09.05.2015

Global VillageEggs in the City

Frauen in Manhattan erfahren auf einer „Social Freezing Party“ bei Prosecco, wie sie ihre Eizellen einfrieren lassen können.
Die New Yorkerin Caitlin Forsyth ist 29 Jahre alt und hätte gern bald Kinder. Theoretisch. Praktisch weiß sie, dass das noch eine Weile dauern wird. Im Weg stehen ihr: ein Job als Anwältin, für den sie lange studiert hat. Ein Freund, der noch nicht Vater werden will. Und die Angst, mit Kindern ruck, zuck in New Jersey auf der anderen Seite des Hudson zu enden. Dort, wo die Mieten billiger sind, aber die Stadt weit weg ist.
Forsyth sitzt an einem Frühlingsabend mit ihrer Freundin Natalie in der ersten Reihe eines Konferenzraums in Midtown Manhattan. Sie trägt einen dunklen Blazer, Jeans und schwarze High Heels mit metallfarbenen Spitzen. "Wenn ich realistisch bleibe", sagt Forsyth, "muss ich warten, bis ich 35 bin." 35 aber ist das Alter, in dem Ärzte warnen, dass die Fruchtbarkeit rapide abnimmt. Was, wenn sie dann zu lange gewartet hat?
Tatenlos bleiben will sie nicht. Forsyth will wissen, was sie tun kann, ohne aufgeben zu müssen, wofür sie sich fast zehn Jahre lang abgemüht hat. Sie sagt: "Kaum einer meiner Freunde hat schon Kinder. Aber alle haben Angst davor, einmal keine bekommen zu können."
Die Firma EggBanxx hat zur "Social Freezing Party" eingeladen: Drei Mediziner erklären, wie das Eizelleneinfrieren funktioniert, es gibt Drinks und Krabbenbällchen, und wer bis Ende des Monats zuschlägt, bekommt 500 Dollar Rabatt. Fast wie bei einer Tupperparty. Nur dass es anstelle von Salatschüsseln später Hormonspritzen gibt.
Der Raum ist voll, vier Dutzend Frauen suchen einen freien Stuhl. Es ist sieben Uhr abends, die meisten kommen direkt von der Arbeit. Kellner drehen erste Runden, es gibt Prosecco mit Himbeerlikör, knallrosa. Auf Postern im Saal ist das Motto des Abends zu lesen: "Smart Women Freeze" - "Schlaue Frauen frieren ein".
"Egg Freezing ist das heißeste Ding in unserer Branche", sagt einer der Ärzte in sein Mikrofon, "es ist wirklich aufregend." Der Reihe nach erklären die Mediziner, wie einer Frau Eizellen entnommen und eingefroren werden. Falls sie später Probleme bekommen sollte, schwanger zu werden, könnte sie dann auf diese Eizellreserve zurückgreifen. Es ist eine relativ neue Methode, die die Frauen unabhängiger von ihrem biologischen Alter macht und ihnen die Angst vor späterer Unfruchtbarkeit nehmen soll. Die Freiheit der Männer, noch lange im Leben Kinder zeugen zu können, würde damit auch ein wenig den Frauen zuteil.
Caitlin Forsyth sagt, sie habe das Gefühl, in übervorsichtigen Zeiten zu leben. Jeder würde sich ständig gegen alles Mögliche absichern. Ihre Generation sei "overprepared" - über die Maßen vorbereitet. "Aber beim Kinderkriegen sehe ich es anders", sagt sie. "Jetzt ist die perfekte Zeit, darüber nachzudenken. Ich weiß um die Risiken. Und ich will nicht mit 35 aufwachen und merken, dass nichts mehr geht."
Sie habe ihre Mutter gefragt, eine Frauenärztin: "War das damals bei euch auch so? Habt ihr euch auch ständig über Unfruchtbarkeit unterhalten?" "Nein, nie", habe sie geantwortet. Die Frauen seien stumm geblieben und hätten sich geschämt. Und dass die Tochter unbedingt losziehen solle, sich informieren.
Die Frauen im Konferenzraum haben viele Fragen: Gibt es eine Geld-zurück-Garantie? Kann man die Eizellen auch nach Missouri nachschicken lassen, wenn man umzieht?
Nein, es gebe kein Geld zurück: "Sie zahlen für eine medizinische Behandlung", sagt einer der Ärzte. "Das ist kein Autokauf." Und, ja, man könne gefrorene Eizellen auch verschicken.
Dann rechnen die Mediziner vor, wie viel das Egg Freezing kosten kann: Zwischen 8500 und 18 000 Dollar für Hormonbehandlung, Eizellentnahme und Einfrieren. Hinzu kommen etwa 1000 Dollar im Jahr für die Lagerung. Die Chance auf ein Baby in höherem Alter ist also für ungefähr 20 000 Dollar zu haben.
"Uff", sagt Caitlin Forsyth. Da habe sie jetzt einen "sticker shock". Einen was? "Sticker shock: Wenn man beim Shoppen etwas Schönes entdeckt und dann einen unglaublich hohen Preis auf dem Schildchen sieht", sagt sie.
Die Unternehmen Facebook und Apple erstatten ihren Angestellten seit vergangenem Herbst die Kosten für die Behandlung. Das "Forbes Magazine" schrieb daraufhin frei nach Marx, die Social-Media-Giganten versuchten jetzt nicht nur über die Produktions-, sondern auch über die Reproduktionsmittel ihrer Angestellten zu verfügen. Caitlin Forsyth sagt, sie könne das Geld selbst aufbringen. Sie sei gewohnt, in ihrem Leben gut zu planen, dazu zähle auch das hier. Und falls sie später tatsächlich Probleme habe, Kinder zu bekommen, fielen die Kosten für eine medizinische Behandlung wahrscheinlich auch hoch aus.
Zum Ende des Abends möchte noch jemand wissen, was man tun müsse, um sich optimal auf die Eizellentnahme vorzubereiten. Eine Ärztin aus New Jersey nimmt das Mikrofon und sagt: "Leb so vernünftig, wie es dir nur möglich ist." Sie rät: nicht rauchen, wenig Alkohol, Sport und gesunde Ernährung. Forsyth und ihre Freundin grinsen. "Tja", sagt sie, "dann müssen wir eben so brav sein, wie man es in Manhattan nur sein kann." Dann klemmen sich beide ihre Handtasche unter den Arm und ziehen weiter. Sie sind noch auf einen weiteren Drink verabredet.
Von Kerstin Kullmann

DER SPIEGEL 20/2015
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