13.05.1991

„SED-Kohle retten“

Frühere SED-Funktionäre gehen großzügig mit dem Erbe der einst schwerreichen Staatspartei um. Alte Seilschaften in den früheren Parteiunternehmen schieben sich Firmenvermögen über raffinierte Transaktionen zu - etwa den einstigen Genex-Geschenkdienst. Mit im dubiosen Geschäft: Ex-Außenhandelsminister Beil.
Heinz Wildenhain hat es satt, sich ständig rechtfertigen zu müssen. Seit mehr als einem Jahr verfolgen Staatsanwälte und Funktionäre den Finanzchef der alten SED; er soll Auskunft über das Vermögen der einst reichsten Partei Europas geben.
Die Versuche, Wildenhain zum Auspacken zu bewegen, hatten bisher wenig Erfolg. Die Staatsanwaltschaft konnte nur ein wackliges Verfahren wegen Vertrauensmißbrauchs und Urkundenvernichtung gegen ihn einleiten, das noch in DDR-Zeiten ausgesetzt wurde und nun von der Berliner Justiz neu verhandelt werden muß. Der neue PDS-Finanzchef Dietmar Bartsch müht sich erst gar nicht sonderlich, mit Wildenhain ins Gespräch zu kommen: "Der wird mir kaum etwas erzählen."
Wildenhain mag nicht erklären, woher die Dollarbündel, die Ost- und West-Mark-Stapel, die Schweizer Franken, Holländischen Gulden, das Gold, der Schmuck und die anderen Edelmetalle aus seinen Tresoren stammen. Er will nicht aufzählen, was die Staatspartei während ihrer 40jährigen Herrschaft bei dem von ihr malträtierten Volk zusammengerafft hat. Er gibt vor, weder Bilanzen noch Konten oder Bestände zu kennen.
Am 9. November 1989, Stunden vor dem Mauerfall, hatte der unruhig gewordene Finanzverwalter die wichtigsten Belege durch den Reißwolf gejagt. Seit diesem Tag ist der Politfunktionär ohne Gedächtnis. Als die PDS unter Gregor Gysi das Erbe der SED antrat und sich dabei nur halbherzig von ihren Altlasten befreite - die Parteibonzen sollten gefeuert, das Vermögen aber gesichert werden -, merkten die Erneuerer bald, daß nur die alte Nomenklatura den Weg zu den verstreuten Schätzen der SED weisen kann. Zu konspirativ und unkontrolliert hatte die allmächtige Staatspartei ihr Eigentum vermehrt und verwaltet.
Bis heute fehlt eine genaue Übersicht über den Umfang des ursprünglichen SED-Vermögens, inklusive der schwarzen Kassen, Auslandskonten, getarnten Firmen und Objekte. Für die Altgenossen eine einmalige Chance, nach der Wende ein neues Netz von Filz und Korruption zu knüpfen und einen Teil des Parteivermögens in dunkle Kanäle abfließen zu lassen - mit und ohne Wissen der PDS.
Wildenhain dazu: "Was die PDS macht, geht mich nichts an."
Unbehelligt von allen öffentlich gewordenen Finanzskandalen der SED-Erben pendelt der mittlerweile aus der Untersuchungshaft entlassene Ex-Schatzmeister zwischen seiner Luxus-Datscha (drei Zimmer, zwei Bäder, Sauna, Swimming-pool) aus altem SED-Besitz und seiner Wohnung im Ost-Berliner Stadtzentrum hin und her. Ab und an hat der Rentier im vergangenen Jahr einen Abstecher in die Wönnichstraße gemacht. In dieser stillen Seitenstraße, unweit des Lichtenberger Bahnhofs, hat die Novum Handels GmbH ihren Sitz.
Die Novum, bereits 1951 von den Österreichern Johann Hanzliczek und Norbert Bauer gegründet, gehört zu dem weitverzweigten Firmenimperium der Österreichischen Kommunistischen Partei. Entsprechend innig waren die Verbindungen zur SED, zu Ministerien und Staatsunternehmen der DDR. Kaum ein Geschäft im Handelsverkehr zwischen DDR und Österreich, das ohne Beteiligung der Novum ablief. Jahrzehntelang verbuchte das unscheinbare Unternehmen dicke Provisionen.
Die Vorzugsbehandlung der Novum hatte Gründe. Als 1978 Rudolfine Steindling, Wiener Geschäftsfrau mit besten Verbindungen zur österreichischen Wirtschaftsprominenz, in das Unternehmen als Gesellschafterin einstieg, blieb die Firma offiziell in österreichischem Besitz. Ein sorgsam gehüteter Treuhandvertrag vom 16. März 1978 offenbart allerdings, daß Frau Steindling Gesellschaftsanteile treuhänderisch für die VOB Zentrag hält.
Zumindest ab 1978 kassierte also die SED über ihren organisationseigenen Betrieb Zentrag, der eigentlich nur für die parteieigenen Verlage und Druckereien zuständig sein sollte, bei den Österreich-Geschäften der DDR. Die Zentrag wiederum unterstand direkt Finanzchef Heinz Wildenhain.
Nicht nur zu Wildenhain unterhielt die weltgewandte Kommerzialrätin Steindling enge Kontakte. Zu ihrem ostdeutschen Freundes- und Geschäftskreis gehörten neben Generaldirektoren einschlägiger Unternehmen der stellvertretende Handelsminister Manfred Merkel, vor allem aber Außenhandelsminister Gerhard Beil und dessen Staatssekretär Alexander Schalck-Golodkowski, beide Mitglieder im Zentralkomitee der Partei.
Geschickt lavierte Rudolfine Steindling zwischen den früheren Konkurrenten Beil und Schalck hin und her. Beil beteiligte die Novum an Großaufträgen wie dem Bau des Konverterstahlwerkes in Eisenhüttenstadt. Mit Schalcks Gewährsmann Günther Forgber gründete die Geschäftsfrau in Wien die Firma Export-Contakt. Auch durch andere Steindling-Unternehmen wie Nanseck, Kraus & Co. war die tüchtige Wienerin in jene Geschäfte verwickelt, die der mächtige Staatssekretär mit seiner Abteilung "Kommerzielle Koordination" (KoKo) betrieb.
In der Berliner Wallstraße öffnete die KoKo-Zentrale der Novum die unkontrollierte Grenzpassage zwischen West und Ost. Auch das hatte Gründe. Nach der Devise "Kleine Geschenke veredeln die Freundschaft" übernahm die Handelsgesellschaft die kostenlose Versorgung eines ausgewählten Kreises von Partei- und Wirtschaftsbonzen mit begehrten Westwaren. Was für Honecker, Krenz und Genossen das Schalck-Imperium besorgte, schaffte die Novum für Beil, Wildenhain oder Merkel heran: von kompletten Kücheneinrichtungen über Pelze, Schmuck und Unterhaltungselektronik bis hin zum ofenfrischen Croissant.
Die Kumpanei funktioniert auch nach der Wende. Zwar hat die Novum über Nacht ihre Sonderstellung im Handel mit Österreich verloren und kräftig Personal abbauen müssen, doch die alte Seilschaft hat längst wieder Tritt gefaßt.
Unbehelligt von allem Streit um altes SED-Vermögen, versucht das Unternehmen, sich mit neuer Führungscrew und diversen Firmenumgründungen wieder alte Geschäftsfelder zu erschließen.
Ihre Vergangenheitsbewältigung haben die Mitarbeiter längst abgeschlossen. Kurz nach dem Mauerfall lief auch in der Wönnichstraße der Reißwolf, und es wurde die Order ausgegeben: "Wer quatscht, der fliegt."
Aus der Novum ausgegliedert wurde unter anderem die Firma Kraus & Co. Berlin, eine Dependance des gleichnamigen Steindling-Unternehmens in Wien. Chefin in Berlin wurde Hannelore Schulz, bis dahin Prokuristin der Novum mbH. Als Geschäftsführer neu bei der Novum: Dieter Hellmuth, in alten SED-Zeiten Außenhandelsminister Beils ergebener Protokollchef.
Beil kümmert sich nun im Hintergrund um Novum-Geschäfte. In Wiens bester Lage hat er, wie er es nennt, eine "Postadresse": Am Kohlmarkt 4. Auf der gleichen Etage residiert dort Rudolfine Steindling.
Und Wildenhain? Der sei ihr, so Steindling, über all die Jahre fremd geblieben: "Der war doch einer von diesen strammen Parteifunktionären."
Die Geschäftsbeziehungen zu ihm scheinen dennoch intakt. Als Wildenhain im Frühjahr 1990 seine Abstecher zur Novum unternahm, hatte er nach Angaben von Augenzeugen viel Geld bei sich. Mindestens 150 000 Ost-Mark und mehrere Millionen West seien in den Apriltagen bei der Novum über den Tisch gegangen und später per Koffer auf die Außenhandelsbank geschafft worden. Von dort sei das Geld über die Züricher Briefkastenfirma Transcarbon auf ein Schweizer Konto gelangt.
Der damaligen Novum-Prokuristin Hannelore Schulz, die das Geld von Wildenhain in Empfang genommen haben soll, wurde von ihrer Chefin ein Maulkorb verpaßt: "Kein Kommentar." Rudolfine Steindling selbst spricht von böswilligen Verleumdungen und gibt sich dennoch überrascht: "Ach, und ich dachte, der Wildenhain hätte nichts mehr zu beißen."
Nicht nur die Novum ist offenbar mit Parteigeldern aus schwarzen Kassen in die Marktwirtschaft gestartet. In dem Gewirr von Neugründungen privater Gesellschaften und Umfirmierungen alter SED-Betriebe fällt es Treuhand, Unabhängiger Parteienkommission, Polizei und Staatsanwaltschaft schwer, sich einen Überblick zu verschaffen und abfließende Geldströme zu orten. Für die Fahnder ist dabei kaum zu klären, wer hinter den unverdächtigen Fassaden der GmbHs auf eigene Rechnung schafft oder im Dienst der PDS steht.
Otfried Geißler, im alten SED-Zentralkomitee unter Wildenhain zuständig für die Zentrag-Betriebe, macht kein Hehl daraus, daß er als Geschäftsführer des Deutschen Verlags- und Druckerei Kontors (DVDK) in der PDS seinen eigentlichen Auftraggeber sieht. Das DVDK sei noch eine Tochter der in Liquidation befindlichen Zentrag GmbH. Und beide Firmen gehörten unbestritten zum Vermögen der PDS. Geißler: "Wir stehen damit unter Treuhand-Aufsicht."
Was der Altfunktionär verschweigt: Er ist nebenbei noch Mitglied der vom PDS-Vorstand eingesetzten Kommission zur Rettung des Parteivermögens.
Über 40 Millionen Mark erhielt allein Geißler von der PDS als Zuschuß für sein Verlags- und Druckerei Kontor - Startkapital, so Geißler, für den Sprung in die Marktwirtschaft. "Schließlich kämpfen wir ums Überleben", beteuert der Geschäftsführer.
Einen Teil der SED-Gelder hat Geißler umgehend weitergereicht. Sein DVDK ist nun mit 40 Prozent an der neugegründeten Hanseatischen Hotel - Consulting Bau und Betriebs GmbH Hamburg (HHC) beteiligt und über diese Gesellschaft auch an der HHG, der Hanseatischen Hotel GmbH Hamburg. Geißlers Geschäftspartner dort sind alte Bekannte. Die Firmen Hansa-Tourist Hamburg, Dr. Hübotter Wohnungsbau GmbH Bremen und Akzent Warenhandelsgesellschaft mbH Düsseldorf gelten allesamt als dem ehemaligen SED-Ableger DKP nahestehende Gesellschaften.
Vor allem Hansa-Tourist-Chef Arno Edgar Rann pflegte über Wildenhain und Schalck enge Beziehungen zur SED und wurde vom KoKo-Imperium mit erheblichen Finanzspritzen gesponsert.
Als Geißler begann, Millionenbeträge auf das Konto 02701194 der HHC in Hamburg zu transferieren, und die Ermittler darauf aufmerksam wurden, stoppten die Treuhand und die Unabhängige Kommission den Transfer und ließen das Konto sperren.
Das Geld sei für die Rekonstruktion ehemaliger Zentrag-Ferienheime gedacht, erklärt Geißler die Überweisungen. Schließlich habe man sich mit den Hamburger Gesellschaften die Vermarktung dieser Häuser vorgenommen.
Die staatlich bestellten Treuhänder sehen das allerdings etwas anders. Sie vermuten dahinter einen weiteren schnöden Versuch, SED-Gelder weitab von der PDS in privaten Gesellschaften zu parken und sie so vor einer möglichen Beschlagnahme zu schützen.
In zwei anderen Fällen ermittelt inzwischen die Staatsanwaltschaft. Die westdeutschen Kaufleute Ferdinand Zinn (Dinslaken) und Uwe Waldmann aus Hamburg wurden von Wildenhains ehemaligem Stellvertreter Wolfgang Langnitschke - einem der Drahtzieher des 107-Millionen-Mark-Deals der PDS (SPIEGEL 45/1990) - mit Geld ausgestattet. Unter dem Stichwort "Aufwand Wahlkampf" ließ Langnitschke für Zinn knapp zwei Millionen und für Waldmann über drei Millionen Mark abbuchen.
Offen ist in beiden Fällen nur, ob das Geld zugunsten der PDS verschoben werden sollte oder ob erst private Interessen das Geschäft möglich gemacht haben. Denn notiert hatte der PDS-Zahlmeister die Überweisungen in seinen persönlichen Unterlagen mit dem Vermerk: Forderungen, die nicht im Buchwerk enthalten sind.
Unter dieser Rubrik tauchen noch vier weitere Zahlungen auf. Die höchste _(* Oben: auf der Hannover-Messe 1988; ) _(unten: mit dem Wiener ) _(Handelskammerpräsidenten Karl Dittrich ) _(bei der Verleihung des Titels ) _("Kommerzialrat". ) Überweisung davon ging mit der Notiz "9,4 Millionen Mark Reisen" an die Touristik-Union-Kontakt International GmbH (TUK) zu Händen von Herrn Abdel Madjid Younes - "ohne Quittung", versteht sich.
Diese tatsächlich vor der Währungsunion gezahlten 9,486 Millionen Mark seien nur ein weiterer untauglicher Versuch gewesen, distanziert sich PDS-Pressesprecher Hanno Harnisch, "SED-Kohle zu retten".
Younes spielt sicherlich den schillerndsten Part in den bislang bekannt gewordenen Verschiebeaktionen der PDS und ihrer Altgenossen. Bereits vor der "Reisegeldzahlung" hatte der Palästinenser mit Sinn fürs Geschäftliche die Erben der SED zweimal abgezockt.
Am 25. April 1990 schloß Younes mit dem organisationseigenen Betrieb Fundament Nutzungsverträge über drei Filetstücke aus dem schier unerschöpflichen Reservoir der SED-Gästehäuser ab. Zugleich sicherte er sich damit das Vorkaufsrecht auf diese Immobilien - die Häuser Wendisch-Rietz, Lychen und das Strand-Hotel in Wandlitz. Und als Zubrot gewährte ihm das Finanzgenie Langnitschke noch ein Darlehen in Höhe von 52 Millionen Ost-Mark.
Kurze Zeit später gingen noch einmal 75 Millionen Mark Ost über den Tisch - diesmal als Spende für die Islamische Religionsgemeinschaft, deren Vorsitzender der Palästinenser ist.
Für seine Partner in der TUK ist Younes'' ungewollte Publicity mittlerweile zum Geschäftsrisiko geworden. Am 25. Juli 1990 beschloß die Gesellschafterversammlung, den Araber zumindest als Geschäftsführer zu feuern.
Alleiniger Geschäftsführer ist nun Klaus Eichler, ehemaliger FDJ-Spitzenfunktionär und bis Ende 1989 Präsident des ostdeutschen Sportbundes DTSB. Als Gesellschafter und Prokurist bei der TUK mit dabei: Eichlers Duzfreund aus alten FDJ-Zeiten Frank Bochow, zuletzt FDGB-Sekretär und unmittelbarer Vertrauter von Gewerkschafts-Chef Harry Tisch. Dritter Gesellschafter aus dem FDJ-Clan ist Gunter Rettner, viele Jahre ZK-Mitglied und bis zur Entmachtung seines Intimus Egon Krenz Leiter der Westabteilung im Zentralkomitee. Schließlich taucht bei der TUK als Gesellschafter auch wieder Arno Edgar Rann von der Hansa-Tourist GmbH auf - man kennt sich halt aus alten SED-Zeiten.
Rettner ist noch in eine andere Unternehmung eingestiegen. Mit anderen alten FDJ-Kumpanen wie Hartmut König, einst stellvertretender Kulturminister der DDR, versucht der SED-Funktionär, nun auch im Verlagswesen Fuß zu fassen. Indirekt mit dabei ist auch Krenz: Der hat seinen Sohn Thorsten als Gesellschafter in den Rettnerschen Gleis-Verlag abkommandiert.
"Die Geschäfte", wiegelt Rettner ab, "gehen mehr schlecht als recht."
Das aber ziehen die SED-Vermögensfahnder jetzt zumindest in Zweifel. Als in der kurzen Ära Krenz Finanzchef Wildenhain seinen neuen Generalsekretär über die Devisen-Bestände der SED informierte (nach Wildenhains Angaben 81,857 Millionen Valutamark), forderte der Kassenwart ihn zu drastischen Sparmaßnahmen gegenüber DKP und SEW auf. "Ansonsten", warnte Wildenhain, "sind unsere Valutabestände in kurzer Zeit aufgebraucht."
Ob es überhaupt noch zu den für 1990 geplanten Zahlungen an die SED-Ableger gekommen ist, will keiner der Beteiligten genau aufklären. Fest steht nur, daß in den Tresoren der geheimen ZK-Abteilung "Verkehr", über die die Zahlungen liefen, mindestens drei Millionen West-Mark in bar lagerten.
Letzter Chef auch dieser Abteilung: Gunter Rettner. Er bestreitet nicht, das Geld persönlich in Empfang genommen zu haben. "Ich habe es aber sofort an die Genossen der DKP weitergeleitet", beteuert Rettner und fügt hinzu: "Darüber existieren Quittungen."
Das konspirative Gehabe der Altgenossen bei ihren Geldgeschäften und das heillose Durcheinander während der Nach-Wende-Zeit haben den Manipulationen ehemals strammer Parteisoldaten Tür und Tor geöffnet. Noch immer stoßen die Ermittler auf getarnte Konten und Geldquellen.
Bezifferte Wildenhain die Devisenbestände der SED noch mit 81,857 Millionen Valutamark, so errechnete die Unabhängige Kommission zur Überprüfung der Parteienvermögen mindestens 218 Millionen Valutamark. Kripo und Staatsanwaltschaft gehen bisher davon aus, daß mindestens 40 Millionen West-Mark in private Kanäle abgeflossen sein müssen. Diese Summe könnte demnächst größer werden, wenn sich die Vermutungen der Ermittler über einen weiteren Millionendeal verdichten lassen. Und wieder ist ein enger Vertrauter von SED-Kassenwart Wildenhain mit im Geschäft.
Dr. Heinz Smietana, Geschäftsführer des SED-eigenen Genex-Geschenkdienstes, brach vor seinen Mitarbeitern in Tränen aus, als durch die Veröffentlichungen der Schalck-Machenschaften auch sein Unternehmen in die Schlagzeilen geriet. Der greise Genex-Boß verstand die Welt nicht mehr. Fleißig hatte sein Geschenkdienst, der vor allem Wildenhain, aber auch Schalck unterstand, Valuta erwirtschaftet und allein von 1981 bis 1989 rund 500 Millionen Mark an den Koko-Bereich, 380 Millionen Mark direkt an die SED-Kasse und eine Viertelmilliarde West-Mark an den Staatshaushalt abgeführt.
Zwar trennte sich am 26. Februar 1990 die PDS öffentlich von dem einst so erfolgreichen Devisenbringer der SED, doch das wirtschaftliche Aus kam damit für die Genex-GmbH noch lange nicht. Sie wurde nur ins "Volkseigentum" entlassen.
Zu diesem Zweck vermachten die Genex-Gesellschafter Wildenhain und Karl-Heinz Rümmler, vormals Mitarbeiter des SED-Finanzchefs, ihre Gesellschafteranteile per Notarvertrag ihrem Ex-Untergebenen Smietana. Und Langnitschke, der vierte aus dem Finanzclan der SED, steuerte dem alten Freund durch den schriftlichen Verzicht auf alle Genex-Guthaben Startkapital bei.
Insider gehen davon aus, daß Anfang 1990 die Geschenkdienst GmbH über Guthaben in Höhe von 420 Millionen Mark Ost und 60 bis 80 Millionen Mark West verfügen konnte. Andere Schätzungen sprechen gar von etwa 300 Millionen Mark West, die auf Konten der Deutschen Außenhandelsbank (DA-BA) und der Handelsbank gutgeschrieben waren.
Der alleingelassene Genex-Chef und seine Führungscrew etablierten sich mit einem der dreistesten Manöver, das zum Verschieben von SED-Vermögen ersonnen wurde. Monatelang buchte die Prokuristin Ingrid Bahrmann Betrag um Betrag von einem Genex-Geschäftskonto bei der DABA ab, über das die GmBH in SED-Zeiten unter Aufsicht von Wildenhain ihre Aufwendungen verrechnet hatte. Weil Wildenhain nun weg war, hatte das Unternehmen wochenlang unbegrenzten "Kredit".
Ob dieser Coup nachzuweisen sein wird, bleibt ungewiß. Die Unterlagen darüber sind verschwunden. Smietana: "Leider hat Frau Bahrmann wichtige Dokumente verlegt. Wir haben uns darum von ihr trennen müssen."
Zum Verhängnis könnte Smietana werden, daß er sich vor dem Sprung in die Marktwirtschaft zwei Westdeutsche in sein Unternehmen holte - Jens Peter Batliner und Hans Lincke.
Lincke, zunächst nur zweiter Mann des Vertrauens, machte bei Smietana das Rennen, nachdem sich Batliner als Gauner entpuppt hatte: Bei der Kieler Staatsanwaltschaft ist gegen ihn ein Betrugsverfahren anhängig. Als das ruchbar wurde, verließ er überstürzt das Genex-Haus in der Ost-Berliner Otto-Grotewohl-Straße, um wenig später sein Beraterhonorar in Höhe von drei Millionen DM einzuklagen. Seitdem haben die Rechtsanwälte das Wort.
Lincke dagegen machte Nägel mit Köpfen. Der Unternehmensberater aus Bad Tölz schichtete zunächst das Genex-Kapital um. Am 15. März 1990 ließ Lincke in das Handelsregister von Bamberg die Papillon Versand GmbH (Stammkapital: 1 Million Mark) und die Refix Vermögensverwaltung GmbH (Stammkapital: 5 Millionen Mark) eintragen. Zuvor hatte der umtriebige Geschäftsmann ein Haus für offiziell 3,4 Millionen Mark in der Bamberger Hafenstraße 13 gekauft. Fortan firmierten beide Genex-Töchter unter dieser Adresse. Geschäftsführer in beiden Unternehmen: Hans Lincke. Weitere ehemalige SED-Millionen flossen in den Kauf von Linckes Unternehmensberatungsgesellschaft OSC, die jahrelang in München mit geringem Erfolg tätig gewesen war - Kaufpreis: 4 Millionen Mark.
Schließlich wurde auch noch die Genex GmbH in Havers - Gesellschaft für Handel und Vermögensverwaltung mbH umfirmiert, Stammkapital: 2 Millionen Mark. Geschäftsführer dort: Smietana und natürlich Hans Lincke. Eine ihrer ersten Transaktionen betraf die Überweisung zweier Darlehen.
Der Refix wurden 36 Millionen und der Papillon 6 Millionen Mark gutgeschrieben.
Anfang Juli 1990 übergab Ex-Genosse Smietana der Treuhand die Havers-Eröffnungsbilanz und zog sich nach Graz aufs Altenteil zurück. Dort hatten die Havers-Geschäftsführer so nebenbei noch eine Tochterfirma gegründet; Stammkapital eine Million Mark.
Seit dieser Zeit führt Adlatus Lincke allein und unumschränkt die Geschäfte. Mit dem Erfolg, daß mittlerweile Refix und Papillon hoffnungslos überschuldet sind und nun vor dem Ruin stehen.
Um den Konkurs abzuwenden, wollte das Duo Lincke/Smietana weitere 10,7 Millionen Mark von der noch liquiden Havers abziehen. Doch die Staatsanwaltschaft ist aktiv geworden. Die Treuhand hat die Geldhähne zugedreht. Die Geschäftskonten und Linckes Privatkonto wurden gesperrt. Lincke und Smietana traten am Dienstag vergangener Woche zurück. o
* Oben: auf der Hannover-Messe 1988; unten: mit dem Wiener Handelskammerpräsidenten Karl Dittrich bei der Verleihung des Titels "Kommerzialrat".

DER SPIEGEL 20/1991
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