11.02.1991

„Wollt ihr mich abknallen?“

Politkrimi in Deutschland-Ost: Ein hessischer Privatdetektiv wird Oberrat bei der Kripo Magdeburg, ein jordanischer Polizeispitzel aus der Frankfurter Rauschgift-Szene avanciert zum Hauptkommissar. Ihr oberster Dienstherr, Sachsen-Anhalts Innenminister Wolfgang Braun (CDU), war von 1976 an Stasi-Informant.
Der Mann, der am 29. Januar abends vor dem Blumenladen am Frankfurter Hauptfriedhof wartet, hat kalte Füße. Das Thermometer steht auf 7 Grad unter Null, und Ulrich Levys Auftrag ist delikat. Seit kurzem Chef der Personalabteilung im Innenministerium von Sachsen-Anhalt, will er hier Klaus-Dieter Matschke treffen, der von Rechts wegen als Kriminal-Oberrat in der gleichen Magdeburger Behörde arbeitet. Das Gespräch der Herren ist kurz, aber heftig.
Matschke: "Ich hab' jetzt die Nase endgültig voll, jetzt packe ich alles aus." Levy: "Wenn du das machst, dann habe ich Angst um deine Person." Matschke: "Wollt ihr mich abknallen?" Levy: "Ach Quatsch, die machen dich fertig, wirtschaftlich."
Am Frankfurter Friedhof endet die Freundschaft zwischen dem Privatdetektiv Matschke und einem Minister in Magdeburg, vertreten durch seinen Abteilungsleiter Ulrich Levy. Hauptdarsteller der Provinzposse, die so wohl nur in Deutschlands wildem Osten möglich ist, sind der Innenminister von Sachsen-Anhalt, Wolfgang Braun (CDU), sein Chef Gerd Gies, Ministerpräsident des Landes, und Klaus-Dieter Matschke, Inhaber des "KDM Ermittlungsbüros für Industrie und Wirtschaft" in Frankfurt/ Main.
Thema des Schauspiels ist der Versuch des Ministers Braun, seine Vergangenheit zu vertuschen und statt dessen die Zukunft anzupacken, sowie das Bemühen manch zwielichtiger Gestalten, dem Politiker dabei behilflich zu sein.
Schnüffelunternehmer Matschke taucht im Sommer 1990 bei der Magdeburger Polizei auf. Redegewandt und spendierfreudig nimmt der Wessi die gerade gewendeten Altgenossen der Polizei für sich ein: "Ich hab' denen erst mal ein Kopiergerät hingestellt." Nach größeren Festen, die Matschke in Frankfurt für die neuen Kumpels ausrichtet, begeistert sich Polizeichef Hans-Joachim Stephan: "Dieser Mann ist für uns Gold wert."
Matschke sieht das nicht anders. Stephan eröffnet ihm den Zugang zur Polizei; er macht den Frankfurter Detektiv mit dem Segen von Wolfgang Braun (CDU), damals Regierungsbevollmächtigter im Bezirk Magdeburg, zu seinem engsten Berater.
Nebenher verfolgt KDM, wie sich Matschke gern nennen läßt, noch andere Ziele: Er will als "Selbstanbieter" (amtsinterne Bezeichnung) für den Verfassungsschutz Stasi-Agenten jagen. Und er bekommt sie - durch Tips aus einer Wohnung in der Magdeburger Tucholskystraße 6, wo MfS-Generalmajor Wilfried Müller, Ex-Chef der Magdeburger Stasi-Bezirksverwaltung, wohnt. Matschke stolz: "Ich habe von ihm mindestens 20 Agenten abgegriffen."
Die Altgenossen von Kripo und Volkspolizei im Magdeburger Präsidium tanzen willig nach Matschkes Pfeife. Anhand praktischer Beispiele führt der Undercover-Agent seine "unkonventionelle Arbeitsweise" vor. Verdächtige werden gleich reihenweise festgenommen. Matschke: "Das erhöht das Ansehen der Polizei." Mit KDM-Methoden will Matschke "ein wesentliches Element zur Stabilisierung der öffentlichen Ordnung" schaffen.
Solches Ansinnen gefällt dem Regierungsbeauftragten Braun. Zudem hat auch Matschke das CDU-Parteibuch in der Tasche. Die Herren sprechen die gleiche Sprache. KDM entwirft ein Konzept zum Schutz der Parteizentrale vor Terroranschlägen - unentgeltlich, wie Matschke betont.
Kein Wunder, daß der Tierarzt und CDU-Landesvorsitzende Gerd Gies auf den Wundermann vom Main aufmerksam wird. Gern greift er eine Einladung von Matschke nach Frankfurt auf und besichtigt dort die KDM-Zentrale, wo der Privatdetektiv dem Besucher sein Konzept zur Entwicklung Sachsen-Anhalts vorträgt: Großinvestoren aus Hessen sollen zum Ausbau der Infrastruktur mal eben zwei Milliarden Mark rüberbringen. Der Parteichef, so merkt der Gastgeber, ist beeindruckt. Ab sofort soll Matschke auch ihn beraten.
Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt bringt der CDU einen klaren Sieg und Gies und Braun ein Problem. Der designierte Ministerpräsident und sein künftiger Innenminister sind auf den Positionen 1 und 3 der CDU-Landesliste plaziert. Weil aber die Partei alle Direktmandate gewonnen hat, können beide Spitzenpolitiker laut Wahlgesetz nicht in den Landtag ziehen - eine nicht einkalkulierte Panne.
Da hilft der Detektiv den neuen Parteifreunden aus der Patsche. Bei seiner Agentenjagd war der Schnüffler auch auf zwei Politiker der CDU gestoßen, die als Inoffizielle Mitarbeiter jahrelang für die Staatssicherheit gearbeitet hatten: Halles frischgebackener Oberbürgermeister Peter Renger (Deckname "Weiß") und Michael Heinemann aus Weißenfels (Deckname "Kloss"). Matschke: "Renger hat sich in meinem Beisein dem Gies offenbart."
Da geben, wie erwartet, die beiden Landtagsabgeordneten ihr Mandat zurück. CDU-Chef Gies kann in den Landtag ziehen und sich dort zum Ministerpräsidenten wählen lassen. Auch Braun folgt ihm, nachdem der auf Listenplatz 2 stehende CDU-Mann Udo Kamm selbstlos auf sein Mandat verzichtet hat.
Braun, von Stund an Innenminister im Kabinett Gies, sieht sich am Ziel seiner Wünsche. Was der Innenminister von Demokratie hält, hat er bereits vor der Wahl offen ausgeplaudert: "Bei uns wird künftig nach dem Motto ,Preußens Gloria und königlich-bayerisches Traditionsbewußtsein' verfahren. Um es deutlich zu sagen, Mitbestimmung der Personalräte und Anhörung der Gewerkschaften wird es nicht geben. Bei mir wird nach Befehl und Gehorsam gehandelt."
Seinen "Befehl über Personalentscheidungen Nr. 1" unterschreibt der stramme Innenminister am 5. November. Braun ernennt darin, wider alle Gesetze, den Frankfurter Privatunternehmer Matschke "als Offizier der Polizei" zum Kriminal-Oberrat und stattet ihn mit allen hoheitsrechtlichen Befugnissen eines Vollzugsbeamten aus.
Mit gleichem Befehl wird der Jordanier Mohammed Mughrabi, den Matschke als Fahrer seines Mercedes aus Frankfurt mitbrachte, in den Beamtenstand befördert. Der frischgebackene Kriminal-Hauptkommissar war jahrelang V-Mann für die Frankfurter Rauschgiftfahndung; Oberrat KDM hatte den Freund als Top-Drogenfahnder ausgegeben. Er erhält nun einen delikaten Geheimauftrag: Der einstige Polizeispitzel soll der Kripo einen publikumswirksamen Fall aus dem Bereich OK (Organisierte Kriminalität) zuschanzen.
Hauptkommissar Mughrabi kennt aus seiner Frankfurter Unterweltzeit einen Kurden, der sich schon lange eine russische Maschinenpistole Marke "Kalaschnikow" wünscht und dafür mit Rauschgift zahlen will. Das ist ein Fall ganz nach dem Geschmack von Brauns Polizeioberen.
Das Dumme daran ist nur, daß die Beamten für Frankfurt gar nicht zuständig sind. Der Jordanier weiß Rat: Er will als Undercover-Agent nach Frankfurt reisen und den Kurden nach Magdeburg locken. Hier soll der Deal laufen.
Die Knarre für die dubiose Aktion will die Magdeburger Kripo aus der eigenen Waffenkammer bereitstellen. Anfang Februar schnappt sich Mughrabi seine neue Dienstwaffe, eine Polizeipistole Kaliber .38, und reist zum Geheimeinsatz an den Main, ohne das zuständige Landeskriminalamt in Hessen oder das Bundeskriminalamt zu informieren. Schließlich will Sachsen-Anhalt seinen ersten großen Fall pressewirksam der Öffentlichkeit präsentieren - wenn der Kurde anbeißt und wirklich zur Verhaftung nach Magdeburg reisen sollte.
Kriminal-Oberrat Matschke jedoch ist inzwischen nicht mehr im Dienst; er hat sich krank gemeldet, weil seine Geschäfte plötzlich nicht mehr so glatt gehen.
Am 8. Dezember erschien die Bild-Schlagzeile: "Falscher Kriminalrat spionierte beim Ministerpräsidenten". Auch wenn sich dieser Vorwurf nicht belegen läßt - falsch ist der Kriminalrat allemal. KDM wurde der Boden zu heiß, er setzte sich über Nacht nach Frankfurt ab.
Seitdem bangt Innenminister Braun um seine politische Zukunft. Denn seine Vergangenheit könnte die bisher steile Karriere beenden.
Nach einer Karteikarte, die dem SPIEGEL vorliegt, war Wolfgang Braun, geb. am 27. 7. 1939, Anschrift: Magdeburg, Heckenweg 7, unter der Nummer O-0120/75 Inoffizieller Mitarbeiter (IM) bei der Polizeiabteilung K I. Das O bedeutet, daß der Informant vielseitig verwendbar ist.
Unter dem Decknamen "Becker" spitzelte Braun mehr als 13 Jahre lang für die geheime Sondertruppe der Kripo. Offiziell für schwere Verbrechen zuständig, arbeitete die Abteilung K I eng mit der Stasi zusammen - entsprechend übel waren ihre Methoden. Allein die Stadt Magdeburg wurde von der K I mit 600 Spitzeln flächendeckend bearbeitet.
Als Justitiar für den VEB Altstoffhandel und später für die Großhandelsgesellschaft Magdeburg-Südost-Fermersleben saß Braun alias Becker an einer wichtigen Informationsquelle. Regelmäßig lieferte er seine Berichte und nahm Aufträge bei konspirativen Treffen entgegen. Von seiner Spitzelarbeit profitierte die Stasi, weil Brauns Akte auch beim MfS geführt wurde.
Mitarbeiter der K I bestätigen: "Braun wurde ein Jahr lang als Kandidat auf Zuverlässigkeit, Eignung, Ehrlichkeit und operative Nutzung überprüft" - und dann offiziell seit 5. Oktober 1976 von Oberleutnant Harald Felix geführt.
Braun rechtfertigt sich: "Als Justitiar war ich automatisch verpflichtet, der K I Informationen über mögliche Rechtsverletzungen zu liefern. Das habe ich auch manchmal schriftlich gemacht."
Aus dieser Zusammenarbeit, so Braun, sei ihm auch Harald Felix bekannt. Braun: "Was die mit meinen Informationen gemacht haben, weiß ich nicht." Und eine schriftliche Verpflichtungserklärung als IM will Braun/Becker nie unterschrieben haben.
Die entscheidenden Akten der K I sind Ende 1989 verbrannt worden. Da mag der Innenminister schnell von einer gesteuerten Intrige alter Stasi-Seilschaften sprechen. Persönliches Versagen schließt er nicht aus: "Man macht eben Fehler. Schließlich bin ich nicht als Innenminister geboren." o

DER SPIEGEL 7/1991
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