11.02.1991

„Einfach alle rausschmeißen“

Bei den Europameisterschaften 1990 gewann Heike Henkel, 26, Gold im Hochsprung. Die Ehefrau des ehemaligen Schwimm-Weltmeisters Rainer Henkel holte sich bisher 13 deutsche Meistertitel, davon 7 in der Halle.
SPIEGEL: Am nächsten Wochenende starten die Leichtathleten in Dortmund zu ihren ersten gesamtdeutschen Hallen-Titelkämpfen. Müssen die ehemaligen DDR-Athleten, wie vorher die Schwimmer, starke Leistungseinbußen befürchten?
HENKEL: Ich bin selbst gespannt, was die Ex-DDR-Leute bringen werden. Die Schwimmer standen unter dem Schock der Doping-Veröffentlichungen. Der psychische Druck war so groß, daß die dachten: "Ich bin schlecht, weil ich nichts mehr nehmen darf." Die Leichtathleten hatten viel mehr Zeit, sich auf die neue Situation einzustellen.
SPIEGEL: Hat sich an der Doping-Mentalität nichts geändert?
HENKEL: Eine Konkurrentin aus der ehemaligen DDR glaubt noch immer, daß eine Frau ohne Anabolika nicht über zwei Meter springen kann. Das ist absoluter Schwachsinn. Viele haben völlig den Glauben an sich verloren, die denken, nur mit dem Zeug könne man etwas leisten.
SPIEGEL: Dabei galten Hochspringerinnen wegen ihrer Schlankheit doch immer als unverdächtig?
HENKEL: Manche von uns sind so schlank, daß sie wie Bodybuilder nur noch aus extrem ausgebildeten Muskeln bestehen. Und die haben sie fast von einer Woche auf die andere bekommen, geradezu explosionsartig. Die Sowjetrussin Tamara Bykowa etwa hüpfte bei einem Wettkampf wie ein Sack - aber zwei Wochen später sprang sie plötzlich top.
SPIEGEL: Wollen Sie in Dortmund beweisen, daß es auch ohne Anabolika geht?
HENKEL: Ja, und ich habe mir auch schon einige Aktionen ausgedacht, um das der Öffentlichkeit klarzumachen. Ich werde mir zum Beispiel auf mein T-Shirt malen: "Ich hab's nicht nötig. Es geht auch ohne."
SPIEGEL: Gilt dieser Appell nur den ehemaligen DDR-Athleten?
HENKEL: Nein, die in der DDR hatten vielfach überhaupt keine andere Wahl, als Anabolika zu schlucken. Schlimmer finde ich es, daß unsere Funktionäre die verantwortlichen Trainer und Ärzte von drüben übernehmen. Das ist unmöglich, da fühlt man sich als Athlet richtig hilflos.
SPIEGEL: Hätte der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) niemanden aus der Ex-DDR übernehmen sollen?
HENKEL: Der DLV hätte viel vorsichtiger mit den Einstellungen sein müssen. Zum Beispiel beim ehemaligen DDR-Cheftrainer Bernd Schubert, der alles über das Doping gewußt haben muß und mir jetzt in einem Befehlston, als stünde die Mauer noch, Anordnungen geben will, wo ich anzutreten habe. So ein Mensch hat hier nichts zu suchen, der hat sich vom alten System nicht gelöst.
SPIEGEL: Auf die Hilfe der Funktionäre bauen Sie bei Ihrem Engagement gegen das Doping nicht?
HENKEL: Nein, es hat ja schon ewig gedauert, daß die sich überhaupt einmal gerührt haben. Den meisten Funktionären war es doch immer scheißegal, ob jemand etwas nimmt, Hauptsache die Leistung hat gestimmt. Und es ist doch mehr als lächerlich, daß sich Carlo Thränhardt für seinen Ausspruch, 50 Prozent aller Leichtathleten seien gedopt, auch noch schriftlich entschuldigen soll.
SPIEGEL: Wer sind die Sündenböcke?
HENKEL: Funktionäre, Trainer und Ärzte behalten ihre Stellung. Der Athlet aber ist immer Opfer. Wer keine guten Ergebnisse abliefert, bekommt keine Förderung mehr. Und wer nichts genommen hat, darf den Mund nicht aufmachen. Er muß höllisch aufpassen, da wird ja sofort geklagt. Deshalb will keiner die Wahrheit sagen. Und es wagt erst recht keiner, einfach alle maßgeblichen Funktionäre rauszuschmeißen und den Verband mit neuen Leuten neu zu gründen - obwohl genau das nötig wäre.
SPIEGEL: Sollen die neuen Trainingskontrollen, denen sich die besten Athleten alle 14 Tage zu unterziehen haben, nur das Image des DLV aufpolieren?
HENKEL: Die Tests sind doch lächerlich. Die Athleten wissen schon eine Woche vorher, wann sie kontrolliert werden. Wenn ich etwas nehmen würde, hätte ich genug Zeit, frühzeitig abzusetzen. Wirksam ist nur, wenn die Athleten jede Woche geprüft oder nur noch unangekündigte Kontrollen durchgeführt werden. Doch auch dann wird man das Doping wohl nie ganz wegbekommen.
SPIEGEL: Fürchten Sie, bei guten Leistungen nun mit der des Dopings überführten Weltmeisterin Bykowa in einen Topf geworfen zu werden?
HENKEL: Auch ich als saubere Athletin muß ständig um meine Glaubwürdigkeit kämpfen. Mit einigen anderen will ich zeigen, daß Doping nicht nötig ist. Deshalb trete ich nur noch da an, wo auch Kontrollen stattfinden.

DER SPIEGEL 7/1991
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