09.05.2015

LiteraturkritikReden wir von mir

Andreas Dorau erzählt die Abenteuer einer Popkarriere - und der Schriftsteller und Sänger Sven Regener hat sie abgetippt.
Jede halbwegs gute Autobiografie geht mit ihrer Hauptperson hart ins Gericht. In dieser hier sagt der Icherzähler von sich selbst, er sei "ein ziemliches Arschloch", ein Arzt bescheinigt ihm "Angst vor fremden Menschen", und Alkohol verschlimmert die Charakterschwäche offenbar noch. Er fördert, wie der Held schamesstolz bekennt, genau das zutage, "was ich sorgsam versteckt wissen wollte: Aggressivität, Neid, Hass, Missgunst, künstlerische Intoleranz".
Jede wirklich gute Autobiografie verkündet mindestens eine überraschende, erhellende Erkenntnis. Diese hier erklärt, warum man Menschen, die dem Beruf des Schauspielers nachgehen, besser kritisch betrachten sollte. "Mein wichtigstes Problem beim Filmemachen war und ist, dass ich Schauspieler nicht mag", gesteht der Held. "Sie sind peinlich und suchen nach Anerkennung und Liebe, die ich ihnen nicht geben kann. Außerdem wollen sie immer wissen, was sie machen sollen."
"Ärger mit der Unsterblichkeit" heißen die lehrreichen Lebenserinnerungen des Musikers, Filmregisseurs und Entertainers Andreas Dorau. Der Mann ist 51 Jahre alt, eher halb berühmt als wirklich bekannt und doch einer der Großen unter Deutschlands Popkünstlern. Er hat Lieder, Videos, einen Kinofilm und eine schrecklich schlechte Oper namens "Guten Morgen Hose" fabriziert. Manche nannten das genial; manche priesen es als tolle Fortführung der Dada-Kunst; eine Menge Menschen haben Dorau jedoch für seine Darbietungen beschimpft, bespuckt (was in den Achtzigerjahren unter Punkern auch eine Art Anerkennung war) und mit Bier begossen. In Frankreich wurde der Künstler Dorau sogar einige Monate lang angehimmelt, in Japan ein paar Tage, in Hollywood drehte er ein Musikvideo, und in New York hatte er, allerdings, wie er zugibt, "sehr kurz", Sex mit einem "richtigen Groupie".
All das steht in Doraus Buch, am Anfang aber geht es um "Fred vom Jupiter". Das ist Doraus größter Hit, im Jahr 1981 veröffentlicht, zu Zeiten der sogenannten Neuen Deutschen Welle. Das mit Kinderfrohsinn geträllerte Lied hat der sonst lausige Schüler Dorau, damals 16, im Rahmen eines Projekts zusammen mit drei Schülerinnen in der Hamburger Otto-Hahn-Gesamtschule gebastelt. Es habe sich "vielhundertausend-, wenn nicht gar millionenfach in aller Welt verkauft", sagt Dorau, und es werde "nach wie vor im Radio gespielt, gerne nachts".
Dorau hat die Abenteuergeschichten seines Lebens nicht selbst aufgeschrieben, er hat sie dem Musiker und Autor Sven Regener erzählt, der sie auf der Stelle abtippte. Regener hat Doraus Sound in Wortmusik verwandelt und eine Ordnung hergestellt, die sich um die Chronologie nicht schert. Hier werden Episoden erzählt, in der Sprache eines von Fettnapf zu Triumph stolpernden Tors. "Mir schlug ein Hass entgegen, wie ich ihn noch nie erlebt hatte", heißt es zum Beispiel über eine der größten Pleiten in Doraus Künstlerkarriere, das Scheitern seines einzigen Kinowerks "Die Menschen sind kalt", das im Jahr 1998 bei Zuschauern und Kritikern komplett durchfiel. "Die Filmleute", behauptet Dorau, "mögen es nicht, wenn sie glauben, dass man sie verarscht."
Natürlich ist das Buch "Ärger mit der Unsterblichkeit" keineswegs der Klagegesang eines Verkannten, sondern die Bilanz einer Einzelbegabung. Andreas Dorau, aufgewachsen als Sohn eines Pastors in Hamburg-Wandsbek, wurde nacheinander von neun Gitarrenlehrerinnen und Gitarrenlehrern unterrichtet und blieb unfähig, Akkorde zu schrummen. Er lernte, Musik maschinell herzustellen, und veröffentlichte als Teenager eine aus drei Liedern bestehende Schallplatte namens "Der lachende Papst" beim Label eines Mannes namens Alfred Hilsberg. Er hat später an der Hochschule für Fernsehen und Film in München studiert und dort jahrelang gelebt, jetzt wohnt er wieder in Hamburg. Da vertreibt er sich die Zeit als Bewegtbildberater ("Video Consultant") für Erfolgsmusiker wie Xavier Naidoo und mit dem Produzieren eigener Musik; die Titel seiner Songs haben Klasse: "Reden wir von mir", "So ist das nun mal","Angenehm stumpf", "Das Telefon sagt Du".
In dem Buch nun erfährt man, dass der Musiker Dorau manche seiner Schöpfungen "eher wissenschaftlich als musikalisch" beurteilt sehen möchte. Man erfährt, dass er öfter mal fremde Musikschnipsel "wie Legosteine" zusammenbaut. Man erfährt, dass in vielen Kunstwerken Doraus Tiere vorkommen und was das mit dem frühkindlich mitverschuldeten Tod eines Hamsters zu tun hat. Und man lernt, was Herr Dorau alles nicht mag: jede Form von Virtuosentum, Männerfreundschaftsgehabe, die Band Rammstein und einen Mann, der mal sein mutloser Chef und Boss eines Plattenkonzerns war, dessen Namen er aber in diesem Buch partout nicht nennen will - dabei ist der Mann heute in Berlin der wichtigste Kulturheinz der Stadt.
Die Geschichte endet bereits auf Seite 178, immerhin mit dem Satz: "Ich war nie der Meinung, dass Erfolg von langer Dauer sein muss." Und mit der Erkenntnis: Es muss manchmal brutal anstrengend gewesen sein, Andreas Dorau zu sein. Für ihn und für andere. Aber die Anstrengung hat sich gelohnt. Für alle Beteiligten.
Verlag Galiani, Berlin; 192 Seiten; 16,99 Euro.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 20/2015
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