06.05.1991

KomödienFührers Blähungen

Helmut Dietl, Erfinder von „Kir Royal“, verfilmt die Geschichte der gefälschten Hitler-Tagebücher - als Groteske.
Bevor der SS-Mann darangeht, die beiden Leichen anzuzünden, verhilft er den Toten zu einem Rest von Würde. Der blonden Frau zurrt er züchtig den Rock über die Knie, dem Herrn im grauen Waffenrock zieht er einen ackuraten Scheitel und pult noch ein paar Krümel aus dem Schnurrbart.
Doch der Versuch, die Gebeine der Frischverblichenen mit einem Zündholz in Brand zu setzen, will einfach nicht gelingen. "Er brennt nicht, Herr Obersturmbannführer", ruft der Scherge einem anderen zu, "und die Frau Braun, die Frau Führer", wolle ebenfalls nicht entflammen.
Der Vorgesetzte greift zwei Benzinkanister und entfacht beherzt eine Feuersbrunst - seine SS-Mütze wirft er gleich mit in das lodernde Grab. Dann steigt er in seinen Wagen und fährt davon.
Ob am 30. April 1945, im Hof der zerbombten Reichskanzlei zu Berlin, bei der Einäscherung von Adolf Hitler und Eva Braun die Stimmung wirklich so oder so ähnlich oder nicht doch viel feierlicher _(* Bei Dreharbeiten mit Harald Juhnke, ) _(Götz George, Hans Joachim Hegewald. ) war, darüber lassen die Geschichtsbücher nur Vermutungen zu. Helmut Dietl, 46, der Münchner Regisseur und Drehbuchautor, schmückt den Ablauf mit seiner eigenen Vision von der Beisetzung aus - und beginnt damit seinen Film über den "schwersten Reinfall der deutschen Pressegeschichte" (Süddeutsche Zeitung). Die Affäre um die Hitler-Tagebücher, von der Illustrierten Stern 1983 als "Dokument von weltgeschichtlichem Rang" angekündigt und von Historikern wenig später als plumpe Fälschung entlarvt, hat Dietl zu einem Satyrspiel über das Dritte Reich und dessen Faszination inspiriert.
Mehr als zwei Jahre haben der Autor und sein Kollege Ulrich Limmer gebraucht, um die unglaubliche Geschichte vom kollektiven Versagen eines weltweit operierenden Verlags, einer hochbezahlten Redaktion und etlicher angesehener Gutachter in eine Kinostory umzuwandeln. Die Chronik der Handlung folgt weitgehend dem Ablauf des Medienskandals - da bot die Realität Stoff für eine Posse, die sich so kein Dichter auszudenken gewagt hätte.
Der Militariahändler Konrad Kujau - Dietl stellt ihn als Professor Fritz Knobel vor - überraschte seinen braunen Bekanntenkreis immer wieder mit Dokumenten, die angeblich aus der Hand des Führers stammten, tatsächlich aber von Kujau selbst; mit seinem Nachahmungstalent schlug Kujau Kapital aus der fatalen Attraktion, die Hitler noch immer auf viele ausstrahlt.
So auch auf den bläßlichen Stern-Reporter Gerd Heidemann, den Dietl Hermann Willie nennt. Der war nur zu gern bereit, dem Schlitzohr Kujau zu glauben, daß er bisher verschollene Tagebücher von Hitler besorgen könne. Heidemann begeisterte verantwortliche Redakteure des Stern (bei Dietl: Neue Deutsche Illustrierte); der Verlag Gruner + Jahr rückte in der Hoffnung auf den Jahrhundert-Scoop 9,34 Millionen Mark heraus.
Mehrere Gutachter erklärten Stichproben aus den Tagebüchern für echt - die Vergleichsschriften stammten ebenfalls von Meister Kujau -, Medienkonzerne von London bis New York überboten einander mit gigantischen Summen für die Abdruckrechte des vermeintlichen Hitler-Vermächtnisses. Kurz nach der ersten Stern-Veröffentlichung im April 1983 befand das Bundesarchiv, die Bücher seien "eine groteske, oberflächliche Fälschung" eines "intellektuell beschränkten Menschen" - genau der Stoff, fand Dietl, "für die exemplarische deutsche Nachkriegskomödie".
An gut einem Dutzend Schauplätzen in Ost- und Westdeutschland inszeniert der Regisseur nun, im Auftrag der Münchner Bavaria und des WDR, seit zwei Wochen das, was er "die Wahrheit, nicht etwa die Wirklichkeit, der Affäre" nennt - jene Wahrheit über menschliche Unzulänglichkeiten, über Eitelkeit, Machtgier und Verführbarkeit, die Dietl schon in TV-Serien wie "Monaco Franze" und "Kir Royal" aufs Unterhaltsamste bloßgestellt hat.
Die Akteure von einst - Heidemann, Kujau, Gruner + Jahr - tauchen im Film als Archetypen wieder auf: der abgewrackte Bluthund mit dem Tick fürs Dritte Reich, der einen Knüller so dringend braucht wie neue Sohlen unter den Schuhen; der notorische Betrüger, dessen kindliche Lust am Lügen angestachelt wird durch einen öffentlichen Heißhunger nach Sensationen; die Manager-Clique, die für einen geldwerten Vorsprung bereit ist, Gesetze journalistischer Sorgfalt und das eigene Ansehen zu verramschen.
Bei der Besetzung seiner Figuren kam es Dietl nicht darauf an, Darsteller zu finden, die den echten Personen ähnlich sind. Götz George spielt den glücklosen Reporter - eine Wahl, die Ex-Reporter Heidemann schmeichelt: "George sieht viel besser aus als ich." Dietl hingegen hat den Schimanski-Darsteller ausgewählt, weil er "Angst und Besessenheit" verkörpere.
"Schärfe durch Milde erzeugen", nennt Dietl seine traumwandlerische Art der Rollenbesetzung - "Kir Royal" läßt grüßen. Harald Juhnke als Ressortleiter Zeitgeschehen der Illustrierten; Martin Benrath und Hermann Lause in den Rollen der Chefredakteure, die dem Verlagschef (Ulrich Mühe) in der Tagebuch-Affäre hinterherstolpern.
Dietl verzichtet darauf, zu fragen, ob es der tatsächlichen Verantwortung des Managements angemessen war, daß Gruner + Jahr-Chef Gerd Schulte-Hillen ungestraft davonkam. Schulte-Hillen: "Ich denke, das war gerecht." Im Nachspann des Films soll jede Ähnlichkeit mit realen Personen rein "zufällig" genannt werden; so gewinnt Dietl die Freiheit, seinen Verlagsleiter zur Melodie des Mackie-Messer-Songs ein Ständchen auf den Starschreiber Hermann Willie ausbringen zu lassen - Regieanweisung: "Willie weint Tränen der Rührung."
Die Gesetze der Branche aber findet Dietl "sterbenslangweilig", die Mechanismen des Scheckbuchjournalismus kümmern ihn nicht. Viel spannender findet er es, Gefühle zu beschreiben und anzuheizen: Aus Heidemanns Affäre mit Görings Tochter Edda macht er ein schwüles Sex- und Zweck-Bündnis voller Kitsch und Gemeinheiten. Den Fälscher Knobel (Uwe Ochsenknecht) porträtiert er als Pantoffelhelden, der von Gattin und Geliebter bemuttert wird.
Weit mehr als dokumentarische Genauigkeit interessieren Dietl die psychologischen Gesetzmäßigkeiten, die eine so irrwitzige Köpenickiade unaufhaltsam vorantreiben. Er legt keinen Wert darauf, einzelne Schuldige auszumachen. Vielmehr beschäftigt ihn, was Hannah Arendt "die Banalität des Bösen" genannt hat, und, so Dietl, "die latente Sehnsucht von uns Deutschen, die Vergangenheit zu begraben". Wenn das schon nicht so einfach gehe wie bei dem Herrn Obersturmbannführer - Benzin darüber, Streichholz dran und SS-Mütze weg -, dann fänden es eben "viele doch schön, wenn wenigstens dieser Hitler zu entdämonisieren wäre".
Das "Bedürfnis nach Reinigung", meint Dietl, habe auch politisch unauffällige Leute verführen können, um so entschiedener an die Authentizität des vorgelegten Materials zu glauben, je niveauloser es darin menschelte. Seinen Verlagsleiter Wieland läßt Dietl zu einer Tagebuchnotiz über Hitlers Blähungen und Mundgeruch erleichtert ausrufen: "Ein Mensch wie du und ich. Das ist ja eine Weltsensation".
In Dietls Menschenbild ist Unvollkommenheit die Lieblingstugend. Da war es beinahe zwangsläufig, daß der Münchner sich der Tagebuch-Affäre komödiantisch annahm - die Komödie, so sprach schon Aristoteles, sei "die nachahmende Darstellung gemeinerer Naturen".
Dietl läßt, wie in vorangegangenen Gesellschaftsporträts, bei seinen Röntgenblicken in das Innenleben der Figuren stets Sympathie für das Gemeine mitschwingen. Den Fälscher und den Journalisten sieht der Regisseur als Opfer ihrer Gigantomanie - und für Opfer, sagt Dietl, "habe ich eine Vorliebe".
Fünf Jahre sind seit "Kir Royal" vergangen. Inzwischen hat Dietl ausschließlich Werbespots gedreht, darunter für McDonald''s und Haribo. "Zum Geldverdienen", sagt der Regisseur in einer Mischung aus Demut und Hochmut, "war das völlig in Ordnung, wenn ich einen Film mache, dann nur einen guten."
Die Farce nach dem medialen Trauerspiel soll dem Fernsehprofi im Frühjahr 1992 den Durchbruch im Kino bringen. Noch ist strittig, wie das 12,5-Millionen-Mark-Projekt heißen soll. Dietl hat sich ein Phantasiewort in den Kopf gesetzt - "Schtonk", aus einer Szene in Chaplins "Großem Diktator". Einwände läßt der kapriziöse Meister nicht gelten. "Schtonk" sei ein "dirty word", ein schmutziges Wort, deshalb solle sein Film so und nicht anders heißen. Dietls Motto für seinen Leinwand-Erstling: "Bloß nicht dauernd geschmackvoll sein."
* Bei Dreharbeiten mit Harald Juhnke, Götz George, Hans Joachim Hegewald.

DER SPIEGEL 19/1991
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