12.08.1991

GeiselnFleck muß weg

Die Freilassung des Briten McCarthy soll eine Serie von Geisel-Deals einleiten.
In der Kirche zur Heiligen Braut in der Londoner Fleet Street brannten an 1943 aufeinanderfolgenden Tagen Kerzen. Vor dem Foto eines jungen Mannes erinnerte ihr Lichtschein an einen Verschollenen: den Fernsehjournalisten John McCarthy, den Menschenräuber vor über fünf Jahren im Libanon entführt hatten.
Am vergangenen Donnerstag verkündete Glockengeläut eine frohe Botschaft. Die radikale Schiiten-Organisation Islamischer Dschihad hatte den inzwischen 34 Jahre alten Briten in Beirut auf freien Fuß gesetzt. McCarthy trug einen Brief seiner Entführer an Uno-Generalsekretär Javier Perez de Cuellar bei sich - einen Plan über die Modalitäten für die Entlassung der verbliebenen westlichen Geiseln im Libanon.
Der Uno-Chef schien über die Hintergründe der Geisel-Heimkehr bestens informiert zu sein. Sein Sonderbeauftragter Giandomenico Picco hatte auf einer Mission nach Damaskus McCarthys Freilassung mit inszeniert. Doch bis Freitag nacht hatten sich Perez de Cuellars Hoffnungen auf das Freikommen weiterer Geiseln nicht erfüllt.
Im Gegenteil. Aus Protest gegen den McCarthy-Deal kidnappte eine "Organisation für die Verteidigung der Rechte der Gefangenen" in Beirut den Franzosen Jerome Leraud, 26. Die Entführer drohten den Mitarbeiter der Hilfsorganisation "Ärzte der Welt", der angeblich für den Geheimdienst arbeite, umzubringen, falls der Islamische Dschihad weitere Geiseln freigebe.
Nach dem Kampf gegen den teuflischen Westen nun arabische Zwietracht. Erschöpft von den ständig neuen Meldungen von der Geisel-Front stöhnte US-Präsident Bush: "Das Spiel geht weiter."
Es ist ein neues Spiel. Und Insider sehen McCarthys Heimkehr - allen Rückschlägen zum Trotz - als Auftakt zu einer Serie von Geisel-Deals. "Die Frage ist nicht mehr, ob die Geiseln freigelassen werden", weiß der syrische Geheimdienstchef im Libanon, Ghasi Kinaan, "sondern wann sie freigelassen werden." Denn seit dem Golfkrieg sind die politischen Karten im Nahen Osten neu gemischt worden.
Die "Operation Wüstensturm" gegen Saddam Hussein machte die einst geschmähten Syrer zu Waffenbrüdern der Amerikaner. Die Iraner kämpften zwar nicht mit an der Anti-Saddam-Front. Doch statt ihre Revolution in die umliegende Region zu exportieren, wollen sie heute lieber westliche Hilfe für den Aufbau ihrer Wirtschaft. Da erweisen sich die früher als Tauschobjekte geschätzten Geiseln dann eher als Bürde.
Die Iraner wie auch die Syrer möchten die Geiselfrage möglichst vor Beginn der für Oktober geplanten Nahost-Friedenskonferenz gelöst haben. Deshalb beteiligten sie sich in Genf an Kontakten mit dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), die auch Israel und die Vereinigten Staaten wahrnahmen.
IKRK- und Uno-Experten diskutierten eine Paket-Lösung: Israel soll seine mehr als 300 gefangenen schiitischen Libanesen freilassen, allen voran den gekidnappten Scheich Ubeid; die Araber informieren dafür die Israelis über das Schicksal von sieben vermißten israelischen Soldaten und übergeben ihnen Lebende und Tote; alle westlichen Geiseln werden nach Hause geschickt; die USA sollen die eingefrorenen Guthaben der Iraner freigeben.
Schwer war es, einen solchen Handel in Gang zu bringen. US-Außenminister Baker diskutierte die Geiselfrage mit Syriens Staatschef Assad; Irans Außenminister Welajati sprach darüber mit der britischen Regierung und erfuhr, wie sehr die Geiseln die Beziehungen mit London belasten: Die Briten wollen Teheran erst dann Exportgarantien gewähren, wenn alle im Libanon entführten Staatsbürger heimgekehrt sind.
Die Iraner gelten als Hauptverantwortliche für die Libanon-Geiseln, weil sie unter Chomeini die "Hisb Allah" aufgebaut hatten. Diese "Gottespartei", so der syrische Geheimdienstmann Kinaan, "war der Joker, mit dem Teheran die Amerikaner, Israel und den gesamten Westen in Schach hielt".
Nach Chomeinis Tod stritten ein radikaler Flügel unter dem Innenminister Mohtaschemi und Gemäßigte unter Haschemi Rafsandschani um die Vorherrschaft im Iran. Rafsandschani gewann die Oberhand. Seine vorsichtige Öffnung nach Westen wird von seinen Gegnern als "Verrat an der Revolution des Imam Chomeini" verdammt. Anders als seine radikalen Widersacher ist Rafsandschani gegen Entführungen. Er besprach mit Syriens Präsident Assad die Notwendigkeit, die libanesische Hisb Allah von einer Kampforganisation in eine politische Kraft umzuformen.
Bei einer Geheimkonferenz der Hisb Allah in Baalbek wurde dann der als Mohtaschemis rechte Hand im Libanon geltende Generalsekretär Tufeili durch den Rafsandschani-Gefolgsmann Abbas el-Mussawi ersetzt. Der verkündete gleich eine neue Linie: "Die Geiselnahme Unschuldiger, der Schandfleck des Islam, muß entfernt werden."
Den Syrern ist diese Politik nur recht. Seit sie, als Lohn für ihre Teilnahme an der Anti-Saddam-Allianz, freie Hand im Libanon haben, sind sie dort auch für Ruhe und Stabilität zuständig. Ihr Geheimdienstler Kinaan: "Wir wissen genau, wer in welchem Haus wohnt."
Auf Vorhaltungen, warum die Syrer dann nicht die Verstecke der Entführten stürmen, entgegnet Präsident Assad nicht gerade überzeugend: "Mit Gewalt kann man keine Geiseln befreien."
Tatsächlich aber wird für die Entführer-Gruppen im Libanon der Manövrierraum immer enger, seit die Syrer und die von ihnen kontrollierte libanesische Armee fast alle Milizen entwaffnet haben. Die Geiselnehmer müssen selbst handeln, wollen sie für ihre Opfer noch etwas herausschlagen.
Der Aufruf des Islamischen Dschihad zur Freilassung von McCarthy klang jedenfalls weniger martialisch als frühere Erklärungen: "Das Geisel-Problem", so die berüchtigten Kidnapper, "ist kompliziert geworden. Es hat seit vielen Jahren Haushalte und Entscheidungszentren rund um die Welt belastet." o

DER SPIEGEL 33/1991
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