11.02.1991

„Der erste Weltkrieg der Kulturen“

Es wäre der Clou der Saison geworden. Hassan Budiaf, der Skorpionzüchter aus der Medina von Casablanca, hatte bekanntgemacht, daß seine zwei Lieblingsskorpione unter den Namen Bush und Saddam vor zahlendem Publikum zum Zweikampf antreten würden. Doch daraus wurde nichts. Die Proben verliefen enttäuschend. Bush und Saddam wollten partout nicht kämpfen.
Hassan Budiaf ist einer von wenigen Marokkanern, die den Golfkrieg so sportlich sehen. "Mein Gott", sagt die Soziologin Fatima Mernissi von der Universität Rabat, "es ist schlimmer als ein Trauerfall in der Familie."
Der Zorn und die Trauer des Volkes sind total. Die Kinder spielen Amis schießen. Die Frauen haben ihren Schmuck abgelegt. An Schulen und Universitäten hängen schwarze Fahnen.
Um sich gegenüber Amerikanern und Saudis für erwiesene Dienste erkenntlich zu zeigen, hat König Hassan II. im Herbst 1300 Soldaten an den Golf entsandt. Es heißt, er sei ganz erschrocken gewesen, als er erfahren mußte, daß seine Untertanen es nicht mit Saudi-Arabien, sondern mit Saddam Hussein hielten.
Dissens von begrenztem Umfang hat Hassan nie als bedrohlich empfunden. Er begreift sein Gottesgnadentum auch als das Recht, jeden, der die von ihm gegebene Ordnung in Frage stellt, wie einen gewöhnlichen Verbrecher zu behandeln. Erst Mitte Dezember wurden bei Streiks in Fes, Meknes, Tanger und Kenitra mindestens 40 junge Leute erschossen.
Amnesty International hat letztes Jahr in Rabat nach dem Verbleib von verschwundenen politischen Häftlingen gefragt. Hassan antwortete verschmitzt: "Jeder Souverän hat seinen geheimen Garten, in den er niemanden hineinschauen läßt."
Weil diesmal fast das ganze Volk mit dem König in Dissens lebt, ist Einsperren natürlich keine Lösung. Deshalb hat sich Hassan II. praktischerweise an die Spitze des Protests gesetzt, den er nicht verhindern konnte. Während des von den Gewerkschaften ausgerufenen Generalstreiks gegen den Krieg zog er kurzerhand die Streikleitung an sich. Er ordnete Staatstrauer an und befahl der Nation, aus Solidarität mit dem notleidenden irakischen Brudervolk einen Tag zu fasten.
Auch den "Friedensmarsch" am vorletzten Sonntag in Rabat usurpierte er für sich, indem er die Abgeordneten der Regierungsparteien zur Demo abkommandierte. Dort mußten sie Seite an Seite mit dem "Islamischen Block" marschieren. Die Zeloten riefen: "Bush assassin, Mitterrand son chien" (Mörder Bush, Mitterrand sein Hofhund) und "Freund Saddam, wir bitten dich, zerstöre Israel."
Besonders beifällig aufgenommen wurde ein Plakat, auf dem Saddam einem rachitischen Bush den nackten Hintern mit einer Scud-Rakete versohlt. Es fand auch ein geordnetes Flaggenverbrennen statt. Angeblich hatte das Innenministerium dafür eine vorher benannte Anzahl von Trikoloren, Union Jacks und Stars and Stripes freigegeben.
Nur die Radikalen verloren wieder jedes Maß. Sie hätten, wie hinterher der regierungsnahe Matin du Sahara et du Maghreb berichtete, sogar den König wegen seiner Golfpolitik kritisiert, obwohl Majestät dies in seiner Fernsehrede _(* Spruchband-Text: "Wir sind alle ) _(Iraker". ) vom Vortag ausdrücklich verboten habe.
Die Breite des Protests gegen den Krieg, in dem der König Verbündeter der USA ist, hat Hassan gezeigt, daß hier mit Wucht ein Widerstand auf ihn zukommt, wie er ihn in den 30 Jahren seiner Herrschaft noch nicht erlebt hat. Das Volk hat ihm vieles nachgesehen, die tägliche Tyrannei, die Cliquenwirtschaft, die Prunksucht und die Imponierallüren. Aber wenn es ihm nicht gelingt, den Eindruck zu verwischen, daß er selber auf der einen Seite der Golffront steht und sein Volk auf der anderen Seite, dann braucht der Monarch zum Überleben seine ganze Baraka, wie Allahs Königssegen hofamtlich heißt.
Der alte Mann, der im großen Saal der Effektenbörse in Casablanca die Kurstäfelchen blankputzt, artikuliert Volkes Stimme so: "Egal, was Saddam gemacht hat, hier kämpft das Gute gegen das Böse."
Gut gegen Böse, Arm gegen Reich, Araber gegen Westler, Ausgebeutete gegen Ausbeuter. Die Intellektuellen sehen die Polaritäten ähnlich grobschlächtig. Für die Marokkaner, so sagt der Völkerrechtler Mahdi el-Mandschura, sei es der "erste Weltkrieg der Kulturen".
Statt 150 000 Demonstranten hätten es in Rabat auch leicht eine halbe Million werden können, wenn nicht die Imame des Königs, der als "Befehlshaber der Gläubigen" auch ihr geistlicher Vorgesetzter ist, die Order gehabt hätten, sich beim Freitagsgebet in den Moscheen politischer Themen zu enthalten. Und wenn nicht aus ungeklärter Ursache in Marrakesch und Casablanca am Protesttag Taxis und Autobusse plötzlich so rar gewesen wären.
König Hassan ist den Saudis verpflichtet. Sie haben ihm einen namhaften Baukostenzuschuß für den Bau der Moschee "Hassan II." in Casablanca gewährt, die des Königs Nachruhm sichern soll. Sie soll die größte und prachtvollste Moschee der Welt werden. Ein Statussymbol für den Herrscher, der schon alles hat. Ein ganzes Stadtviertel hat er dafür abreißen lassen.
Wenn sich zum Jahrestag seiner Thronbesteigung vor seinem Schloß in Marrakesch 4000 Würdenträger in weißen Burnussen vor ihm verneigen, dann muß der Haushofmeister rufen: "Der König hat eure Unterwerfung angenommen." Er ist der Retter des Vaterlandes, der erste Künstler, der erste Sportler, der erste Intellektuelle seines Landes.
Ein maghrebinischer Ceausescu?
Das alberne Gehabe täuscht: Hassan ist ein ausgebuffter Machiavellist und ein zäher Überlebenskünstler. Mit Chuzpe und Brutalität hat er ein Dutzend Putsche und Mordanschläge abgeschmettert. Einmal versteckte er sich vor einer meuternden Truppe in einem großen leeren Kochtopf in der Palastküche. Einen Attentäter überwältigte er, indem er ihm herrisch die Rechte zum Handkuß entgegenstreckte, um den Verwirrten alsdann persönlich zu entwaffnen.
Hassan hat sich bei seinem verwegenen Spagat zwischen Volkswillen und Bündnisverpflichtung bislang ganz leidlich in der Balance gehalten. Nach außen unterstützt er den Golfkrieg, für den Hausgebrauch lehnt er ihn ab. Er ist gleichzeitig dafür und dagegen. Mit dem Herzen sei er bei Saddam, mit dem Verstand bei der Kriegskoalition, sagt er selber.
Seinen westlichen Freunden ist das solidarisch genug. Sie sind durch ihre nahöstlichen Liebschaften nicht verwöhnt. Aber das marokkanische Volk muß den Zwiespalt erst noch verarbeiten.
Hassan hat, gegen seine Gewohnheit, diesmal nicht versucht, das Interesse der Nation auf die Westsahara-Frage umzulenken, die auf marokkanische Patrioten ähnlich elektrisierend wirkt wie der Streit um Elsaß-Lothringen weiland auf Franzosen und Deutsche. Er fürchtet ungute Vergleiche zwischen der irakischen Annexion Kuweits und seiner eigenen Annexion der Westsahara. Am Ende müßte er sich noch fragen lassen, warum er zur Erfüllung der Uno-Kuweit-Resolution Soldaten in Marsch gesetzt hat, obwohl er den Westsahara-Friedensplan der Vereinten Nationen seit vielen Jahren ignoriert.
Vieles wird nicht mehr so sein, wie es war. Die guten Beziehungen zu Frankreich sind zerrüttet. Mitte Januar wurden in Casablanca bei einem Streitgespräch über den Golfkrieg zwei Franzosen erstochen und ein dritter schwer verletzt.
Die oppositionelle Zeitung El-Bajan versuchte zu beschwichtigen. Es sei gegen die Gewohnheit des marokkanischen Volkes, seine politische Meinung durch Lynchjustiz an seinen Gästen auszudrücken. Das schließe aber nicht aus, daß Ausländer mit Prügel rechnen müßten, wie seinerzeit nach dem amerikanischen Bombenangriff auf Tripolis. Die Warnung wirkte abschreckend genug. Die marokkanische Hotellerie hat jetzt eine Auslastung von nur noch sechs Prozent. Wenn die Krise länger als ein Vierteljahr dauert, könnte die Wirtschaft in eine Katastrophe rutschen.
Auch des Königs Unantastbarkeit wird nicht wieder so sein wie früher. Bislang war es in Ministerial- und Staatskanzleien üblich, eine Sachdebatte mit einer Fünf-Minuten-Eloge auf die Weisheit und Güte Seiner Majestät zu eröffnen.
Neuerdings kommt man schneller zur Sache. Für marokkanische Verhältnisse ist das ein Zeichen von galoppierender Insubordination. So hat es beim Schah von Persien auch mal angefangen.
* Spruchband-Text: "Wir sind alle Iraker".
Von Erich Wiedemann

DER SPIEGEL 7/1991
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