlösbare Langzeitaufgabe erweisen. Der Schwabe, so ist das nun mal, hat ein Häusle mit Gärtle, schreibt aus dem Urlaub ein Kärtle mit liebe Grüßle, trinkt ein Täßle Kaffee und verzehrt ein Stückle Kuchen.
Der als Renommier-Schwabe anerkannte Schriftsteller und Sprachkritiker Hans Bayer alias Thaddäus Troll hatte zu Lebzeiten vergebens immer wieder das "verniedlichende -le" attackiert und "das Liesele-Wasele-Gestammel schwäbischer Komiker" verurteilt, "das einem richtigen Schwaben schon saumäßig auf die Nerven gehen kann". Denn: "Es klingt so dockelig und so dackelig."
Ein Dackel ist nach der Definition des "Schwäbischen Handwörterbuchs" von Fischer/Taigel ein Blödsinniger oder ein dummer Mensch und Dock, Döckle oder Dockele eine Spielpuppe.
Mit dem Gestammel meinte Troll den legendären Dialog zwischen einem Gast und einer Kellnerin namens Friederike: "Rickele!" "Wasele?" "A Viertele!" "Sodele."
Das Handwörterbuch erläutert, "le" werde im Südwesten wie das niederhochdeutsche "chen" an ein Substantiv, aber auch an ein Adjektiv oder Adverb angehängt: "jale" für "ja", "sodele" oder "sole" für "so". Übelste Variante ist die Degradierung von "Adieu" über "Adschüs" und "Tschüs" zum "Tschüsle". Dazu gibt es "für ganz feine Geschmäcker", ärgerten sich die Stuttgarter Nachrichten, "das total erlesene Hallole", gipfelnd "im zärtlich zugespitzten Hallööööle".
Der hörbare Unterschied zwischen den nord- und süddeutschen Diminutiven prägt die Benutzer. Häuschen, Gläschen oder Pferdchen klingen nun mal feiner und flotter als Häusle, Gläsle oder Pferdle - und lassen nicht spontan an geistige Beschränktheit denken.
Die Stuttgarter Zeitung bedauerte denn auch inzwischen, die "winselnden Wortbastarde" auf "le" seien "auf dem besten Weg, uns von innen heraus zu vernichten".
Dabei sind es gerade die einheimischen Medien, die das Suffix "le" mißbrauchen und überregional als schwäbisches Erkennungsmerkmal ausgeben. Als etwa Lothar Späth 1987 ein internationales Theatertreffen inszenierte, schrieb die Lokalpresse prompt über das "Theatergipfele".
Der Süddeutsche Rundfunk lädt auch in diesem Sommer Freizeit-Radfahrer wieder zur "Tour de Ländle" ein und verbreitet eine Spaghetti-Reklame mit dem Hinweis einer schwäbischen Hausfrau: "Al dente, mei Papagallole!"
Die Stuttgarter Nachrichten empfahlen beim Volksfest die "Boxautole" (Elektro-Scooter) und teilten zur Flughafen-Erweiterung mit: "Aus dem Flughäfle wird ein attraktives Tor zur Welt." Die Stuttgarter Zeitung wiederum widmete einer Reportage über einen Tag in einem Altenheim die aufrüttelnde Überschrift: "Wenn die alte Dame dem ,Tantele'' ein ,Gut''s Nächtle'' wünscht".
Auch überregionale Blätter kommen ohne das "le" nicht mehr aus. Schlagzeilen wie in der Welt am Sonntag - "Die Japaner kaufen Aktien im Musterländle" - mag die Stuttgarter Landesregierung nicht mehr sehen. Sogar für die Stuttgarter Zeitung ist der Begriff "Ländle" mitunter "eher Kainsmal als Kompliment".
Aber das "le" wird nicht sterben. Der schwäbische Dialekt-Dichter Wilhelm König, Vorsitzender der Mundartgesellschaft Württemberg e.V., hat ermittelt, daß "das Schwäbische pro Jahr einen Kilometer marschiert" und zur Zeit dabei sei, in nördlicher Richtung das Hohenlohische zu erobern.
Da müssen die Franken und die Hessen sich vorsehen, ojele. o
* Aus "Deutschland deine Schwaben" von Thaddäus Troll.

DER SPIEGEL 23/1991
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