11.02.1991

„Gummiszenen, das läuft nicht“

SPIEGEL: Wann haben Sie angefangen, Pornofilme zu drehen?
JENNY: Mit 26 Jahren. Unsere Kleine war gerade geboren. Während der Schwangerschaft hatte ich Fotos gemacht für Umstandsmoden und Kosmetik. Das wurde ganz gut bezahlt. Na, und dann sagte eine Fotografin: Du hast 'ne prima Figur, wieso machste nicht Pornos, da verdienste irre gut.
SPIEGEL: Was heißt irre gut?
JENNY: 1000 bis 1500 Mark am Tag, kommt drauf an, was man macht, wie man aussieht und wie professionell man ist. Manchmal dauert die Dreherei nur eine Stunde. Also, anfangs wollte ich nicht. Aber wir hatten uns gerade eine Eigentumswohnung gekauft für 185 000 Mark, und mein Mann verdient als kaufmännischer Angestellter nicht gerade super toll. Also, ich dachte, was ist schon dabei, ist doch ein Job wie jeder andere. Na ja, wie man sich so was halt schönredet. Heute seh' ich das anders.
SPIEGEL: Was sehen Sie anders?
JENNY: Es ist eben kein Job wie jeder andere. Aber das merkte ich erst allmählich. Mein Mann, der war strikt dagegen. Also gut, sag' ich, ich versprech' dir, ich dreh' nur mit Frauen. Und das habe ich anfangs auch gemacht.
SPIEGEL: Warum sind Sie nicht dabei geblieben?
JENNY: Weil die Produzenten Druck machten. Sie sagten, entweder du machst jetzt auch mal die harten Sachen und drehst richtige Bumsszenen mit Männern, oder du bist weg vom Fenster. Den langweiligen Weiberkram will doch keiner sehen. Die Vereinbarungen wurden einfach nicht mehr eingehalten. Wenn zum Beispiel telefonisch ein Dreh mit 'ner Frau ausgemacht war, sagen wir mal in München, dann bin ich mit dem Zug hingetourt zur Location - so heißt der Drehstandort -, tja, und da steht da plötzlich ein Kerl. Und der Produzent sagt, wir haben die Szene geändert. Wenn es dir nicht paßt, kannste ja abhauen. Schließlich habe ich mich beschwatzen lassen, auch harte Pornos zu drehen. Meine Bedingung war, daß ich einen festen Drehpartner hatte. Das war ein Familienvater aus Schleswig-Holstein, den kannte ich ganz gut, der war Vollprofi, wie ich inzwischen auch, und bei dem war ich einigermaßen sicher, daß er clean war.
SPIEGEL: Was bedeutet clean für Sie?
JENNY: Na, daß er eben kein Fixer war und keine ansteckenden Krankheiten hatte. Ich hatte Angst, mich mit Aids zu infizieren. Alle Szenen, das können Sie sich ja denken, werden ohne Pariser gedreht.
SPIEGEL: Beim Hannoveraner Unternehmen von Teresa Orlowski verlangt man angeblich seit zwei Jahren von jedem Darsteller einen Aidstest, der nicht älter als zehn Tage sein darf. Wer den nicht vorweist, so hieß es, wird nach Hause geschickt oder muß mit Gummi arbeiten.
JENNY: Also, ich habe landauf, landab mit allen namhaften Firmen gedreht, nie habe ich erlebt, daß mal einer nach einem Aidstest gefragt hat, mich oder sonst jemanden. Und Gummiszenen, das läuft doch nicht, das kann ich mir absolut nicht vorstellen. Das wäre so, als würde man ein Buch ohne Buchstaben drucken. Unsinn. Manche Pornodarsteller drehen mit sechs, sieben verschiedenen Partnern am Tag. Und bei Analszenen oder harten Sadomasoszenen, zum Beispiel wenn gepeitscht wird, fließt oft Blut. Ich bin alle vier Wochen zum Aidstest gerannt. Denn immer stand der Familienvater auch nicht zur Verfügung. Ich kam gar nicht drumrum, mit anderen Männern zu drehen.
SPIEGEL: Haben Sie erlebt, daß mit Aidsinfizierten gedreht wurde?
JENNY: Ja. Ich habe im Dezember mit einer norddeutschen Produktionsfirma einen Sadostreifen gedreht, und da war ein ganz junger Typ dabei, so um die 20, der sah schaurig aus. Krank, eingefallen, überall Exzeme.
SPIEGEL: Wieso läßt man einen derartig verunstalteten Mann in einem Pornofilm auftreten?
JENNY: Es war, wie gesagt, eine Sadoszene. Der Typ steckte in einem schwarzen Gummianzug, man sah nur sein Gesicht. Ich spielte eine Domina mit Peitsche, er war einer der Sklaven. Ich gab die Kommandos und sagte plötzlich zu ihm: "Zieh dich aus." Na ja, er zog sich ganz verdattert aus. Und da sah ich dann, daß er überall voller Ekzeme war.
SPIEGEL: Es war ursprünglich gar nicht vorgesehen, daß er sich auszieht?
JENNY: Nein, jedenfalls nicht in der Szene. Im Grunde war das ein Mißverständnis. Ich frag' ihn, sag mal, was ist denn mit dir los. Und er sagt, ich bin aidspositiv, aber was soll ich machen, ich brauch' das Geld. Ich hab' den Dreh sofort geschmissen, der Produzent war stinksauer, polterte rum und drohte: Wehe, du sagst irgend jemandem was.
SPIEGEL: Wußte der Produzent, daß der Junge aidsinfiziert war?
JENNY: Ja. Deswegen kriegte er auch Schiß, daß ich ihn verpfeifen könnte. Der Junge agierte nämlich nicht nur in seinem Gummianzug, der hat auch Bumsszenen gedreht. Ekzeme kann man ja wegschminken. Und ich bin sicher, daß das auch anderswo läuft, die anderen Firmen sind auch nicht besser.
SPIEGEL: Vom Pornogeschäft leben in Deutschland ungefähr 10 000 Menschen, der Umsatz beträgt rund 750 Millionen Mark jährlich. Ist Aids in der Branche bislang kein Thema?
JENNY: Es war bisher ein Tabu. Aber für die, die ihren Hintern hinhalten, wird es immer mehr ein Thema. Daran haben die Produzenten natürlich überhaupt kein Interesse. Wenn ich 'nen Kollegen mal fragte, sag mal, haste keine Angst vor Aids, dann guckten die Produzenten schräg. Warum sprichst du das denn an Jenny, halt die Klappe, hieß es dann.
SPIEGEL: Wie schätzen Sie das Risiko ein, sich zu infizieren?
JENNY: Also, 'ne Prostituierte, die konsequent Kondome nimmt, die hat doch ein kleineres Aidsrisiko als wir. In der Pornobranche sind im Grunde alle Risikogruppen zusammen: regelmäßige Puffgänger, Fixer, Fixerinnen und jede Menge Bisexuelle. Und über die können sich die anderen, also Ehemänner, Studenten, Arbeitslose, Hausfrauen und so weiter, infizieren. Die Bisexuellen, die gern zum Drehen genommen werden, weil sie gut trainiert sind im öffentlichen Bumsen und nicht so viele Hemmungen haben, also, die sind in der Regel schwul, vögeln auch in Darkrooms, die meisten ohne Gummi. Viele Studentinnen, die in den Semesterferien mal die schnelle Kohle machen wollen, und die Frauen aus der DDR, die jetzt alle in Scharen Schlange stehen, haben im Grunde keine Ahnung von dem Gewerbe.
SPIEGEL: War der aidsinfizierte Darsteller für Sie der Grund auszusteigen?
JENNY: Letztendlich ja. Es ist mir einfach zu gefährlich geworden. Ich weiß auch von anderen Frauen, daß sie ausgestiegen sind. Einige in der Szene sind inzwischen doch ganz schön nervös geworden. Na ja, neben der Aidsgefahr gab es für mich auch noch andere Gründe aufzuhören.
SPIEGEL: Welche?
JENNY: Ich konnte nicht mehr drehen. Ich kriegte Würgereize bei bestimmten Szenen, die Typen kotzten mich an. Frauen sind in dem Gewerbe ja der letzte Dreck. Den ganzen Tag wird man rumkommandiert von egozentrischen Kerlen. Los, sagt einer, du mußt mich jetzt mal aufbauen, bis er mir steht. Als wär' ich seine Privatnutte. Es passieren auch seltsame Geschichten, also, wenn der Kerl beispielsweise nicht kommt und der Kameramann ist schon ganz genervt und drängelt, nu' los, und der Typ sagt dann, tut mir leid, ich bring's nicht, ich kann nicht auf die Alte, tja, dann kommt der Chef und säuselt mir vor, Mädchen, wenn er nicht kommt, dann müssen wir leider einen Teil deiner Gage abziehen.
SPIEGEL: Seltsame Logik.
JENNY: Allerdings. Na ja, mein Mann, der wurde damit seelisch auch nicht mehr fertig. Der glaubt, was alle Männer glauben: nämlich, daß die Frauen wer weiß was empfinden. Ist natürlich alles Stuß. Als ob es irgendeiner Frau dabei kommt. Das ist einfach so ein Mythos: den Frauen wird es richtig besorgt. Natürlich darf man nicht, wenn man einen Orgasmus mimen soll, ein Gesicht ziehen wie 'ne saure Zitrone. Aber mein Mann meinte nun, wunder was da bei mir abgeht. Bestimmte Gerüchte halten sich eben hartnäckig, so funktioniert das Geschäft. Na ja, ich verurteile niemanden, der Pornos dreht, aber wenn ich sehe, wie naiv die Mädchen, gerade die aus der Ex-DDR, da jetzt rangehen, da wird mir schlecht. Viele DDR-Mädchen rufen mich an, weil ich eben als Profi gelte, und fragen mich um Rat.
SPIEGEL: Was sagen Sie denen?
JENNY: Das, was ich Ihnen nun auch erzähle. Ich will ja, daß einige Tatsachen an die Öffentlichkeit kommen. Das Gewerbe ist extrem gesundheitsgefährdend. Allein schon wegen Aids. Die Szene wird immer mehr mit Prostituierten durchsetzt, manche haben Nadeleinstiche vom Fixen, der Produzent setzt sie trotzdem ein, weil sie billig sind. Es gibt keinerlei Kontrollen durch Behörden.
SPIEGEL: Wie sollten die aussehen?
JENNY: Was weiß ich, die sollen sich was ausdenken. Mit Tests ist im Grunde nichts zu machen, schon wegen der langen Inkubationszeit. Letztlich sind die Leute natürlich selbst verantwortlich, schon klar. Aber das Gesundheitsministerium mit seinen Aufklärungskampagnen, die könnten sich doch auch mal mit dem Thema Aids und Porno beschäftigen.
SPIEGEL: Die Deutsche Aids-Hilfe in Berlin würde gern Aufklärungsseminare gezielt für Pornodarsteller anbieten. Es fehlt offenbar am Geld.
JENNY: Schade, das wäre nicht schlecht. Die Aidsexperten könnten sich erklären lassen, was alles für Szenen gedreht werden, und dann darüber aufklären, welche risikoreich sind und welche nicht. Alle denken, so ein Pornostar ist das Letzte. Deswegen gibt es für so was kein Geld. Und die zuständigen Politiker denken immer nur an die Leute, die die Filme sehen. Dabei sind die Leute, die die Filme machen, gefährdet und, weil die ja auch sonst noch ihre Sexualpartner haben, auch die übrige Bevölkerung. o *VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Jenny W. *
aus Köln hat dreieinhalb Jahre als Pornodarstellerin gearbeitet und will jetzt "aussteigen". Als Gründe nennt die 29jährige Mutter dreier Kinder das zunehmende Aids-Risiko und die Praktiken der Branche, vor denen sie potentielle Nachfolgerinnen, vor allem solche aus der ehemaligen DDR, warnen will.

DER SPIEGEL 7/1991
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DER SPIEGEL 7/1991
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