08.07.1991

„Krieg bis zum Ende“

Mörderischer Bruderkampf auf dem Balkan, der Amoklauf Belgrader Panzerkommunisten beschleunigt Jugoslawiens Zerfall. Serbien sucht seine Vormachtstellung im Reich der Südslawen mit Terror zu behaupten. Internationaler Druck erzwang jedoch die Kür des Kroaten Mesic zum Staatspräsidenten. Hält die Waffenruhe?
Der Kroate Stjepan Mesic, 56, seit dem vorletzten Wochenende Jugoslawiens Staatsoberhaupt und gleichzeitig Oberbefehlshaber der Armee, ist ein mutiger Mann. Das hat der bullige Bartträger im "Zagreber Frühling" 1971 bewiesen, als er dem Alleinherrscher Josip Broz Tito widersprach und deshalb als "Staatsfeind" ins Gefängnis kam.
Doch am vorigen Dienstag mußte der Oberbefehlshaber, in der slowenischen Hauptstadt Ljubljana zum Krisengespräch weilend, vor der eigenen Armee in den Luftschutzkeller flüchten: Zwei MiG-Kampfjäger der Bundesarmee rasten im Tiefflug auf den Kulturpalast zu - es war, wie sich zum Glück herausstellte, bloß ein Scheinangriff, Psychoterror zur Einschüchterung der Slowenen.
Am Abend machte dann Generalstabschef Blagoje Adzic, 62, die Befehlsverweigerung der Armeeführung vor einem Millionenpublikum publik. Hölzern gab der weißhaarige Serbe mit leiser Stimme im Belgrader Fernsehen bekannt, das Militär weigere sich, wie von Mesic befohlen, sofort in die Kasernen zurückzukehren. "Unter den gegebenen Umständen" sei eine Feuerpause nicht möglich, das Oberkommando zur Einleitung der vollen Kampftätigkeit gezwungen, betonte der General mit waffenklirrender Rhetorik. Es gehe um die Verteidigung des Landes, "in Slowenien gibt es Krieg bis zum Ende".
Und um die Rebellion gegen den Chef noch eklatanter zu machen, schickte der Generalstab der Belgrader Panzerkommunisten kurz danach einen Mann vor die Kamera, von dem die Jugoslawen schon viel gehört, aber den sie noch niemals gesehen hatten: Marko Negovanovic, den berüchtigten Chef des militärischen Geheimdienstes KOS, einen Serben und Verfechter des explizit harten Kurses. Mit plärrendem Patriotismus warnte der Sicherheitsobmann die Slowenen ultimativ davor, die Angriffe ihrer Heimwehr auf die Bundesarmee fortzusetzen.
Am nächsten Morgen, früh um fünf Uhr, rückte eine serbische Elitetruppe mit 180 Panzern aus Belgrad aus. Sie habe den Marschbefehl, so ein Offizier, die von slowenischer Guerilla eingeschlossenen Kameraden herauszuhauen und die abtrünnige Republik zu besetzen. Enthusiastisch spendeten Serben der auf dem "Autoput" vorrückenden Kolonne mit ihrem Troß Beifall.
Die slowenische Hauptstadt Ljubljana, aber auch das kroatische Zagreb richteten sich derweilen auf eine _(* Am vorigen Mittwoch in Belgrad. ) verlustreiche Verteidigungsschlacht ein. Erstmals wurden in Kroatien die Einheiten der Nationalen Garde alarmiert, eiligst Straßensperren aufgetürmt.
Doch dann, um 16 Uhr, stoppte der martialische Serben-Bandwurm auf der "Straße der Brüderlichkeit und Einheit" noch vor der Grenze Kroatiens. Der Konvoi teilte sich auf - nach Süden in Richtung Bosnien, nach Norden zur Provinz Vojvodina, der Rest ein Stück weiter nach Westen auf Kroatien zu - und kam zum Stehen.
Zur gleichen Zeit gab General Andrija Raseta, ein Serbe, Vizechef des V. Armeebereichs Slowenien und Kroatien, eine eilends einberufene Pressekonferenz in Zagreb. Dabei erklärte er sichtlich mißvergnügt, die Jugoslawische Volksarmee erkenne den Kroaten Stjepan Mesic sowohl als Staatspräsidenten wie als Oberbefehlshaber der Armee "voll an". Gemäß dessen Weisung habe das Oberkommando der Armee in allen Landesteilen den ausdrücklichen Befehl zu einer Feuerpause gegeben.
Daß die von Serben dominierten Militärs ihre Amok-Operationen im Norden des Vielvölkerstaats auf eigene Faust durchgeführt hätten, suchte dann ein plötzlich wieder aus der Versenkung auftauchender Bundespremier der Öffentlichkeit weiszumachen. Gezeichnet von der Angst der Erfolglosigkeit, räumte der machtlose Regierungschef Ante Markovic, ein Kroate, vor der Presse ein, er sei von den Generalen über die Pläne zum gewaltsamen Vorgehen gegen die slowenischen Sezessionisten nicht informiert worden.
Bis Freitag abend hielten sich die Kriegsparteien, die Jugoslawische Volksarmee und die 30 000 Mann der Territorialen Verteidigungskräfte von Slowenien, an den Waffenstillstand. Die Slowenen erlaubten der Armee sogar großmütig, ihre schweren Waffen in die Kasernen mit zurückzunehmen.
Sieg der Vernunft in letzter Minute oder nur eine List der Kamarilla großserbischer Generale und Kommunisten, die sich mit dem unaufhaltsamen Zerfall Jugoslawiens nicht abfinden möchten? Denn nach dem Kollaps des Selbstverwaltungssozialismus droht der zu 70 Prozent von serbischen Offizieren beherrschten Volksarmee im auseinanderbrechenden Vielvölkerstaat der Verlust ihrer Vormachtstellung. Sie läßt sich allein durch Terror noch behaupten.
Schon zweimal hatten Feuerpausen nur kurze Zeit gehalten. Auch die nun vereinbarte Waffenruhe, das war allen Betroffenen in diesem Bruderkampf der Südslawen klar, blieb trügerisch. Das von den Slowenen strikt abgelehnte abermalige Ultimatum Belgrads, bis zum Sonntag mittag sämtliche Barrikaden zu räumen, die Territorialkombattanten abzuziehen und die Grenzstationen wieder der Bundeskontrolle zu unterstellen, schien eine neuerliche Zuspitzung des Konflikts vorzuzeichnen.
Und zugleich zogen über dem blutenden Balkan neue Sturmwolken auf, aus denen ein Funkenschlag das wohl gefährlichste Pulverfaß ethnischer Konfrontationen hochzujagen drohte: Die Serie von Morden serbischer Freischärler an kroatischen Nationalgardisten in den gemischten Siedlungsgebieten des dalmatinischen Hinterlandes der Krajina und Gefechte in Slawonien wirkten wie ein Menetekel für die gefürchtete Eskalation der Gewalttätigkeiten zwischen den beiden größten Nationen des Vielvölkerlandes (siehe Seite 129).
Fest stand im Zwielicht des Unberechenbaren bis Ende vergangener Woche zumindest eines: Die von Tito im Partisanenkrieg geformte Volksarmee, einst Stolz des Marschalls und jahrelang Garant für seine Schaukelpolitik zwischen Ost und West, hatte in der militärischen Konfrontation mit der weit unterlegenen Heimwehr der mutigen Slowenen eine schmähliche Niederlage erlitten. Eine dermaßen derbe Abfuhr, die geradezu nach Rache schrie.
Das demütigende Desaster deutete sich schon früh an. Unter dem Vorwand, die jugoslawische Grenze zu Italien, Österreich und Ungarn gegen Ansprüche des gerade unabhängig gewordenen Slowenien sichern zu müssen, waren vom Belgrader Generalstab am vorletzten Mittwoch die in Slowenien stationierten Einheiten der Bundesarmee in Marsch gesetzt worden.
Trotz des Einsatzes von schweren Waffen - Panzer, Kampfhubschrauber und Artillerie - kamen sie nicht weit. Im unwegsamen Gelände der kleinen Alpenrepublik wurden sie von der slowenischen Territorialverteidigung, verstärkt durch Wehrpflichtige der neuen slowenischen Armee und der Polizei, gestoppt und in Fallen gelockt, umzingelt und attackiert. Dabei gab es 56 Tote und 287 Verletzte - die meisten auf seiten der Armee.
Nur an wenigen Stellen gelang es den Bundessoldaten, die Grenzstationen unter Kontrolle zu bringen. Fehlender Nachschub an Munition und Verpflegung zwang sie aber dann, die eroberten Posten bald wieder aufzugeben.
Den Kampfeswillen der überwiegend jungen Soldaten glaubte der Generalstab der Belgrader Serbo-Kommunisten mit einem Horrorszenario befeuern zu müssen: mit hanebüchenem Unsinn, der nur Kommißköpfen entsprungen sein konnte, die Mesic einmal "Menschen aus einer längst vergangenen Epoche" genannt hat.
Wie aus einem Papier zur Information der Truppe hervorgeht, das die Slowenen in einem eroberten Panzer fanden, sollte den Soldaten vorgegaukelt werden, sie befänden sich in einer militärischen Übung mit dem Codenamen "Schutzwall 91". Diese Operation sollte der Verteidigung des Kommunismus in Jugoslawien dienen gegen den Vormarsch der westlichen Demokratie, die für die Belgrader Militärs, so Slowenen-Präsident Milan Kucan, "gleichbedeutend ist mit Subversion".
Das abenteuerliche Szenario ging davon aus, daß unter Führung der USA die früheren Mitglieder des Warschauer Pakts, Ungarn und Bulgarien, dazu Albanien, "sich in den Dienst der Nato gestellt haben, um ihre territorialen Ansprüche gegenüber Jugoslawien durchzusetzen".
Kroatien, Slowenien und Mazedonien hätten um die Intervention der Nato gebeten. Ziel der "konservativen" Kräfte, die auf die Unterstützung durch Österreich und Deutschland bauen könnten, sei die Niederlage der jugoslawischen Armee und die Kontrolle über das Land durch Einsetzung einer Marionettenregierung. Die militärische Operation, vom Westen her mit Luft-, See- und Landstreitkräften geführt, stünde unter dem Namen "Balkan Fire".
Solchen Unsinn glaubten wohl die wenigsten Soldaten der jugoslawischen Bundesarmee. Über 1000 Offiziere und Rekruten, darunter auch Serben, setzten sich von der Truppe ab und desertierten zu den Slowenen.
Den Oberbefehl über die geschickt vorgehende slowenische Miliz führte ein Mann, der dem Belgrader Generalstab herzlich verhaßt ist: Janez Jansa, 32, Ljubljanas Verteidigungsminister. Dieser Junior, in Slowenien überall nur "Rambo" genannt, hatte mit den serbischen Generalen noch eine persönliche Rechnung offen.
Als Militärexperte der systemfrechen Jugendzeitschrift Mladina war Jansa im Sommer 1988 verhaftet und von einem Militärgericht zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden, weil er ein geheimes ZK-Protokoll veröffentlicht hatte. Aus dem Papier ging hervor, daß die Armeeführung schon im März 1988 eine militärische Intervention gegen Slowenien erwog, "um konterrevolutionäre Tendenzen" zu ersticken.
Die Affäre löste seinerzeit in Ljubljana einen Sturm der Entrüstung aus. Sogar Milan Kucan, damals noch Chef der slowenischen KP, verlangte von den Belgrader Militärs die sofortige Freilassung Jansas.
Die späte Rache des "Konterrevolutionärs" war fürchterlich. So ordnete Jansa an, daß ein Teil der gefangenen Armeesoldaten, überwiegend Serben, mit dem Zug nach Belgrad gebracht wurden. Angezogen waren die Kriegsgefangenen mit Klamotten, die aus der Kleidersammlung des slowenischen Roten Kreuzes stammten, an den Füßen Filzpantoffel statt Stiefel. Ein Augenzeuge aus Belgrad: "Der Zug sah so jämmerlich aus wie die geschlagenen Armee Napoleons nach der Schlacht an der Beresina."
Manch pragmatisch denkendem Slowenen ging das zu weit. "Damit haben wir die serbischen Militärs tödlich beleidigt, und das macht sie gefährlich", warnte ein hoher slowenischer Offizier.
Die größte Demütigung erlitten die Generale aber an der Heimatfront. In Belgrad gingen 3000 Mütter und Väter von Wehrpflichtigen auf die Straße. Sie stürmten das Parlament und forderten mit Sprechchören wie "Holt unsere Söhne zurück!" ein Ende des Bruderkampfes in Slowenien. Nur mit Mühe konnte sich Generalstabschef Adzic Gehör verschaffen. Er wurde ausgebuht.
Am nächsten Tag lud der slowenische Präsident Milan Kucan die aufgebrachten Mütter nach Slowenien ein - sie könnten ihre Söhne gleich mitnehmen. Tatsächlich fuhren rund 800 Serben in Bussen an die slowenische Front in einer eindrucksvollen Demonstration gegen den Bruderkrieg und für den Frieden.
Aber es gab in Belgrad auch Ausbrüche des großserbischen Chauvinismus. Anhänger des Extremisten Vuk Draskovic, eines rauschebärtigen Serben-Rasputins, demonstrierten. Draskovic warf der Regierung des nationalen Sozialisten Slobodan Milosevic und der Armee "Versagen vor dem separatistischen Feind" vor. Er verlangte die sofortige Aufstellung einer rein serbischen Armee mit wenigstens 200 000 Soldaten, um "unsere Grenzen zu schützen".
In vorderster Front der mit dem offenen Putsch liebäugelnden Generale standen neben Adzic auch sein Amtsvorgänger, Generalstabschef Stevan Mirkovic, und der ehemalige Verteidigungsminister Branko Mamula, der sein Amt wegen eines Korruptionsskandals vor drei Jahren abgeben mußte. Mirkovic und Mamula sind gleichfalls Serben.
Alle diese Veteranen dienten Tito schon zu Partisanenzeiten. Sie gehören zu den Aktivisten der neuen jugoslawischen KP, die als Nachfolger des aufgelösten Bundes der Kommunisten Jugoslawiens von Offizieren und Partisanen-Veteranen gegründet wurde.
Zu ihnen gesellte sich auch der Hardliner General Zivota Avramovic, seit voriger Woche Oberbefehlshaber des Wehrbezirks V. im Norden des Vielvölkerstaats. Avramovic, natürlich Serbe, löste den glücklosen slowenischen General Conrad Kolsek ab, der die Operationen in Slowenien befehligt hatte. Der Neue an der Spitze in Slowenien war vor zwei Jahren in der zu 90 Prozent von Albanern bewohnten Provinz Kosovo als rücksichtsloser Besatzer aufgetreten.
Wie stark die jugoslawische Armee nach ihrem Debakel noch ist, läßt sich schwer einschätzen. Offenbar hat die zu Titos Zeiten noch allmächtige Armeeführung durch den Bruch des Waffenstillstands an Ansehen verloren - ganz unabhängig davon, was die bereits angekündigten Untersuchungen durch den neuen Staatspräsidenten ergeben. Doch werden sich die Serben-Generale für ihre Mission, den jugoslawischen Einheitsstaat zu retten, ausgerechnet von einem Kroaten zur Rechenschaft ziehen lassen?
Jahrzehntelang galt die Jugoslawische Volksarmee als eine der kampftüchtigsten im Osten, mit der anzulegen sich sogar Stalin nach dem Bruch mit Tito scheute. Die hochgerüstete Truppe sorgte dafür, daß der Vielvölkerstaat im Kalten Krieg zwischen Ost und West ein blockfreier Puffer blieb. Beide Seiten honorierten diesen Kurs Belgrads mit Milliarden an Rüstungshilfe.
Entsprechend wurde auch die Ausrüstung der Armee in Ost und West zusammengekauft. Neben Panzern vom sowjetischen Typ T-72 sind amerikanische Tanks vom Typ M 47 Patton im Einsatz. Doch nach Titos Tod, vor allem aber mit der fortschreitenden Entspannung, ließ die Militärhilfe für Jugoslawien stark nach.
Heute muß ausschließlich der jugoslawische Steuerzahler für das 180 000 Mann starke Militärkontingent aufkommen. Dessen Unterhalt kostet jährlich rund zwölf Milliarden Mark. Die wohlhabenden Republiken Slowenien und Kroatien zahlen am meisten dafür.
Nicht nur deshalb gerieten sie mit der Armee, die sich als "siebte Republik" im Lande versteht, zunehmend in Streit. Die Generale wollen überdies auf das Jugoslawien keinesfalls verzichten, das ihnen Privilegien und Top-Positionen garantierte: ein Vielvölkerstaat mit kommunistischer Kommandowirtschaft, in dem sich wie zu Titos Zeiten die Armee als Protektor der Einheit und als ideologischer Gralshüter gerieren durfte. Serbien ist neben (dem großserbischen) Montenegro letzte Bastion solch dogmatischer Positionen auf dem Balkan.
38 Prozent der acht Millionen Serben leben außerhalb ihrer eigentlichen Heimat, die Jugoslawiens größte Republik ist. Und wenn sich mit dem Abdriften Sloweniens und Kroatiens die Desintegration des Tito-Reiches sich beschleunigt, dann hat der Serben-Chef Milosevic bereits angekündigt, nur noch "die eigenen Interessen" zu verfolgen - mit neuen Grenzziehungen versteht sich. In dieser Endphase des jugoslawischen Todeskampfes würde dann wiederum die Stunde für Serbiens Militärmafia schlagen bei dem Versuch, aus der Konkursmasse des Vielvölkerstaates einen großserbischen Block zu formen.
"Serbien und Kroatien können sich nicht ohne Bürgerkrieg trennen", davon ist Milovan Djilas, 80, Titos einstiger Chefideologe und später Jugoslawiens Chefdissident, überzeugt (SPIEGEL 20/1991). Das Schlachtfeld, so glaubt der Montenegriner Djilas, werde Bosnien sein, weil dort beide auf territoriale Zugewinne spekulierten. In Bosnien leben Serben, Kroaten und die als eigenständige Nation geltenden Moslems bunt gemischt. Das macht territoriale Abtrennungen vielerorts unmöglich oder zu einem blutigen Schnitt.
Ob Kroatien indes seine eigenen nationalen Probleme unter Kontrolle halten kann, ist mehr als zweifelhaft. Aus Vorsicht vor der militanten serbischen Minderheit im Lande hat die Zagreber Regierung die Territorialeinheiten aufgelöst und dafür eine rein kroatische "Nationale Garde" aufgestellt. Diese Polizeitruppe soll die etwa 600 000 Serben, knapp zwölf Prozent der Bevölkerung Kroatiens, in Schach halten. Die serbischen Siedlungsgebiete Slawoniens und der Krajina schieben sich wie Rammpfähle in den Leib des kroatischen Staatsgebiets.
Der pathologische Haß zwischen Kroaten und Serben geht auf den Zweiten Weltkrieg zurück. Damals überfielen faschisto-klerikale Schlächtertrupps der kroatischen Ustascha serbische Dörfer und brachten wahllos Menschen um, nur weil sie keine Katholiken waren. Noch immer stehen in der Lika oder im Kordun-Gebiet Ruinen orthodoxer Kirchen, in denen Serben bei lebendigem Leib verbrannt worden waren.
Über die Greueltaten der Ustascha, die Gefangene mit Holzhämmern erschlug oder im berüchtigten KZ von Jasenovac verhungern ließ, schrieb der Tito-Biograph Vladimir Dedijer 1988 ein Buch. Es brach in Jugoslawien erstmals mit dem Tabu, das Tito über dieses Thema verhängt hatte.
Dedijer erzählt, daß etwa 800 000 Serben, Juden und Zigeuner während der vierjährigen Schreckensherrschaft der Ustascha ermordet wurden, und er klagte den Vatikan an, das Morden geduldet zu haben. Im Gegenzug brachten Titos Partisanen etwa 400 000 Kroaten während des Krieges oder danach aus Rache um - eine breite Blutspur, die bis heute in den Dörfern entlang der einstigen k. u. k. Militärgrenze des Habsburgerreichs zum Osmanischen Imperium nicht vergessen wurde.
So gelten die Anhänger des kroatischen Präsidenten Tudjman, die "Kroatische Allianz", die - wie einst die Ustascha - das alte kroatische Wappen in der Parteifahne tragen, den Serben in Kroatien noch immer als verhaßte Faschisten. Dagegen sind die Serben, die von einem Großreich träumen, für die Kroaten "Tschetniks". So nannten sich die königstreuen Partisanen Draza Mihajlovics, die bei den ethnischen Konfrontationen im Gefolge des Zweiten Weltkriegs nicht minder wüteten.
Der Traum der Serben von einem Großreich geht weit in die Geschichte zurück. Ihre Glanzzeit erlebte die größte Nation der Südslawen von der Mitte des 12. Jahrhunderts bis zur Schlacht auf dem Amselfeld im heutigen Kosovo, als das serbische Heer des Fürsten Lazar 1389 von den anstürmenden Türken vernichtend geschlagen wurde.
Nach der Niederlage auf dem Amselfeld mußten die Serben über 400 Jahre warten, ehe sie die osmanische Fremdherrschaft abschütteln konnten. Nach einem Volksaufstand 1815 wurde das Fürstentum Serbien gegründet. Es erhob sich 1882 selbst zum Königreich.
"Wenn sich auf dem Balkan etwas regt, dann fröstelt Europa", hieß es zu Beginn dieses Jahrhunderts schaudernd, als sich dort die Interessensphären der Großmächte kreuzten und nationalistischer Hader die Region zum Pulverfaß machte.
Serben trugen entscheidend dazu bei, die Lunte zu einem Weltbrand zu legen. Denn schon damals schürte "Serbia irredenta" den Nationalismus unter den "unerlösten Landsleuten" in Kroatien und Bosnien-Herzegowina, Provinzen der bis zur Drina reichenden Habsburgermonarchie.
Die Schüsse des serbischen Gynmasiasten Gavrilo Princip, mit denen am 28. Juni 1914 in Sarajevo der österreichische _(* Zeitgenössische Zeichnung. ) Thronfolger Franz Ferdinand samt seiner Gemahlin Sophie ermordet wurde, lösten den Feuersturm aus. "Mit den Serben muß aufgeräumt werden, und zwar bald", ermutigte der nibelungentreue Kaiser Wilhelm II. den Donaumonarchen zum Dreinschlagen.
Der Feuersturm griff vom Balkan auf ganz Europa über. Vier Jahre danach war die Mächteordnung der Alten Welt zerborsten. Aus ihren Ruinen entstand das Königreich der Südslawen.
Serbien hatte auf seiten der Entente, der späteren Siegermächte, mitgekämpft und fast eine halbe Million Soldaten verloren. Diese Blutschuld, mehr aber noch das pralle Selbstbewußtsein, auf der Seite der Sieger zu stehen, gab den Ausschlag, daß die Serben bei der Gründung des neuen Balkanstaates die Führungsrolle beanspruchten.
Unter dem Druck der Siegermächte wurden die Königreiche Serbien und Montenegro mit Slowenien und Kroatien aus der Konkursmasse des untergegangenen Habsburger Kaiserreichs vereint.
"Serbien möchte nicht, daß es in Jugoslawien untergeht, sondern Jugoslawien in ihm", hatte Nikola Pasic, letzter Premier des serbischen Königreichs, an den serbischen Gesandten Jovan Jovanovic noch vor dem Ende des Kriegs geschrieben.
Die Gegenposition nahm der kroatische Bauernführer Stjepan Radic ein, der seinen Widerstand gegen die serbische Hegemonie 1928 mit dem Leben bezahlte: "Wir Kroaten müssen es offen und laut sagen: Wenn die Serben einen Staat und eine serbische Regierung haben wollen, so möge Gott mit ihnen sein. Für uns Kroaten kommt nur eine föderative Republik in Frage."
Aber es wurde unter Alexander aus der serbischen Dynastie der Karadjordjevic eine Königsdiktatur mit großserbischer Dominanz. Serbisch war die Amtssprache, der Hof setzte Gouverneure ein. 95 Prozent der in Kroatien erwirtschafteten Gelder wurden auf Befehl der Regierung nach Belgrad gebracht.
Der gegenseitige Haß steigerte sich noch, als König Alexander 1934 unter den Kugeln eines kroatischen Separatisten bei einem Staatsbesuch in Marseille umkam. Als dann im April 1941 deutsche und italienische Truppen das Balkanland besetzten, errichtete in Kroatien die Ustascha des Faschisten Ante Pavelic ihr Schreckensregime.
Gegen sie, gegen die königstreuen serbischen Tschetniks und gegen die deutschen Besatzer kämpfte der Kommunist Josip Broz genannt Tito. Er vereinte im Partisanenkrieg Serben, Kroaten, Slowenen, Bosnier, Mazedonier und Albaner unter der roten Fahne.
Nach dem Sieg war Tito darauf bedacht, keine der Republiken zu mächtig werden zu lassen. Serbien mußte seinem vorwiegend albanisch besiedelten Landesteil Kosovo den Status einer autonomen Region einräumen. Den gleichen Status erhielt auch die erst im Frieden von Trianon 1920 von Ungarn den Jugoslawen zugeschlagene Vojvodina.
Nationale Probleme gab es zuerst im Kosovo. Die Albaner, die unter Tito tapfer gekämpft hatten, fühlten sich um den Lohn der Befreiung vom Faschismus betrogen. Sie wehrten sich gegen den weiterbestehenden Herrschaftsanspruch der Serben. Um aufzuräumen, setzte Tito einen Vertrauten aus der Partisanenzeit ein: Aleksandar Rankovic, ein eingefleischter Großserbe, nutzte sein Amt als Innenminister und Geheimdienstchef, um Tausende aufrührerischer Albaner zu liquidieren.
Auch gegen die Kroaten spielte Rankovic die serbische Karte. Er bugsierte auf alle einflußreichen Posten in Kroatien serbische Gesinnungsgenossen mit der Begründung, den Kroaten sei nach den Ustascha-Greueln nicht mehr zu trauen. Erst als er selbst seinem Chef Tito Abhörwanzen ins Schlafzimmer legen ließ, mußte Rankovic 1966 gehen.
Das Kosovo-Problem auf großserbische Art zu lösen, versprach ein Mann, der nach Titos Tod an die Belgrader Schalthebel der Macht gelangte: Slobodan Milosevic, 50. Als Sohn eines byzantinischen Popen geboren, wurde er schon mit 17 Jahren überzeugter Kommunist und ein glühender Bewunderer von Jugoslawiens Führerfigur Tito.
So wie er, als populärer Volksheld, wollte auch Milosevic gefeiert werden. Nach seiner Karriere als Manager, die ihn bis an die Spitze der Belgrader Bank brachte, stieg Milosevic in die Politik um. 1986 wurde er serbischer Parteichef und drei Jahre später zum serbischen Präsidenten gewählt.
Wie sein nationalistischer Widersacher Vuk Draskovic ficht Milosevic für Großserbien, für die Rückkehr der von Tito abgetrennten Gebiete. Je rüder er gegen das vermeintliche Unrecht wetterte, um so mehr Serben jubelten ihm zu.
Die Vojvodina holte er heim, indem er die Führung durch serbentreue Funktionäre ersetzte. Als ihm das gleiche Manöver im Kosovo nicht auf Anhieb gelang, ließ Milosevic im März 1989 die Armee mit Panzern in die albanische Provinz einrücken - mit stillschweigender Duldung des gesamten Staatspräsidiums und der Belgrader Regierung. Jugoslawien wurde mit dem Ausbreiten der serbischen Hegemonie immer mehr zum Völkergefängnis.
Gelänge es den Slowenen, sich vom Vielvölkerstaat abzusetzen, würden wohl auch die Albaner im Kosovo ihre Freiheit und Selbständigkeit einfordern - notfalls mit Waffengewalt. Ihr Widerstand könnte leicht auf das benachbarte Mazedonien übergreifen, wo gleichfalls eine starke albanische Minderheit lebt, die von einem Großalbanien träumt. Gleichzeitig fordert in Skopje eine Oppositionspartei den Anschluß Mazedoniens an Bulgarien.
Am unübersichtlichsten im jugoslawischen Flickenteppich ist die Lage in der Republik Bosnien-Herzegowina. Die fast gleichstarken Siedlungsgebiete der Serben, Kroaten und Moslems sind wie die Muster auf einem Leopardenfell.
Milosevic möchte das Fell aufteilen und den Großteil Bosniens seinem serbischen Reich zuschlagen. Tudjman will die Herzegowina für Kroatien gewinnen. Die Moslems drohen beiden bei einer Aufteilung mit Aufstand. Bei einem Treffen mit Republikpräsident Alija Izetbegovic schlugen die verfeindeten Brüder als Kompromiß die "Verschweizerung" des Landes vor: Zerstückelung in sechs Kantone.
Und die Belgrader Clique der Serben-Chauvis um Milosevic träumt noch von weit mehr, seit die alten Dämonen des Nationalismus die Seelen der Südslawen erneut vergiftet haben. Den ausgreifenden Anspruch der Großserben machte unlängst die Belgrader Zeitschrift Ilustrovana Politika deutlich: mit Karten, die aufgrund einer Volksabstimmung von 1931 serbische Siedlungsgebiete zeigen, die bis auf 50 Kilometer an die kroatische Hauptstadt Zagreb heranreichen, den größten Teil Bosniens und im Süden weite Gebiete der heutigen Republik Mazedonien einschließen.
Den Präsidenten der abtrünnigen Republiken, Tudjman und Kucan, ist klar, daß die schwierigen Probleme der Auflösung des Vielvölkerstaates nach dem _(* Am vorigen Mittwoch. ) Eingreifen der Bundesarmee allein mit jugoslawischer Autorität nicht mehr zu lösen sind. Beide fordern neutrale Beobachter der EG und notfalls Blauhelme der Uno, um sich vor weiterer Gewalt der serbischen Generale zu schützen.
Doch das Klima zwischen Ljubljana und Zagreb hat sich seit dem Überfall merklich abgekühlt. Die Slowenen werfen den Kroaten vor, nicht einmal den Versuch unternommen zu haben, die Streitmacht aus der Serben-Kapitale aufzuhalten. Die Kroaten konterten kühl mit dem wenig überzeugenden Argument, die Bundesarmee hätte auf kroatische Truppen nicht geschossen.
Meinungsverschiedenheiten gibt es auch bei der Einschätzung des Staatspräsidiums. Seit der Kroate Mesic unter internationalem Druck auch mit Zustimmung Serbiens als Präsident inthronisiert wurde, hat das Präsidium für Zagreb eine "wichtige, konstruktive Funktion". Slowenien dagegen weigert sich, nach der Unabhängigkeitserklärung noch seinen Vertreter in dieses Gremium nach Belgrad zu schicken. Damit aber fehlt Mesic in der Acht-Männer-Runde eine wichtige Stimme. Der Kroate kann von dem Serben-Block jederzeit mühelos überstimmt werden.
Außenpolitisch hingegen hat sich das Klima schlagartig zugunsten Sloweniens und Kroatiens verändert. Der EG, selbst den USA, ist angesichts des Blutbades aufgegangen, daß ihre Verteidigung des Selbstbestimmungsrechts der Völker wichtiger ist, als mit viel Geld und Beschwichtigung einen zerbröselnden Staat weiter zusammenzuhalten.
In der Bundesrepublik und in Österreich wurde der Ruf nach Anerkennung der Sezessionisten am lautesten. Bundeskanzler Helmut Kohl mahnte noch vor seinem Treffen mit dem sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow vergangenen Freitag das Recht auf Selbstbestimmung an und versprach, das Problem auch in Kiew zu erörtern.
Der slowenische Präsident Milan Kucan bleibt pessimistisch: "Wenn wir in den nächsten drei Monaten keinen Frieden finden, haben wir ihn für immer verloren." Und der jugoslawische Premier Ante Markovic, der die Kontrolle über die serbischen Generale verlor, weiß sogar, wie lange die Krise anhalten kann: "Das dürfte sogar zehn Jahre dauern."
Die Implosion Jugoslawiens aber wird kaum ohne Auswirkungen auf die umliegenden Länder bleiben. Nirgendwo sonst in Europa sind Grenzen dermaßen umstritten, bieten Minderheitenprobleme als Erblast der Geschichte Zündstoff für neue grenzüberschreitende Konflikte.
Für die Griechen, die einen neuen Streit um Mazedonien fürchten, warb Regierungschef Konstantin Mitsotakis auf dem EG-Gipfel in Luxemburg für die Beibehaltung des Status quo: "Die Balkankarte darf sich nicht ändern", plädierte der Hellene beschwörend, "sonst wird der Balkan wieder zu Europas Pulverfaß."
So ähnlich hatte das schon vor einiger Zeit ausgerechnet Otto von Habsburg prophezeit. Der Sohn des letzten Donau-Monarchen warnte, Umbrüche in dieser Region müßten "die Großmächte in Zugzwang bringen".
* Am vorigen Mittwoch in Belgrad. * Zeitgenössische Zeichnung. * Am vorigen Mittwoch.

DER SPIEGEL 28/1991
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