08.07.1991

RegisseureBlühendes Wunder

Mit seinem „Teatr Kreatur“ hat der polnische Maler Andrej Woron, im Schatten der Subventionsbetriebe, sein Publikum erobert. Nun droht ihm das finanzielle Aus.
Manchmal tut es der Kunst gut, wenn sie eine Weile vergraben ist und für sich wirken kann. Vor ein paar Tagen erst hatte er seine kleinen Skulpturen wieder ausgebuddelt. Nun stehen sie auf seinem Ateliertisch, und er sieht, wie sie "gearbeitet" haben in der Erde - sie tragen eine grüne Patina, durch die Reste von Bronze schimmern, kleine Tische und Gestelle und Pfähle, auf denen winzige Flaschen thronen, und sie heißen "Polnische Landschaft" oder "Polnische Kathedrale".
Schnauzbärtig und bleich steht Andrej Woron in seinem Atelier. Er balanciert eine Tasse mit koffeinfreiem Kaffee und scheucht Brzanka vom durchgesessenen Ledersofa, eine ziemlich fette, ziemlich alte Hündin. Brzanka furzt mißmutig. Auf einer zerkratzten Platte singt Jeanne Bichevskaya russische Folklore.
Es war eine lange Nacht. Seine Freunde haben mit ihm seinen 39. Geburtstag gefeiert. Und Musik gemacht, diesen jagenden, fröhlichen Jazz, der sich Klezmer nennt, und sie haben getrunken und auf Woron und seine neuen Kunstwerke angestoßen, und diesmal ist keiner die schmale Steintreppe hinuntergestürzt, die zu seinem Atelier führt - er selber hat sich vor einiger Zeit hier drei Rippen gebrochen.
Das Hinterhof-Atelier, ein üppiger Orient aus Bühnenbildmodellen, großen Ölbildern, Skizzen, Objekten, Musikinstrumenten, ist ein Kunstversteck im tiefsten Kreuzberg. Den wilden Wein, der über die rote Scheune wuchert, hat er vor Jahren selbst hier gepflanzt. Damals, 1982, kam er aus Jaruzelskis Polen, dem Polen der verhafteten Solidarnosc-Mitglieder und des Kriegsrechts, in die Berliner Inselwildnis, und er war gleich wieder abgetaucht in diesen Winkel, in dem er ungestört arbeiten konnte.
Heute ist Woron der wahrscheinlich aufregendste Theatermacher Großberlins und sein "Teatr Kreatur" im "Theater Am Ufer" eine ständig ausverkaufte Wallfahrtsstätte für Maniaks, die dem leer laufenden Subventionstheater angeödet den Rücken gekehrt haben.
Als Maler hatte er sich bereits in Polen einen Namen gemacht. Er war Dozent an der Akademie in Warschau. Doch schon seine großformatigen Malereien waren Raum-Träumereien, theatralisch beleuchtete Schauplätze, menschenleere Inszenierungen. Mit dem Regisseur Henryk Baranowski, der ihn später nach Berlin holte, erarbeitete er Kafkas "Prozeß", daraus wurde ein internationaler Theatererfolg. Doch Woron träumte vom ganz eigenen Theater, das mehr mit seinen Innenwelten, seinen Bildern zu tun hatte als mit Methoden und Schauspieltheorien - einem Theater, das er als Staffelei für seine Phantasien nutzen konnte. Vor drei Jahren war es soweit. Ein Freund hatte eine Erbschaft gemacht. Es war der Start eines Off-Theater-Märchens.
Im "Theater Am Ufer", einem schmalen Raum mit 99 Plätzen, ersann Woron eine Theaterfassung der "Zimtläden" von Bruno Schulz. Schulz, der von den Nazis umgebracht wurde, erzählt von der Kleinstadt Drohobycz in einer Collage aus Erinnerungen und Träumen, und Woron inszenierte sie als vergnügtes und gleichzeitig todtrauriges Puppentheater, mit selbstgebastelten Maschinen und Fratzen und Masken.
"Ich wollte immer ein Theater machen, das die Leute angreift", sagt Woron. Seines ergreift sie - viele Zuschauer weinten während der Vorstellung. "Das deutsche Theater hat seine Stärke im Text, in der Analyse, in der Dramaturgie. Das können sie besser als jeder andere auf der Welt. Doch es fehlt die Emotion. Und wir Polen sind sehr gefühlsbetonte Menschen."
Die "Zimtläden" waren ein Szene-Renner. Über 130 ausverkaufte Vorstellungen - und Woron und seine Schauspieler pfiffen auf dem letzten Loch. Sie jobbten als Kellner oder synchronisierten, um nebenher Geld zu verdienen. Alle, auch polnische Stars wie die schöne Danuta Kisiel, bekamen 16 Mark pro Vorstellung. Doch während die Millionen-Betriebe der Stadt über zu geringe Subventionen lamentierten, blühte da, in einer kleinen, verborgenen Kreuzberger Fabriketage, ein Theaterwunder.
Natürlich sprach sich der Name Woron herum. Um ein Haar wäre seine _(* Im Atelier vor seinen Skulpturen. ) Gruppe zum prestigeträchtigen Berliner Theatertreffen eingeladen worden - doch nur zwei statt der erforderlichen drei Jurymitglieder hatten den beschwerlichen Weg nach Kreuzberg gefunden. Die alternative Klientel hetzte derweil, weil Worons Kreaturentheater sich mit Sponsorengeldern von Siemens über Wasser hielt (statt, wie üblich, quengelnd Staatsknete einzufordern).
Ein Angebot einer westdeutschen Großbühne flatterte ins Haus. "Aber Staatstheater interessiert mich einfach nicht", sagt Woron. "Ich könnte ein reicher Mann werden - aber ich wäre unglücklich, weil ich nicht mit diesen Staatstheaterprofis arbeiten könnte."
Woron verlangt seinen Schauspielern tatsächlich allerhand ab. Welcher Schauspielbeamte würde sich stumm auf eine Säule stellen lassen und den ganzen Abend nur immer die gleiche eine Bewegung ausführen? Und das für 16 Mark pro Abend?
Mit Isaak Babels "Ende des Armenhauses" gelang ihm sein zweiter Coup. Babel erzählt von den Alten und Krüppeln am Rande eines jüdischen Friedhofs, die als Leichenwäscher und Sargträger leben, bis der neue bolschewistische Friedhofskommissar dem vitalen Geschäft mit dem Tod ein Ende setzt. Es ist eine Parabel auf die Stalinsche Terrormaschine, auf die Liquidierung der alten Kulturen, und Woron inszeniert sie tatsächlich als Angriff auf die Zuschauer - als ohrenbetäubend lärmenden Jahrmarkt.
Larven und Lemuren ziehen über den Friedhof, ein schauerliches George-Grosz-Panoptikum tanzt Tango auf den Gräbern. Es ist ein Theater, das aus dem Verborgenen entsteht, ein grelles, poetisches Müllhalden-Theater, aus Resten und Wiederverwertungen zusammengefügt, ganz aus den tiefen Rumpelkammern der Phantasie und, natürlich, Worons katholischer Herkunft: Am Anfang rotiert die kleine Theaterbühne um ihre eigene Achse, immer schneller, bis sie zerspringt - und über der bunten Raserei hängt eine Marienstatue, bekränzt mit Glühbirnen.
Neun Jahre habe es gedauert, bis er "etwas Vernünftiges auf die Beine stellen" konnte. Nun, da es steht, droht es zu stolpern. Wenn der Kultursenat von Berlin es nicht doch mit einem größeren Betrag fördert, hat sich Worons Zaubertheater totgesiegt. Die Erbschaft des Freundes ist aufgebraucht, und mit 99 Plätzen kann man eine 22köpfige Theatergruppe nicht ernähren.
Selten im Berliner Dschungel wären Subventionen sinnvoller eingesetzt - nicht um Phantasie zu ersetzen, sondern um sie zu ermöglichen. Denn die Kunst, die im verborgenen blüht, kann manchmal dort auch wieder verkümmern.
Matthias Matussek
* Im Atelier vor seinen Skulpturen.
Von Matthias Matussek

DER SPIEGEL 28/1991
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