10.06.1991

„Intrigen, Gerüchte und Tricks“

Fichtel, 22, ist derzeit die weltweit erfolgreichste Fechterin. Die Lieblingsschülerin von Chefbundestrainer Emil Beck gewann 1988 zwei olympische Goldmedaillen in Seoul und wurde zweimal Weltmeisterin. Die Florettfechterin, die im vergangenen Jahr das Bundesleistungszentrum Tauberbischofsheim verließ und nach Wien zog, gilt als Favoritin für die Weltmeisterschaft, die am Donnerstag in Budapest beginnt.
SPIEGEL: Sie werden oft als Steffi Graf des Fechtens bezeichnet. Ehrt Sie der Vergleich?
FICHTEL: Sicher macht mich das stolz. Aber wenn ich in der Öffentlichkeit behandelt worden wäre wie Steffi Graf, dann hätte ich längst aufgehört. Diesen Rummel hält doch kein Mensch aus.
SPIEGEL: Die Öffentlichkeit sieht darin eine Verpflichtung derjenigen, die ja ganz gut von ihrer Popularität leben.
FICHTEL: Ich fechte erfolgreich und gewinne Medaillen. Damit leiste ich genug. In Deutschland scheinen alle zu glauben, erfolgreiche Sportler seien öffentliches Eigentum. Vor ein paar Minuten auf der Straße habe ich eine deutsche Touristengruppe gesehen. Da habe ich gleich die Straßenseite gewechselt. Ich habe nichts dagegen, angesprochen zu werden. Aber manche Leute sind so unverschämt, die grapschen mich sofort an. Als ob ich eine Ware sei.
SPIEGEL: Wie erklären Sie sich, daß auch andere Spitzensportler wie der Radprofi Rolf Gölz oder Boris Becker sich kaum in Deutschland aufhalten?
FICHTEL: Das hängt mit der deutschen Mentalität zusammen. Ich bin geflohen, weil ich eine regelrechte Angst vor der Öffentlichkeit entwickelt habe. Es ist doch brutal, wenn in zentimeterhohen Buchstaben in der Zeitung steht: Boris Becker - der Depp der Nation. Damit könnte ich nicht umgehen. Und in Tauberbischofsheim, einer Kleinstadt mit 12 000 Einwohnern, war es noch schlimmer. Jeder weiß alles über dich, du konntest nicht einkaufen, nicht ausgehen, ohne dich rechtfertigen zu müssen. Es gab keine Fluchtmöglichkeit. Hier in Wien kennt mich keiner. Außerdem haben die Österreicher nicht dieses gnadenlose Konkurrenzdenken.
SPIEGEL: Dem knallharten Wettbewerb im Bundesleistungszentrum Tauberbischofsheim haben Sie aber doch Ihre Karriere zu verdanken?
FICHTEL: Ja, alles. In Österreich wäre ich immer Durchschnitt geblieben. Ich trainiere viel weniger, fahre jeden Tag eineinhalb Stunden zum Training und muß alles selbst machen.
SPIEGEL: Dennoch sind Sie nach Ansicht Ihres Trainers Harald Hein "nahezu unschlagbar". Woran liegt das?
FICHTEL: Ich habe zehn Jahre voll trainiert, jeden Tag hart gearbeitet, war nur auf den Erfolg konzentriert und habe nichts anderes gesehen. Ich habe alles erreicht und kann nur noch verlieren. Selbst ein Olympiasieg 1992 wäre keine Steigerung, sondern nur Stagnation. Ich bin nach Wien gegangen, um meine Karriere langsam ausklingen zu lassen, wollte Turniere nur noch zum Spaß fechten - daß es so gut lief, damit hat keiner gerechnet.
SPIEGEL: Hatten Sie früher keinen Spaß?
FICHTEL: Viel weniger. Da hatte ich Angst vor dem Gedanken: Was passiert, wenn ich verliere? Mitunter befiel mich richtige Panik. Heute kann ich besser damit umgehen. Denn 1988, nach meinen Olympiasiegen, habe ich gemerkt, daß der Sport mit dem richtigen Leben nicht viel zu tun hat. Im Moment des Erfolgs ist alles toll, alle lieben dich. Aber was bringt mir das auf die Dauer?
SPIEGEL: Der Beruf eines Leistungssportlers gilt als attraktiv: Sporthilfe-Förderung, kostenloses Auto, Werbeverträge, Ruhm und Anerkennung.
FICHTEL: Aber wie lange? Als ich überlegte, ob ich Tauberbischofsheim verlassen sollte, hatte der Motorradfahrer Reinhold Roth diesen schrecklichen Unfall. Zwei Tage stand etwas in der Zeitung, aber heute interessiert sich keiner dafür, daß Roth seit fast einem Jahr im Koma liegt. Wenn mir so etwas passierte, wäre es genauso. Ruhm hält sich nicht lange in dieser schnellebigen Zeit.
SPIEGEL: Es heißt, daß ein Fechter nur in Tauberbischofsheim ein Star sein kann. Sie beweisen das Gegenteil. Spüren Sie Ablehnung, wenn Sie zum Training dorthin zurück fahren?
FICHTEL: Nicht direkt Ablehnung. Aber ich fühle mich manchmal fremd, _(Das Interview führte SPIEGEL-Redakteur ) _(Hajo Schumacher. ) spüre, daß ich nicht mehr dazugehöre, weil ich viel lockerer auftrete und nicht mehr so fixiert bin. Die anderen trainieren stumpfsinnig. Wenn ich dort fechte, gehen alle plötzlich auf mich los, und ich weiß gar nicht so recht, was ich machen soll. Da gönnt dir keiner was.
SPIEGEL: Sind Sie nicht ebenfalls zu einer Fechtmaschine erzogen worden?
FICHTEL: Das hatte Vor- und Nachteile. Mein Leben war Fechten, ich konnte mich ganz darauf konzentrieren. Aber du hattest keine Ideen und Gedanken mehr, du wußtest nicht mal mehr, was du denkst und was andere für dich denken. Ich habe funktioniert wie ein Roboter: fechten und lächeln. In Wien kann ich mich auch mal hinsetzen, mit den Leuten reden und Spaß haben.
SPIEGEL: War denn in Tauberbischofsheim das Lachen verboten?
FICHTEL: Nicht verboten, aber Spaß und Lachen lassen sich dort nicht mit Erfolg vereinbaren. Da wurde man sofort schief angeschaut. Im vergangenen Jahr war ich an dem Punkt, wo ich mehr Menschlichkeit gebraucht habe.
SPIEGEL: Ob bei der Wohnung oder dem gewünschten Arbeitsplatz - sind Sie nicht in zehn Jahren Tauberbischofsheim regelrecht hofiert worden?
FICHTEL: Aber man war auch total überwacht. Man hatte immer ein schlechtes Gewissen und mußte sich ständig rechtfertigen. Man trainierte wie ein Gestörter, alles funktionierte perfekt. Emil Beck ist nicht bösartig, aber besessen. Für den Erfolg tut er alles, er findet es normal, daß man sein Leben dem Erfolg unterwirft. Als mein Freund aus Wien nach Tauberbischofsheim kam, hat der gar nicht begriffen, was dort passierte. Er hat mich gefragt, warum ich stets das tue, was andere von mir verlangen.
SPIEGEL: Sie müssen doch schon vorher gemerkt haben, daß Emil Beck Ihren gesamten Tagesablauf geplant hat?
FICHTEL: Wenn man im System drinsteckt, spürt man die totale Kontrolle nicht. Ich habe mit neun Jahren angefangen und mich so ins Training hineingesteigert, daß ich blind war für alles andere. Ohne _(* Nach dem Olympiasieg in Seoul 1988. ) meinen Freund würde ich immer noch grinsend durch die Stadt laufen und sagen: Es ist alles toll hier, mir macht alles soviel Spaß.
SPIEGEL: Warum haben Sie sich denn nie gewehrt?
FICHTEL: Ich habe ja gesagt, was mir stinkt. Aber niemand stand hinter mir. Fünf Minuten vorher haben alle gemeckert und gelästert - aber wenn Beck kam, waren sie still und kuschten.
SPIEGEL: Andere zogen schneller Konsequenzen. Die Fechter Arnd Schmitt und Ulrich Schreck haben Tauberbischofsheim früh verlassen.
FICHTEL: Schreck war einer der Besten überhaupt, aber er hat gerne gelebt und sich lieber um seine zwei Kinder gekümmert. Beck aber wollte ihn vereinnahmen. Das gab dauernde Reibereien. Schmitt war auch zu viel Persönlichkeit, daß er es dort ausgehalten hätte.
SPIEGEL: Persönlichkeiten bekommen demnach zwangsläufig Probleme mit Cheftrainer Beck?
FICHTEL: Wer den Mund hält, lebt wunderbar. Aber wenn mal einer etwas kritisiert, dann wird er gnadenlos niedergemacht. Es heißt dann, daß die Methoden bleiben, weil damit der Erfolg kam. Veränderungen sind nicht gefragt, es ist ein schwerfälliges System. Da war egal, wer die Medaillen holte. Hauptsache, es war Gold. Du warst kein Mensch, sondern nur eine Nummer. Das frustriert auf die Dauer unwahrscheinlich.
SPIEGEL: Tauberbischofsheim gilt immer noch als das Vorbild aller Bundesleistungszentren.
FICHTEL: Wer weiß, wie lange noch. Weil die Erfolge fehlen, holt man schon alles, was in der ehemaligen DDR kreucht und fleucht, oder bürgert Sowjets und Polen im Schnellverfahren ein. Die bekommen eine Wohnung und einen Mercedes. Aber die, die seit Jahren trainieren, erhalten nichts und müssen sich dafür noch bedanken. Man muß den Nachwuchs aufbauen, auch wenn die Siege zwei, drei Jahre ausbleiben.
SPIEGEL: Es gilt, den Ruf einer unerschöpflichen Medaillenschmiede zu verteidigen.
FICHTEL: Olympiasieger sind nicht planbar. Für Nachwuchsarbeit ist doch kaum mehr Zeit. Beck und die Medien haben ihre Ansprüche gegenseitig hochgeschaukelt, nun ist der Druck unerträglich. Mein Bruder war sehr talentiert und Deutscher Meister in der A-Jugend. Doch er bekam immer wieder neue Ausländer vorgesetzt. Er hat es nicht mehr ausgehalten und aufgehört.
SPIEGEL: Haben Sie keine Probleme gehabt, sich mit dieser Ellenbogenmentalität zurechtzufinden?
FICHTEL: Als ich anfing, war es noch spielerischer. Heute herrscht schon bei den Kleinsten ein irrer Druck, das können die gar nicht aushalten. Ein paar beißen sich durch, aber es bleiben viele auf der Strecke, auch in meinem Jahrgang. Daran hängen Schicksale; junge Leute zerbrechen, weil sie nicht mithalten und keiner sich um sie kümmert. Aber von ihnen erfährt kein Mensch.
SPIEGEL: Warum haben Sie denn nicht auf die Opfer der rigiden Auslese Becks aufmerksam gemacht?
FICHTEL: Wenn man Erfolg hat, macht man sich über die anderen wenig Gedanken. Man ist so aufs Fechten fixiert und will mehr und mehr. Insgeheim freut man sich sogar, wenn eine Konkurrentin auf der Strecke bleibt.
SPIEGEL: War nicht auch die Nähe zu Beck verantwortlich? Sie galten als seine Vorzeigeathletin, sogar als mögliche Schwiegertochter.
FICHTEL: Der Emil hätte es bestimmt gerne gesehen, weil er mich dann ganz unter Kontrolle gehabt hätte. Er hat nicht gemocht, daß ich mit einem Fremden zusammen war, der das System kritisch betrachtet hat.
SPIEGEL: Ihr Freund Merten Mauritz wollte sich im vergangenen Jahr sogar mit Beck prügeln. Wie weit reichte dessen Einfluß auf Ihr Privatleben?
FICHTEL: Das ging so weit, daß meine Eltern regelmäßig Besuch von Leuten aus dem Fechtzentrum bekommen haben. Man hat auf eiskalte und berechnende Art versucht, mich und meinen Freund auseinanderzubringen. Es wurden gezielt Gerüchte gestreut, daß mein Freund sich nachts herumtreibt, wenn ich auf Turnieren bin. Es macht mich noch im nachhinein fertig, daß ich mir die Intrigen, Gerüchte und Tricks einfach so habe gefallen lassen.
SPIEGEL: Wen vermuten Sie als Drahtzieher?
FICHTEL: Das kann man sich wohl denken. Aber wenn ich das sage, kriege ich was auf den Deckel.
SPIEGEL: Haben Sie Angst?
FICHTEL: Nein, aber ich bin vorsichtig. Meine Eltern leben in Tauberbischofsheim, und die hatten Ärger genug.
SPIEGEL: Jetzt gibt es Turniere wie das Masters, bei denen 80 000 Mark Preisgeld gezahlt werden. Wollen Sie zum Karriereende noch einmal Kasse machen?
FICHTEL: Meine Eltern und mein Trainer Harald Hein halten mir dauernd vor, daß ich viel mehr verdienen könnte mit Autogrammstunden und Fernsehauftritten. Aber ich bin nicht der Typ, der sich zwei Stunden irgendwo hinstellt, dumm grinst und Small talk macht.
SPIEGEL: Wie ernst war denn Ihre Drohung gemeint, die österreichische Staatsbürgerschaft anzunehmen?
FICHTEL: Emil Beck hat eine höllische Angst davor, daß ich für Österreich starte. Das könnte ich nicht, aber es macht mir Spaß, einen Trumpf in der Hand zu haben. Es war das Größte, als bei meinem Olympiasieg die deutsche Nationalhymne gespielt wurde. Ein bißchen patriotisch bin ich auch.
SPIEGEL: Nun erwartet die Nation von Ihnen, daß Sie bei Olympia 1992 in Barcelona noch einmal Gold gewinnen.
FICHTEL: Das ist mir egal. Ich lasse mich nicht drängen. Wenn ich keine Lust mehr habe, höre ich auf, auch vier Wochen vor der Olympiade.
Das Interview führte SPIEGEL-Redakteur Hajo Schumacher. * Nach dem Olympiasieg in Seoul 1988.
Von Hajo Schumacher

DER SPIEGEL 24/1991
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 24/1991
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Intrigen, Gerüchte und Tricks“

  • Die Ü50-Mütter: Schwangerschaft statt Menopause
  • Filmstarts: Im Auftrag der Gerechtigkeit
  • Emotionaler Moment im EU-Parlament: Abgeordneter spielt "Ode an die Freude"
  • Seltene Ultraschallaufnahmen: Zwillinge "boxen" im Mutterleib