01.07.1991

„Der große Knall kommt“

Schmid, 33, ist mit 13 Meistertiteln einer der erfolgreichsten deutschen Leichtathleten. Im vergangenen Jahr beendete der fünfmalige Europameister über 400-Meter-Hürden seine Karriere. Im Dezember wurde der Sportlehrer aus dem hessischen Hasselroth in die Doping-Kommission des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) berufen.
SPIEGEL: Herr Schmid, der Deutsche Leichtathletik-Verband hat Sie zum Kontrolleur seiner Dopingtests gemacht. Sie haben wiederholt erhebliche Mängel im System beklagt. Sind die DLV-Kontrollen gescheitert?
SCHMID: Nicht gescheitert, sie sind nur unzureichend. Den Nachweis, daß unsere Athleten hundertprozentig sauber sind, haben wir nicht erbracht, aber der DLV ist einen großen Schritt weiter als andere Verbände. In manchen Sportarten kann munter weitergedopt werden. Da kümmert sich keiner drum.
SPIEGEL: Aber Kontrollen sind wirkungslos, wenn sie so einfach umgangen werden können: Im April, dem traditionellen Dopingmonat, trainierten 100 deutsche Athleten in Amerika, wo sie vor Dopingfahndern ziemlich sicher waren.
SCHMID: Als ich die Kontrollbögen in der Hand hatte, habe ich oft gedacht: Das darf doch wohl nicht wahr sein. Einige Athleten wurden über einen Zeitraum von vier Wochen gar nicht getestet, manche seit März bis heute nicht mehr. Überall gibt es Löcher. Auch in Deutschland blieben Athleten, obwohl sie auf Kontrollen drängten, unbehelligt. Das zeigt, daß mit diesem Kontrollsystem etwas grundsätzlich nicht in Ordnung ist.
SPIEGEL: Kann sich der Sport nicht selbst kontrollieren?
SCHMID: Man kann nicht wie bisher Kontrolleure und diejenigen, die für Leistung zuständig sind, unter einem Dach haben. Wir brauchen eine staatliche Institution, die unabhängig und unbestechlich ist. Wir brauchen so etwas wie eine Stiftung Warentest für den Sport.
SPIEGEL: Die Sportführer sind da anderer Meinung, sie vertrauen auf die Selbstreinigungskräfte des Sports.
SCHMID: Ich bin sehr enttäuscht, daß außer Geld nichts aus Bonn kommt. Denn wenn in einem Verband wie dem DLV zwei offensichtlich widerstrebende Kräfte vorhanden sind, kommen wir allein nicht weiter. Irgendwo muß da ein Bedingungsgefüge bestehen, das Konsequenzen behindert. Vielleicht verhindert die gemeinsame Leiche im Keller Entlassungen, vielleicht ist die Verbandsführung zu schwach. Vielleicht wollen auch zu wenige einen sauberen Sport.
SPIEGEL: Woraus schließen Sie das?
SCHMID: Mir wurde beim DLV gesagt, daß Ost-Trainer kritiklos eingestellt wurden, nur weil aus Bonn Geld dafür zur Verfügung gestellt wurde. Ein DDR-Trainer, der über die Dopingpraktiken Bescheid wußte, hat hier sogar eine leitende Funktion bekommen. Und der DLV hat einen Mann zum Ehrenpräsidenten gemacht, der im DDR-System Verantwortung hatte.
SPIEGEL: Sie meinen den neuen DLV-Cheftrainer Bernd Schubert und den Ehrenpräsidenten Professor Georg Wieczisk?
SCHMID: Über Namen rede ich nicht. Aber ein Verband mit Prinzipien, Moral und Ehrgefühl verzichtet auf solche Leute.
SPIEGEL: DLV-Sportdirektor Horst Blattgerste protegiert Schubert. Der Verband hat zudem mindestens 36 Trainer eingestellt, die nachweislich mit Dopingmitteln gearbeitet haben. Will er Erfolg um jeden Preis?
SCHMID: Es gibt einige, die sagen, jetzt, wo wir all das Wissen aus der DDR zur Verfügung haben, jetzt wollen wir das auch nutzen, um damit eine Großmacht im Sport zu werden. Wo kommen wir da hin? Das sind, das muß man ganz klar sagen, die falschen Leute.
SPIEGEL: Wo muß der DLV denn ansetzen?
SCHMID: Für den Leistungssport trägt der Sportwart die Verantwortung. Der hat sich engagiert darum zu kümmern, daß seine Abteilung funktioniert. Aber Herr Steinbach stellt sich hin und erklärt, niemand wisse, wie die Dopingmittel überhaupt wirken. Das ist doch Verharmlosung, wo aktiver Kampf gefragt ist. Steinbach spreche ich jede Initiative ab.
SPIEGEL: Kann denn einer allein die Verbandspolitik bestimmen?
SCHMID: Die anderen machen das, was sie immer getan haben: schweigen und aussitzen. So war das doch in allen Krisen, in die der Verband geschlittert ist. Es gab kaum personelle Konsequenzen.
SPIEGEL: Seit Februar kritisieren Sie und Ihre Kollegin, die Olympiasiegerin Heide Rosendahl, stets dieselben Mängel bei den Kontrollen, geändert hat sich bisher kaum etwas. Bei einer Bundestrainertagung sind Sie beide vielmehr als Nestbeschmutzer dargestellt worden.
SCHMID: Ich habe durch Journalisten davon gehört, und ich bin mir sicher, daß einige Trainer das auch so gemeint haben. Da gibt es ja genug Meister im Verdrängen.
SPIEGEL: Warum kämpfen Sie nicht an vorderster Front, etwa als Sportwart?
SCHMID: In der derzeitigen Verbandsstruktur ist diese Position ein Ehrenamt. Ich würde in einer so von Krisen geschüttelten Sportart einen solchen Posten nur annehmen, wenn dies ein Fulltime-Job wäre. Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob mich die Delegierten aus den Landesverbänden überhaupt wählen würden. Denen ist die Dopingproblematik gar nicht vollständig bekannt.
SPIEGEL: Angesichts Ihres guten Rufes stellt sich doch nur eine Alternative: entweder wirklich Vorreiter im Kampf gegen Doping zu werden - oder Sie müssen sich gefallen lassen, daß man Sie einen Feigling nennt.
SCHMID: Wenn der DLV eine Position mit entsprechenden Kompetenzen schafft, könnte ich mir vorstellen, den Job zu machen.
SPIEGEL: Was würden Sie denn als erstes im DLV ändern?
SCHMID: Man muß sich mit aller Konsequenz von Trainern und Funktionären trennen, die für das Dopen verantwortlich waren.
SPIEGEL: Der DLV behauptet, das Arbeitsrecht hindere ihn daran.
SCHMID: Im Bundesinnenministerium, das ja die Trainer bezahlt, hat man sich doch schon gewundert, daß der Verband nicht einmal einen Trainer zur Disposition gestellt hat.
SPIEGEL: Und wie wollen Sie gegen die noch funktionierenden alten Seilschaften angehen?
SCHMID: Mich verwundert auch, daß im Verband ein so absolutes Wir-Gefühl herrscht. Warum erklären nicht die Unzufriedenen öffentlich ihre Bedenken?
SPIEGEL: Zur Funktionärsmentalität gehört wohl dieses Kameraderieverständnis. Alle sitzen in einem Boot und gehen nur gemeinsam unter.
SCHMID: Aber von einem Präsidenten erwarte ich eigentlich ein deutliches Wort zu den Mißständen. Vielleicht ist Helmut Meyer zu schwach, um einen neuen Weg einzuschlagen.
SPIEGEL: Es gibt also keine Hoffnung auf bessere Tage?
SCHMID: Das richtige Beispiel geben die Dreispringer und Zehnkämpfer. Die beweisen von sich aus, daß sie sauber sind. Und jetzt stellen Sie sich mal vor, die anderen machen das nach, und auf einmal verselbständigt sich alles - dann ist der Verband plötzlich überflüssig.
SPIEGEL: Dann würde beispielsweise Mercedes seine Sponsorgelder nicht mehr an den DLV, sondern an die einzelnen Gruppen ausschütten?
SCHMID: Warum nicht, solche Gruppen könnten ja interessanter werden als so ein unbeweglicher Verband.
SPIEGEL: Ist diese Problematik den Funktionären nicht bewußt?
SCHMID: Ich glaube nicht. Aber einmal muß man doch wach werden. Den Zehnkämpfern und Dreispringern geht es längst nicht nur um dopingfreien Sport. Deren Selbstorganisation bietet mit Hilfe ehemaliger Aktiver schon Serviceleistungen, die eigentlich der Verband mit seinen vielen hauptamtlichen Kräften ohne Probleme bringen müßte.
SPIEGEL: Um so dringlicher erscheint es doch, daß sich erfahrene Leichtathleten im Verband engagieren.
SCHMID: Viele haben Angst, daß sie in dem schwerfälligen Apparat aufgerieben, einfach verschlissen werden.
SPIEGEL: Verkrustete Strukturen sind nicht mit wohlgesetzten Worten aufzubrechen. Da bedarf es schon eines Aufstandes.
SCHMID: Oder man wartet einfach, bis der Verband ganz kaputt ist. Im August kommt die Weltmeisterschaft . . .
SPIEGEL: . . . und wenn die DLV-Athleten in Tokio siegen, ist alles wieder in Ordnung?
SCHMID: Vielleicht gibt es gar nicht so viele Medaillen, wie sich das der Verband erhofft. Wenn man jedenfalls immer so weitermacht wie bisher, wird sich der DLV selbst zerstören. Es gibt viele, die auf den großen Knall warten. Und der kommt bestimmt. o

DER SPIEGEL 27/1991
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