20.05.1991

SchulenPutzen Sie die Brille

Bei der Reform des DDR-Schulsystems kommen die Anhänger der Gesamtschule zu kurz - nun formiert sich Widerstand.
Eigentlich gilt Wolfgang Nowak als ein ausgeglichener Typ. Doch wer dem Kultusstaatssekretär des Bundeslandes Sachsen in diesen Tagen das Reizwort "Gesamtschule" vorhält, muß sich auf extremen Mißmut gefaßt machen. Nowak: "Diese Gesamtschul-Ajatollahs aus dem Westen halten hier ihre Exerzitien ab und machen uns die Eltern verrückt."
Tatsächlich hat Sozialdemokrat Nowak, 48, ein neues Schulgesetz für den Freistaat Sachsen vorgelegt, in dem nicht einmal das Wort "Gesamtschule" zu finden ist. Im Auftrag von Kultusministerin Stefanie Rehm (CDU) entwarf der aus Nordrhein-Westfalen entliehene Bildungsexperte ein Schulsystem, das nur auf zwei Säulen ruht: auf dem Gymnasium und, vor allem, auf der sogenannten differenzierten Mittelschule.
Die "differenzierte Mittelschule macht die Gesamtschule überflüssig", erklärt Kultusministerin Rehm, 41. Doch die sächsische Mittelschule wird nur jene Schüler aufnehmen, die in den alten Bundesländern auf Haupt- oder Realschulen landen. Von einem Ersatz für die Gesamtschule, meint die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), könne also "überhaupt keine Rede sein".
Die GEW Sachsen hat mit tatkräftiger Unterstützung der westdeutschen Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule mehr als 100 Gesamtschulinitiativen gegründet. Entsprechend heftig kämpft sie mit immer neuen Demonstrationen und Protesten gegen das neue Schulgesetz, das der sächsische Landtag im Juni verabschieden soll. Jüngste GEW-Parole: "Herr Nowak, putzen Sie die Brille, Gesamtschule ist Elternwille."
Genau das aber ist umstritten. "Die Menschen hier in Sachsen", behauptet Ministerin Rehm, "wollen keine Gesamtschule, die wollen das Gymnasium." Bei Umfragen hätten sich "bis zu 38 Prozent der Eltern" für die höhere Schule ausgesprochen. Sogar der Ministerin, einer früheren Lehrerin, ist diese Quote zu hoch: "Für den Aufschwung brauchen wir nicht nur Abiturienten, sondern auch qualifizierte Facharbeiter."
Die Schließung vieler Hauptschulen in den alten Bundesländern hat das Duo Nowak und Rehm überzeugt, daß eine separate Neugründung dieser Schulform in der ehemaligen DDR "grober Unfug" wäre. Die Fusion von Haupt- und Realschulen zur Mittelschule nimmt, so die Prognose Nowaks, eine Entwicklung vorweg, die dem westdeutschen Schulsystem ohnehin bevorsteht. In der Tat wird etwa das Saarland bereits 1992 alle Haupt- und Realschulen zu "Schulzentren der Sekundarstufe I" zusammenfassen.
Damit aus der neuen Mittelschule am Ende nicht wieder jene "Restschule" wird, zu der die Hauptschule aus Sicht vieler Bildungsexperten schon geworden ist, sei ein "direkter Anschluß ans Abitur" notwendig, erklärt Nowak. Und den, so glaubt der Staatssekretär, hat er mit der Einrichtung von "Berufsgymnasien" gefunden, die erfolgreiche Absolventen der Mittelschule zur Uni-Reife führen sollen.
Mit solchen Plänen verstört der Sozialdemokrat, den Ministerpräsident Kurt Biedenkopf wegen seines bildungspolitischen Sachverstands in das CDU-Kabinett geholt hat, allerdings die Genossen auf den Oppositionsbänken im Landtag. Wolfgang Marcus, 63, bildungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, mag sich mit der Mittelschule "vielleicht noch anfreunden", meint aber: "Eine Schule wie die Gesamtschule kann in so einem Gesetz nicht einfach totgeschwiegen werden."
Doch Nowak besteht darauf, daß "nicht jeder Sozialdemokrat die Gesamtschule lieben" müsse. Zudem seien die Unterschiede zwischen der von ihm favorisierten Mittelschule und der Gesamtschule "in Wahrheit gering".
Das allerdings haben auch schon andere mit Mißbehagen festgestellt. So meckerte die evangelische Wochenzeitung Sonntag, das neue Schulgesetz sei nichts anderes als ein "zart geändertes sozialistisches Schuleinheitsprogramm".
Das, was der Gesamtschule in Sachsen jedoch wirklich schadet, sind ihre falschen Freunde. Die stärkste Gesamtschullobby, der Landesverband der GEW, zählt inzwischen mehr als 45 000 Mitglieder, die zumeist direkt aus der Honecker-treuen Gewerkschaft Erziehung und Unterricht überwechselten. Nicht wenige prominente GEW-Mitglieder gehören zugleich der SED-Nachfolgerin PDS an. "Da steckt kein tiefes Reformbedürfnis", urteilt Antje Rush, 26, Landtagsabgeordnete vom Bündnis 90/Grüne, "sondern der Wunsch, möglichst bewegungsarm über die Runden zu kommen."
Vielen Pädagogen in der ehemaligen DDR gefällt das West-Modell Gesamtschule schon deswegen, weil es am noch bestehenden Schulsystem - formal - wenig ändern würde: Die von allen Schülern besuchte zehnklassige Polytechnische Oberschule verzichtete weitgehend auf eine Auslese nach Talent und Leistung. Das Abitur blieb wenigen, politisch zuverlässigen Schülern vorbehalten, die zur Erweiterten Oberschule geschickt und dort nach zwei weiteren Schuljahren mit der Hochschulreife entlassen wurden.
Doch auch Nowaks neue Mittelschule birgt ihre Tücken. Der Schulgesetzentwurf, argumentiert Antje Rush, gestatte es den lokalen Schulträgern, unter dem Dach der Mittelschule "getrennte Haupt- und Realschulkurse" einzurichten. Damit, so fürchtet die Abgeordnete, "haben wir das westdeutsche Schulsystem, nur sympathisch versteckt".
Die Nachbarländer Thüringen und Sachsen-Anhalt verfahren ganz offen nach diesem Modell. Dort trägt die Mittelschule nur einen anderen Namen, in Thüringen wird sie Regelschule heißen und in Sachsen-Anhalt Sekundarschule; die Schüler jedoch werden nach Bildungsgängen getrennt, je nachdem, ob sie mit dem Hauptschulabschluß oder der mittleren Reife abgehen wollen.
Insofern zeichnet sich das Ende April verabschiedete neue Schulgesetz von Mecklenburg-Vorpommern zumindest durch Ehrlichkeit aus: Ohne Umschweife wird das dreigliedrige Schulsystem der alten Bundesrepublik kopiert. Noch allerdings hat Kultusminister Oswald Wutzke (CDU) nicht eine einzige Schule im Lande gefunden, die freiwillig zur Hauptschule werden will.
Nur Brandenburg, das von einer Ampelkoalition regiert wird, favorisiert die Gesamtschule. Bildungsministerin Marianne Birthler, 43, vom Bündnis 90 hat die Hauptschule ganz aus ihrem Programm gestrichen; Realschulen und Gymnasien sollen entstehen, wenn Elterninitiativen dies wünschen.
Brandenburg ist auch das einzige neue Bundesland, in dem die Schüler in der Regel 13 Jahre bis zum Abi büffeln müssen; überall sonst gibt es das begehrte Zeugnis - wie bisher schon - nach der 12. Klasse. Ein Schuljahr mehr, glaubt der Dresdner Staatssekretär Nowak, "wäre gegen den Trend in Europa", außerdem, fügt er hinzu, "können wir uns das auch gar nicht leisten".
Die von der CDU regierten neuen Bundesländer werden in den nächsten Monaten ohnehin Tausende von Lehrern entlassen, zunächst aus politischen Gründen, dann aber auch aus finanziellen. Nur Ministerin Birthler will wiederum einen Sonderweg beschreiten, und zwar mit einem beispiellosen Sozialpakt: Die 34 500 Lehrer des Landes sollen auf 20 Prozent ihres Gehaltes verzichten und sich dafür jene 28 000 Planstellen teilen, die der Potsdamer Finanzminister bezahlen kann.
Die schöne Idee, der sogar die Gewerkschaften schon zugestimmt haben, hat freilich einen entscheidenden Haken: Erste Umfragen ergaben, daß nur jeder dritte Lehrer im Lande Brandenburg teilen mag - alle übrigen wollen den ganzen Lohn, zumal auch der nur 60 Prozent des West-Lehrergehalts betragen wird.
Daß die neue Zeit auch eine neue, flexible Einstellung zu Arbeit und Beruf erfordert, will vielen Kollegen offenbar nicht in den Sinn. Das mindere den Wert der Schulgesetze in der ehemaligen DDR erheblich, glaubt Matthias Rößler, 36, Bildungsexperte der sächsischen CDU. "Wir bekommen jetzt zwar schöne neue Schulen", spottet der Landtagsabgeordnete, "aber die alten Lehrer müssen wir behalten."

DER SPIEGEL 21/1991
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