09.05.2015

KunstDen lieben Gott herausfordern

Der nordkoreanische Künstler Sunmu malt den großen Diktator, als wäre Kim Jong Il eine Pop-Art-Ikone.
Der Hunger trieb Sunmu über den Tumen nach China, und als er drüben war, auf der anderen Seite des Flusses, stellte er fest: Kim Jong Il, der große Führer, der alles für ihn war, Vater und Gott, Wasser und Sonne, hatte ihn sein Leben lang belogen.
Denn die Menschen auf der anderen Seite des Flusses hatten genug zu essen. Sie waren fröhlich, obwohl der Führer gesagt hatte, Nordkorea sei das einzige glückliche Land auf diesem Planeten. Und im Restaurant hörte er, wie Chinesen öffentlich über ihren Staatschef schimpften, aber niemand kam, um sie in ein Lager zu stecken.
17 Jahre ist das her, und nun ist Sunmu, 43, für ein paar Wochen in Berlin gelandet. In China musste er sich jahrelang verstecken, weil die Behörden nach illegalen Einwanderern aus Nordkorea suchten, um sie nach Pjöngjang abzuschieben. Dann schaffte er es schließlich ins sichere Südkorea. Es war ein langer Weg, und Sunmu hat Kunst daraus gemacht, die nun in der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst in Berlin zu sehen ist, in einer Ausstellung, die "Verbotene Bilder" heißt.
Ein Porträt zeigt Nordkoreas Staatsgründer Kim Il Sung, darunter hängt ein Gemälde der sogenannten Kimilsungia, einer Blume, die ihm ein indonesischer Staatschef einst gewidmet hat, seither ein natio-
nales Heiligtum in Nordkorea. Auf den ersten Blick wirken die Bilder wie eine Pop-Art-Variante von Propagandapostern der nordkoreanischen Arbeiterpartei, aber in seiner alten Heimat sind die Kunstwerke Kapitalverbrechen. "Das Gesicht des Großen Führers zu malen, ohne Genehmigung der Partei, das ist Gotteslästerung. Niemand darf das. Aber ich fordere diesen Gott heraus."
Angst ist das Brot, mit dem Nordkoreas Diktatoren seit Jahrzehnten ihr Volk füttern. Sunmu sagt, dass die Nordkoreaner dies nicht wissen, wie auch er es nicht wusste. Eine Angst, die weiterlebt, wenn die Flüchtlinge in Südkorea leben und jeder von ihnen obligatorisch einen eigenen Kontaktbeamten bekommt, der sich um seine Sicherheit kümmert.
Seinen Polizisten in Seoul sieht er seitdem jede Woche. Trotzdem tritt er bis heute öffentlich nur mit Gesichtsmaske auf, sogar in Berlin. Sie soll ihn und seine Verwandten schützen vor Nordkoreas Agenten. Im vergangenen Sommer entging er in Peking nur knapp seiner Verhaftung und Auslieferung nach Pjöngjang. Die Nordkoreaner hatten die Chinesen um Amtshilfe gebeten, nachdem er dort eine Ausstellung eröffnet hatte. Sicherheitsbeamte rissen das Ausstellungsplakat von der Wand und verbrannten Sunmus Kataloge. Auch sein Künstlername Sunmu ist eine Sicherheitsmaßnahme. Es heißt so viel wie: "der über Grenzen geht".
Sunmu malt nordkoreanische Soldaten oder Mädchen im Pionierkleidchen mit iPods. Er porträtiert Kim Jong Un, den derzeitigen Diktator vor Cinderellas Schloss mit Mickymaus-Ohren. Es ist auch so eine Art Traum von der Wiedervereinigung. Deutschland, sagt Sunmu, könne kein schlechter Staat sein, wenn so viele Bürger nachmittags lachend an den Tischen sitzen, Bier trinken und den Tag genießen. Er ist berührt davon, dass die Deutschen Reste der Mauer als Denkmal stehen lassen. "Man muss", sagt er, "den Schmerz anerkennen."
Der Maler hat ein eigenes Gespür für Systeme entwickelt, damals 1998, als sein altes Leben zusammenbrach und er die Welt neu denken musste. In China schlug er sich als Baumrinden-Schaber durch, später arbeitete er für eine Bande von Kriminellen, die Hehlerware verkaufte und eine Karaokebar mit Prostituierten betrieb. Ein halbes Jahr lang verprügelte Sunmu zahlungsunwillige Kunden. Nachts saß er in seinem Zimmer, blickte aus dem Fenster, auf die Chinesen, die im Mondschein auf der Straße liefen, und fragte sich: "Was ist wahr, wenn alles nicht stimmt, was ich bisher glaubte?"
Zum ersten Mal wagte er es, den "lieben Führer" Nordkoreas zu malen, da studierte er an der Kunsthochschule in Seoul. Vorher schon hatte er in Pjöngjang Kunst studiert und davon geträumt, einmal den Staatschef zu porträtieren. Als er es dann in der Freiheit wagte, zitterten ihm die Hände so stark, dass er das Bild von Kim Jong Il nicht zu Ende malen konnte. Ein Kunsthändler aus Seoul erwarb dennoch das Bild, für 5000 Dollar.
Bis heute malt Sunmu seine Diktatoren. Wie könne er etwas über sich malen, fragt er zurück, wenn er nicht ihn, den großen Diktator, male: "Wo ich herkomme, gibt es kein Ich. Er war Wir, und die Frage ist, wenn ich nicht Er bin, wer bin ich dann?"
Seine erste Ausstellung hatte er in Seoul, in einer Galerie, die "Verantwortungsgefühl für die Neugierde" hieß, nicht weit entfernt vom Blauen Haus, dem südkoreanischen Sitz des Präsidenten. Besucher alarmierten die Polizei, weil sie glaubten, Sunmu sei ein Regierungsfeind, der nordkoreanische Potentaten verherrliche. Am Ende der Ausstellung, schrieb eine Zeitung, hatten mehr Polizisten und Geheimdienstler die Galerie besucht als Kunstinteressierte.
Wirkliche Freiheit hat Sunmu nie kennengelernt, auch in Südkorea nicht. Immer wieder werden seine Werke von Kuratoren abgehängt. Im besten Fall werden sie missverstanden, im schlechtesten Fall gar nicht erst zum Ausstellungsort befördert, wie jetzt wieder in Berlin. Eine Kunstspedition in Seoul weigerte sich, den Auftrag auszuführen. Die Firma könnte "großen Schaden" erleiden, wenn bekannt werde, welche Bilder da transportiert würden, heißt es in dem Schreiben an die Berliner Ausstellungsmacher. Eines der Bilder zeigt den despotischen Vater der heute amtierenden südkoreanischen Präsidentin Park Geun Hye in Siegerpose, wie man sie sonst nur von nordkoreanischen Herrschern kennt.
Für die Ausstellungseröffnung in Berlin musste Sunmu Ersatz schaffen. Aus dem digitalen Foto eines seiner Werke schuf er einen Leuchtkasten mit Staatsgründer Kim Il Sung, bei einer Performance ließ er rote und blaue Farbe, die Farben Koreas, so lange auf einer Wand gegeneinander kämpfen, bis sie in einem Lila miteinander verschwammen.
Mit seiner Frau, einer koreanischstämmigen Chinesin, und den zwei Kindern wohnt er in einem Hochhaus im Zentrum Seouls. Vom Verkauf der Bilder kann er inzwischen leben, er ist Südkoreas erster Künstler, der aus Nordkorea flüchtete. Und die Angst? "Ich kann das aushalten", sagt er, "ich weiß jetzt, wer ich bin."
Von Susanne Koelbl

DER SPIEGEL 20/2015
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