12.08.1991

KrebsKnoten im Schlund

Krebserkrankungen in Mund und Rachen nehmen dramatisch zu - häufig verursacht durch Alkohol und Rauchen.
Wenn Peter Volling, Oberarzt an der HNO-Universitätsklinik Köln, morgens um 7.30 Uhr auf die Abteilung kommt, weiß er, was der Arbeitstag ihm bringen wird - mindestens einen neuen Patienten mit Kopf- oder Halskrebs.
Das Bild ist immer wieder gleich: Kranke mit grauem Hautkolorit, vorwiegend Männer in den sogenannten besten Jahren, sitzen im Warteraum mit geschwollenen Wangen, die Schlimmes verbergen: offene, mit Bakterien besiedelte Krebsgeschwüre, die oftmals schon den Mundboden durchbrochen haben. Zunge, Rachen oder Kehlkopf sind von den Wucherungen häufig irreparabel zerstört.
Eine "dramatische Entwicklung" beobachten Volling und seine Kollegen bei den Krebserkrankungen der oberen Luft- und Speisewege. Die HNO-Tumoren haben so drastisch zugenommen, daß sie, laut Volling, "bei Männern sogar die Häufigkeit des Hauptkillers Lungenkrebs erreichen".
Weit über 8000 Menschen erkranken nach Schätzungen der Spezialisten jährlich in Deutschland an diesen Schleimhaut-Karzinomen. Den "wenig bekannten Krebsformen" (Volling) fallen mittlerweile doppelt so viele unter 65jährige zum Opfer wie noch 1970, bei den 50jährigen hat sich die Sterblichkeit sogar vervierfacht - Steigerungsraten, die keine andere Tumorart erreicht.
Auch die Prognose ist düster: Während sich bei zahlreichen anderen Tumoren die Heilungsaussichten gebessert haben, überleben nur 25 Prozent der von Rachen-, Hals- oder Mundkrebs Befallenen die magische Fünf-Jahres-Grenze.
Im Gegensatz zur meist rätselhaften Zunahme verschiedener anderer Krebsarten ist die Ursache für den Zuwachs im HNO-Bereich bekannt: "Diesen Krebs trinken sich die Patienten eindeutig mit Alkohol an", meint Professor Eberhard Stennert, Chef der Kölner Klinik. Chronischer Zigarettenkonsum treibe das Risiko zusätzlich in die Höhe.
In der Öffentlichkeit, klagt Stennert, werde die alarmierende Tendenz bislang "kaum beachtet", es gebe "keine Lobby" für die Patienten, denen die Volksmeinung nachsage, sie seien aufgrund ihres Lebenswandels an ihrer Krankheit "selbst schuld".
Nur vorübergehend gerieten die bösartigen Kopf-Hals-Tumoren ins Blickfeld, als 1988 die Leidensgeschichte eines Betroffenen gedruckt und verfilmt wurde: Leonhard Lentz, ein vom Kehlkopfkrebs befallener Kaufmann aus Wedel, hatte zehn Jahre Tagebuch über seinen Leidensweg geführt. Als "Indianer", mit roten Markierungen für die Bestrahlung auf den Wangen, erschütterte Lentz die Fernsehzuschauer.
Dasselbe Leiden hatte, ein Jahrhundert früher, Geschichte gemacht: Am 99. Tag seiner Herrschaft starb 1888 Kaiser Friedrich III., nachdem sich die behandelnden Ärzte mit widersprüchlichen Diagnosen und Therapien ein Jahr lang über die Krebsgeschwulst im Hals des Hohenzollern gestritten hatten.
Opfer eines HNO-Karzinoms wurde auch der zeitlebens mit Drogen experimentierende Schriftsteller Aldous Huxley, ebenso Sigmund Freud, der sich mit 66 Jahren einen Tumor in der Mundhöhle angeraucht hatte. Nach der Entfernung größerer Partien des Kieferknoches sowie des Gaumens und der Zungenschleimhaut mußte sich der Ur-Analytiker mit einer sperrigen Kieferprothese herumquälen.
Mit Heiserkeit, Schluckbeschwerden, Ohrenschmerzen oder auch geröteten oder weißlichen Stellen auf der Schleimhaut beginnt das fatale Zellwachstum, das auch von den Ärzten oftmals falsch gedeutet wird.
Der Hausarzt blickt zwar in den Mund, entdeckt aber wenig. Denn krebsige Knoten oder ihre Vorformen im Zungengrund oder im Schlund, wo zwei Drittel der Patienten erkranken, sind nur mit dem Spiegel des HNO-Arztes oder mit dem Endoskop zu erkennen. Das dann häufig verschriebene Antibiotikum kann nichts bewirken. Volling: "Da gehen Wochen, wenn nicht Monate durch die erste Behandlung verloren."
Viel zu spät, oft schon mit aufgetriebenem Gesicht, kommen die Patienten in die HNO-Abteilungen der Universitätskliniken, in denen längst nicht mehr vorwiegend Mandeln oder Polypen, sondern bösartige Tumoren wegoperiert werden: Am stärksten, bis um das Siebenfache, ist seit 1970 die Zahl der Patienten mit Tumoren im Mundboden und im unteren Schlundbereich gestiegen. Verdreifacht haben sich die Karzinome der Zunge, eine Verdopplung registrierten die Ärzte im Rachenring. Die Zahl der Kehlkopfkrebse stieg um 25 Prozent.
Immer größer wird der Anteil der Mittdreißiger bis Fünfziger unter den Krebsfällen - ein Phänomen, das die Ärzte auf den steigenden Konsum von Alkohol und Zigaretten zurückführen, der häufig bereits in der Schulzeit beginnt. So liegen die klassischen europäischen Weinländer, wie internationale Statistiken zeigen, mit den HNO-Tumoren an der Spitze, allen voran Frankreich; Deutschland nimmt die sechste Stelle ein.
Dabei ist der biochemische Mechanismus, der die Schleimhautzellen entarten läßt, immer noch nicht gänzlich geklärt. Alkohol zerstört offenbar den schützenden Schleimhautfilm im Mund und kann in konzentrierter Form bereits allein Krebs verursachen; zudem könnte Alkohol als Lösungsmittel für die krebserregenden Substanzen des Zigarettenrauches wirken.
Den Versuch, das Risiko exakter zu beziffern, unternahmen im vergangenen Jahr HNO-Ärzte der Uniklinik Heidelberg mit einer Befragung unter Männern zwischen 31 und 93 Jahren. Bei den Tumorpatienten, so zeigte sich, lag der Alkohol- und Zigarettenverbrauch doppelt so hoch wie bei den tumorfreien Vergleichspersonen. Wer täglich 100 Gramm Alkohol, also etwa einen Liter Wein, zu sich nahm, hatte ein 21fach erhöhtes Krebsrisiko. Wurden beide Genußmittel reichlich konsumiert (20 Zigaretten täglich und mehr als 75 Gramm Alkohol), stieg das Risiko, an Mund- oder Rachenkrebs zu erkranken, auf das 46fache.
"Wie immer", schränkt Professor Stennert ein, "spielt die Biologie des einzelnen eine große Rolle." Doch den "absolut kritischen Oberwert" des Alkoholkonsums setzt der Kölner HNO-Tumorspezialist mit einer "Tagesdosis von 60 Gramm für Männer" fest, was einer Flasche Wein, vier kleinen Whiskys oder sechs Glas Kölsch entspricht. Für Frauen, die mit den Erkrankungsarten in jüngster Zeit "deutlich aufholen" (Stennert), liege die Schwelle noch niedriger.
Die betroffenen Patienten, oftmals Arbeiter wie etwa Maurer, zunehmend aber auch Angehörige gehobener Berufe, müssen sich, sofern sie überhaupt noch operiert werden können, langwierigen Eingriffen unterziehen. Die Folgen der Operationen auf engem, von wichtigen Gefäßen und Nerven durchzogenem Raum im Kopf-Hals-Bereich sind schwerwiegend. Viele Patienten sind entstellt, andere verlieren die Sprache oder den Geschmackssinn, können nicht mehr schlucken und leiden an Mundtrockenheit.
Mit verfeinerten Therapiemethoden versuchen die Ärzte, den Kranken ihr Schicksal zu erleichtern. So arbeiten mehrere OP-Teams von Bauch-, Gefäß- und HNO-Chirurgie zusammen, um herausgeschnittenes Tumorgewebe durch Teile aus dem Dünndarm des Patienten zu ersetzen: Die hochelastische, Sekrete produzierende Darmschleimhaut paßt sich dem Rachengewebe besser an als die früher von Armen, Beinen oder Gesicht überpflanzten Hautlappen.
Wenn eine Operation, wie in 50 Prozent aller Fälle, wegen des zu weit fortgeschrittenen Tumorwachstums sinnlos ist, wird die Erkrankung mit einer Kombination von Chemotherapie und zusätzlicher Bestrahlung behandelt. So versuchen es beispielsweise die Kölner HNO-Ärzte mit dem Zytostatikum Carboplatin, das mit einer täglich zweimal verabreichten, "fraktionierten" Strahlendosis kombiniert wird.
Die Lebensqualität der Patienten habe sich bei diesem Verfahren "unstrittig verbessert", meint Volling, gelegentlich gebe es "ganz erstaunliche Rückbildungen". Doch diese Besserungsphasen sind nur kurz: "Wir verlängern vielleicht Leben - aber die Heilungsrate liegt nicht höher als zuvor."

DER SPIEGEL 33/1991
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