11.02.1991

KinoSteh auf und wandle!

„Zeit des Erwachens“. Spielfilm von Penny Marshall. USA 1990. 104 Minuten; Farbe.
Vielleicht ist Oliver Sacks ein so erstaunlicher Arzt, weil er die Kranken mehr liebt als die Gesunden. In seinen Patienten sieht er Menschen, von denen er etwas lernen kann; wenn er sich mit neugieriger Phantasie in ihre Zustände einzufühlen sucht, verfliegt offenbar die Berührungsscheu, die ihm sonst nachgesagt wird; tief "unter der medizinischen Wahrnehmungsschwelle" spürt er Leiden und Not nach, denn was ihn von seinen Schützlingen trennt, auch wenn sie unansprechbar scheinen, sei, so meint er, nur "der Abgrund zwischen allen Menschen". Seine Leidenschaft, mit wissenschaftlichem und literarischem Anspruch Fallgeschichten aus der Praxis zu erzählen ("Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte"), hat den verschlossenen Mann mit struppigem Bart berühmt gemacht.
Keinen aufstrebenden jungen Arzt, der sich als Neurologe fortbilden will, drängt es danach, in einer Verwahranstalt für hoffnungslose Pflegefälle zu arbeiten. Wem soll er da helfen? Der junge Oliver Sacks aber hat 1966 einen solchen Job akzeptiert, als er aus London in die USA gekommen war, und er hat in der Routine eines Asyls für geistig Schwerbehinderte in der Bronx die fesselndste Aufgabe seines Lebens gefunden.
Sein Interesse galt einer Gruppe von etwa 80 älteren Patienten, die zwar bestimmte Reflexe zeigten, die meiste Zeit aber in so tiefer Reglosigkeit erstarrt waren, daß sich nicht einmal ein unwillkürlicher Lidschlag beobachten ließ. Sie waren seit Jahren oder Jahrzehnten in diesem Abwesenheitszustand verstummt; sie waren die vergessenen Opfer einer vergessenen Krankheit, der "Encephalitis lethargica".
Dieses tückische Leiden, auch "Europäische Schlafkrankheit" genannt, wurde zuerst 1916 in Wien beobachtet, breitete sich um die halbe Welt aus, fand etwa fünf Millionen Opfer und erlosch nach einem Jahrzehnt so plötzlich, wie es aufgetaucht war. Ein Teil der Erkrankten starb rasch, im Koma oder an totaler Schlaflosigkeit, andere überstanden die Infektion offenbar folgenlos.
Drei, fünf oder zehn Jahre später aber begannen die Schäden, die das Virus im Hirn angerichtet hatte, zu wirken: Die Betroffenen zeigten zunehmend Funktions- und Verhaltensstörungen, die den Symptomen der Parkinsonschen Krankheit glichen, und versanken dann rettungslos in Starre und Selbstvergessenheit. "Mein Geist war wie ein stiller Teich, der sich selbst widerspiegelt", beschrieb später einer seinen Zustand, und ein anderer sagte, dieses Leben sei "die Totenstille der Unbeweglichkeit".
Im Frühjahr 1969 begann Sacks bei seinen Schlafkrankheitsopfern mit einem neuen Medikament namens L-Dopa zu experimentieren, das auf die Biochemie des Hirns von Parkinson-Patienten erfolgreich gewirkt hatte, und nach hinreichend hoher Dosierung geschah Unglaubliches: Die Ansammlung erstarrter, verkrümmter, sabbernder Wracks verwandelte sich in eine Gruppe überschwenglich Lebendiger, die rufend, singend, tanzend ihr Erwachen, ihre Auferstehung feierten.
Der große Bericht über das L-Dopa-Experiment, "Awakenings", erschienen 1973, war das erste Sacks-Buch, das Aufsehen erregte. Seine Fallgeschichten haben Erzählungen, Theaterstücke sowie eine Oper inspiriert, und dann, 20 Jahre nach den sensationellen Ereignissen, kamen Filmleute. Ein paar hatte Sacks schon kennengelernt, als er Dustin Hoffman für "Rain Man" fachkundig instruierte, doch nun drängten sie unter Anführung der Regisseurin Penny Marshall voll Neugier in die Klinik: Wie die kuriose Spezies Schauspieler auf den Neurologen Sacks wirkte, hat er in einem Nachtrag zur Neuausgabe von "Awakenings" geschildert*.
Der eine, Robin Williams, verblüffte ihn durch sein blitzschnelles Imitationstalent und verstörte ihn, wenn er sich (da er im Film den Arzt spielen sollte) in ein "Spiegelbild", ja einen "Zwillingsbruder" von Sacks verwandelte. Der andere, Robert De Niro, faszinierte ihn durch die unersättliche Gier, mit der er Patienten beobachtete, Tonbänder abhörte, dokumentarisches Filmmaterial studierte und schließlich sogar nach London flog, um dort in einer Klinik ein paar Tage mit Überlebenden der großen Schlafkrankheit zu verbringen.
Bei den Dreharbeiten dann erlebte Sacks, manchmal "verwirrt und verängstigt", wie elementargewaltig sich in De Niro alles entlud, was er still in sich aufgesogen hatte; wenigstens einmal glaubte der Arzt, bei De Niro sei tatsächlich eine "neurologische Katastrophe" eingetreten - am liebsten hätte er ein EEG angefertigt, um festzustellen, ob die _(* Oliver Sacks: "Awakenings - Zeit des ) _(Erwachens". Rowohlt Taschenbuch Verlag, ) _(Reinbek; 460 Seiten; 14,80 Mark. ) Hirnströme des Schauspielers in solchen Identifikationszuständen ähnlich abnorm wie bei seinen Patienten liefen: Durch De Niro, so fand er, habe er etwas über Pathologie gelernt.
Einiges von diesen Lektionen führt Penny Marshalls Film "Zeit des Erwachens" eindrucksvoll vor. Robin Williams stellt mit weicher Zurückhaltung den Arzt dar, der sich oft bekümmert den Bart rauft; De Niro spielt, erst gelähmt, dann entfesselt, den Patienten Leonard L. Er war, damals Mitte 40, der Jüngste unter den Schlafkrankheitsopfern, denn die Infektion hatte ihn als Kleinkind erwischt, er war wohl der Intelligenteste, denn der Sog der Krankheit hatte ihn erst gegen Ende eines Literaturstudiums in Harvard verschlungen, und er entwickelte in den Jahren vor Beginn der Therapie mit Hilfe einer Buchstabentafel einen intensiven Dialog mit dem Arzt. Er war der erste, bei dem L-Dopa ausprobiert wurde, bei dem es wirkte; im Glücksrausch nach dem Erwachen brachte er eine umfängliche Autobiographie zu Papier.
Die Sorgfalt, die Penny Marshalls Film der Darstellung klinischer Vorgänge widmet, ist höchst ungewöhnlich, doch die Zutaten, mit denen er sie zur Kinogeschichte rundet, bleiben platt: Wie der tapfere Arzt gegen die gleichgültige Anstaltsbürokratie kämpfen muß; wie er aus Schüchternheit partout nicht merken will, daß die Schwester, die ihm so begeistert zur Seite steht, in ihn verliebt ist; wie der erwachte Leonard in der Schwärmerei für eine hübsche Anstaltsbesucherin aufblüht - das sind Sentimentalitäten aus einem Ärzteroman. Daß die ganze grausige Normalität eines solchen Asyls für das Kinopublikum unerträglich wäre, mag sein; doch da der Film sich fromm dem Tabu beugt, ein Schwerbehinderter dürfe wohl mitleiderregend, aber keinesfalls ekelhaft oder abstoßend wirken, beschönigt er die Katastrophe, auf die "Awakenings" hinsteuert.
Das Wundermittel L-Dopa vermochte, erstaunlich genug, jahrzehntelang lahmgelegte Hirnfunktionen wiederherzustellen, doch es konnte die psychischen Schäden des Siechtums nicht wiedergutmachen, eine Glücksdroge war es nicht. Nach dem ersten Jubel über ihre Auferstehung traf die Patienten der Schock der Realität: lauter wiederbelebte Dornröschen, doch vom Prinz weit und breit keine Spur. Wie sollte ein junges Mädchen, dessen Lebensuhr 1926 stehengeblieben war, sich in der alten Frau wiedererkennen, als die es erwachte? Und wie konnte sich hinter den Gittern einer geschlossenen Anstalt erfüllen, was nun an Wünschen, Bedürfnissen, Leidenschaften, Lebenshunger und Glücksphantasien in den Auferstandenen emporschoß?
Nur eine Minderheit der Sacks-Patienten war robust genug, diesen Schock zu verkraften und sich mit der elenden Realität abzufinden. Manche fielen nach dem Zusammenstoß mit der neuen Welt in die alte Erstarrung zurück, so tief, daß kein Medikament sie mehr beleben konnte; andere sind, übermächtigt von der Unerträglichkeit, in schizophrenieartigen Zuständen zerrissen: Sie seien, sagte Leonard L., prächtig wie eine Supernova explodiert und dann in ein Schwarzes Loch zusammengestürzt. Auch Leonard L. ist es so ergangen. Aus seinem Absturz macht Robert De Niro einen Augenblick von bewegender Entsetzlichkeit. Urs Jenny
* Oliver Sacks: "Awakenings - Zeit des Erwachens". Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek; 460 Seiten; 14,80 Mark.
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 7/1991
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