01.07.1991

„Hast wohl viel getrunken?“

Die Funktionäre des Deutschen Leichtathletik-Verbandes präsentieren sich gern als Saubermänner, die Athleten die Einnahme unerlaubter Mittel nicht verzeihen. Tatsächlich aber versucht der Verband, der so tief wie kein anderer in den Dopingskandal verstrickt war, weiter zu vertuschen. Seit Wochen wird ein aktueller Dopingfall verschwiegen.
Fünf Monate lang forschte Deutschlands oberster Sozialrichter Heinrich Reiter im Auftrag von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble mit einer Gruppe von Wissenschaftlern in der deutschen Dopingszene. Während der Arbeit der Kommission, gestand Reiter hinterher, habe ihn angesichts der Lügen und der Verstrickungen von Ärzten, Funktionären und Athleten oft "der Frust gepackt".
Bei der Vorlage seines Berichts in der vorletzten Woche in Bonn stellte Reiter zwar fest, seit 1976 hätten viele Funktionäre vom Doping gewußt. Dennoch sah er keinen Anlaß, das Drogenproblem durch den Staat aufarbeiten zu lassen. Die "Selbstreinigungskräfte" des Sports seien stark genug.
Beflissen stimmten viele Verbandsfunktionäre Reiters Anti-Dopingthesen zu. Allen voran der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV), dessen Präsident Helmut Meyer sich in der Öffentlichkeit gern "als Vorreiter" einer neuen Sauberkeit gefällt, gar als "einsamer Rufer in der Wüste". Und der DLV-Dopingkontrolleur Wilhelm Köster argumentierte scheinbar schlüssig: "Daß wir in diesem Jahr noch keinen Dopingfall hatten, zeigt, wie wirksam unsere Kontrollen sind."
Doch die Realität sieht anders aus. Ein neuer Anabolikafall beweist, daß die Leichtathleten allen schönen Bekundungen zum Trotz nicht von ihren Dopingsünden lassen. Bei den Deutschen Mannschafts-Meisterschaften vor drei Wochen in Wetzlar war der Frankfurter Weitspringer und Hürdenläufer Sven Martin gedopt. Obwohl der DLV alle Details kennt, verschweigen die Funktionäre die Verfehlung.
Der Fall Martin zeigt exemplarisch, was die vielgepriesenen Kontrollen - bei den Leichtathleten wurden bisher annähernd 1000 Proben genommen - wirklich wert sind. Martin schluckte noch vier Tage vor dem Wettkampf das Anabolikum Megagrisevit und manipulierte aus Angst vor Entdeckung dilettantisch seine Urinprobe mit Wasser. Dennoch wurden die Tester im Labor nicht stutzig. Der Kölner Dopingfahnder Professor Manfred Donike meldete nach der Urinanalyse: Negativer Befund.
Die Kölner Monopol-Kontrolleure fanden weder den eigentlich problemlos nachzuweisenden Megagrisevit-Wirkstoff Clostebolacetat, noch vermerkten sie, wie bei Dopingkontrollen international üblich, die auffällig wasserhelle Farbe des Urins.
Donikes Labor genießt nicht ohne Grund das Vertrauen der deutschen Sportverbände, besonders des DLV: Seit 1978 hat es nur eine positive Probe eines deutschen Leichtathleten angegeben.
Die Abwicklung des Dopingfalles Martin verdeutlicht ebenso, was von den neuen Maßnahmen gegen die Drogen zu halten ist. Dem DLV liegt ein schriftliches Geständnis vor. Aber die Funktionäre verlangten von Martin bis Ende letzter Woche noch nicht einmal eine Stellungnahme. Weder die neue Doping-Kommission des DLV noch Rechtswart Norbert Laurens wurden informiert.
Daß Martin kein Mitglied des Nationalkaders ist, sondern ein Athlet der zweiten Garnitur, ist alles andere als beruhigend. Es dokumentiert vielmehr, wie weit der manische Drang nach den Kraftpillen in der Leichtathletik immer noch verbreitet ist.
Martins Leistungen im Weitsprung und Hürdensprint haben nicht zu einer internationalen Karriere gereicht. Doch der kräftige Blondschopf war der Leichtathletik-Gemeinschaft (LG) Frankfurt ein wertvolles Teammitglied im Kampf um die deutsche Mannschafts-Meisterschaft am zweiten Juni-Wochenende in Wetzlar. Er sprang 7,37 Meter weit und rannte die 110-Meter-Hürden in 15,04 Sekunden, holte 1740 Punkte.
Unmittelbar vor Martins Hürdenlauf informierte Hans Peter Schenten, der Präsident der LG Frankfurt, den Läufer darüber, daß er als einer von vier Frankfurter Athleten für die Dopingprobe ausgelost worden sei. Kaum hatte Martin die Ziellinie überquert, suchte er Hilfe bei seinem Trainer Günter Eisinger. Er berichtete dem Coach schreckensbleich vom bevorstehenden Dopingtest.
Eisinger, einer der ersten Trainer, die aktiv und vehement gegen die Dopingpraktiken im Verband angingen, fragte verständnislos: "Wo liegt denn das Problem?" Da holte Martin ein Rezept aus der Tasche, ausgestellt am 3. Mai auf das Medikament Megagrisevit.
Dieses Anabolikum ist ein beliebtes Dopingmittel bei den deutschen Leichtathleten; auch der Freiburger Professor Armin Klümper verschrieb es. Der 1987 an einer Überdosis Medikamente verstorbenen Siebenkämpferin Birgit Dressel erschien es wegen der starken Nebenwirkungen zu gefährlich, so daß sie es schließlich absetzte.
Martin bekam den Muskelmacher zunächst dreimal mit einer Spritze injiziert. Später, so berichtete er, habe er Megagrisevit in Tablettenform geschluckt, zuletzt am 4. Juni, vier Tage vor seinem Wettkampf.
Das rezeptpflichtige Medikament, mit dem laut Beipackzettel des Herstellers Farmitalia Knochenschwund und schwere Eiweißmängelzustände, etwa bei Krebskranken, therapiert werden können, wurde Martin von dem Arzt Thomas Bechtloff aus Großostheim bei Frankfurt verordnet. Kennern der deutschen Sportszene ist dieser Name nicht unbekannt. Auch die deutschen Bobfahrer, die vom ehemaligen Bundestrainer Bernhard Kurz ebenfalls der Dopingmanipulation beschuldigt worden sind, sollen auf die segensreiche Wirkung dieses Doktors setzen.
Eisinger zwang den geständigen Dopingsünder, den Test zu absolvieren. Als der widerstrebende Martin die Arbeit der Kontrollkommission in Wetzlar beobachtete, sah er plötzlich eine Chance, die Enttarnung doch noch zu verhindern. Die Kontrolleure, angeführt von Dietrich Bormuth, einem Mitglied der Anti-Dopingkommission des DLV, arbeiteten ausgesprochen lax.
Diese Erfahrung haben schon viele Athleten gemacht. Die Sportler kennen die Schwachstellen im Kontrollnetz genau, müssen sogar glauben, daß ihnen wissentlich Schlupflöcher angeboten werden: *___In Berlin verschwand ein beauftragter Arzt unmittelbar ____vor einer Kontrolle. *___Athleten, die nicht zum anberaumten Termin erscheinen, ____müssen keine Folgen fürchten. *___Sportlerinnen bleiben oft unkontrolliert, weil ____weibliche Hilfspersonen fehlen.
Auch die Urinabgabe in Wetzlar entsprach nicht den internationalen Vorschriften. So wurde Martin unbeaufsichtigt zum Wasserlassen geschickt. Der listige Weitspringer nutzte die Gelegenheit, füllte das Fläschchen nur zu einem Drittel mit Urin, die fehlenden 60 Milliliter füllte er dann aus der Leitung mit klarem Wasser auf.
Was nun einer gründlichen Analyse im weltweit gelobten Labor Donikes standhalten sollte, beunruhigte sogar den medizinischen Laien Martin: Das Wasser-Urin-Gemisch schimmerte auffällig hell. Doch der DLV-Doktor Bormuth lieferte dem verunsicherten Athleten eine Ausrede: "Hast wohl viel getrunken?" Martin nickte erleichtert.
Freudestrahlend berichtete der Dopingsünder dem Präsidenten und dem Trainer vom vermeintlichen Coup. Doch die mochten nicht mitspielen, sie meldeten ihren Athleten vom 400-Meter-Hürdenlauf ab. Den erstaunten Teamkollegen erklärten sie, Martin sei "verletzt". Und um nicht in den Ruch der Mittäterschaft zu kommen, schrieb der Präsident am 10. Juni zwei Briefe. Im ersten erklärte er dem "lieben Sven", daß ihm ab sofort das Startrecht für die LG Frankfurt entzogen werde und der Verein die Förderung einstelle. Martin wurde aufgefordert, sein weiß-rot-blaues LG-Trikot zurückzugeben.
Das zweite Schreiben ging an den DLV-Wettkampfwart Manfred Gein, der für die Dopingkontrollen während der Wettkämpfe verantwortlich war. Schenten schilderte detailliert den Fall. Abschließend zeigte er sich "dankbar, wenn Sie unser Schreiben bis zur Vorlage des endgültigen Ergebnisses der Dopingproben vertraulich behandeln würden".
Dieser Bitte entsprach der Deutsche Leichtathletik-Verband, der bei neuen Dopingfällen um seine Sponsoren fürchten muß, nur zu gern.

DER SPIEGEL 27/1991
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