08.04.1991

„Da ist irgendwo ein Nest“

Nach dem RAF-Attentat auf Treuhand-Chef Rohwedder wächst in Bonn der Verdruß über die anhaltende Erfolglosigkeit der Fahnder. Die Sicherheitsbehörden, die von einer neuen RAF-Offensive sprechen, waren gewarnt. In Papieren aus den Zellen von RAF-Tätern fand sich die klare Drohung: „Es wird draußen Aktionen geben.“
Staatssekretär Hans Neusel, 63, Sicherheitsexperte im Bundesinnenministerium, nahm Detlev Karsten Rohwedder, 58, auf einem Treffen von Politikern und Wirtschaftsbossen diskret beiseite: "Ich muß mal mit Ihnen reden."
Bei dem vertraulichen Gespräch Anfang Februar ging es nicht um Probleme der deutschen Einheit. Neusel teilte klipp und klar mit, das Leben des Berliner Treuhand-Chefs sei in Gefahr.
Anlaß für die Warnung waren Erkenntnisse des Wiesbadener Bundeskriminalamtes (BKA), die dem Innenministerium übermittelt worden waren. Die Experten der Abteilung Terrorismus (TE) hatten die Auswirkungen des deutschen Einigungsprozesses auf Strategie und Ziele der Roten Armee Fraktion (RAF) untersucht.
Grundlagen der "Gefährdungsanalyse" bildeten Stellungnahmen kämpfender Kommandos und Kassiber inhaftierter Terroristen. Daraus geht hervor, daß Politiker und Wirtschaftsbosse verstärkt ins RAF-Visier geraten sind, die im Einigungsprozeß herausragende Positionen einnehmen, nach der RAF-Logik "Schnittstellenfunktionen im politischökonomischen Bereich" ausüben.
Unter dem Aktenzeichen TE/TE 22-221 392/90 ("VS - Nur für den Dienstgebrauch") zählte das BKA 32 Personen alphabetisch auf, alles "potentiell gefährdete" Persönlichkeiten (siehe Kasten Seite 22) - von Beckmann, Klaus, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft, bis Tietmeyer, Dr. Hans, Direktionsmitglied der Deutschen Bundesbank.
Auf der Liste stand auch Rohwedder, Detlev, Vorstandsvorsitzender der Treuhand, Stichwort: "Privatisierung von ehemaligen DDR-Unternehmen".
Wie bedrückend genau die Kriminalisten die Gefährdung des Treuhand-Chefs eingeschätzt hatten, zeigte sich in der Nacht zum Dienstag letzter Woche. Um 23.30 Uhr feuerte ein Mitglied der Roten Armee Fraktion im Düsseldorfer Stadtteil Oberkassel dreimal in das im ersten Stock gelegene Arbeitszimmer von Rohwedders Privatvilla.
Der erste Schuß traf den Industriellen in den Rücken. Das Projektil zerstörte den fünften Brustwirbel, zerriß Aorta, Speise- und Luftröhre. Rohwedder war sofort tot. Seine Frau Hergard, 57, die zu Hilfe eilen wollte, wurde am linken Arm getroffen, konnte aber noch die Polizei herbeirufen. Obwohl der Geschoßsplitter nur zweimal zwei Millimeter groß war, wird das Ellenbogengelenk wahrscheinlich steif bleiben.
Geradezu provokativ, so scheint es, suchen sich die Täter die Schauplätze für ihren Terror aus: in unmittelbarer Nähe der Staatsmacht. In Bonn ermordeten sie 1986 den Diplomaten Gerold von Braunmühl, 300 Meter vom Bundesinnenministerium entfernt entkam Innenstaatssekretär Hans Neusel im Juli vorigen Jahres leicht verletzt einer Bombenfalle der RAF. Und erst im Februar nahmen Terroristen das Gebäude der US-Botschaft in Bad Godesberg unter heftiges Gewehrfeuer. "Im Großraum Düsseldorf/Koblenz", vermutet Neusel, "ist irgendwo ein Nest."
Ein Anschlag auf den gen Osten vorrückenden "Imperialismus" sollte der Mord aus der Perspektive der Täter wohl sein, ein irrwitziger Versuch, den Zorn Zehntausender Ost-Bürger auf westliche Kaputtsanierer und Wegrationalisierer in Sympathie für die "rev. bew." (RAF-Kürzel für "revolutionäre Bewegung") umzumünzen.
Bei Bonner Politikern, so zeigte sich nach dem Attentat, wächst der Verdruß über die seit Jahren anhaltende Erfolglosigkeit der Fahnder. Schon bald nach der Trauerfeier, prophezeite grimmig Außenamtschef Hans-Dietrich Genscher, von 1969 bis 1974 Bundesinnenminister, werde der "normale Trott" wieder einsetzen. Parteifreund Gerhart Baum, auch er früher Bundesinnenminister (1978 bis 1982), forderte den Einsatz "neuer Leute mit neuer Kreativität". Baum: "Einfach so weitermachen - das versteht kein Mensch."
Rezepte jedoch hat niemand anzubieten. Konservative fordern die Wiederbelebung der umstrittenen Rasterfahndung, kritisieren angeblich überzogenen Datenschutz - alles wie gehabt. Zwar soll Geheimdienstlern und Ermittlern anders als bisher der Einblick in ausgewählte Akten des wohl mächtigsten RAF-Helfers, der Staatssicherheit, gestattet werden. Doch auch davon sind keine Wunder zu erwarten: Die Papiere, in denen noch viele Geheimnisse über die merkwürdige Waffenbrüderschaft ruhen, sind bei der Bewertung künftiger Gefahren wohl nur von begrenztem Wert.
Bei der Rekonstruktion des Rohwedder-Attentates stellte die "Sonderkommission Treuhand" des Bundeskriminalamtes fest, daß die Schüsse von einem Kleingartengelände auf der anderen Straßenseite abgegeben worden waren, Schußentfernung 63 Meter. Tatwaffe war das belgische Gewehr G 1, Kaliber 7,62 x 51, Standardwaffe in den Armeen einiger Nato-Länder.
Mit derselben Waffe waren am 13. Februar, knapp vier Wochen nach Ausbruch des Golfkrieges, 106 Schüsse auf das Gebäude der amerikanischen Botschaft in Bonn abgegeben worden. Zu dem Streufeuer über den Rhein hinweg bekannte sich die RAF.
Den Wirtschaftsmanager Rohwedder hatten die Täter ganz gezielt ins Visier genommen, vermutlich mit Hilfe eines an der Waffe angebrachten Zielfernrohrs. Der Schütze hatte gewartet, bis sich Rohwedder, schon im beige-blauen Nachthemd, an seinem Schreibtisch zu voller Größe (1,92 Meter) aufrichtete und sich im hell erleuchteten Fenster wie auf dem Präsentierteller als Ziel darbot.
Daß die Täter unbemerkt so nah an das Heim des hoch gefährdeten Managers herankommen konnten, löste eine bundesweite Diskussion über mögliche Versäumnisse bei der Sicherung bedrohter Personen aus. Für Überraschung sorgte vor allem, daß Rohwedders Anwesen nicht ständig bewacht war, sondern nur in gewissen Zeitabständen von Polizeistreifen kontrolliert wurde.
Anders als die Villa seines Nachbarn, des langjährigen Thyssen-Chefs Dieter Spethmann, war das Rohwedder-Haus leicht von der Straße einsehbar. Nach mehreren Gesprächen mit der Düsseldorfer Polizei, zuletzt im August 1990, hatte Rohwedder zwar die Parterre-Fenster seines Hauses mit vier Zentimeter dickem Sicherheitsglas der Güteklasse "C 3" ausstatten lassen. Die Fenster im ersten Stock jedoch blieben - fatale Nachlässigkeit - ungesichert.
Die Urheberschaft für den Anschlag übernahm die RAF. In einem am Tatort hinterlassenen Bekennerbrief mit RAF-Emblem (Maschinenpistole im fünfzackigen Stern), beschwert mit einem Fernglas, versuchten die Terroristen den Mord zu rechtfertigen. Im verquasten Deutsch der RAF begründeten sie ihre Tat mit dem "Kampf gegen die reaktionären großdeutschen und westeuropäischen Pläne zur Unterwerfung und Ausbeutung der Menschen": "Gegen den Sprung der imperialistischen Bestie unseren Sprung im Aufbau revolutionärer Gegenmacht!"
Unterzeichnet hatte ein "Kommando Ulrich Wessel" - benannt nach einem Terroristen, der bei einem Anschlag auf die deutsche Botschaft in Stockholm 1975 ums Leben gekommen war.
Die Schüsse von Düsseldorf stellen nach Einschätzung von Sicherheitsfachleuten den Auftakt einer "neuen Offensive der RAF" dar. Nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamtes haben sich die Terroristen durch die Ankündigung einer "langen Kampfphase" selbst unter gewaltigen "Handlungszwang" gesetzt.
Den Druck auf die Kommandoebene verstärken Genossen, die den bewaffneten Kampf aus den Gefängnissen heraus mitsteuern. Belege erbrachten wenige Tage vor dem Rohwedder-Attentat Zellendurchsuchungen der Karlsruher Bundesanwaltschaft. In Strategiepapieren der inhaftierten Eva Haule-Frimpong, 36, die zusammen mit dem 1984 festgenommenen Helmut Pohl, 47, zu den RAF-Vordenkern gehört, werden neue Aktivitäten angekündigt. Und bei einer Razzia in der Justizvollzugsanstalt Celle wurde Mitte März ein 77 Seiten langes Grundsatzpapier zum Thema "20 Jahre des bewaffneten Kampfes" entdeckt.
Die Terroristen wollen den Staat, wie früher schon mehrfach, von zwei Seiten in die Zange nehmen. Die inhaftierten RAF-Mitglieder planen, die Bundesregierung durch einen neuen Hungerstreik zur Zusammenlegung aller RAF-Genossen zu zwingen. Von außen sollen die Kommandos den sogenannten politischen Gefangenen Schützenhilfe leisten. Eva Haule-Frimpong: "Es wird draußen Aktionen geben."
Dabei sei, so die wirre Hoffnung der Inhaftierten, in der Bevölkerung "eine starke Solidarität" mit der RAF zu erwarten, auch wegen der "Widersprüche durch die DDR-Annexion" und der "sozialen Lage dort". Haule-Frimpong ganz im Jargon des am Rohwedder-Tatort gefundenen RAF-Pamphletes: "Ein Sprung ist greifbar."
Mit der neuen Offensive gegen "Großdeutschland" will die RAF, die ihre Aktionen gegen den sogenannten militärisch-industriellen Komplex selbst ihren Sympathisanten nur noch schwer vermitteln konnte, aus der Unzufriedenheit von Bürgern der ehemaligen DDR Kapital schlagen. Der Mord an Treuhand-Chef Rohwedder war offenbar kühl kalkuliert.
Der Spitzenmanager galt vielen Bürgern, die in ihrer beruflichen Existenz bedroht sind, als Verantwortlicher für Firmenzusammenbrüche und Arbeitsplatzverluste (siehe Seite 24). "Die Treuhand", polemisierte das frühere SED-Blatt Neues Deutschland, sei "eine Knochenhand des Sensenmannes".
Bei Politikern wie dem innenpolitischen Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Johannes Gerster, und Geheimdienstlern wie dem Hamburger Verfassungsschützer Christian Lochte keimte sogleich der Verdacht, daß Agenten der ehemaligen Staatssicherheit der DDR Beihilfe zu dem hinterhältigen Mord geleistet hätten. Erst in der Osterwoche war bekannt geworden, daß die Stasi nicht nur aussteigewilligen Extremisten Unterschlupf geboten hatte, sondern aktive Terroristen im Umgang mit Maschinenpistolen, Lichtschrankenzündern für Sprengstoffallen und in der Handhabung von Panzerfäusten unterwiesen hatte (SPIEGEL 14/1991).
Während Generalbundesanwalt Alexander von Stahl bis Freitag letzter Woche "keine Anhaltspunkte" für eine Stasi-Beteiligung sah, war sich der Präsident des Bundeskriminalamts, Hans-Ludwig Zachert, da nicht so sicher. Auch in diese Richtung, so Zachert, müßten "vorsichtige Überlegungen" angestellt werden. Einig allerdings waren sich Polizisten wie auch Politiker erstmals in der bisher umstrittenen Forderung, westdeutschen Ermittlern bestimmte Stasi-Akten zu öffnen.
Im neuesten Entwurf des Gesetzes über die Behandlung von Stasi-Akten ließ Innenminister Wolfgang Schäuble, seit dem Attentat eines Geistesgestörten querschnittgelähmt, ausdrücklich festschreiben, daß die Geheimdienste die Stasi-Akten zumindest soweit auswerten dürfen, wie sie "keine personenbezogenen Daten von Betroffenen enthalten".
Bisher hatten vor allem Vertreter der Bürgerbewegung in der Ex-DDR Bedenken gehabt, die Millionen Daten des gefürchteten Geheimdienstes ausgerechnet wieder einem Geheimdienst zugänglich zu machen. Im Einigungsvertrag war eine entsprechende Sperre festgelegt worden. Nun aber sollen, was Stasi-Opfer kaum empören dürfte, die Ermittler in bestimmten Akten nach der engen Verbindung von Stasi & RAF forschen.
Vorrangig bestimmt aber wurde die Diskussion nach dem Attentat von scharfer Kritik an den westdeutschen Sicherheitsbehörden. "Die letzten zehn Jahre Fahndung", analysierte die Süddeutsche Zeitung, seien "eine einzige Bankrotterklärung".
Tatsächlich ist die Bilanz der Fahnder deprimierend. Trotz eines mit Millionenaufwand ausgebauten Fahndungsapparats ist den Ermittlern seit 1982 - mit Ausnahme eines Zufallserfolgs, der Festnahme von Eva Haule-Frimpong in der Rüsselsheimer Eisdiele "Dolomiti" - kein aktives Mitglied der RAF-Kommandoebene mehr ins Netz gegangen.
Erfolglos blieb auch der Versuch, den Terroristen mit Belohnungen in Millionenhöhe auf die Spur zu kommen. Die 1989 beschlossene Kronzeugenregelung, die aussagewilligen Terroristen erheblichen Strafnachlaß in Aussicht stellt, war ebenfalls ein Schlag ins Wasser: Kein Terrorist konnte durch das Angebot zur Aufgabe bewegt werden.
Der frühere BKA-Chef Horst Herold, den die Datensammelwut im Terrorismusbereich 1981 um seinen Posten gebracht hatte, unkte nach dem Herrhausen-Attentat aus dem Ruhestand, Verfassungsschutz und Polizei hätten schon vor fast zehn Jahren den Terrorismus "vom Radarschirm verloren".
Das ganze Ausmaß der Hilflosigkeit offenbarte sich nach den Todesschüssen vom Rhein durch Äußerungen von Justizminister Klaus Kinkel. So deutlich wie bislang kein anderer Politiker räumte der Liberale ein, daß der Staat in der Terrorismusfahndung mit seinem Latein am Ende ist. "Wir wissen einfach nicht", gestand Kinkel, "wie wir besser an die Terroristen rankommen sollen."
Das war in den Anfangsjahren der RAF anders gewesen. Die Gründergeneration um Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin kleidete sich extravagant, chauffierte auffallende Karossen und prahlte in der Szene. "Ein Typ wie Andreas Baader", erinnert sich der hessische Verfassungsschutzleiter Günther Scheicher, 62, "fuhr mit einem auberginefarbenen Porsche gegen die Einbahnstraße mit der Waffe auf dem Beifahrersitz zum Tatort."
Auch die Mitglieder der zweiten Generation, auf deren Konto unter anderem die Anschläge des Terrorjahres 1977 gegen Generalbundesanwalt Siegfried Buback, den Bankier Jürgen Ponto und Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer gehen (siehe Schaubild Seite 22), waren leicht zu identifizieren. An Tatorten und in konspirativen Wohnungen hinterließen Terroristen wie Brigitte Mohnhaupt, Adelheid Schulz oder Willi-Peter Stoll zahlreiche Spuren.
Einer der damaligen Köpfe, der zu lebenslanger Haft verurteilte Christian Klar, 38, legte sogar Wert darauf, seine Visitenkarte abzugeben: Er hinterließ, etwa bei dem Panzerfaust-Anschlag auf den amerikanischen General Frederick Kroesen, 1981 in Heidelberg absichtlich seine Fingerabdrücke.
Die Terroristen der sogenannten dritten Generation, die in den Jahren 1982 und 1984 aus der Unterstützerszene zur RAF gestoßen sind, arbeiten dagegen absolut konspirativ.
Seit der ersten Aktion der Baader-Meinhof-Enkel, dem Anschlag auf den Rüstungsmanager Ernst Zimmermann 1985, sind den Fahndern keine verwertbaren Spuren mehr in die Hände gefallen. Ob bei dem Bombenattentat auf den Siemens-Manager Karl Heinz Beckurts 1986 oder dem Sprengstoffanschlag auf den Deutsche-Bank-Chef Herrhausen 1989 - nach keinem der acht Morde seit 1985 hat die Fahndung greifbare Erfolge gezeigt.
Die Fahnder wissen noch nicht einmal, welche Personen überhaupt zur bombenden und schießenden Kommandoebene zählen. "Ich muß ganz offen bekennen", erklärte Kinkel, "daß die uns im einzelnen nicht bekannt sind."
Wie sehr die Terroristenjäger im dunkeln tappen, zeigte sich exemplarisch nach dem Sprengstoffanschlag auf den Bankier Herrhausen. Als Mittäter gesucht wurden unter anderem Sigrid Sternebeck, 41, und Henning Beer, 32. Beide hatten damals schon fast zehn Jahre lang dem Terrorismus abgeschworen und waren wie acht weitere ehemalige Mitkämpfer in der DDR untergetaucht.
Ob die jetzt vorrangig als RAF-Terroristen gesuchten Sabine Callsen, 30, Wolfgang Grams, 38, Birgit Hogefeld, 34, Andrea Klump, 33, Barbara Meyer, 34, Horst Meyer, 35, Christoph Seidler, 33, und Thomas Simon, 38, am Mord von Treuhand-Chef Rohwedder mitgewirkt haben, ist völlig offen. Nach Einschätzungen des inhaftierten RAF-Aussteigers Ralf Friedrich, 44, der bis Mai 1990 in der DDR lebte, sind davon "etliche schon längst ausgestiegen".
Typisch für die Unsicherheit der Fahnder: Nach dem Bombenanschlag auf den Wagen des Innenstaatssekretärs Neusel im Juli letzten Jahres setzte die Bundesanwaltschaft die beiden Hamburger Szene-Mitglieder Karl-Heinz Gerum, 37, und Corinna Kammermeier, 31, auf die Fahndungsliste. Mittlerweile gilt zumindest bei Verfassungsschützern als sicher, daß beide nie zum harten Kern der RAF gehört haben.
Allerdings muß die offizielle Fahndungsliste ergänzt werden. Nach neuesten Erkenntnissen ist Volker Staub, 36, der schon 1984 zum engsten Umfeld der RAF zählte und zuletzt in Hamburg politisch aktiv war, in die Kommandoebene aufgerückt.
BKA-Beamte bezweifeln allerdings, daß es eine Kommandoebene im Untergrund überhaupt noch gibt. Fahnder halten es neuerdings für wahrscheinlich, daß die Terroristen wie normale Bürger ordentlich gemeldet sind und womöglich sogar einem Beruf nachgehen. Ein Anschlag wie der auf Rohwedder, so die kühne Hypothese, könne dann während der Freizeit verübt werden - zum Beispiel im Osterurlaub. Verfassungsschützer dagegen sind überzeugt, daß auch die jetzt aktive RAF-Spitze nach dem alten Stadtguerilla-Prinzip abgetaucht ist.
Zündstoff lieferten letzte Woche nicht nur die "Ergreifungsdefizite" (Zachert) der Terroristenjäger. Debattiert wurde auch, ob das Attentat nicht zu verhindern gewesen wäre.
Mit Übernahme seines Jobs bei der Treuhand war Rohwedder in die "Sicherheitsstufe 2" ("Terroranschlag möglich") eingeordnet worden. Das hatte zur Folge, daß der Manager an seinem Dienstort Berlin einen gepanzerten Mercedes bekam und ständig von Leibwächtern geschützt wurde. An seinem Wohnort Düsseldorf aber hatte er nur bei öffentlichen Auftritten Personenschutz; seine Patriziervilla wurde lediglich durch sporadische Streifenfahrten kontrolliert.
Daß die Überwachung so locker ausfiel, war von Rohwedder ausdrücklich gewünscht. Der Industrielle, für den ein 16-Stunden-Arbeitstag normal war, wollte sich zumindest daheim ungebunden fühlen - ein verständlicher Wunsch, der ihm zum Verhängnis wurde.
Letzte Woche wurde denn auch die Forderung laut, daß die Sicherung gefährdeter Persönlichkeiten den Betroffenen nicht mehr allein überlassen bleibt. FDP-Chef Otto Graf Lambsdorff etwa verlangt, daß diese Entscheidung "nicht länger ins Ermessen" der Betroffenen gestellt werden dürfe.
Der Düsseldorfer Polizei wird angelastet, sie habe einen möglichen Hinweis auf eine Gefährdung Rohwedders verschludert. Bei einem Brandanschlag in der Nacht zum Karfreitag auf eine Treuhand-Nebenstelle in Berlin, bei dem nur Sachschaden entstanden war, hatten die Täter Rohwedder gewarnt.
Ein Kommando "Thomas Münzers Wilder Haufen" denunzierte in einem Bekennerschreiben die Wirtschaftslenker Hermann Josef Abs, Eckart van Hooven, Waigel und Rohwedder als "Totengräber" der alten DDR. Doch der Drohbrief, der von Berlin sofort nach Düsseldorf weitergeleitet wurde, blieb unbeachtet liegen.
Auch Hinweisen eines privaten rheinischen Sicherheitsunternehmens, das der Rohwedder-Nachbar Spethmann engagiert hat, ging die Düsseldorfer Polizei angeblich nicht nach. Mitarbeiter der Firma DSW-Security behaupten, in der Nacht zum Ostersonntag in der Kleingartenkolonie nahe des Rohwedder-Hauses ungewöhnliche Beobachtungen gemacht zu haben. Die Hinweise auf ein verdächtiges Pärchen "in durchweg dunkler Kleidung" (Einsatzprotokoll) und zwei Mittelklassewagen seien von der Polizei jedoch ignoriert worden.
Wie schon im November 1989 bei Herrhausen versagte auch vergangene Woche das mit vielen Vorschußlorbeeren versehene sogenannte Fahndungskonzept 106. Hauptziel des 1986 entwickelten Programms: Durch vorbeugende Polizei-Observation im Umfeld der gefährdeten Personen sollen Attentäter keine Chance haben. Auch "vertrauenswürdige Privat- oder Amtspersonen" wie Förster oder Briefträger sollen verdächtige Bewegungen melden - etwa wenn, wie im Fall Rohwedder, Unbekannte in der Nähe von Prominenten mit Feldstechern im Gebüsch hocken.
Als eindrucksvoll hat sich das Konzept 106 bisher nur auf dem Papier erwiesen. In der Manager-Metropole Düsseldorf etwa, wo 120 Vips nach diesem Programm überwacht werden sollen, scheitert das Modell schon am Personalmangel. Statt der notwendigen 200 Beamten stehen in der Praxis nur 27 Schutzleute zur Verfügung.
Nicht alle Politiker und Wirtschaftsbosse haben sich damit abgefunden, daß sie mit ihrem Aufrücken in die Chefetagen ihr Leben riskieren. Der letzte Woche als möglicher Rohwedder-Nachfolger gehandelte Treuhand-Verwaltungsratschef Jens Odewald, 50, etwa lehnte den Chefsessel dankend ab - nicht zuletzt unter Hinweis auf das hohe Sicherheitsrisiko.

DER SPIEGEL 15/1991
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