19.08.1991

UnternehmenErst mal verdauen

Die Siemens-Manager haben die Probleme bei der Übernahme der angeschlagenen Computerfirma Nixdorf erheblich unterschätzt.
Es läuft scheinbar bestens beim neuen Computerkonzern Siemens-Nixdorf. Fast wöchentlich kommt aus dem Hauptquartier in München-Neuperlach frohe Kunde über neue Großaufträge.
Eine Großbank unterschreibt einen Auftrag über 35 Millionen Mark, das Bundesland Hessen ordert für seine Hochschulen vier sogenannte Supercomputer. Und in den vergangenen Wochen bestellten Handelsunternehmen aus Deutschland, England, Spanien und den USA neuartige Scannerkassen samt Zubehör für insgesamt mehr als 100 Millionen Mark.
Die guten Nachrichten der Siemens-Nixdorf-Verkäufer sind allerdings nur ein Teil der Wahrheit. Die Siemens Nixdorf Informationssysteme AG (SNI) hat, knapp ein Jahr nach ihrer Gründung, mit gewaltigen Problemen zu kämpfen.
Nur ein Teil der von Vorstandschef Hans-Dieter Wiedig, 55, angepeilten Ziele ist tatsächlich erreicht. Immer offensichtlicher wird: Der Elektronikkonzern Siemens ist die Übernahme der Computerfirma Nixdorf allzu naiv angegangen, und er hat die Schwierigkeiten der Vereinigung erheblich unterschätzt.
Zwar verkündet die Firma selbstbewußt in großformatigen Anzeigen "Synergy at work". Von den vielbeschworenen Synergie-Effekten ist in der Praxis aber bislang wenig zu bemerken. Allzuoft arbeiten die Verwaltungen in München und Paderborn, dem ehemaligen Nixdorf-Sitz, nebeneinanderher. Eine ganze Reihe von Topleuten aus der ehemaligen Nixdorf-Truppe hat bereits entnervt das Unternehmen verlassen.
Scheibchenweise mußten die Münchener Konzernlenker in den vergangenen Monaten immer neue Fehleinschätzungen eingestehen. Zu den Jubelmeldungen der Verkäufer kamen Negativschlagzeilen der Kaufleute.
Der geplante Umsatz von rund 13 Milliarden Mark ist kaum noch zu schaffen. Im ersten Halbjahr setzte die Firma nur magere 5 Milliarden Mark um. "Wir müssen aufpassen", warnte der als Aufsichtsrat zuständige Siemens-Vorstand Hermann Franz, "daß zwei und zwei nicht drei ergibt."
Seither sind zwar die Zuwachsraten gestiegen, der Rückstand ist bis zum 30. September, dem Ende des Geschäftsjahres, aber kaum mehr aufzuholen.
Vollkommen daneben lagen die SNI-Manager vor allem mit ihren Gewinnprognosen. Noch bis Anfang dieses Jahres verkündeten sie, das neue Unternehmen werde schon im ersten Geschäftsjahr ein positives Ergebnis erzielen. Inzwischen jedoch ist klar, daß die SNI in ihrer ersten Bilanz mindestens eine halbe Milliarde Mark Verlust ausweisen wird.
Die alten Versprechungen der Konzernlenker sind nun hinfällig. Stets hatten sie betont, größere Entlassungen unter den 52 000 SNI-Mitarbeitern seien nicht mehr zu erwarten.
Anfang August gab die Geschäftsleitung bekannt, daß in den nächsten Monaten etwa 3000 Arbeitsplätze gestrichen werden sollen. Die ehemalige Nixdorf-Fabrik in Berlin-Wedding wird, entgegen früheren Ankündigungen, völlig stillgelegt.
Zehn Monate nach dem Start der SNI muß das Siemens-Management erkennen, daß es sich mit dem ehemaligen Konkurrenten Nixdorf ein gewaltiges Problem aufgeladen hat. Der Zusammenschluß hat zwar den größten Computerhersteller Europas geschaffen. Aber fraglich ist, ob er in absehbarer Zeit funktionieren wird.
Der Elektrokonzern Siemens hatte Anfang 1990 nach zähen Verhandlungen von den Erben des Paderborner Firmengründers Heinz Nixdorf den Zuschlag zur Übernahme des angeschlagenen EDV-Konzerns erhalten. Mit der Fusion sollte sich, so Vorstandschef Wiedig, "das Beste von beiden Unternehmen ergänzen und zu einer Einheit zusammenfügen".
Manche Siemens-Manager träumten schon davon, dem US-Giganten IBM in Europa den Spitzenplatz streitig machen zu können.
Auf dem Papier paßten die beiden größten deutschen EDV-Hersteller ideal zusammen. Nixdorf ist stark in der sogenannten mittleren Datentechnik mit speziell auf verschiedene Branchen zugeschnittenen EDV-Lösungen. Siemens hat sich dagegen vor allem auf das Geschäft mit den universell einsetzbaren Großrechnern konzentriert.
Die Nixdorf-Verluste (1989 rund eine Milliarde Mark) schreckten die Siemens-Manager nicht. Sie brachten mit dem Bereich Daten- und Informationstechnik ein seit Jahren gewinnträchtiges Geschäft ein.
Branchenkenner hatten früh vor allzu großem Optimismus gewarnt. Es werde schwerfallen, so die Kritiker, die beiden höchst unterschiedlichen Unternehmenskulturen, den eher yuppiehaften Stil der Nixdorf-Werker und die Beamtenmentalität der Siemensianer, miteinander zu verschmelzen.
Die Dissonanzen begannen schon bei der Zweiteilung des Firmensitzes (Paderborn/München). Streit gab es auch bei der Besetzung des Vorstands mit Managern beider Unternehmen. Wochenlang nervten sich die neuen Partner mit Diskussionen über das Firmenlogo oder die Reisekostenerstattungen.
Erheblichen Anteil am schwachen Start hat ein für ein Computerunternehmen ungewöhnliches Problem. Bis heute ist es den SNI-Experten nicht gelungen, die hausinternen EDV-Abläufe beider Firmenteile restlos aufeinander abzustimmen. So hinkt die Buchhaltung immer noch bei der Fakturierung der Aufträge hinterher.
Der Siemens-Bereich, der früher nicht einmal 10 000 Großkunden betreute, kommt mit dem zehnmal größeren Kundenstamm, der aus Paderborn übernommen wurde, einfach nicht zurecht. Bereits ausgelieferte Ware im Wert von einigen hundert Millionen Mark ist deshalb noch nicht ordnungsgemäß verbucht.
Bei den Aufräumarbeiten im verzweigten Nixdorf-Reich entdeckten die Siemens-Abgesandten immer neue Verlustquellen. "Es ist wie nach der deutschen Vereinigung, wir stoßen täglich auf neue, geheime Stasi-Keller", beschreibt ein Siemens-Revisor die Lage.
Vor allem Verkäufer in Spanien, Frankreich und den Niederlanden hatten Aufträge abgeschlossen, die allen Wirtschaftlichkeitsberechnungen zuwiderliefen. Nun sind enorme Wertberichtigungen in der Bilanz notwendig. Entdeckt wurden nun auch eine ungewöhnlich große Zahl von Dienstwagen, plötzliche Beförderungen und Gehaltserhöhungen noch kurz vor der Fusion sowie diverse Kungeleien bei manchen Auslandstöchtern.
Solche Machenschaften lassen sich abstellen. Schwieriger ist es schon, aus den beiden Unternehmen wirklich ein einheitliches Ganzes zu machen. Noch immer leistet sich die neue Nummer eins der europäischen Computerhersteller den Luxus paralleler Produktlinien vor allem bei den Rechnern für den Mittelstand.
Die wirtschaftlich unsinnige Vielfalt abzuschaffen, ohne die Altkunden zu vergrätzen, erfordert viel Feingefühl und eine Menge Entwicklungsaufwand. Frühestens Ende 1992 wird eine gemeinsame Rechnerfamilie fertig sein, die auch den Altkunden Anschluß an die Zukunft gibt.
Ein straffes Produktprogramm allein jedoch löst die SNI-Probleme nicht. Der Konkurrenzkampf in der EDV-Branche wird immer härter. Wenn Siemens-Nixdorf langfristig überleben will, muß der Konzern rasch seine überaus schwache Position in Übersee verstärken.
Aus eigener Kraft wird das nicht gelingen. Seit langem halten die SNI-Manager deshalb Ausschau nach einem geeigneten Übernahmekandidaten in den USA. Viele Insider tippen auf den angeschlagenen Großrechnerspezialisten Unisys.
Doch Siemens-Aufseher Franz hat vorerst andere Probleme. "Erst mal müssen wir Nixdorf richtig verdauen", sagt er, "bevor wir uns so einen Brocken aufhalsen."

DER SPIEGEL 34/1991
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 34/1991
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Unternehmen:
Erst mal verdauen

  • Braunkohletagebau in der Lausitz: 8000 Arbeitsplätze, 4 Tagebaue, 130 Dörfer weg
  • Volocopter: Flugtaxi-Versuch in Stuttgart geglückt
  • Verblüffende Erklärung: Warum Trumps Gesicht (eigentlich nicht) orange ist
  • Das Tier im Menschen: Warum manche führen und andere folgen